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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-06-12 · 47 (12.6.1934) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
47 (12.6.1934)
Date
1934-06-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ihren geruhsamen Kreis, in dem trotz mancher Meinungsverschiedenheit doch eine gemeinsame Note erklang und den Ton angab: die-jüdische Note. Merkwürdig: diese jüdische Note war aber vergesellschaftet mit der deutschen Note. Schon zur Zeit der Freiheitskriege war bei der deutschen und nicht zuletzt bei der Berliner Judenheit die Liebe zum Deutschtum und zur deut- ' sehen Heimat bis zur Ekstase gesteigert. Tausende Zeugnisse aus dieser Zeit, Bücher, Artikel, Berichte und Anerkennungen von amtlichen Stellen, bis zu den höchsten hinauf, geben Zeugnisse'von dem begeisterten und opferwilligen Patriotismus der Juden. Die Verwandlung des Ohetfpjuden in den deutschen’ Staatsbürger ging so jäh vonstatten, dall sie nur möglich sein' konnte, weil der Jude immer im Herzen ein Patriot gewesen sein muß, obwohl und trotzdem inan-es ihm nicht erlauben und cs ihm auch oft nicht glauben wollte, ln'Worten und Phrasen kann Heuchelei liegen, aber opferfreudige und opfermütige Begeisterung, die sich in gleichartigen Taten und Handlungen immer wieder äußert, die sind unbestreitbare Zeugen eines echten und wahren Gefühles. ... Diese .Doppelempfindung von Deutschtum und Judentum, wie sie einzigartig eben nur bei Juden möglich ist, diese Interessenvercinigung — also keineswegs ein Interesseiizwiespalt, — sie hat auch das häusliche und gesellschaftliche Leben der Berliner Juden vor hundert Jahren sehr stark beeinflußt. Den Unterhaltungsstoff boten in. buntem Gemisch jüdische und deutsche Themen. Man sprach über rehr jüdische Dinge, über Feiertage, über Ritus, über Synogogenangelegcnhcifen und Gemeindesachen, aber man sprach viel mehr von deutschen Angelegenheiten und hatte ein mindestens so starkes, wenn nicht vielfach sogar ein viel stärkeres Interesse dafür. Besonders was die jüngere Generation betraf. Während die Alten sich noch gerne über Bibel und Talmud unterhielten und stritten, theologische Fragen erörterten und bereits der Streit über Reform des Gottesdienstes und des Gebetbuches die Köpfe erhitzte, glühten die Wangen der jungen Männer und Mädchen vor Begeisterung über deutsche Schriftsteller und Dichter und Gelehrte. Vor allen war es Schille'r, der sie in ihren Bann zog, aber auch Goethe, Herder, Lessing waren Lieblinge. Alle Geselligkeit iu den jüdischen Häusern vor hundert Jahren stand im Zeichen der Aesthetik: der deutschen Äestlie- "tik. Der Politik wurde nur so viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie sie für die augenblickliche Situation des engeren Vaterlandes — also für die Berliner: Preußen, in Betracht kam, .und das gleiche galt für die äußere Politik. Das große Problem: Napoleon war gelöst und hörte allmählich aut zu interessieren, und damit war auch das Interesse für andere Länder geringer geworden. Da. der Mensch’nicht nur aus Geiste besteht, so Wurde bei den Gesellschaften auch für materielle Genüsse Sorge getragen. In Hinsicht auf das gesellschaftliche Leben der - Berliner Juden vor hundert Jahren einen einheitlichen Maßstab anzulcgen, ist jedoch, nicht möglich, denn hier beginnen einige scharfe Unterscheidungen: es gab ganz fromme, ganz orthodoxe Häuser, es gab gemäßigtliberale, sehr liberale, ganz zur Reform hinneigende und solche, die überhaupt mit dem religiösen Judentum nichts mehr zu tun, ja sich bereits — als besonders krasses Beispiel gelte die Familie Mendelssohn — überhaupt vom Judentum losgesagt hatten. Diese verschiedenartig eingerichteten Judenhäuser^ boten natürlich auch ein verschiedenes Bild der Geselligkeit. Bei den noch Strenggläubigen versammelte man sich gewöhnlich an Sabbat- oder Festtagnnchmittagen. Gereicht wurde in der Regel ein kalter Imbiß: zumeist Backwerk, eingemachte Früchte, Weih, wobei es natürlich auch auf die wirtschaftliche^Lage und — in zuweilen amüsanter Weise — auf die mehr oder weniger große Sparsamkeit der Hausfrau ankam, in welcher Qualität und in welcher Reichhaltigkeit die Gäste bewirtet wurden. Es gab Häuser, in denen der Tisch sehr reich gedeckt war und ein Bild der beinahe sprichwörtlichen jüdischen Gastfreundschaft bot, es gab aber auch andere — allerdings seltener —, in denen auf feinsten Porzellantellerchen winzige Kostpröbchen und in kostbaren Tassen ein dünner Zichorienkaffee angeboten wurde. Zum Abendbrot wurden in den frommen Häusern nur ledige Leute, die kein eigenes Heim hatten, eingeladen. Der fromme Familienvater brachte Festabende natürlich im eigenen Hause zu. Dort waren seine schönsten Stunden, wenn er im Kreise seiner Familie den Kidduschbecher hochheben und ‘ Gott preisen durfte dafür, daß er seinem Volke Israel so schöne Feste geschenkt habe. In den frommen Häusern war bei. den geselligen Zusammenkünften auch jedes allzu profane Gespräch verdammt. Am -Sabbat und an Feiertagen sprach man auch nicht von Geschäften, sondern von religiösen Dingen. Die Frauen — soweit sie nicht an den erörterten Themen interessiert waren — sprachen auch damals über die drei Grundfragen: Küche, Kinder, Kleider. In den frommen Häusern war die Zeit des Sahbatnachmittags von der Jahreszeit abhängig: in den Wintermonaten, in denen es schon früh dunkel und mit dein Auftauchen der drei ersten sichtbar werdenden Sterne die Sabbatrube beendet war, setzte der Wochentag schon in der Zeit von vier bis fünf Uhr wieder ein. Das bis zu dieser Stunde "geschlossen gewesene Geschä ft oder die Werkstatt wurde geöffnet, und die—Arbeit forderte ihr Recht. Die Juden, die das Sabbatgebot nicht mehr strenge innehielten, verlegten die häusliche Geselligkeit auf den Sonntag und die christlichen Feiertage und waren dadurch nicht an eine bestimmte Zeitspanne gebunden. Je freier man dachte,' desto freier wurde auch das gesellige Leben von den alten Formen. Durch das Hinzükommen christlicher Freunde, die man durch das Wegfallen aller religiöser Gebräuche nicht mehr „genierte“ — wie man, meist ganz falsch, annalmi — wurden religiöse Themen überhaupt ausgeschaltet. Literatur, Kunst, Philosophie, Musik .bildeten den Unterhai- . tungsstoff, und auch das Gespräch über Geschäft und Politik — beide miteinander in Verbindung gebracht — nahm einen erheblichen Platz ein. Und wieder natürlich gab es auch damals Unterschiede, je nach der wirtschaftlichen Lage der Gastgeber: man begnügte sich in der einfachen, aber stets schmucken „guten Stube“ bei etwas Tee und Butterbrot mit einer angeregten Unterhaltung — es gab auch Salons, in denen Kristallkronleuchter das Licht sehr vieler Kerzen wiederspiegelten, und in einem pompösen Speisesaal nachher üppige Mahlzeiten geboten wurden. In solchen reichen Judenhäusern verkehrten oft die angesehensten Vertreter der Kunst, der Wissenschaft;, auch hohe Beamte und Offiziere verschmähten es nicht, die Soireen einer hübschen imd nicht nur reichen, sondern auch geistreichen Frau Cohn oder Levi oder Hirsch zu besuchen. Es kam nicht selten vor, daß dann irgend ein adeliger Assessor oder Leutnant das pikant schöne Töchterchen zur Frau nahm, worauf dann nicht nur die junge Frau, sondern zuweilen auch — mit Rücksicht auf die neue vornehme Familie — die Eltern und Geschwister den Glauben wechselten und meist auch den Namen, wenn er zu jüdisch klang. Die Zahl der Taufen vor hundert Jahren war sehr groß. In diesen Kreisen war aber auch, nicht mehr die geruhsame Geselligkeit zu Hause. Diese fand sich nur. da, wo eben jene wunderbare Synthese bestand zwischen der Liebe zum Vater glauben und zum Vaterlande. Da, wo noch nicht das allzugrelle Licht einer überspitzten sogenannten Aufklärung den sanften bescheidenen Schimmer echten Judeseins gänzlich verdunkelt hatte, dort blühte vor hundert. Jahren in jüdischen Häusern eine herrliche Blume inniger und trauter Geselligkeit. Alte Bilder aus jener Zeit geben uns noch Kunde aus jenen guten und geruhsamen Tagen. Alte Familienbilder zeigen uns noch die Züge mancher unserer Ahnen, auf deren Stirne ein Abglanz jener heiteren Frömmigkeit und' jenes lebensbejahenden Glaubens wohnte, von denen so vieles: nachher verschwunden ist. Der Wirbel und die Stürme des Lebens haben es weggespült und verschüttet. Nun ist eine Zeit der Selbstbesinnung gekommen — aus den Kaffeehäusern, den Luxusgasstätten führt der Weg wieder zurück in die eigene Stube. Die Zahl der Kerzen verringert sich — auch an den elektrischen Glühlampen. Es wird etwas schummriger und-man rückt wieder etwas näher zusammen. Die Geselligkeit —' man kann und soll nicht ohne sie auskommen — nimmt wieder andere For- m e n an, altertümliche Formen. Und die Worte eines vielgeschmähten Dichters, der vor hundert Jahren seine Lieder schrieb, fallen einem ein: „Ein Märchen aus uralten Zeiten, das will mir nicht aus dem Sinn. . .“ Vielleicht wird es wieder zur Wirklichkeit, das Märchen der alten Geselligkeit, das Märchen der geruhsamen Unterhaltung beim sanften Kerzenschimmer... Wenn auch nicht buchstäblich, so doch dem Sinne nach. . ■ : - —v- Wann? Wo? Am 14. Juni, um 8.30 Uhr, findet in der Synagoge Fasanenstraße ein Gemeindeabend statt mit dem Motto: „Die Re.ichsVertretung der deutschen Juden sprich t“. Der Abend steht unter Leitung von Direktor Heinrich Stahl. Es sprechen: Dr. Julius L. Seligsohn, Mitglied der Reichsvertretung, über „Die Zeit und wir“, Ministerialrat f. R. Dr. Otto Hirsch, geschäffsführendes Vorstandsmitglied der Reichsv'ertretung, über und unsere Arbeit“ Die Reden werden von einem musikalischen Teil umrahmt bei dem Generalmusikdirektor Joseph Rosenstock, und Fritzi Jokl mitwirken. Der Eintritt für Gemeindemitglieder ist frei. Die Jugendgemeinschaftder Jüdischen Reform gemeinde veranstaltet Donnerstag, 14. Juni, einen Gemeinschaftsabend (Aussprache und Unterhaltung) bei Eva Friedländer, N 58, Kastanienallee 2. Beginn abends 8 Uhr.' /(Nur für Mitglieder-der Jugendgemeinschaft.) Die Berliner Sport-Gemeinschaft 1933'jm . Sportbund des RjF. ist im Begriff, eine S c h a c h a b t e i - luug zu gründen. Interessenten wollen sich melden bei: Alfred Lesser, NW 87, Siegmundshöf 8, Tel. C 9 Tier- Vloirlor Eigene Ateliers im Hause UiifnlH MulUGI Vetter-Sobania, Strickwaren iHltu 151 Kurfürstendamm 153 (Universum) J 7, 4902 H garten 9327. Zur Vervollständigung, der Hockeymannschaftwerden noch einige Spieler benötigt. Der Turn- und Gymnastikkursus der Gruppe Nord für Mädchen bis 14 und Knaben bis 12 Jahren findet jetzt Mittwoch nachmittags von 4—6 Uhr in der Turnhalle des Reichenheimschen Waisenhauses, Weinbergsweg 13, statt. 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