Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 47 (12.6.1934)
- Date
- 1934-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613519-2613562--4983-2616733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berlin Dienstag, 12. Juni 1934 {IKFlSn zu Berlin. I Preis 20 Pfg. Nr. 47 — 14. Jahrgang «mm 3fflr beutjtfjes 3ttbcirt«m unb religiöfctt Ülufbau Die Zukunft . P'e Diskussion Dissimilation-Assimilation, welche die öffentliche jüdische Meinung der letzten Zeit beschäftigte, bedeutet einen erfreulichen Schritt vorwärts auf dem Wege zu einer Klärung der geistigen Lage des deutschen Judentums. Jetzt heißt es, rücksichtslos diesen Weg weiterzuschreiten und die Konsequenzen zu ziehen. . Die Methode, die einzig geeignet ist, uns ein klares Bewußtsein unserer heutigen geschichtlichen Lage zu verschaffen, ist die historisch-dialektische Geschichtsbetrachtung, wie^ie Hegel gelehrt hat. Nicht umsonst Das Urteil im Arlosoroff-Mordprozeß Stavsky zum Tode verurteilt Rosenblatt freigesprochen Jerusalem. Im Arlosoroff-Mordprozeß wurde am vergangenen Freitag das Urteil gefällt- Stavsky wurde des vorbedachten Mordes an dem Arbeiterführer Dr. Chaim Arlosoroff schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Dagegen wurde der Angeklagte Zwi Rosenblattfreigesprochen, weil die Mordbeschuldigung gegen ihn außer von Fratr Arlosoroff nicht von einem zweiten Zeugen erhärtet worden war. Ober die dem Urteilsspruch vorausgegangenen Plaidovers erhalten wir folgenden Bericht: Die Plaidoyert Jerusalem. Zu gleicher Zeit, da in Tel Aviv das Grabdenkmal für Dr. Arlosoroff enthüllt wurde, begann in Jerusalem Oberstaatsanwalt Trusted sein Plaidoyer. Er verlangte vom Gerichtshof, Stavsky und Rosen blattschuldig zu sprechen. Seine Forderung stützte er auf sieben Punkte, u. a. auf die Aussage Frau Arlosoroffs, die fest behauptet, in den Angeklagten die Mörder erkannt zu haben, ferner auf die Aussagen der Spurensucher sowie auf die Zeugenaussage Abdul Medschids.. Bei der Beurteilung des Falles, führte der Oberstaatsanwalt aus, müsse das Hauptgewicht auf die Aussage von Frau Sima Arlosoroff gelegt werden, da sie die Mörder gesehen und erklärt habe, es seien Juden gewesen. In seinem Plaidoyer erklärte der Verteidiger Horace Samuel, bei dem Mord an Dr. Arlosoroff habe es sich nicht um einen politischen Mord gehandelt, sondern um ein spontanes Sittlichkeitsattentat. Der Fall habe mit den beiden Angeklagten, Stavsky und Rosenblatt nichts zu tun. Bei dem bestehenden scharfen Gegensatz zwischen Arbeiterparteilem und Revisionisten läge es auf der Hand, daß es im Interesse der einen Partei lag, den Mördfall für ihre Zwecke auszunutzen. Es läge kein Beweis vor, daß die Revisionisten Gründe hatten, Dr. Arlosoroff umzubringen. , Während dieses Plaidoyers kam es zu wiederholtem Zusammenstößen zwischen dem Verteidiger- Horace Samuel und dem Vorsitzenden. Der Verteidiger versuchte, die einzelnen Momente der Mordanklage zu widerlegen, wobei er ü. a. ausführte, Dr. Arlosoroff sei nicht sofort erschossen worden. Als der Attentäter auf ihn zutrat, hatte er den Revolver nicht gezogen. Hätte es sich um einen vorbedachten Mord gehandelt, dann hätten die Mörder von Anfang an die Waffe bereitgehalten. Zur Stützung seiner Auffassung zog der Verteidiger auch die Schußdistance heran. Bei ihrer ersten Aussage vor der Polizei habe Frau Arlosoroff erklärt, beide Attentäter -seien Araber gewesen, jedenfalls der eine. Wenn sie während der Verhandlung ausgesagt habe, die Angreifer seien nicht Araber gewesen, so habe sie die Unwahrheit gesprochen. Der Verteidiger versuchte dann noch, nachzuweisen, daß Frau Arlosoroffs Beschreibung des Täters gar nicht auf Stavsky, sondern eher auf Abdul Medschid passe. hat die christliche Theologie sich dieser Methode bemächtigt* ist sie doch wie keine zweite geeignet, das ordnende, „göttliche“ Prinzip in der scheinbar chaotischen Mannigfaltigkeit der geschichtlichen Erscheinungen aufzuzeigen. Wir Juden als das „auserwählte Volk Gottes“ sollten heute weniger denn je verabsäumen, uns gleichfalls auf diese eherne Notwendigkeit im Walten des Schicksals zu besinnen und ihm Rechnung zu tragen. Wir brauchen zu diesem Zwecke gar nicht so sehr weit in die Vergangenheit zurückzugreifen. Es genügt, sich die Entwicklung des deutschen Judentums seit dem Emanzipätionsedikt Friedrich Wilhelms III. zu vergegenwärtigen. Das deutsche Judentum begrüßte das Erscheinen des Ediktes am 11: März 1812 mit Jubel und Rührung, schien es ihm doch nach jahrhundertelanger Knechtschaft und Unterdrückung endlich die ersehnte Freiheit und Gleichberechtigung zu bringen. Aber schon bald mußte man die Erfahrung machen, daß gewisse Paragraphen des Ediktes von reaktionärer Seite als Hintertür'benutzt-wurden, um praktische Ansprüche des Judentums auszuschalten. Die Julirevolution von 1830 brachte dem erneut entrechteten Judentum wieder eine Wendung zum Besseren. Männer wie Fürst Lynar, Graf York, Graf Dynrn u. a. trafen für das volle Staatsbürgerrecht der Juden ein. Das Gesetz vom 23. Juli 1847 bestimmte, daß gleichen Pflichten gleiche Rechte entsprächen. Trotz alledem blieb den Juden der Zutritt zu Staats¬ und Kommunalämtern weiter verschlossen. Erst die Verfassung von 1850 bestimmte: „Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich, die öffentlichen Ämter sind unter Einhaltung der von den Gesetzen vorgeschriebenen Bedingungen für alle dazu Befähigten gleich zugänglich. Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse.“ - Aber noch immer wurde auf Umwegen versucht, die Gleichberechtigung der Juden praktisch zu verhindern. So erklärte man beispielsweise die Beschäf-, tigung als Baubeamter und Landmesser als mit der christlichen Religion verbunden und verweigerte aus diesem Grunde den Judenden Zugang zu derartigen Berufen. Da kam der Norddeutsche Bund und mit ihm das sog. „Toleranzgesetz“, das alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte aufhob. * Dieser kurze Überblick'genügt bereits, um die Wellenbewegungim geschichtlichen Werden der Emanzipation klar vor Augen zu führen. Jede neue Errungenschaft der Juden hatte einen Rückschlag im Gefolge, der das Gewonnene fast wieder illusorisch werden ließ. Ganz langsam nur setzte sich der theoretische Standpunkt der Gleichberechtigung durch, um später in der Praxis auf Schritt und Tritt auf die größten Hemmnisse zu stoßen. So war es unter Friedrich Wilhelm III., so unter Wilhelm I. und Wilhelm II. Von einer tatsächlichen praktischen Gleichberechtigung konnte im Grunde während der ganzen Zeit der Emanzipation keine Rede sein. Der Jude war und blieb, mochte er auch Blut und Leben für sein Vaterland gelassen 'haben, in Deutschland immer der;,Fremde“. Es ist notwendig, sich das heute in die Erinnerung zurückzurufen, um nicht in eine Überschätzung der Emanzipation zu verfallen. Wir deutschen Juden haben im Laufe des vergangenen Jahres viel verloren. Aber vielleicht doch nicht ganz so viel, wie wir meinen. Die Blüte der Emanzipation in der Nachkriegszeit war nur eine Scheinblüte gewesen, gewachsen auf -dem Boden des verendenden Liberalismus. Diese Tatsache zu leugnen oder absichtsvoll zu übersehen, wäre Selbstbetrug. * ' , Was ergeben sich nun aus diesen historischen Betrachtungen für Schlußfolgerungen? Zunächst müssen wir uns darüber klar sein, daß die Zeiten des politischen'Liberalismus vorbei sind. Überall in der Welt schließen sich die Grenzen der Länder täglich enger, umgeben sich die Völker mit immer - höheren Mauern, kurz: überall ist ein rapides Anwachsen und Steigen des nationalen Bewußtseins zu verzeichnen. Im Gebälk der parlamentarischen Länder knistert es vernehmlich. Noch eine kurze Frist, und auch der Hauptträger des'demokratischen Gedankens, Frankreich, wird den Weg der' autoritativen Staaten beschritten haben. Mit diesen Tatsachen muß der deutsche Jude rechnen,, er muß sich darüber klar sein, daß der geschichtlichen Epoche der Demokratie nunmehr eine Periode gesteigerten Nationalgefühls folgt. Es wäre sinnlos, wollten wir deutschen Juden heute versuchen, uns darüber hinwegzutäuschen, daß der Traum; ein deutscher Staatsbürger mit gleichen Rechten Fortsetzung äuf der 2. Seite Es wird gemeldet: Der Allgemeine Deutsche Kantorenvrr^ band hat eine Mitteilung.der Reichsmusikkammer erhalten, wonach eine Eingliederung des Verbandes in die Reichsmusikkammer nach den neuesten" Richtlinien nicht in Frage kommen kann. Nach einer Verfügung des Führers . der. Reichsmusikerschäft brauchen einzelne jüdische Kantoren, sowie sie „nur vor ihren Gemeinden tätig sind“, der Kammer nicht beizutreten, wohl aber, wenn sie daneben als Solisten oder Musikpädagogen wirken. •* In einer Versammlung des Verbandes Nationaldeutscher Juden wurde in einer Diskussion u. a. verlangt, daß das Hebräische aus dem Gotteshausc verschwinde. Gegen diese Forderung erhob der einzige n i c h t j ü d i - sehe R e d n e r des Abends, Prof. Sandkuh!, E i n s p-r u c h, , indem er erklärte, der jüdische Qottcsdienst sei ein wunder-, barer Kultus, die Kultur würde durch die Abschaffung des Hebräischen sehr viel verlieren. _ ln Frankfurt a. M. ist der bekannte Schriftsteller Moritz^ Goldschmidt, der einer Alt-Frankfurter Familie entstammte, im Alter von 68 Jahren gestorben. Er ist ,mit zahlreichen Aphorismen-Sammhmgen, mit Novellen und einigen Theaterstücken hervorgetreten. Der greise jüdische Historiker, Professor Simon Dubnow, de'r vor einiger Zeit seinen Wohnsitz von Berlin nach Riga verlegt hatte, hat sich entschlossen, diese Stadt wieder zu verlassen, um seinen Aufenthalt in dem polnischen Kurort Druskieniki zu nehmen. Anläßlich der Eröffnung des neuen akademischen Jahres hat die Pariser Sorbonne zwei italienisch-jüdischen Gelehrten, den Professoren Cesar-e Vivante und L ev I ta - CI v I ta- - das Ehrendoktorät verliehen. Professor Vivante ist der - Schöpfer des neuen italienischen. Handelsgesetzbuches,' Professor Civita ein berühmter Mathematiker, das einzige nichtkatholische Mitglied der päpstlichen Wissenschaftlichen Akademie. “ ' ... —Nacli einer Meldung aus Warschau beschäftigt sich die Exekutive des -polnischen ftabbinerverbandes, die in Warschau .zu einer Tagung zusammengetreten ist, mit-dem Plan, aus Anlaß der von Nationaldemokraten und Nationalradikalcn hervorgerufenen antisemitischen Unruhen einen Bet- und Fasttag zu veranstalten. Wie aus Warschau gemeldet wird, hat dje Behörde angekündigt, daß „die systematische radikale Liquidierung der bedauerlichen Vorfälle in Warsch a u“ erfolge, und zwar derart, daß Haussuchungen vorgenommen werden und die Organisationen, von denen die antisemitischen Angriffe ausgegangen sind, vernichtet werden. Auf einer in Toronto in Kanada abgehaltenen Tagung des kanadisch-jüdischen Kongresses wurde beschlossen, 250 000 Dollar für die - H i I f sak t io-n zugunsten deutscher Juden aufzubringem V Wie aus Riga gemeldet wird, empfing Ministerpräsident Ulmanis eine jüdische Abordnung, der der Ministerpräsident erklärte, es werde unter der neuen Regierung zu keinen Rechtsbeschränkungen für die Juden kommen. Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für 7uü. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der .Jtldlsdi-liberalen letftuuf.