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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-06-05 · 45 (5.6.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
45 (5.6.1934)
Date
1934-06-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 45 3öölfMbctflIe 3eftang Übrigens . . . NAMEN. e'ne sehr bezeichnende jüdische Anekdote, hinter der. mehr steckt, als man beim ersten Hören vermutet: Zwei Herren in einem Eisenbahnabteil stellen sich vor. „Heiße Ungem-Stemberg“ verbeugt sich der erste. Worauf der andere erwidert: „Meinen Sie vielleicht, ich heiße gern Cohn?“ Daran mußte man denken, als kürzlich eine begeisterte Menge auf einem Sportplatz den Sieger des größten Berliner Straßenlaufs begrüßte, der Otto Kohn heißt, aber kein jüdisches Blut in sich trägt. Vielleicht, wahrscheinlich wird er auch nicht gern Kohn heißen, da ihm der Name vor allem in dieser Zeit viel Schwierigkeiten machen wird. Aber er ändert den Namen nicht. Unter den deutschen Juden aber, die „ungern Cohn hießen haben viele leichtfertig ihren Infamen hergegeben, um nicht allzu deutlich erkennbar zu sein. Es gab Fälle, in denen das notwendig war, etwa wenn einer durch einen allzu prononzierten Namen eine Gefährdung der geistigen Wirkungs- möglichkeit befürchtete. (Obgleich andererseits etwa nicht cinzusehen ist, warum Friedrich Gundolf nicht auch' als Gundelfinger den gleichen Erfolg hätte, haben sollen; der französische Filmregisseur Jean Benoit-Levy, .dessen letztes Werk „Mutterhände“ ja auch in Deutschland einen unvergleichlichen Erfolg hatte, hat niemals auf den zweiten Teil dieses ^Namens verzichtet.) ■ Aber es war,, wenn man es. auch nicht überflüssig betonen sollte, sinnlos, sein Judentum verschweigen zu wollen, um keine geschäftlichen Schäden zu haben, und die sind nicht schlechter gefahren, die'ihr Geschäft unter ihrem guten-jüdischen Namen führten. Entwicklungen soli und kann man nicht rückgängig machen. Kein Mensch wird auf die Idee kommen, von uns zu verlangen, daß wir nur die Namen der 12 Stämme der Kinder Israel tragen. Zuviel an Werten liegt auch in den Namen der letzten Jahrhunderte für uns, als daß wir Grund hätten, uns ihrer, da auch sie ja zu richtigen „jüdischen“ Namen geworden, sind, zu schämen. Wir müssen heute mehr, denn je stolz sein und wollen, dah man uns nimmt, wie wir sind. Daß man notwendigenfalls auch an unserem Namen erkennen kann, daß svir Juden sind, ist gut, denn es zwingt -uns, dafür zu sorgen, -daß unter solchem Namen nur Dinge geschehen, die wir vor -der ganzen jüdischen Gemeinschaft verantworten können. Wie wenig zuletzt der Name besagt — der jüdische Komponist, dem am tiefsten die Verknüpfung seines Lebens mit dem des deutschen' Volkes gelang, trug mit Stolz den Namen des größten jüdischen Philosophen und hat diesen jüdischen Namen zu einem deutschen Begriff geprägt. Sollte man es da glauben, daß heute noch Juden -und nicht nur aus äußerer Notwendigkeit, sondern weil es ihnen schöner erscheint, ein Pseudonym dem ererbten Namen vorzuziehen? Es ist tatsächlich so, und wir müssen wohl noch Manches lernen, um uns der Not gewachsen zu erweisen, die über uns gekommen ist. Hans. jüdisches Versteckspiel mit deutschen Namen? Zu diesem nielerörterten Thema bringt der N£.~ Kurier, Stuttgart, unter der Überschrift „Klingt Ihr Name jüdisch?“ folgenden Beitrag: Es wäre durchaus angebracht, wenn alle Juden, die deutsche Namen tragen, solche (hebräische) Namen annehmen müßten, daß jeder Mensch schon am Namen seine Herkunft erkennt. Dann wäre das jüdische Versteckspiel mit deutschen Namen und die Täuschung unserer Volksgenossen nicht mehr möglich. In der letzten Zeit ist es mehrfach vorgekommen, daß Arier, deren-Namen als jüdisch betrachtet werden, ihren Namen wechseln wollten. Warum? Wären die Vorfahren des deutschen Mannes, etwa früher in Deutschland oder haben vielleicht' die Juden die Äcker bestellt oder in Handwerksstuben gearbeitet? Die Frage, wie unnötig . es ist, den' Namen seiner Vorfahren zu wechseln, auch wenn sein Name später von den Juden angeeignet und mißbraucht wurde. Allerdings wissen es die meisten Menschen nicht, daß so viele „jüdisch“ klingende Namen von deutschen d. h., arischen Menschen getragen werden. Vielleicht können diese Zeilen ein wenig dazu beitragen,-daß in Zukunft nicht mehr, wie es leider so häufig vorkam, arische Menschen nur ihres Namens wegen für Juden gehalten werden. Bei den „jüdisch“ klingenden Namen muß man zwei Gruppen unterscheiden: solche, die deutschen und solche, die biblischen Ursprungs sind. Zur ersten Gruppe gehören die Namen wie Adler, Bär, Baum, Blum, Goldschmidt, Goldstein, Hirsch, ’ Rosenberg, Straus, Wolf oder Lilienfein. Ursprünglich wurden alle nur von deutschen Menschen getragen. Wie so vieles andere auch, .wurden uns zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auch diese Namen von den Juden, gestohlen. Dabei zeigte das auserwählte Volk eine solche Vorliebe für gerade diese Namen, daß heute mehr Juden als Deutsche so heißen. Immerhin gibt es aber noch eine große' Reihe arischer Familien, besonders in Süddeutschländ, die diese Namen führen.. Bei der Gruppe der Namen biblischen Ursprunges werden wir an die Frömmigkeit unserer Vorfahren -erinnert. Es ist kein Zufall, daß der Sitz zier Familien, die aus Frömmigkeit biblische Namen annahmen, die Gegenden Deutschlands sind, in denen die Menschen am schwersten um ihr Brot kämpfen mußten. So finden wir die Namen Abraham und Simon besonders häufig im schlesischen Gebirge, EI i a s in der Lausitz. Joel im (zu jener Zeit noch unkultivierten) Oderbruch, Levin im Harz, Moses in Sachsen und Salomo n im Taunus. Das hat natürlich der Stammvater, der 2Batum ©infus ©appenljetm ben Planten KRiikfam erhielt Ser befeijeibene Storporal oon Ceutfjcn - „Sein Stonig ift mit if>m 3ufrieben“ $er neue Bürger oon üßftfdjeit t‘ne Bcschwerde wegen Niederlassung von Juden zu richten. fcs_ scheint, als ob die Kriegsum) Domänen- ' rICu} die no,lge En'JB'e aufbrachte, dem Befehl des König* Geltung zu verschaffen. Es würde zu weit führen, che einzelnen Beschwerden und Erlasse liier wiederzugebenjedenfalls waren einige Konkurrenten Pappcnbriiiu immer w-b':in"iM’ durch neue E‘n£aben und ähnliche Schritte Nh-^rlassung zu verhindern. Als nun Pappenheim einsenen-mußte, daß seine Bemühungen umsonst waren, sah er. die zeit für gekommen, sich erneut an dea König zu wenden. Als Friedrich der Große 1756 den ersten Feldzug des siebenjährigen Krieges siegreich beendigt hatte, meldeten sich viele Freiwillige zum Eintritt in seine Armee. Auch Pmkus P a ppen h ei m, ein Bayer, gehörte zu diesen. Die militärische Ausbildung ging schnell vor sich und Pinkus Pappenheim zeichnete sich bald in verschiedenen Schlachten aus. Sein großer Ehrentag war die Schlacht von Leuthen. Friedrich griff liier die dreifache Übermacht der Österreicher an. Die preußischen Truppen gingen mit Todesverachtung gegen schweres Feuer vor. In diesem Kampfe, in welchem E?,.. . nn geS?n Mann ging, wurde ein hoher preußischer Offizier von einer feindlichen Streife angegriffen und schweiverwundet. Diese Streife, gerade im Begriff, den verwundeten Offizier als Gefangenen abzutransportieren, erregte die Aufmerksamkeit Pappenheims, der sie niederscholi. Trotz Srie&ricf) bet (Broge greift burd) Er tat dies im September 1781. Friedrich IV. ließ ihm jetzt durch die ftoiuäneukauttncr mittcilcij,' daU es sein ernstester-' des Kugelregens ging er an die’ Rettung des Offiziers. Es si:i. i,ln vor der Willkür untergeordneter Stellei war ein schweres Werk, ihn aus der Feuerlinie zu tragen, zu schützen. Erst im Januar 1782 griff die Doniänenkai verhinnpn ttml In Ciohaeliaü ■><■ u.i»__ rv_ rt_ ._ r,_z . _ piiLTiriei’hi'r rlnmli «<»zl ..... u_• z_» «*•. •. . Stellen zu ... , . —- — — - —.- -- ... . , *- ---- ■-.■i.jfmt'nkammer verbinden, und in Sicherheit zu bringen. Die Vorgesetzten energischer, durch und befahl dem Magistrat Pitschen, die Pappenheims brachten diese Tat zur Kenntnis des Königs. Niederlassung Papnenheims zu gestatten. Aber auch dies blieb R~-”c •r—"-■-'-•* - ■ Hefen), “"beachtet. Die Bäudner und Händler fürchteten die Kongen erhielt Pappenheim den Befehl, Bereits nach einigen Tage _f sich dem König vorzustellen. Dieser belobte ihn und sprach ihm für seine Heldentat Anerkennung aus: „Er hat seine Sache brav gemacht, sein König ist mit ihm zufrieden!“ Friedrich der Große befahl ihm sodann, seine Wünsche auszusprechen, doch lehnte Pappenheim dankend ab. Wohl selten ist ein Mensch so bescheiden gewesen wie Pinkus Pappenheim m diesem Augenblick. Der König ermahnte ihn, weiter ein tapferer Soldat zu sein, und ersuchte ihn, sich in jeder Situation an ihn zu wenden. Für seine Tat wurde er zum Korporal befördert. Auch in seiner neuen Charge zeichnete er sich viel-' fach a'us. Nach Kriegsende ging Pinkus Pappenheim in die Heimat seiner Mutter, Zülz (Oberschlesien), wo er sich mit Bertha Joseph verheiratete. Das junge Paar kaufte sich-in Pitschen an und bebaute einen Platz in der Stadtgrenze. Im Jahre 1780 war der Bau fertiggestellt, und Pappenheim wollte . Sache ein würrii-ae«! das Haus beziehen. Dies wurde ihm vom Magistrat verweigert. Alle Proteste nutzten nichts, er mußte die Stadt verlassen. vf,i»5E^£ Pinkus, der schon ganz anderen Gefahren getrotzt hatte, beantragte die Aufhebung , des Verbotes, jedoch war das ebenso, erfolglos wie eine weitere Beschwerde. Man berief BEgleitung.semer Ftau auf den Weg nach Berlrn. Der TConig, sich bei der Ablehnung auf ein altes Privileg aus dem Jahre “**r das Verhalten seiner Behörden äußerst empört, gab 1555. Pappenheim gab sich aber mit diesem Bescheid nicht offen zu kennen, daß er jetzt energisch durchgrerfen werde, zufrieden und gedachte der Aufforderung des Königs. kurrenz des Juden und richteten erneute Beschwerde nach Breslau. Dieser, wurde dann auch wieder stattgegeben und Pappenheim der Aufenthalt in Pitschen untersagt. Pinkus 1 appenheim hatte inzwischen sein neues Grundstück bezogen und war fest entschlossen, nicht zu weichen. So 'vergüte wieder ein Jahr. Im Juli 1783 gelang cs ihm, einen Aufsenub seiner Ausweisung zu erreichen. Nun beschwerte sich die Stadtverwaltung bet dem Minister von Hoyin, der erneut die Ausweisung verfügte. .Pappenheim erbrachte jetzt den Beweis, daß nicht, wie immer angegeben wurde, sämtliche Einwohner Pitschens seine Entfernung wünschten, sondern nur einige Konkurrenten. Der Minister ordnete daraufhin eine Untersuchung an: Diese hatte den Erfolg, daß die Familie Pappenheims in der Stadt bleiben konnte,, er selbst aber sie verlassen sollte! Jetzt entschloß sich Pinkus Pappenheim, der Sache ein würdiges Ende zu bereiten, da er nach vier- 3n nieraeßn Zagen nad) Berlin Ohne viel zu überlegen, wanderte er in Begleitung seiner Frau nach Berlin, das er in 14tägigem Fußmarsch erreichte. In Berlin wollte man ihm den Eintritt verwehren, doch gelang es Pinkus, nach Vorlage der Militärpäpiere, die Stadt zu betreten. Bereits am nächsten Tage standen die beiden vor dem König. Dieser entsann sich des tapferen Kriegers von Leuthen, versprach Bericht anzufordern, und hieß'das Paar, seine weiteren Mitteilungen abzuwarten. Er entließ beide mit den Worten: „Nun geht in Qottes Namen, Eiier Recht soll Euch werden.“ Stolz und beruhigt kehrten sie in die Heimat zurück. Bereits am 19. Juli 1780 erließ der . König eine Kabinettsordre, wonach dem P. Pappenheim und Familie der Aufenthalt in Pitschen zu gestatten sei.. Der Magistrat in Pitschen leistete aber der königlichen Anordnung keine Folge und berief sich auf das bereits erwähnte Privileg. : (Sin braoer Soldat und treuer Untertan Er lobte die Ausdauer Pinkus Pappenheims und erklärte, daß wer sein Recht so „mühsam“ sich erringen müsse, der Unterstützung seines Königs sicher sein dürfe. Alles was Pinkus Pappenheim habe tun müssen, sei sam‘ gewesen. „Mühsam“ habe er sein Hecht erstreiten müssen, zmd „mühsam“ sei die Tat bei Leuth er: gewesen. Diese sei ihm unvergessen, und der König habe das Bedürfnis, seiner Gnade Ausdruck zu geben. Er befehle daher, daß der - noch eines Familiennamens entbehrende Pinkus Pappenheim von nun an den Namen Mühsam zu führen habe, „damit seine Nachkommen bis in das späteste Oeschlecht erfahren sollen,'daß ihr Ahne ein braver Soldat und treuer Untertan gewesen. Kaum waren, die beiden Eheleute „Mühsam“ wieder zu Hause angelangt, als auch schon die Verfügung des Königs eintraf, die sie im Genüße ihres Besitzes schützen sollte. Ein großer Teil der Pitschener Bevölkerung war hierüber so erfreut, daß sie dem Ehepaar sogar noch Ehrungen zuteil werden ließ. Ein Zug mit einer Musikkapelle begrüßte sie als neue Bürger. Pinkus Mühsam konnte jetzt in Ruhe auid Zufriedenheit seinem Broterwerb nachgehen. Er starb (Ein Befeljl bes ftönfgs Friedrich der Große erwiderte, daß das Privileg nichts miD sind Zufriedenheit seinem Broterwerb nachgehen, tr starb dieser Angelegenheit zu tun habe, und ersuchte erneut Pappenam 28. Juli 1807 undI wurde auf dem j““»clien heim keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten. Es ist nun infer- »n Na ms lau beerdigt. Auf meinem pr*rbsfcJn^ sl Hit_ essant 2U lesen, wie der Magistrat immer wieder versuchte, die Anordnung des Königs zu verhindern. Friedrich übergab nunmehr die Angelegenheit dpr Kriegs- und Domanenkammer Breslau zur Erledigung. : Diese erließ nach längerer Aktenprüfung am 22. Dezember 1780 eine Verfügung, in der es u. a. heißt: „Es muß also auch dabey sein festes Bewenden behalten, daß dem Allerhöchsten Königl. Befehl geinaß die Stadt Pitschen sicli gefallen lassen muß, daß ein und anderer der ehemaligen Arrendatoren daselbst sein llomicihum nehme.“ -Die Inhaber der privilegierten Bauden in Pitschen hielten nun ihre Zeit für gekommen, auch ihrerseits nach hebräischer' Sprache: „Hier ruht Pinkus, Sohn des Sciigmann Pappenheim. Er starb am 22. Tamus und wurde begraben am 23. Tamus im Jahre 5567. Dieses Grab umschließt einerv charaktervollen Mann, der nach dem Gotleswörte wandelte, alle Tage seines Lebens..(unleserlich)..,. Jetzt wird er den Lohn seiner Handlungen genießen, in der Mitte jener Heiligen, die sich am Gotteslichte sonnen, an einem Orte, wo man den Tod nicht kennt und Sclimerzenstränen nicht vergießt.“ Pinkus Mühsam hinterließ sieben Kinder. Seine Frau starb-am 14. August 1822. Auch sie wurde in Namslau beerdigt. diesen Namen annahm, nicht bedacht, daß seine Nachkommen eines Tages deshalb für Juden gehalten würden! Wohl die interessantesten Entstehungen haben die Namen der arischen Familien Israel und Kohn. Sie sind nicht,- wie man hei flüchtiger Betrachtung glauben könnte, jüdischen, sondern deutschen Ursprungs. So hieß der Stammvater Israel vor einigen Jahrhunderten noch Oesterhelt. Durch Lautverschiebung und Verstümmelung entstand dann im Laufe der Zeit über Uesterhelt, Isterhelt, Istrael, Isserell — Israel! In Pommern trifft man häufig arische Kohns. Die wenigsten wissen es wohl, daß ihr Name ursprünglich Konrad war. Kohn ist die Kurzform. (Eigentlich Kon, das h hat sich im Laufe der Zeit eingeschmuggelt.) Gewiß machen sich heute viele Menschen Gedanken darüber wie sie es vermeiden können, nur eines Namens wegen für 'Juden gehalten zu werden. - Dazu kann man folgendes sagen’ Diejenigen, die einen „jüdisch“ klingenden Namendeutscher Herkunft tragen, müssen ihn behalten, denn wir dürfen den Juden auch dieses Gebiet nicht überlassen! ©ott iübtfdjer 9tot Die Not ist der-wahre Freund des Menschen: denn um ihretwillen läßt er vieles, was er vorher um Gottes willen nicht gelassen hätte. In der Not lernt der Mensch Gott lieben. Nicht, als ob er sich mit der Religion betäubte. Aber er wird schlicht und wesentlich und läßt allen Schein fahren. ... Der jüdische Mensch verdankt der Not viel. Sie istseit Jahrhunderten seine Lehrmeisterin gewesen. Sie stand an seiner Wiege und an seinem Grabe und begleitete ihn das ganze Leben hindurch. Ausgeschlossen von vielen bürgerlichen Berufen, angewiesen auf Handel und Gewerbe, lernte der jüdische Mensch die Macht des Geldes kennen. Geld war für ihn „geprägte Freiheit“. Mit ihm kaufte er für sich und seine Kinder. Schutzbriefe von den verschuldeten Fürsten,_ mit ihm schut er sich in den engen Grenzen seiner vier Wände jenes Gefühl von Menschenwürde, das ihm seine Umwelt versagte. Später, als derlüde hoffähig wurde und sich mit dem Adel Europas verschwägerte, vergaß ' er wohl manchmal seine Vergangenheit. Näher als das Judentum stand ihm die Taufe, welche für iihn sozusagen den Abschluß seiner Bemühungen bildete.; —— Doch die Not ließ den jüdischen. Menschen nicht los. Sic wandelte sich, nahm neue Formen an — aber sie blieb. Sie umgab ihren Schutzbefohlenen mit einem unsichtbaren, luftleeren Raum; der ihn von seiner Umwelt trennte, sie richtete Glaswände auf zwischen Innen und Außen, sie ließ •in die Bequemlichkeit seines Lebensmit Macht das Oefühl . einer furchtbaren Einsamkeit einbrechen. Aber die jüdische Not — ist sie nicht der beste Beweis dafür, daß Gott seines Volkes nicht vergessen hat? Hätte aufgehört : Aber es lebt und wirkt. Wieder ist die jüdische Not da. Wieder hat sie neue Gestalt angenommen. Aber est ist die ewig alte, die ewig neue Not, die zum Segen Israels gekommen ist, aui daß sie es festige und auf den Weg der Gottesfurcht, der Gerechtigkeit und Menschenliebe zurückführe. Hart und bitter ist diese Not, aber zugleich drückt sich in ihrdie unendliche Liebe Gottes aus zu seinen Geschöpfen. So ist die jüdische Not heule wie eine alte Freundin, wie eine treue Bekannte, die uns wieder aufsucht, um. uns Gruß und Segen zu überbringen. Wir. grüßen sie, wie man einen Arzt grüßt, der kommt, um zu helfen und zu heilen. Viel Zufälliges und Wesensfremdes, viel Firniß und Tünche wird in dieser schweren Zeit von uns abfallen, klarer und 'und immer klarer wird der Kern unserer Eigenart hervortreten, bis wir wieder ganz zu uns zurückgefunden haben. An dem Tage aber, an dem wir mit gutem Gewissen sagen können: Jetzt ist alles wesentlich an uns, jetzt trübt kein falscher Scheiir mehr das Spiegelbild unserer Eigenheit — an diesem Tage wird der Herr die Not wieder zu sich zurückrufen und sich zusammen mit seinem Volke freuen über die gelungene Versöhnung. Herbert Connor.

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