Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 45 (5.6.1934)
- Date
- 1934-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613519-2613560--4967-2616715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Berlin Dienstag, 5. Juni 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 45 —. 14. Jahrgang Wto-annr zu Berlin 3fur beutfd)es Judentum uitb reltgtöfen 2lufbau Herausgeber.-Harms Loewenstein Die »»Jüdisch-liberale Zeitung** erscheint zweimal wöchentlich! Dienstags und Freitags Schlagworte In den letzten Wochen . ... Von Engen Tannenbaum Dies mußte kommen: In einem kleinen . Ort in der Nähe von Regensburg wurde .der neunjährige Sohn eines Straßenwärters in nächster Nähe der Straße in einem Kleeacker sterbend aufgefunden. Ein ■ grausiger Unglücksfall? Ein furchtbares, rätselhaftes Verbrechen? Polizei durchstreifte die umliegenden Wälder, ohne daß es bisher gelungen wäre, eine Spur von dem Mörder zu finden. Aber schon zischelt die Schlange der Verführung: „Ritualmord?!“ „Ritualmord?!“ Es mußte — leider — kommen. Das tiefbeschämende Ritualmordmärchen — beschämend für seine Verbreiter ebenso wie für die, auf die es zielt —, ist, nicht zum ersten Mal in der Geschichte jüdischen Schicksals, zu einem verhängnisvollen Schlagwort geworden. Wir können gegen die Ritualmördbeschuldigung feierlich Verwahrung einlegen; wir können tausend Argumente dagegen ins Treffen führen; zwei österreichische Katholiken wollen vor einem Wiener Gericht den Wahrheitsbeweis erbringen; daß die Ritualmordbeschuldigung . eine Verleumdung ist und daß die zu ihrer Begründung herangezogenen gefälschten Talmudzitate eine Verunglimpfung des Talmud darstellen — es wird sich'nicht überzeugen lassen, "wer nicht überzeugt werden will. Es ist das Wesen von Schlagworten, daß daran geglaubt wird. Ob sie neue Sachlichkeit heißen oder Expressionismus, Alljuda oder Ritualmord. Es sind Worte, die aus einem verwirrenden Ineinander verschiedenster Auffassungen, Ereignisse, Erlebnisse, Begriffe eine Grundsituation herausholen und blitzartig dunkle Seelengründe in Hörern und Lesern erleuchten. Daauch Schlagworte Modeworte sind, bleibt zu hoffen, daß sie ebenso wieder verschwinden, wie sie entstanden sind. . Wer — nicht zum-Vergnügen und nicht, umüberflüssigerweise Cafehausterrassen zu bevölkern, die von Dr. Goebbels uns . Juden'in gewissem Sinn gezogene Bannmeile des Kurfürstendamm durchschreitet, dem drängen sich unausweichbar an Zeitungskiosken blutig geschminkte Schlagworte entgegen: „Mördervolk“, „Jüdische Grausamkeit“, „Aus der blutbefleckten Geschichte Alljudas“. Sie betreffen uns. Uris Juden. Sie treffen unsere Netzhaut. Aber sie sollen, sie dürfen nicht treffen: unser Inneres. Wenn unser Lebenswille nicht vernichtet werden soll. : Es gibt ein Wort von Nietzsche: „Was mich nicht umbringt, . macht mich stärker“. Wo es eine Not gab, welcher Art auch immer, — der Jude hatte unter ihr zu leiden, ln endloser Folge. In endlosen Verfolgungen. Durch die Jahrtausende. Der Antisemitismus, wie seit dem Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts die politische und gesellschaftliche Form des Judenhasses genannt wird, ist so alt. wie das Judentum selbst. Er ist mit ihm geboren; Nur seine Begründungen haben gewechselt. Sie wären bald religiöser, bald ökonomischer, bald rassenmäßiger. Natur. Von Babylon bis Rußland. In Rom wurde der Jude verfolgt, weil er Christ war, im-Spanien der Inquisition, weil er kein Christ war. Auch die Aeußerungen des Judenhasses waren verschiedener Art. Hundertfältige Tode sind Menschen jüdischer Geschichte gestorben. Um ihres Judentums willen. Für ihr Judentum. Verbrannt in siedendem Oel, wie Hannah mit ihren sieben Söhnen in der Makkabäergeschichte, auf mittelalterlichen Scheiterhaufen, in bestialischer Weise hingemordet bei grauenhaften Pogromen in der Ukraine, in Rußland, in Lettland, in Polen. Immer wieder sind die Lawinen des Schicksals über Juden hinweggedonnert und haben sie zermalmt. Aber das Judentum starb nicht. Und es stirbt nicht. Weil es eine gottgewollte Mission hat. Nicht die, „die Völker der Erde gegeneinander zu hetzen“, nicht die, „eine jüdische Weltherrschaft zu errichten“, nichtdie durch eine jüdische Boykotthetze sich sein eigenes Grab zu schaufeln. Wir haben nichts getan zu dem, was draußen in der Welt vielleicht geschehen mag. Ist es geschehen, dann gegen unseren Willen. Schlagworte töten nicht. Aber sie erreichen weit- Schlimmeres: sie demütigen. Sie demütigen uns durch furchtbarste Anklagen. * „Seid und wart Ihr“, hieß es in einem jüngst in mehreren Zeitungen veröffentlichten Artikel des Gauleiters der Kurmark, Wilhelm Kube, „international verbunden, um die nordischen Völker dieser Männererde zu betrügen und gegeneinander zu hetzen, so sind wir bereit, Euch international an die Kette zu „Selbst wenn das Judentum nichts als der Träger nur historischer-Erinnerung wäre ..." Ein Bischof spricht zu luden Nach -einem Bericht des „Pester Lloyd“ hat der Bischof' des reformierten Kirchendistrikts jenseits der Theiß, Dr. Desider Balthazar, kürzlich 'vor der Pester Israelitischen Religionsgemeinde einen Vortrag über das „M enschenideaI des Alten Testaments“ gehalten. Dieses Menschenideal, so führte er aus, ist göttlichen Ursprungs. Es kommt in den Worten zum Ausdruck: „Gott hat den Menschen nach seinem. Bilde geschaffen.“ Die einzelnen Züge des Menschenideals sind: Wissen, Freiheit und Wahrheit. Die Wahrheit wird durch den Mund der Propheten verkündet. Sie ist jedoch in ihrer Unerbittlichkeit noch nicht die letzte Krönung des Ideals. Diese ist die Liebe, die das strenge Maß der Wahrheit mildert. Bischof Balthazar fuhr dann fort: „Der jüdische Geist hat durch die Erschaffung dieses Menschenideals eine Tat von universeller Tragweite vollzogen. Es mutet wie ein Wunder an, daß der Geist eines primitiven Volkes in der Dämmerstunde der menschlichen Kultur diesen aus Wissen, Freiheit,- Wahrheit und Liebe zusammengesetzten, von der göttlichen Vollkommenheit abgeleiteten Idealbegriff realisieren konnte. Der jüdische Geist hat sich durch diese Tat in schwindlige Höhen über jeden Haß erhoben. So schreitet das Judentum mit den Schätzen seiner Bundeslade vor irrenden Epochen, auf dem Dornenwege der Schmähungen. und Verfolgungen weiter. Es trägt mit sich die Botschaft des Friedens, deren Licht durch keinen Haß ausgelöscht werden kann; es trägt sein Ideal, dieses „minimale Maximum“ sittlichen Wertes, von dem es nichts preisgibt. . . . Die heutige Welt bleibt weit hinter dem im Alten Testament niedergelegten menschlichen Ideal zurück. Und selbst wenn das Judentum nichts als der Träger einer historischen Erinnerung wäre^ würde es einen Wert darstellen, dessen Untergang ein unwiederbringlicher Verlust der Gesamtmenschheit ist.“_ , In seinem Dank an den Vortragenden teilte der Präsident der Israelitischen Religionsgemeinde, Hofrat Samuel Stern,- mit, daß der Vortrag im Archiv der Gemeinde zu ewigem Andenken aufbewahrt werden wird. E. E. Zur Verteidigung der jüdischen Lehre Warschau. Auf der Tagung des Zentralrats der Weltorganisation Agudas Jisroel wurde beschlossen, eine Zentralstelle für Applogie des Judentums zu schaffen. Dieser Stelle soll die Abwehr der in letzter Zeit so häufig von judenfeindlicher Seite gegen den Talmud und gegen die jüdische Religion im allgemeinen erhobenen Angriffe obliegen. Die Arbeit der Zentralstelle soll nach zwei Richtungen hin geführt werden. Einerseits soll ein Verzeichnis aller wissenschaftlichen Werke, die das Judentum im richtigen Lichte darstellen, angelegt werden, damit diese Werke für die Abwehrarbeit nutzbar gemacht werden können, und andererseits’ sollen wissenschaftliche Publikationen in den europäischen Hauptsprachen als Entgegnung auf die gegen die jüdische Religion gerichteten Angriffe herausgegeben werden. [Gründung einer Vereinigung für Reformjudenfum in Ungarn Budapest. In Budapest hat sich eine Gruppe jüdischer Intellektueller zu einer Vereinigung „Jesaja“ für religiöses Reform judentum zusammengeschlossen. Die Vereinigung strebt vor allem eine Reform des Gottesdienstes an. Sie hat der Budapester Kultusgemeinde ein Memorandum überreicht, in dem sie die Bewilligung zur Errichtung einer Reform-Synagoge verlangt. In dem von der Vereinigung Vorgeschlagenen Gottesdienst soll die hebräische Gebetssprache wesentlich eingeschränkt und "die Trennung der Gemeinde nach Geschlechtern aufgehoben werden. Die Männer sollen am Gottesdienst mit imbedecktem Haupt teilnehmen. legen, wie es der Hyäne und den stinkenden Koyoten gebührt“. Wir. haben nicht die Möglichkeit, uns zu solchen Worten zu äußern. _ Vielleicht ist es aber erlaubt, ln diesem Zusammenhang, auf 'ein Wort Heinrich Heines h’mzuweisen, auch wenn es aus einem anderen Jahrhundert stammt, auch 'wenn es für die Juden andererseits nicht erfreulich ist. Heine lebte zu der Zeit in Paris, als in Dairiaskus auf Grund erlogener Ritualniördgerüchte ein Pogrom unter den dortigen «Juden entfesselt wurde. An den-1 französischen Juden ging dieses furchtbare Ereignis so wenig eindrucksvoll vorüber, daß Heine damals in tadelnder Bitterkeit schrieb: „Das Interesse, welches die hiesigen Juden an der Tragödie von Damaskus nahmen, reduziert sich auf sehr.geringfügige Manifestationen.- Das—israelitische Konsistorium, in der lauen -Weise aller Körperschaften, versammelte sich und deliberierte; das einzige Resultat dieser Deliberationen war die Meinung, daß man die Akten- ■ stücke des Prozesses zur öffentlichen Kunde bringen müsse. Herr Cremieux, der berühmte AdVöWät, welcher nicht bloß den Juden, sondern den Unterdrückten aller Konfessionen und aller Doktrinen zu jeder Zeit' seine großmütige Beredtsamkeit gewidmet, unterzog sich der oben erwähnten Publikation, und mit Ausnahme einiger jungen Gelehrten ist wohl Herr Cremieux der einzige in Paris, der sich der Sache. Israels tätig annahm“. Hripe hat mit seinem Tadel an den französischenJuden in diesem Fall zweifellos recht gehabt: Trotzdem: Es sieht nicht so aus,—als wenn die französischen Juden, die ja doch immerhin ein Teil der internationalen Judenheit.auch in den Augen der Nichtjuden darstellcn dürften, sich für ein Alljuda . eingesetzt hätten. Und was damals galt, gilt, wie wir glauben, unter veränderten Verhältnissen für uns deutsche Juden auch heute. Irrdiesen Tagen wird in Worms das OOOjährigeC Bestehen der Synagoge feierlich begangen. Die Nibelungen- und Raschi-Stadt birgt in ihren sagenumwobenen Mauern die älteste jüdische Gemeinde Deutschlands. In ihren Ueberlieferungen wird berichtet, daß einst, als der Tempel von Jerusalem hoch stand, Boten des Synhedrions mit der Aufforderung anlangten, die Wormser Juden sollten zu den drei- Wallfahrtsfesten in die Davids-Stadt kommen. Die Wormser Juden antworteten, sie kämen nicht, denn sie hätten „z'e Wormze uf dem Rhine“ ein neues Jerusalem erbaut. Viel Unheil ist im Lauf der Jahrhunderte über die Gemeinde hereingebrochen. Ihre Synagoge wurde zerstört.- Die Juden wurden verfolgt, vorübergehend aus der Stadt gejagt, sie mußten ihr - Letztes für die -verschiedenen Kriegskassen opfern. Sie haben ihr Judenschicksal getragen, geschützt und verfolgt zu werden. Abej sie dachten nicht daran, von den „internationalen Beziehungen“ Gebrauch zu machen, sie blieben der deutschen ‘Erde treu. » Die deutsche Regierung hat das Rassenprinzip programmgemäß zur Durchführung gebracht. Mit der durch das Gesetz sanktionierten Einengung unseres Lebensraumes müssen wir uns abfinden.' Von amtlichen Stellen ist immer wieder betont worden, daß bei der Gesetzgebung Haßmotive gegen die Nichtarier ausgeschlossen seien. Erst jetzt hat .wieder der Reichs^ führer der deutschen. Aerzteschaft und Beauftragte der NSDAP für Volksgesundheit, Dr. Wagner, ‘betont: „Wir lassen die Frage ganz offen, ob wir rassisch wertvoller sind als die Gäste unseres-Volkes, aber wir sind-anders als sie“, und er hat durch diese einer Diffamierung entbehrenden Worte den Weg zu einer Entspannung gewiesen. Leider aber treffen uns gehässige Schlägworte außerhalb der Bezirke des Gesetzes immer wieder von neuem und versuchen es, uns -zu Menschen minderen Wertes zu machen, obwohl, wir keine andere Schuld'haben — als Juden zu sein.