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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-06-01 · 44 (1.6.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
44 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Berlin Freitag, 1. Juni 1934 ~ Preis 20 Pfg. Nr. 44 — 14. Jahrgang 3rür beutf^es 3ubentum utib religtöfen Slufbau HerausgeberHanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung«« erscheint zweimal wöchentlich t Dienstags und Freitags Aufbauarbeit Von Heinrich Stern Es. ist schon ein merkwürdiges Stück Menschheit, diese deutschen Juden. Greift man sie als Deutsche von außen an, so bäumt sich das Stück ihres Inneren auf, mit dem sie Deutschtum erleben, mit dem sie für Deutschland leben, mit schmerzlichem Stolz bekennen sie sich als „wir deutschen Juden“. Aber — kommt es in innerjüdischer Auseinandersetzung einem bei, vom „Deutsch-Jüdischen“ zu reden, ja, Jude das ist etwas anderes; da ergießt sich von den Erbpächtern alles Jüdischen ein Kübel von Hohn über diese „Würdelosigkeit“. So erlebt man das seltsame Schauspiel, daß führende Zionisten sich im selben Augenblick ganz ernst als „wir deutschen Juden.“/ nicht nur fühlen, sondern bekennen, — es aber der „deutsch-jüdischen“ Richtung schwer verübeln, das gleiche zu tun. Oder meinen beide Gruppen doch Verschiedenes? Des abgelaufenen Jahres ernste Arbeit hat ein .Doppeltes gezeigt: der einen Gruppe hat sich die Realität Palästinas als eines Lebensbodens jüdischer Menschen stärker enthüllt als zuvor, sie haben innerhalb der jüdische» AFbeiMn-Deutschland an der Vorbereitung tausender junger Menschen für das neue Dasein im alten Land mitgearbeitet, die anderen, obwohl innerlich „palästinozentrisch“ angelegt, haben mit hingebendem Eifer und großem Erfolg für das . Seßhaftbleiben des Stammes der Juden Deutschlands in Deutschland mit Hand angelegt. Den Betreuten war es gleich, ob die Mittel zur Hachscharah von Chaluzim aus „assimilatorischen“ Quellen flößen, bzw.- ob derjenige, der ihnen Wege zur Umschichtung fn Deutschland wies, innerjüdisch nach der Meinekestraße sich neigte. Wozu also der Lärm? Die erfreulich weitgehende Arbeitsgemeinschaft der Juden in Deutschland, kann und soll' uns nicht dafür blind machen, daß der Gegensatz jüdischer Weltanschauung nicht verwischt ist, ja nicht einmal verwischt werden darf; denn es hat sich klar erwiesen, daß die beste und reibungsloseste jüdische Zusammenarbeit zwischen Menschen klaren jüdischen Standpunkts möglich ist, wenn jeder des anderen Einstellung erkennt und — achtet. Daran fehlts aber noch häufig, drüben leider mehr als hüben. Wir Nichtzionisten haben für ein folgerichtiges Nationaljudentum — zum mindesten nach den Kampfjahren ufh die Jahrhundertwende — auch da Respekt, gehabt, wo wir ihn aus jüdischer Überzeugung heraus bekämpften. Nur wirds heut immer klarer, daß sich im Zionismus täglich stärker die Scheidung der Geister anbahnt zwischen dem' reinen Nationalismus, insbesondere dem Revisionismus, und der immer mehr in den Vordergrund tretenden Gruppe religiös-betonter Zionisten. Diese innerzionistische Auseinandersetzung aiif diesem Flügel, wie sie sich etwa,zwischen. Maybaum und Grünewald abspielt,, ist auch für uns Religiös-Liberale von höchstem. Interesse, es wird sich zeigen, wie weit das Übernationale des religiösen. Judentums den Begriff und Sinn des National Judentums in sich aufnehmen und — überwinden kann. Je stärker und schneller dies der Fall sein wird, desto eher wird auch der Hauptstreitpunkt zwischen uns und den „liberalen Zionisten“ geklärt werden, der dahin geht, ob nur auf dem Boden eines jüdischen Zentrums in' Palästina lebendige jüdische Religion möglich ist, oder ob, wie wir glauben, der alte Satz der heiligen - Schrift auch heut seine Kraft erweist: „An jedem Ort, wo ich meines Namens gedenken lasse, will ich zu Dir kommen und Dich segnen.“ Damit — ich habe das schon wiederholt betont — stehen wir an dem wichtigsten Unterscheidungspunkt zu uns „Deutsch-Jüdischen“. Er spielt heut nach innen geradezu die entscheidende Rolle. Denn das unauslöschliche Gefühl, hier in Deutschland durch Zusammenschluß und jüdische Durchdringung möglichst vieler, möglichst aller Juden weltgeschichtlich wichtige Arbeit für das Gesamtjudentum zu leisten,-es' gibt uns dieselbe Spannkraft positiver Aufbauarbeit, mit der etwadie jungen Chaluzim für Erez Israel sich bereit machen. Wir haben eine jüdische Pflicht, die anderthalb Jahrtausende jüdischer Geschichte in Deutschland fortzusetzen, das ist für die gesamtjüdische Entwicklung nach unserer Ansicht mindestens.' so wichtig wie die Grundlegung neuen jüdischen Geschehens in Palästina. Auch wer diese Wertung im zionistischen Lager nicht teilt, sollte unser jüdisches Wollen und Glauben achten. Daß wir dabei — hier anders als viele auch derer, die sich dessen einst mit Geschrei rühmten — nicht den Willen verlören haben, unsere wirtschaft- - liehe, kulturelle und nationale Zukunft mit Deutschland zu verbinden, daß wir, gewiß nach schwerstem inneren Ringen, so und nicht anders entschieden’ haben, ist Sache jedes einzelnen von uns. Und es ist unbegreiflich töricht von andern Juden, dem entgegenzuhalten, daß „die Deutschen uns nicht wollen“. Es kommt nur darauf an, was wir wollen. Wir "wollendem Judentum seine großartige geschichtliche Ausprägung erhalten, die „deutsches Judentum“ heißt, und wir wollen in uns das Deutschland lebendig, erhalten, ohne das wir nicht leben, geschweige als Juden leben können. — Weil wir aber wissen, daß unser jüdisches Gemeirischaftswollen und -arbeiten nicht beeinträchtigt, nein nur innerlich beflügelt wird durch unsern Willen, uns Deutschland national einzugliedern, weil wir wissen,. daß unser nationales deutsches Wollen nicht geschmälert, sondern vertieft wird durch unsere Einordnung in die uralt-heilige Gemeinschaft Israels, ■— darum nennenwir uns mit Recht „deutsch-jüdisch“r •Und wir wollen, "daß diesem „deutsch-jüdischen“ Lebensziel auch weiterhin all die einzelnen Juden und ihre Gemeinden entgegenstreben, die an ein jüdisches Leben in Deutschland glauben. Und nun, da wir uns wieder gesagt haben, was wir glauben und wollen, jeder mit seinem Judentum im Herzen, laßt uns wieder gemeinsam, für dieses -Judentum arbeiten! Dabei möge—der. eine an ein „jüdisches Zentrum“ hüben glauben, der andere - drüben. Der Glaube und der Wille ist-unser — das „Zentrum“ wird ein Größerer schaffen. Es wird gemeldet Gegenüber Mitteilungen ausländischer Blätter, die aus verschiedenen Großstädten Westeuropas, yon .einem Rabbiner. Frankel berichten, dem der Titel eines berrabbiners von Berlin“ zugelegt wird, stellt die Reichsvertretung der deutschen Juden fest, daß es die Stellung eines Oberrabbiners von Berlin überhaupt nicht gibt. Rabbiner' Frankel hat, ohne irgend eine Gemeindefunktion zu bekleiden, eine Zeitlang als Privatperson in Berlin gelebt. die heute noch nicht erkannt haben oder erkennen, wollen, däß - .der, Jude der grflßte. Fcind. dc* deutsche« .Volke* sich. ' zu ihm stellen und dafür, vielleicht deutsche Volksgenossen verkaufen, ■ schließen sich selbst aus der deutschen Volks- - gemeinschaft aus und verdienen die Verachtung aller wahren Deutschen.“ Das Reichsministerium des Innern iiat auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1033 die Verbreitung des Buches „Ordnung in der Judenfrage“ von Emmerich Czermak und Oskar Karbach verboten. Wie aus Frankfurt berichtet wird, ist der ordentliche Professor für das Fach der physikalischen Grundlagen der Medizin, Dr. Friedrich Dessauer, auf Grund des § 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den Ruhestand versetzt worden. * In Bialystok, das sejt längerer Zeit Schauplatz immerwiederkehrender antisemitischer Exzesse ist, kam es zu einem schweren Überfall auf jüdische Spaziergänger, wobei der Weber Mendel Lubinski so schwer verletzt wurde, daß er im Krankenhaus den Verletzungen erlag. Auch in Warschau und Wilna haben sich neue Überfälle der Radikal- Nationalen auf jüdische Passanten ereignet. In Lodz wurden mehrere Mitglieder"" der nationaldemokratischen Partei verhaftet. * Wie aus Jerusalem gemeldet wird, wurden 6 3 orientalische Juden, unter ihnen Greise und Kinder, die mit einem Segelboot aus Ägypten nach Palästina gekommen waren, bei der Landung als illegale Einwanderer verhaftet und in Ketten in das Gefängnis von Gaza gebracht. * Aus .Hambu rg wird uns gemeldet: Der Ehrenvorsitzende des Verbandes, der Deutsch-israelitischen Oemeinde, Alfred Levy, feie.rte in diesen Tagen seinen 80. Geburtstag. Dem Jubilar wurden seitens der Repräsentanz, der Kultusverbände sowie anderer Institutionen und Organisationen zahlreiche Ehrungen zuteil. * Nach einer Meldung aus Riga ist jetzt auch das Erscheinen der letzten jüdischen Zeitung Lettlands, des agudistischen Wochenblattes '„Unsere Stimme“ ein-> gestellt worden'. * Wie die Schweizer Blätter melden, soll Professor Max Reinhardt Direktor des Stadttheaters in Bern werden. Vor den Angestellten der jüdischen Geschäfte in Nürnberg hat der Gaubetriebszellenobmann' Peßler eine Ansprache gehalten, in der er erklärte: „Jene, Die Gutachten im Kattowitzer Talmud-Prozeß Gefälscht oder frei erfunden Kattowitz. In dem Prozeß gegen den Schriftleiter der "antisemitischen Zeitung „Blyskawica“, Eduard Chowanski, der, wie berichtet, wegen Beleidigung der jüdischen Religion zu n'eun Monaten Qefängnis mit dreijähriger Bewährungsfrist und einer Geldbuße von 300 2J|oty an die Kattowitzer Jüdische. Gemeinde verurteilt wurde, nahmen die Berichte der vorgeladencn Sachverständigen, de« Kattowitzer Rabbiners Kalman Chamejdes, des .Warschauer Rabbiners Prof. Moses Schorr und des Krakauer katholischen Klerikers Prof. Archutowski, den Hauptteil der Verhandlung ein. .Rabbiner Chamejdes legte eine eingehende Expertise vor. Prof. Archutowski und Prof. Schorr stimmten dieser Expertise zu, doch versuchte Prof. Archutowski zu beweisen, daß das Judentum wenigstens in den ersten Jahrhunderten nach Christi das Christentum mit Haß verfolgte. Es sei möglich, daß z»i jener Zeit gewisse jüdische Sekten sich des -Blutes zu magischen Zwecken bedienten. Prof. Archutowski berief sich, dabei auf Sätze im Talmud, mußte aber nach den Gegenauafßhrangeii von Prof. Schorr zngeben, daß er ein Opfer falscher Hinweise geworden sei, da solche Sitze im Talmud nicht enthalten sind. Prof. Schorr schilderte die geistige Atmosphlre, ln-der der Talmud entstanden Ist, und wies nach, daß die von den Antisemiten seit vielen Jahrzehnten benutzten Talmndzltate entweder geflheht oder frei erfunden worden sind. Verunglimpfung des Talmud Rttualmordbeschuldigung vor Gericht Wien. Hier, fand die erste Verhandlung in einem Prozeß statt, in dem — zum ersten Mal in der Geschichte — nicht Juden, sondern zwei Katholiken, der verantwortliche Redakteur der „Gerechtigkeit“, Franz Weniger, und Frau Irene Harand den Nachweis erbringen wollen, daß die Ritualmordbeschuldigung eine Lüge ist und die zu ihrer Begründung herangezogenen gefälschten Talmudzitate eine Verunglimpfung des Talmud darstellen. Gleichzeitig sollen die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Fälschung .dargetan werden. Ftau Irene Harand, die Führerin der gegen den Antisemitismus gerichteten von Nichtjuden getragenen „Harand-, Bewegung“, hatte auf wiederholte schwere Verleumdungen und’ Beschimpfungen des Judentums durch ein' in Österreich erscheinendes antisemitisches Blatt mit einem Artikel geantwortet, in dem sie die.betreffende Zeitung wegen Wiederholung der Ritualmordbeschuldigung, Berufung auf die angeblichen Protokolle der Weisen von Zion und Verunglimp f un g des Talmud der Lüge und Verleumdung geziehen natte. Das angegriffene Blatt erhob eine Presse-Ehrenbeleidigungsklage gegen die Verfasserin des Artikels und den verantwortlichen Redakteur Franz Weniger. In der vor dem Oberlandeigerichtsrat Dr. Kunze durchgeführten Verhandlung erklärterer Vertreter der Angeklagten,

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