Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 43 (29.5.1934)
- Date
- 1934-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 43 3ftMfdMibetaIe 3eitang Beilage 29. Mai 1934 Seit wann gibt ns Juden in dar Raichshauptstadt? ivilligung zu Wettspielen mit jüdischen Mannschaften gegeben. Am Schluß seiner Ausführungen hciltt es: „Die ■■■■ m ■■■ ■■ ■ m _ _ __ erforderliche 2UTüek.hal tung ist zu beobachten." Diesen Die altesten jwbsdwn Fatmfeen Beite üng. Leistet Aufklärungsarbeit in den Verbänden, erzieht Eure Mitglieder in Eurem Sinne,, bringt ihnen jenes politische Denken bei, dall Euch das Richtige zu sein scheint, aber lallt sie darüber hinaus mit Hingabe dem Sport dienen, der. einen soll, dessen Aufgabe es ist, Gegensätze..auszugleichen. Das Dekret des Großen Kurfürsten Zu „Potztam, den' 14. Sept. 1671“ Unterzeichnete, der Oroße Kurfürst jenes Dekret, das man als die Geburtsurkunde der jüdischen Gemeinde Berlins an- ' sehen kann. Nachdem nämlich, die beiden österreichischen Juden Benedict Veit und Abraham Ries bereits im Mai 1671. die Erlaubnis erhalten hätten, sich in Berlin niederzulassen, wurde ihnen durch jenes Dekret gestattet, „daß sie ihren Vater, Schwiegervater und Vetter, benahmentlich' Model Ries, Jacob Gumprecht und Benjamin Frankel mit ihren Weibern und Kindern bei sich behalten mögen.“ Diesq wenigen Familien, zu denen auch HirscheL und Koppel Ries als Söhne von Model , Ries zählen, sind die Gründer der jüdischen Gemeinde zu Berlin. So spät erst kamen die Juden nach Berlin? Nein — es hat bestimmt schon vierhundert Jahre zuvor Juden in Berlin gegeben. Die Stätten Berlins, die dem Namen nach an die Juden erinnern •— der große und der kleine' Jüdenhof — stammen denn auch aus dem t3. und 14. Jahrhundert. Schon damals lebten und wirkten Juden in Berlin und hatten hier natürlich auch ihre Synagoge; ihr Friedhof lag zu jener Zeit freilich in einer anderen Stadt: in Spandau: Seif 1671 Oft genug wurden die Juden in den folgenden Jahrhunderten aus Berlin ausgewiesen, so namentlich zur Zeit des Schwarzen Todes ' um 1350. Will man daher von den ältesten jüdischen Familien Berlins sprechen, von denen wir gfuaue Kenntnis haben, dann muß man eben auf das Jahr 1671 zurückgehen. Seit jener Zeit hat es ständig Juden in Berlin gegeben, und es leben heute noch Nachkommen jener wenigen aus Wien eingewanderten Juden. Wenn man von alten jüdischen Familien Berlins hört oderliest, vernimmt man fast stets nur die Namen der Mendelssohn, der Meyerbeer, der Herz, der Itzig, der Friedlärider usw. Diese Familien, die meist erst aus der Zeit um 1750 und später stammen, sind ohne Zweifel die bekanntesten. Was aber war mit all den anderen Juden in Berlin? Wie hießen sie?, wer waren sie?, was taten sie? Wir haben erfreulicherweise aus der frühen Zeit der Berliner Juden eine ganze Reihe von Urkunden — Ludwig Geiger hat viel davon gesammelt und zusammengestellt —, die uns einige Kenntnis vom jüdischen Leben jener Zeit vermitteln. ■ - Das erste beinahe, was die Juden taten, war der Ankauf eines Grundstückes, das als Friedhof dienen sollte. Wir kennen diesen Begräbnisplätz in der Großen Hamburgerstrallc ja noch heute. Schon 1672'fand die erste Beisetzung statt. Jacob Gumprecht starb iu diesem Jahre und wurde hier begraben. 1675 folgte ihm als zweiter Model Ries. Die Schlächter erheben Einspruch Ziemlich viel ist uns von der beruflichen Tätigkeit der Juden im alten Berlin überkommen. Im Juli 1673 erhält Salomon Moses Aaron, der aus Glogau stammt, die Erlaubnis, sich als „Judenschlächter“ niederzulassen. Es wird_ ihm genau vorgeschrieben, wieviel er schlachten darf: wöchentlich nicht mehr als 2 Stück Rindvieh, 5 Hämmel, 2 Kälber. Ein späterer „Judenschlächter“ ist Levin Samuel, der im,Juli 1703 seinen Schutzbrief erhält. Kaum hat er ihn bekommen, erhebt schon das Fleischergewerk Einspruch. Es fürchtet anscheinend seine Konkurrenz; und es bedarf vielerlei amtlicher Schreiben, um die Fleischer davon zu überzeugen-, daß Levin Samuel nur für Juden schlachte. Jesajas Salomon war jüdischer Schneider in Berlin. Er stellte seinen Glaubensgenossen, die Wert darauf legten, die Röcke, „koscher“ her, d. h. er nähte nicht „mit flachsen Zwirn“, sondern „mit hanffen Zwirn oder seyde“. „Curiren und barbiren verholen“ Neben : verschiedenen anderen Handwerkern gab es damals auch einenjüdischen Barbier; er hieß Fischei Moyses. Im Jahre 1699 wird-ihm gestattet, „seine profession bey der Juden Synagoge zu treiben“, doch seltsamerweise mit dem Zusatz, daß ihm „alles curiren und barbiren ernstlich verboten“ ist. Als Juden den Beruf eines Goldschmiedes ergreifen, klagen die christlichen Goldschmiede wegen der jüdischen Konkurrenz. Dagegen ist es auffallend, daß die christliche» Gold- und Silberarbeiter die Erlaubnis nachsuchen, sich der Hilfe des Krätzewäscliers- Nathan David*- bedienen zu dürfen. Die Erlaubnis wird ihnen erteilt. Und die „freien Berufe"? Auch hier sind damals schon Juden vertreten. Seit 1693 praktiziert Dr. Löbel als Arzt in Berlin. Veit Abraham wird 1699 als jüdischer Zahnarzt genant.:. ' Wer war Brentgen Marcus? Selbstverständlich fehleu die Künstler nicht. Brentgen Marcus, Tochter von Marcus isaac, wird uns im Jahre 109U als jüdische Hof Sängerin vorgestellt; iure „ungemeine Stimme“ wird allgemein „admiriret“. Die Mehrzahl der Juden jener Zeit freilich war Händler. Aus dem Jahre 1737 liegt eine Urkunde vor, die uns etwasübet die Verteilung der Berufe ersehen läßt. 14 Juden sind danach Seidenhändler, 4 Juwelenhändler, 18 Geldwechsler, 7 Pfandleiher. 10 Juden handeln mit Kleidern, 20 mit Weißwaren, andere mit Tee, Wein usw. Ein Jude verkauft Kaffee und Tabak — sofort bittet die „Materialisten-üilde“ den Juden zii untersagen, „mit Knaster-Taback- Kaffee und Tee zu handeln“. Weiter gibt es unter-den Juden Leinwand-, Leder-, Woüwaren- und Pferdehändler. Ais andere Berufe werden uns „Seydeu-Sticker“, Buchbinder und Buchhändler genannt; auch ein Optikus ist vertreten. Einen schönen Titel hat Isaak Jakob; er ist „Koch, Geflügelmäster und Aufwärter bei jüdischen Hochzeiten, Beschneidungen und Ehrengelagen." Nehen all diesen kleinen Händlern und Handwerkern, dem „gewerblichen Mittelstand“, gibt es auch die Großen: da ist vor allem Jost Liebmann, ein führender Mann der jüdischen Gemeinde, der den Titel „Hof juw elier“ trägt. Er soll der reichste Jude Berlins gewesen sein. Die Joseph und .Michael Abraham sind Petschierstecher. Sie scheinen ihr Handwerk besonders gut verstanden zu haben;' denn Joseph Abraham hat den Auftrag, die kurfürstlichen Siegel zu stechen. Sein Sohn Levi erhält am 3. März 1698 sogar den Titel „jrioff-Petschierstecher“. Eine folgenschwere Festlichkeit Die Juden jener Zeh waren, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, sicher nicht sehr wohlhabend. Sie haben schlicht und bescheiden gelebt. Wenn dann einmal irgend eine Gelegenheit zum Feiern da waT, konnte es wohl schon geschehen, daß der eine oder der andere etwas zuviel feierte. Das aber war in einer Zeit, da der König selbst (Friedrich Wilhelm 1.) von strengster Sparsamkeit war, nicht angebracht. So können wir jenes Aktenstück wohl verstehen, das Friedrich Wilhelm f. am 5. August 1720 Unterzeichnete: „Wir haben resolvirt, daß der Jude Salomon Levi, so sich auf der Besebneidung eines jüdischen Kindes scbandtlich besoffen, mit Elkan Joseph händel angefangen und mit einer bouteille nach - demselben geschmissen, wegen solcher excesse 30 Thlr. und der Jude Lazarus Herb, so sich gleichfalls so besoffen, dall Er 2 Tage -nachher krank gewesen, wegen solcher völlerey und da Er das Edict wegen des besauffens übertreten, 20 Thlr. zur Straff Casse zahlen soll.“ Das Geschenk des Königs Dieser sparsame preußische König war es übrigens auch, der die 1714 errichtete erste Synagoge inr Jahre 1718 besuchte; das Geschenk, das er damals machte, ein kostbarer Vorhang, ist heute noch im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen. Das sind ein paar Bilder aus den Anfängen der. Berliner jüdischen Gemeinschaft. Ganz anders dagegen sieht das jüdische Berlin etwa hundert Jahre später aus. Da lebt Markus Herz, „Doktor der Arzneigelahrtheit, Professor der Philosophie und Arzt am Lazarett der Jüdischen Gemeine zu Berlin“. Da gibt es die Salons der Gattin des Markus Herz, der Henriette Herz, der-Rahel Levin-Vamhagen, der Madame — Salons, in (lenen sich das geistige Berlin traf: Fichte und Schlegel, die Brüder Humboldt und Schadow und all die anderen führenden Persönlichkeiten. Diese Epoche freilich war für den Bestand und die Erhaltung der jüdischen Religion und des Judentums überhaupt sehr wenig zuträglich. In diesen Jahrzehnten kam es sehr vielen Juden nur darauf an, das „Entree-; billettzur europäischen Kultur“ zu erwerben» Und in unseren Tagen -erst spuren die Enkel jener Männer, daß auch das „Enträebillett“ nicht die Türen öffnet, durch die der „Eintritt verboten“' ist. Rudolf Melitz. nicht aber sie zu verschärfen! Wenn Euch die sportliche Entwicklung der_ jüdischen Jugend am Herzeit liegt — mul sie ist wichtig genug, um der höchsten Maximen jeder Entwicklung teilhaftig werden — denn laßt die Politik aus dem Sportbetrieb weg! Datm seht nur den sportlichen Gegner und vergeht fiir einige Zeit/ dall es andere Momente gibt, die trennen! Die sporttreibende Jugend wird den Nutzen ^d^vou haben! Unglaublich, aber wahr ~ . Schokolade mit Scheidungshrieff Bevor ich diese Geschichte erzähle, muß ich — weil" ich weiß, dall sie sehr, sehr unwahrscheinlich., klingt — versichern, dall sie wirklich gescheiten ist,, und zwar vor gar nicht langer Zeit." ' - in einer Vorstadt Warschaus lebt Herr Sigmund Lew und seine Frau Hannah. Die Ehe der Beiden war.glücklich — doch nicht lange. Frau Hannah erfuhr, dall inr Gälte sich iit der Zwischenzeit mit einer anderen Frau verlobt hatte. Als sie ihm daraufhin Vorwürfe machte, Itörtc er sie still an, ging aus dem Hause und — kam nicht mehr wieder. Die Frau setzte alles in Bewegung, um ihren Mann zu veranlassen, wieder zu ihr zuriickzukoiumen. Vergeblich! Er war unauffindbar. .. Eines Tages kam zu Frau Hannah ein fremder Mann in die Wohnung, der vorgab, von ihrem Manne geschickt zu' sein, der sich eines Besseren besonnen habe und zu ihr. sciiltr rechtmäßigen Frau, zurückkehren wolle. Frau HatmahS- Freude kannte keine Grenzen. Am nächsten Tage sollte ihr Mahn selbst kommen, —• so hatte es sein Bote versprochen. Doch am nächsten Abeml kam der Bote wiederum und brachte diesmal ein Paket mit Obst und Schokolade mit. . „Das ist von ihrem Mann,“ sagte der Bote, „er ist noch nicht so weit mit sich im klaren, um selbst zu kommen. Vorläufig schickt er dieses Paket — als Vorfreude.“ . Begeistert nahm Frau Hannah das Paket an sich. Als sie es auspackte, entdeckte sie einen Zettel, auf dem Worte in hebräischer "Schrift standen, die, sie nicht entziffern konnte. Eben wollte Frau Hannah den Boten -fragen, was dieser Zettel zu bedeuten habe, als er ihren Worten Vorgriff und sagte: ' _ „Dieser Zettel ist derJScheidebrief.Eures Mannes. Ich bin Zeuge, daß Ihr ihn .an Euch genommen habt. Ihr seid von Eurem Manne geschiedenl“ Nach einer Weile fanden Hausbewohner die Frau ohnmächtig in ihrem Zimmer — eine Folge des Verhallens ihres. Mannes. Dieser Fall ist ein typisches Beispiel dafür, 'wie » manchen jüdischen Kreisen überalterte Ehevorschriften aus-' gelegt und ausgenutzt werden. 'So mancher, der hört, daß von jüdisch-liberalen Kreisen gegen derartige Auslegungen Widerspruch erhoben wird, mag angesichts dieses Falles ein- " mal darüber nachdenkcn, wohin solche Anschauungen führen.. Es ist. wahrlich nicht das erste Mal, daß dergleichen an die Öffentlichkeit gebracht wird, aber es muH immer wieder darauf hingewiesen werden; wie wenig soldie Auslegungen in den Rahmen der fieutigen Anschauungen des Judentums passen. K. La. Ein Gebot der Stunde: Keine Politik im jüdischen Sport! Von" Jim Kroner Es erscheint nicht nötig, zu Beginn dieser Zeilen noch auf die Gründe einzugehen, die zu ihnen führten, die sie schließlich notwendig machten. Die Differenzen innerhalb der jüdischen Sportverbände haben leider weit mehr von sich reden gemacht als es dem Gedanken des Sports, ja als es der ganzen jüdischen Gemeinschaft dienlich und angenehm sein kann. Kein Wort ist mehr darüber zu -verlieren. Was geschehen ist, kann nicht mehr geändert werden, nicht aber darf man müßig dabei stehen, wenn sich unheilvolle Fäden aus der Vergangenheit in die Gegenwart herüberziehen, wenn sie sich sogar wimtückisch in der Zukunft verankern wollen. Diesem Treiben, das gleich dem der Termiten genau so unsichtbar wie gefährlich ist,. heißt es Einhalt gebieten. Zunächst einmal eine Feststellung: man tut den Aktiven mit der Verpflanzung politischer Momente in ihre sportliche Ebene keinen Gefallen! Man - rede sich nicht ein, daß sie für die ihnen aufgezwuhgene Rolle, Spielball politischer Gruppen zu sein, dankbar-sind! fm Gegenteil! Die jüdische Jugend hat sich in den jüdischen Sportvereinen zusammengeschlossen, um weiter an der körperlichen Vervollkommnung arbeiten zu können, um schließlich im Wettkampf untereinander die Kräfte zu stählen, das eigene Können zu übeiprüfen. Grade das vergangene Jahr hat viele Hunderte jüdischer Sportler, die bis zur nationalen Revolution paritätischen Vereinen angehörten, den jüdischen Sportvereinen zugeführt. Ihnen lag nichts ferner, als die Verquickung jüdisch-politischer Momente mit ihrer sportlichen Tätigkeit. Man verstehe mich nicht falsch. Es ist selbstverständlich, daß die verschiedenen Vereine nach innen hin ihre Mitglieder in der Weltanschauung erziehen, die ihnen spezifisch eigen jst. Es ist eine Notwendigkeit, daß im, Innenbetrieb eine geistige Ergänzungsarbeit geleistet wird, die eben im rein Geistigen jene Grenzen hervorruft, die der Sport grade mildern und während des Wettkampfes sogar verwischen soll. Das Moment der sportlichen Gegnerschaft ist wahrhaftig sichtbar genug. Es bedarf in keiner Wisse einer Verstärkung. . Die jüdischen Sportler haben sich ihre Führer nicht gewählt, um von ihnen'gegeneinander ausgespielt zu werden. Aufgabe und Arbeitsgebiet der Vorstände ist es, die organisatorischen Fragen zu erledigen, Wettkampfmöglichkeiten zu schaffen, den Aktiven ihre sportliche Betätigung zu erleichtern und überhaupt erst zu ermöglichen. Gründlich mißverstanden aber haben jene ihr Amt, die da glauben, im 'Säen von Hader, in der künstlichen Züchtung von Schwierigkeiten ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Die jüdischen Sportler haben wirklich nicht einen derartigen Oberfluß an Wettkampfmöglichkeiten, daß man es sich leisten kann, noch untereinander eine höchst unnötige Beschränkung herbeizuführen. Soll die sportliche Entwicklung nicht stagnieren, sollen nicht viele Talente, die sich unter den jüdischen Sportlern befinden, ihren Höhepunkt überschreiten, ohne jemals das höchste Maß ihrer Möglichkeiten erreicht zu haben, heißt es, die Politik aus dem Sportbetrieb zu entfernen. Wenn man glaubt, seiner kleinen Bedenken nicht Herr weiden zu können, dann möge man sich darüber im klaren sein, daß man ein sportfremdes, ja ein sportfei n d 1 i che s T r e i b e n entfaltet. Dann schenke man sich die wiederholten Versicherungen, man wolle den Sport fördern und ihm nützen. Dann habe man aber auch den Mut, den Aktiven zii sagen: „Unser Hader ist uns wichtiger als eure sportliche- Ertüchtigung!“ Vor einigen Wochen hat der Leiter des „Deutschen Fußballbundes“, Prof. Glöckner, seine prinzipielle Em- Das HolzmojJell im Vorderasiatischen Museum Wie sah der Babylonische Turm aus? Die Berliner Staatlichen Museen sind um eine neue, höchst bedeutende Schau bereichert: die Sammlung vorderasiatischer Altertümer, die bis 1930 in dunklen Kellerraumen des Kaiser-Friedrich-Museums untergebracht war, ist mitrden in den letzten Jahren von den von der Notgemcinscliaft der deutschen Wissenschaft ausgerüsteten Expeditionen heiingebrachtcn -Funden in neun Sälen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Man gewinnt in diesen neun Sälen einen überblick über fast vier Jahrtausende. Der j üd ische. Besuc he r der neueröffneten Museumssäle hat -seine besondere Freude an den unter Robert- Koldewey gemachten Funden: an dem durch reliefierte Wandteile gekennzeichneten Ischfar-Tor und dem Modell eines der sieben Weltwunder, der Rekonstruktion des Turmesjujii Babylon. Ein undurchdringliches Dunkel lagerte ja lange Zeit hindurch über der Geschichte des Babelturmes, der nach der Bibel 1. Mos.. 11, 1—9 von' Noahs Nachkommen als weithin sichtbares Zeichen der Versammlung begonnen, aber von Jahwe durch Verwirrung. der Sprache der Bauenden, die Babylonische Sprachverwirrung, in der Vollendung gehemmt wurde. Generationen dachten über diesen wunderbaren Vor, gang nach, machten sich Gedanken darüber, wie wohl jener l'urm der Sprachverwirrung überhaupt ausgesehen haben mag. Heute ist man einen Schritt weiter gekommen, wissen1 " schaftliche Ergebnisse vermögen den Schleier, den die Legende gewoben, dahin zu zerreißen, daß sie bezeugen, daß in Wirklichkeit jede größere babylonische Stadt einen solchen Turin besaß, welcher religiösen, astronomischen und militärischen Zwecken diente. Koldeweys Veröffentlichung „Das. wiedererstehende Babylon“ erzählt im gleichen Maße von Geschichte, Literatur lind Kunst, von Religion- und Mythos. Und gerade das Vorderasiatische Museumvermag einen Abglanz dieser versunkenen Jahrtausende zurückliegenden Kunst zu ver( mittein. Nebukadnezars königliche Bauten! Jener Nebukadnezar II. (005—562), der die Juden besiegte und in die Gefangenschatt führte, vertrauter. Begrift duren die Bezeichnung „babylonisches Exil“, ließ die Königsburg erbauen mit den Thronsälen und" den Tempeln, mit wehrhaften Mauern, mit der glänzenden Prozessionsstraße für Marduck, den gefürchteten Gott der Stadt Babylon, und mit jenem groll- "artigen Doppelter. ' , In mehr als direktem Zusammenhang mit diesen vorderasiatischen Kunstwerken steht der Turm zu Babe), jenes .Holzmodell, das jetzt im Museum Aufstellung gefunden»-Es ist farbig abgetönt und stellt die Orundmaße des Bauwerks und die Hauptmotive seiner Gestaltung klar. Nach der Legende muß der Babelturm ein Riesenwerk gewesen sein, und