Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 43 (29.5.1934)
- Date
- 1934-05-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Berlin Dienstag, 29. Mai 1934 Preis 20 Pfg. Nr. 43 — 14. Jahrgang zv Berlin. Srfir heutiges Subentum unb religiöfett (Hufbou Herausgeber: Hanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstags und Freitags Der Leser hat das Wort Zuschriften an die „Jüdisch-liberale Zeitung" Um die Wünsche ihrer Leser kennen zu lernen . und sie zu wirklichen Mit-Arbeitern zu machen, hatte die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ihre Freunde aufgefor- ■ dert, ihr mitzuteilen, was sie in ihrer Zeitung vor allem zu lesen wünschen, welchem Gebiet ihr besonderes Interesse gilt, und was sie an der „Jüdischliberalen Zeitung“ etwa vermissen. Von den zahlreichen Zuschriften, die uns auf diese Aufforderung zügegangen sind, veröffentlichen wir' nachstehend einige, auch wenn der eine öder andere der darin geäußerten Wünsche bereits in unserem Blatte verwirklicht ist. Weitere Äußerungen unserer Leser folgen.■ - Ein Blatt für deutsche Juden „Die. Redaktion schweigt, der Leser hat das Wort.“ Dieser Gedanke des Schlußsatzes der Aufforderung „Der Leser hat das Wort“ ist nicht neu; das ist kein Vorwurf, . sondern im Gegenteil ein Lob. Beste Tradition kommt darin V zum Ausdruck, denn in den großen englischen Tageszeitungen "S hat bereits seit mehr als 50 Jahren die Spalte „to the editor“ eine ganz besondere Bedeutung; hier werden wirklich neue und anregende, kühne und nachahmungswerte Gedanken ausgesprochen, sie entspricht keineswegs dem „Eingesandt" unserer kontinentalen Zeitungen, das sichmeistens mit recht belanglosen bzw. auf einen sehr kleinen Interessentenkreis abgestimmten Beschwerden oder Verbesserungen befaßt. ' Sicher .gilL auch für eine Zeitung der Goethesche. Satz, „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Jedoch Vielheit und Einheit sind subjektive Vorstellungen; in uns liegt es einmal, das Viele als das Eine und ein andermal die Einheit als Vielheit aufzufassen. Deswegen muß all das Viele, was eine Zeitung nun einmal zu bringen hat, unter den Begriff der Ei n h e i t' zusammengefaßt werden._ Diese Zusammenfassung unter dem einheitlichen Begriff Jüdisch-Liberal — das ist die Aufgabe der Redaktion. Hiermit kommen wir schon zu dem weiteren Punkte, der Abgreiizung. ‘ Die „J ü d i s c h -1 i b e r a 1 e Zeitung“ muß sich infolgedessen schart von anderen jüdischen Zeitungen unterscheiden. Sie hat weder zionistisch, noch orthodox zu sein. Diese Gebiete gehen sie nur insofern etwas an, als sie die jüdisch-liberalen Belange tangieren. Da sie in erster Linie für deutsche Juden schreibt, und deutsche Juden auf deutschem Boden eine historische Vergangenheit haben, so soll, sie die alte Tradition berücksichtigen. Denn wir lernen nicht nur Geschichte, sondern vielmehr aus der Geschichte, und zwar aus unserer deutschen und jüdischen Geschichte, durch' die und mit der wir geworden sind. „Quand miime“ soll sie der Jugend die Erinnerung an die Zeit ihrer Väter als Spiegel vor Augen halten, sie soll erzählen von den alten Gelehrten und Forschern, von den bedeutenden Philosophen, Naturwissenschaftlern, Medizinern und Juristen, von den großen Künstlern und Musikern, von den Wirtschaftspionieren, die das Judentum hervorgebracht hat, die zum großen Teil für die Einheit des deutschen Vaterlandes gekämpft und gestritten und zum Ruhme ihrer Heimat an hervorragender Stätte gewirkt haben. Sie soll darüber hinaus aber nicht die Nöte und Probleme eben dieser Jugend vergessen, die unter so veränderten Verhältnissen aufwachsen muß, und sie soll ferner Bereiterin des neuen Bodens dieser Jugend sein und werden. Sie soll Kunst und Künstler fördern. Sie soll und muß Kritik üben, aber die Kritik muß sachlich bleiben und muß, von hoher Warte aus gesehen, fähig sein, die Subjektivierung des Einzelnen zur Objektivierung für die Allgemeinheit auszuwerten. Kritik ist Entscheidung, und ihr ist anvertraut zu entscheiden über das;-was bleiben wird und das, was vergänglich ist, über Wertvolles und Unwertes; insofern, hat sie eine schwere erzieherische Aufgabe zu erfüllen, die bewußt erfüllt werden muß. Was Hermann Cohen von der Ethik sagt, das gilt auch von der "Zeitung; „Sie hat keine andere Aufgabe als gegen das "Irrewerden und ' frremacheii ‘der sittlichen Kultur an sich selber, an ihrer Wahrheit und Wahrhaftigkeit sowie an öem unvergleichlichen Werte ihres ‘höchsten Gutes die Menschheit zu verwahren.“ Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint zweimal wöchentlich, dadurch ist sie in der Lage, auch außerjüdische Dinge zu bringen, wichtige Tagesnachnchten, und so dem jüdischen. Leser die Tageszeitung zu ersetzen. Selbstverständlich soll sie Fragen des jüdischen Gemein wes ep s diskutieren und sich zur Vorkämpfenn ihrer Anschauung machen. Sie soll auch nicht vergessen; daß sie auch in den Kreisen der Assimilanten ihre Leser hat, und diese mit gilt es zurückzuführen aus ihrer zwiegespaltenen Haltlosigkeit zu einheitlicher Weltanschauung. . Sie soll an der modernen Literatur, soweit sie für uns Juden von Interesse ist, nicht ganz Vorbeigehen. Eine modische Plauderei, Scherz und Humor, und etwas leichte Lektüre machen sie bekömmlicher, ohne ihr zu schaden. Sie Wo wir dabei sein sollen Mitunter freilich erübrigt es sich, diese Frage zu stellen: überall dort, wo man uns ausgeschlossen hat aus dem politischen, gesellschaftlichen und geistigen Leben der Gesamtheit, wo man uns — hart und bitter genug empfunden — Schranken gesetzt hat, die zu überschreiten wir nicht imstande sind. Oft und entscheidend tritt sie dennoch an uns heran, fordert von jedem, daß er sein Leben seiner Antwort gemäß bestimme. Zwei Episoden eines Gesprächs, neulich in größerer Gesellschaft geführt, können beleuchten, worum es dabei geht: Letzthin, erzählt jemand, habe er auswärtige Gäste durch Berlin begleiten müssen und ihnen dabei auch, weil sie das durchaus kennen lernen wollten, ein paar der größten Vergnügungslokale gezeigt. Und in einem der elegantesten habe er sich einmal die Gäste angesehen und feststellen müssen, daß sich unter ihnen auch Juden'befanden, die sich in nichts von der hier herrschenden Stimmung abhoben, — nicht viele übrigens. Irgendwie, meinte er, sei ihm das peinlich gewesen. Die Mehrzahl der Anwesenden schien seine Gefühle nicht zu verstehen. Dann ging die Unterhaltung weiter. Und irgendwann kam man auf Stefan George zu sprechen; die Dame des Hauses war bei einem Vortrag über den. Dichter gewesen, bei der Totengedenkfeier, die für ihn sein Freund, der Maler Melchior Lechter, abgehalten hatte. Der Abend hatte ihr viel gegeben; was sieaber besonders er? zählenswert fand, war die Tatsache, daß unter den Zuhörern ein ziemlich großer Prozentsatz, etwa ein bedeutendste Repräsentant des neuen Staates gefeiert möge zum Zusammenhalt unter den Juden beitragen und zu einer wohlverstandenen Geselligkeit anregen. .... „ „ . ..-V» . S. Seemann, Berlin. — In 12 Zeilen Die Antwort, der ich hier mich unterfange auf Deine Frage: „Was ich lesen will?“ heißt kurz: recht viel von jüdischem Belange! Ein and’res, glaub’ ich, kaum ein Leser will. Die Zeiten, da bewußt ein Redakteur schrieb, um sein Publikum zu unterhalten, sind vorbei. Es gilt nicht „mehr und immer mehr“, nur, um geschickt ein Ganzes zu gestalten. Die Zeit sorgt für Dich in so reicher Weise, daß sie — wie Du selbst sagst — die Zeitung macht. Beleuchte sie, schreib’ schlicht, das Gute preise; so hab’ ich meine Zeitung mir gedacht. Waller Skomlinski, Stettin. Bibel, Bilder und Sport Ich erlaube mir hiermit, Ihrer Aufforderung entsprechend, einige Anregungen für den Inhalt Ihrer geschätzten Zeitung zu übermitteln, von denen Sie einige bereits beachtet haben. 1. Wiedergabe inhaltreicher Predigten in kurzer Form, unter Hervorhebung besonders aktueller Gedanken oder der aut den betreffenden Sabbat bezüglichen Bibel- und Haftarahstellen. ' 2. Auszüge aus Bibel- und Haftarahstellen für den betreffenden Sabbat oder Feiertag im Wortlaut oder in einer Erläuterung von fachkundiger Seite. 3. Fortsetzung der Aussprüche von großen Deutschen über das Judentum und Bibel, aber auch von jüdischen Deutschen. 4. Kurze Romane, Novellen und Erzählungen aus dem jüdischen Milieu, insbesondere von jüdischen Schriftstellern. 5. Wiedergabe wichtiger Stellen aus Bibel, Psalmen, Propheten, Sprüche der Väter usw. zur Kenntnis der heiligen Schrift. 6. Pflege der Wanderungen und des Tumsnorts der jüdischen Jugend, Aufruf zu Spenden zur Beschaffung von Herbergen, Turngeräten, Turnsälen und Ausrüstungen. 7. Ehrung durch Wort und Bild von jüdischen Persönlichkeiten, die sich für die jüdischen Angelegenheiten besonders verdient gemacht haben. 8. Photographien besonders verehrungswürdiger jüdischer Kultusstätten, besonders in Deutschland und Palästina. Justizral Dr. Ernst Schlesinger, Berlin. würde. Daß sie es täten, bewiese’nur ihr Unverständnis dafür, was heute unsere geistige Pflicht bedeute. Es waren übrigens nicht nur Zionisten, die so sprachen. —. Viertel, Juden gewesen sei. Und wirklich erregte diese Feststellung großes Aufsehen, es gab einen ernsthaften Streit der Meinungen, und die Mehrzahl vertrat die Ansicht? daß es betrüblich sei, die deutschen ■ Juden so ohne Taktgefühl zu wissen, daß sie zur Feier füreinen Dichter liefen, des^als der tiefste und -Und aus -dem Gegeneinander der beiden Dinge wurde/manchem erst so recht die innere Unsicherheit bewußt, unter der ein großer Teil, der deutschen Juden heute lebt: die des Auftretens und der inneren Grenzen, die durch die deutsche Umwälzung jedem von uns in allen Äußerungen unseres Seins gezogen wurden.' Wo wir dabei sein sollen, haben wir uns jetzt häufig zu fragen, bei Allemeigentlich, was wir ' tun. Die negative Antwort auf solche Frage wäre leicht und eindeutig: Nirgends sollen wir sein, wo wir als. Nichtjuddn ebenfalls nicht dabei sein könnten. Damit ergibt sich auch, was dazu zu sagen ist, wenn man Juden in eleganten Lokalen usw. sieht. Das nämlich, was jeder Einzelne darüber denkt, und es wird nicht übertrieben sein zu behaupten, daß viele Juden, - ja die meisten? heute ein unangenehmes Gefühl nicht - unterdrücken können, wenn sie andere in Luxuslökälen ’Sekt trinken oder in Smoking und tiefem Dekollete eine Tanzbar besuchen sehen. Aber nicht das wird das Peinigende daran sein, daß es Juden tun, sondern daß es auch Juden tun-in einer Zeit, die soziales Verständnis von jedem fordert und alle zwingen sollte, ihr Leben nach Grundsätzen der Verbundenheit alles. Schicksals einzurichten. Natürlich wird, wer 'die volkswirtschaftliche Bedeutung des Luxus für sehr wichtig hält, hier anders urteilen, aber für die Mehrzahl der. heute in Deutschland wirklich zu einer Notgemeinschaft zusammengeschlossenen Menschen, Juden wie Nichtjuden,, gilt heute, daß sie reinem Luxus? der ja doch nur ein Ausdruck unbekümmerter Verständnislosigkeit sein kann, unbedingt ablehnend gegenüberstehen. Hier kann auch unser Verhalten nicht zweifelhaft sein. Umgekehrt ergibt sich..grade daraus, daß wir da mit in allererster Linie stehen müssen, wo es — wie beim Winterhilfswerk — darauf ankommt, änderen zu helfen, die auf solche Hilfe angewiesen sind und sie von uns moralisch beanspruchen können. Auch hier besteht die Frage nicht. Sie taucht in ihrer ganzen Größe auf, sowie cs um geistige Dinge geht und um das Problem, ' ob es Angelegenheiten gibt, vor denen wir als Juden und nur als Juden uns verschließen müssen, zu denen wir eben nicht gehören. Daß darunter heute mit der gleichen Schärfe, als ob man uns ausdrücklich ausgeschlossen hätte, politische Versammlungen gehören, bedarf kaum der Erwähnung, das Taktgefühl des Einzelnen wird diese einzig mögliche Entscheidung selbst treffen. Aber das andere, der Vortrag, das Theater, die verschiedenen Bildungsmöglichkeiten (soweit sie uns zugänglich sind) — gehören wir dorthin oder verlangt unsere Selbstachtung, daß wir fernbleiben-? .. Die Antwort, die allein, denkbare, unbedingt dabeizubleiben, ist nicht ohne Gefahr. Kann man aber eine andere geben? Wenn selbst-uns die aktive Mitarbeit an vielen Dingen heute erschwert oder unmöglich gemacht ist, bleibt doch unsere Liebe bestehen. Und dieser Liebe dürfen wir folgen. Es gibt ja nichts,, wohin wir nicht gehören, wenn unsere Liebe dort ist — so wenig es für uns ein Verbot gibt, Deutschland zu lieben, selbst wenn wir an seiner Gestaltung heute keinen Anteil haben, existiert irgendetwas sonst, was nicht für uns bestimmt ist, nichts wenigstens für einen Juden, den seine Liebe dorthin treibt. Und wenn selbst einer bewußt nicht für uns Juden schriebe, malte oder, komponierte, wäre das ganz gleichgültig und bedeutungslos, da er ja niemandem verbieten: könnte, ihn doch zu lieben, ihm doch zu dienen nach seiner Art. Weil wir überzeugt sind, daß die Liebe zu einer Sache, zu einem Menschen alle Schranken überwindenkann, meinen wir, „dabei sein“ zu. dürfen, glauben -41 ..ji ■ ijfj) ■'Sjl