Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-25 · 42 (25.5.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
42 (25.5.1934)
Date
1934-05-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613557--4946-2616691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Berlin Freitag, 25. Mai 1934 Preis 20 Ptg. Nr. 42 — 14. Jahrgang -I lMlilC?'&I3E§! za Berlin.' I pt beutfdjes 3ubeittum unb reltgtofen Aufbau Herausgeberhanns Loewenstein Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentliche Dienstags und Freitags Schmerzhafte Trennung Juden im Ausland Von Engen Tannenbaum ln London hat vor kurzem zum zweitenmal der Verwaltungsrat des Emigranten-Hilfswerks getagt. ln langen Reden, aus. denen warmes Mitgefühl drang, wurden Pläne zur dauernden Seßhaftmachung der aus Deutschland ausgewanderten Juden erörtert. Es war eine Sitzung, die nur wenig erfreuliche Aussichten für die Zukunft eröffnete. Uruguay und Ecuador tauchten als Fata Morgana auf und verschwanden sofort wie- . der. Zum Schluß der Konferenz hielt der Vorsitzende, Cecil of Cheltvood, eine Ansprache, in der er die Lage. der 50 000 bis 60 000 Auswanderer schilderte und die Notwendigkeit betonte, eine endgültige Lösung des Problems an die Stelle der zeitweiligen Unterstützung treten zu lassen. Gibt es überhaupt eine Lösung? Eine Lösung, die eine Er-Lösung ist? Etwa 50 000 Juden aus Deutschland sind während der letzten vierzehn Monate in der Brandung unserer Zeit in das Rettungsboot der Auswanderung geflüchtet; überstürzt, verängstigt und unüberlegt die ersten, bedächtiger die später nachfolgenden. Die Statistiker wollen von 62400 „politischen und jüdischen ^Emigranten“ wissen. Aber keiner weiß, wieviel von ihnen untergegangen sind, körperlich, seelisch, geistig, ohne ersehntes Neuland erreicht zu haben oder auch solche, die ah die lockenden Gestade eines neuen Ufers gerissen wurden. 62 400 — „nicht einmal ein Zehntel Prozent der gesamten deutschen Bevölkerung vor dem Auszug der Kinder Israels und der Internationale“, stellt der Statistiker der „Wahrheit“ mit Bedauern fest, und er rechnet gewissenhaft nach: „Frankreich hat den etwas zweifelhaften Genuß, mehr als ein Drittel davon beherbergen zu dürfen, und ins angebliche „Land ihrer Väter“ westlich des Jordans zogen ihrer 10 000; nach Transjordanien nämlich lassen die dortigen Araber keine Juden hinein, sondern würden wohl jeden totschlagen, ' der sich über den Jordan gen Osten hinüberwagen würde.-.-. Polen hat 8000 Emigranten bei sich einziehen sehen, meistens wohl Juden, die von dort her nach Deutschland geströmt sind, als bei uns noch Milch und Honig floß_Die anderen Länder in Europa, wobei allerdings Rußland ausscheidet,, weil dort keine Feststellungen zugelassen waren — haben sich alle mit je einigen tausend Emigranten begnügt... 62400 — aber Lärm machen sie jeder für zehn, daß der Welt die Ohren gellen“. Das ist nicht nur schlechtes Deutsch,. wenn., wir uns diese Kritik erlauben dürfen, es dürfte immerhin auch nicht so ganz der — Wahrheit entsprechen. Noch ein halbes Jahrhundert, nachdem die spanischen Juden der Inquisitionszeit sich voller Verzweiflung von ihrem Geburtsland und den Gräbern ihrer yäter losgerissen hatten, um einer mehr als ungewissen Zukunft entgegenzugehen, in der Fremde, unter Völkern, deren Sprache sie nicht verstanden, begegnete man überall Flüchtlingen, einzeln und in Gruppen, die gedemütigt, gezüchtigt, verarmt, verkommen, von Land zu Land irrten. Nirgends kamen sie zur Ruhe. Die Odyssee ihrer Leiden schien kein Ende nehmen zu wollen. Der Sturm des Unglücks hat auch deutsche Juden aufs Meer gepeitscht. Semigranten hat billiger Witz jene Menschen genannt, denen in Deutschland die Existenz genommen war, die glaubten, unter hartem . Zwang der Notwendigkeit den Sprung ins dunkle Ungewisse tun zu müssen, die sich aus der Traditionsgebundenheit von fünf Generationen schmerzhaft lösten, und sich tastend, irrend, ohne Hoffnung,- aber auch ohne Groll zufechtzufinden auf wankendem Bo-, den eines fremden Landes, immer gequält von dem Hunger nach Seßhaftigkeit. „Mein Weg — voll* Schmerz, mein Ziel — so fern“ heißt es in einem ergreifenden Gedicht des Russen Brjussow. Ist es nicht wie eine Fahne, die jenen Juden .voranflattert, die wähnten, Irrwege in die Welt wählen zu müssen? Auch Palästina hat nicht alle glücklich gemacht. Auch Frankreichs Sonne scheint auf leidgeprüfte deutsche Juden. Auch . . . Der „Angriff“ hat kürzlich einen Berichterstatter nach Praggeschickt, zu einem „kleinen Besuch bei Juden“. Er weiß nichts von solcher Verfassung. Er braucht es vielleicht auch nicht zu wissen. Er hat u. a. festgestellt: J „Sie kamen an in Scharen. Einige mit tollkühnen Mienen, jeder^ Zoll ein Feldherr, der leider die Schlacht' auf unbestimmte Zeit verschieben mußte. Mit ihnen aber ein ganzes Schock verdatterter Juden, Es wird gemeldet: In einer unter dem Vorsitz des Direktors Heinrich Stahl abgehaltenen Direktoriumssitzung der Berliner Jüdischen Oer meinde wurde vor Eintritt in die Tagesordnung der Unwetterkatastrophe in Tiberias und des beklagenswerten Verlustes von . Menschenleben gedacht. Es wurde beschlossen, den zuständigen palästinensischen Stellen die wärmste Anteilnahme der Berliner Jüdischen Gemeinde auszusprechen. * Der Berliner Gynäkologe und Krebsförscher Hofrat Dr. Adolf Theilhaber feierte am vergangenen Mittwoch seinen 80. Geburtstag. Seine Behandlungsmethoden werden in einer ganzen Reihe von Ländern angewandt. * ■ In Berlin findet am 29. und 30. Mai die Ve rs t eigerung der Kunstsammlung Rudolf Mosse statt. Es gelangen Gemälde, Möbel und Kunstgewerbe zur Auktion. . * Am.3. Juni findet in Worms aus Anlaß des 900jährigen Bestehens der Synagoge, über deren Entstehung wir kürzlich ausführlich berichtet haben, ein Weihegottesdienst statt. Der Vorsitzende der Reichsvertretung der Deutschen Juden und . Vertreter jüdischer Korporationen werden daran teilnehmcn. Aus Anlaß des denkwürdigen Tages soll eine vom Gemeindevorstand veranlaßte Gedenkschrift erscheinen, an der namhafte jüdische Historiker Deutschlands mitgearbeitet haben. Die deutsche Glaubensbewegung hat sich unter Führung des Tübinger Professors Wjlhelm Hauer neu formiert. Als Leitsätze wurden auf einer Tagung in Scharzfeld im Südharz ül’a. aufgestellt: Die Mitglieder der neuen Gemeinschaft haben die eidesstattliche Versicherung abzugeben, daß sie frei sind von jüdischem und farbigem Bluteinschlag, daß sie keinem Geheimbund, keiner Maurerloge noch dem Jesuitenorden und daß sie keiner anderen Glaubensgemeinschaft angehören. Der Vorsitzende der Jüdischen Reformgemeinde Paul Pincus gestorben . Am Abend des 2. Schowuaustages ist Paul Pincus, der erste Vorsitzende der Jüdischen Reformgemeinde, von langem Leiden sanft erlöst worden. Etwa einundeinhalb Jahrzehnt- — seit Georg Mindens Tod — war Paul Pincus der berufene, Führer dieser Religionsgemeinschaft, die er mit sicherer Hand und nie erlahmendem Geist durch alle Fährnisse der sich jagenden Zeitenwenden hindurchlenkte^ In seine Zeit fielen Nachkriegszeit und Inflation mit all den schwierigen wirtschaftlichen Sorgen; doch Paul .Pincus und seine engsten Mitarbeiter wußten, Herr über alle materiellen Kümmernisse zu werden. Ja, mehr noch, die Gemeinde wuchs, sie erlangte Geltung und Ansehen, Paul Pincus gelang es, den bedeutungsvollen Vertrag mit der Berliner Jüdischen Gemeinde zu vollziehen. Außerdem schuf er neue Satzungen innerhalb der Reform. Ferner verdanken wir ihm die neue Liturgie, die überflüssiges Beiwerk aus den alten Texten löste und den Gottesdiensten der Reformgemeinde Weihe und Andacht verleiht: nach denen im Reiche nie ein Staatsanwalt gekräht, und die nichts anderes hatten, als Dreck am. StecJten, den tnan bisher übersehen. ' Fragte man sie, warum sie geflüchtet seien, so machten sie mit ihren „abgehackten“ Händen nur eine abwehrende Geste; als ob sie Bilder des Grauens zu verscheuchen hätten, und trockneten sich ein paar Tränen, die ihnen aus den „ausgestochenen“ Augen kullerten, Worte des Schmerzes um die verlorene „Heimat“ gefühlvoll einstreuend. Ja, die „Heimat“'. Es liegt uns fern — wir haben es wiederholt ge-' sagt —, Elemente in Schutz zu nehmen, die wir nie zu unserer Gemeinschaft gerechnet ■ haben, und die ihr Judentum unter, einer Maske verborgen 'hielten. Der Berichterstatter des „Angriff“ hat Olück gehabt, . daß er gerade ihnen begegnet ist. Andere hat er nicht gesehen. Es dürfte heute nicht viele jüdische Familien in Deutschland geben, denen die Post nicht mindestens einmal in der Woche_Briefe ■ von Angehörigen und Freunden ins Haus bringt, die die Marken irgend eines fremden Landes tragen; ob es Palästina ist oder Spanien, Holland oder Südafrika. Tausende und abertausende. Aber diese Briefe machen niefy den Eindruck, als ob sie von Menschen geschrieben seien, von denen man in der allgemeinen Presse immer wieder liest, wie .sie gegen Deutschland wühlen unef schüren, und was sie sich alles erhüben. Sie'machen den Eindruck, als hätten diese. Armen ganz, ganz andere Sorgen, als zum Boykott gegen deutsche Waren zu hetzen. Diese Briefe wissen nichts von „jüdischer ' Ueberheblichkeit und Unverschämtheit“. Es' sind Dokumente von jüdischen Menschen, die sich niemals hatten vorstellen können, daß sie einmal die schmerzhafte Trennung von Deutschland würden vollziehen müssen. Briefe der Demut, der Bescheidenheit, aus denen deutlich und verhalten, rückhaltlos und schonend — in jedem Fall aber erschütternd — das Oer fühl der Heimatlosigkeit klingt, — trotz allem —die Sehnsucht nach deutscher Heimaterde. Aber es ist nicht Sehnsucht allein. Sehnen hatte im Mittelhochdeutschen noch'den ursprünglichen Sinn „bekümmert sein.“ Sie klingen auch bekümmert. Nicht allein um die Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft. Die exilierten Juden Babylons haben die in der Heimat verbliebenen gezwungen, Juden, zu bleiben, und sie haben sie' immer wieder veranlaßt, durch Treue, zum Glauben ihrer Väter eine Schutzmauer für die Seele zu errichten, die sich stärker als^dte Zeit und alle Stürme erwiesen hat. Viele Tausende aus unserer Gemeinschaft haben den Irrweg in die Welt angetreten — ein Weg, voll Schmerz, ein Ziel, so fern —... Die Briefe, die sie in die Heimat senden, sollen uns Mahnung sein. Paul Pincus’ besondere Liebe und Sorgfalt galt dem musikalischen Teil. Sein nie rastender Geist verfolgte auch noch andere Ziele, in seine Zeit fällt ferner der Uiribau im Iimem des Gotteshauses Johannisstraße. Schlicht und würdig, wie er selbst als Persönlichkeit gewesen, erstand auf Grund seiner Initiative die innere Ausgestaltung des Bethauses. In die Aera von Paul Pincus fällt auch die Gründung der Jugend g-emeinschaft der Jüdischen Reform^; gemeinde.’ Er, der selbst bis zu seinem Ende jugendlich umT zielstrebig geblieben, verfolgte mit. immer wachsendem Interesse und neuen Plänen die Aufgaben dieser Jugend, mit der er immer lebte und zu der er immer wieder zurückfand. Die -Berufungen der beiden Prediger Dr. Rosenthal und Dr. Oottschalk erfolgte schließlich auch durch Paul Pincus. Die Trauer um den Heimgang Paul Pincus’ ist allgemein.. ' . Der Verstorbene stand im 74. Lebensjahr. Ober die Beisetzung, die gestern unter größter Beteiligung m Weißensee stattfand, werden wir in der nächsten Nummer ausführlich berichten. B.P.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.