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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-22 · 41 (22.5.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
41 (22.5.1934)
Date
1934-05-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Berlin Dienstag, 22. Mai 1934 r BaMjifier-Semfear j za Berlin. ( Preis 20 Ptg.. Nr. 41 — 14. Jahrgang pt teures JuDentum unb cellgiöfen Hlufbau HerausgebenHanns Loewenstein Die »Jüdisch-liberale Zeitung** erscheint zweimal wöchentlich: .Dienstags und Freitags II ft’ Selbstbehauptung! Die Danziger Synagogengemeinde an den Senatspräsidenten Nit Ehre und Würde nicht vereinbar Nach außen und innen Es ist heute nicht leicht', ein deutscher Jude zu sein, — selbst dann, wenn man hier noch die Grundlage einer wirtschaftlichen Existenz haf. Und das verständnisvolle Wort Adolf Hitlers, er wisse wohl, daß die Rassengesetzgebung in Einzelfällen zu tragischen Härten führen müsse, aber es sei notwendig, darüber hinwegzugehen, gilt nun schon über diese Einzelfälle hinaus: aus der zwangsnotwendigen Fortsetzung einmal begonnener Entwicklungslinien ergibt sich tragisches Schicksal immer wieder für jeden von uns. Nur unter solcher Einstellung können wir die letzten Dinge betrachten, die wir in der Judenfrage erlebt haben: die Rede des Reichsministers Dr. Goebbels zum Beginn des „Kampfes gegen Kritikaster und Miesmacher“, den schmerzhaft empfundenen Leitartikel „Wie spricht man mit Juden“ im heute zum Zentralverlag der NSDAP gehörigen „Angriff“ und den ebenfalls dort erschienenen Aufnif „Anstandsunterricht für Juden“. Aus dieser neuesten Entwicklung müssen wir deutschen Juden unsere Konsequenzen ziehen. Und es ist immerhin überraschend, die Betrachtungen der „jüdischen Rundschau“ unter einer Ueberschrift .zu sehen, die dort etwas seltsam anmutet: Wir deutschen-Juden! Es geht einem mitunter so, daß man sich über ein zufällig, gehörtes Wort sehr freut, aber doch bedenklich wird, wenn man sieht, woher es stammt und was damit gemeint ist. Wir haben nichts dagegen, wir sind im Gegenteil froh, wenn die „Jüdische “Rundschau“ fühlt, daß es in diesem Augenblick nicht -um das Judentum geht, sondern um uns, um die deutschen Juden. Nur sollte sie darin auch folgerichtig genug sein, nicht wieder von den „Juden in Deutschland“ zu sprechenes gibt hier-nur ein Entweder — Oder. Leider.aber ist der Aufsatz mit dem'so anspruchsvollen und verpflichtenden Titel und trotz des so anders anmutenden Tones nicht al|ein das, was in dieser ernsten Stunde gesagt werden mußte. Es ist keine Freude, heute im Kampf um unsere Selbstbehauptung auch noch nach innerjüdischer Seite hin polemisieren, zu müssen, aber es ist in diesem Fall unumgänglich. Darum sei es im Namen aller, die wissen, was es heißt, ein deutscher Jude zu sein, — dies nämlich, den Ausgleich zwischen der deutschen und der jüdischen . Verpflichtung unseres Seins zu finden und nicht nur, wie die „Jüdische Rundschau“ meint, „unsere Pflichten... voll und loyal zu erfüllen und die Gesetze zu achten“, — ausgesprochen, daß es nicht für „die deutschen Juden“ gesprochen ist, wenn gesagt wird, wir wüßten, daß wir als Deutsche nicht mehr vollwertig sind. Es ist oft genug gesagt worden, was deutsches Judentum ist, wir haben uns immer wieder auf unsere Leistungen für. dieses Land berufen. Wir wissen, daß das in diesem Augenblick nicht mehr anerkannt wird. Aber es wird nur dann gelingen, uns alles zu nehmen, was wir errungen haben; wenn wir selbst uns ’ aufgeben. Man kann von uns sagen, daß wir ihinderwertig seien —, wir müssen es hinnehmen. Aber-man kann uns nicht zwingen, aas selbst von,uns zu glauben. Götthold Ephraim Lessing schrieb sich selbst den Text seines Grabsteins, und. es stand darauf riebst ein paar bitteren Worten über die Meinung der anderen: „Weiß ich nur, wer ich bin...“ Diese tiefe philosophische Weisheit hat die Zeit überdauert, sie gilt auch für uns; an dieses Wissen um den Wert unseres Deutschtums müssen wir uns halten. Allerdings: wenn wir selbst wissen, wer und was wir sind, so sollen wir uns doch nicht Brücken bauen, die morsch und ungangbar sind. Grade weil wir hoffen, uns einmal wieder als vollwertige Deutsche nicht nur fühlen zu. dürfen, sondern auch' anerkannt zu sehen, müssen-wir die Schwere dessen, was man heute gegen uns vorbringt, besonders deutlich sehen. Und es ist sinnlos und gefährlich, uns selbst vorzugaukeln, Herr Dr. Goebbels habe in seiner Rede im Sportpalast, als er sagte, er wisse wohl, daß der Boykott im Auslande auf „unsere jüdischen Mitbürger zurückzuführen“ sei, nicht gemeint,-wir als deutsche Juden seien schuld, sondern die Judenfrage selbsL Wir haben uns bemüht, gegen den Boykott zu wirken, wir haben ihn vom jüdischen Standpunkt aus als überflüssig, sinnlos und grundlos bezeichnet, viele deutsche Juden haben ihren. Einfluß im Ausland dagegen geltend zu machen versucht. Und an dieser Stellewurde wiederholt ausgeführt, wie stark alles wirtschaftliche Geschehen in Deutschland auch die per- - sönlichsten Interessen der Juden berührt. Dennoch und trotz allem glauben weite Kreise des Nationalsozialismus, daß die deutschen Juden für den antideutschen Boykott verantwortlich seien. Wir bedauern das, wir können nichts dagegen tun außer zu zeigen, wie. sehr auch Juden in Mitleidenschaft gezogen wurden — aber wir. müssen es uns deutlich und klar vor Augen halten. Denn auch dieses Mißverständnis gilt es aus der Welt zu schaffen. Es ist nicht mutig, sich über die Eindeutgikeit dieser Sachlage zu täuschen. Und darum wollen wir sagen, daß wir die Bedeutung der Sätze der Sportpalastrede, die sich mit der Boykottfrage beschäftigen, wohl begreifen. Aber wenn wir nachweisen, daß wir von uns aus alles getan haben, um gegen~diesen ’Boykott zu arbeiten, dann haben wir wohl Anspruch darauf, daß man unserem Bekenntnis glaubt, dem Lande, in dem wir leben und das die Tradition eines Jahrtautausends unserer Vergangenheit trägt, eng verbunden zu sein. ~ ' \ Die letzten Ereignisse hier haben uns tief bedrückt. Aber sie konnten uns nicht aus einem Schlummer wecken, weil wir wach waren und beobachteten, was geschah. Von den wenigen noch immer Unbelehrbaren erhoffen auch wir, daß sie nun. Formen ihres Auftretens, wählen werden, die der jüdischen Notzeit entsprechen; oft genug ist das schon von jüdischer Seite ausgesprochen, ohne daß es der Aufforderung des „Angriff“ bedurfte. Es ist bedauerlich, daß noch immer Einige zu Apsständen Anlaß geben. Aber bis zum letzten Augenblick unserer Existenz werden wir den Anspruch erheben, Juden und Deutsche uns nennen zu dürfen, wissend, welche Verpflichtung dieses doppelte Sein für uns bedeutet. Hans Samter. Protest des Erzbischofs von Canterbury Gegen die Ritualmordbeschuldigung London. Das Oberhaupt der englischen Hochkirche, der Erzbischof von Canterbury, hat an die „Times“ einen Brief gerichtet, in dem er schärfsten Protest gegen die in letzter Zeit wiederholt laut gewordene Ritualmordbcschuldigung erhebt. Der Erzbischof teilt mit, dal) sich seinem Protest 40 repräsentative Vertreter der christlichen öffentlichen Meinung Englands angeschlossen haben. Die Namen dieser Männer zu nennen, sei überflüssig, da er überzeugt sei, daß.alle Mitbürger die Empörung der Urheber des Protestes teilen würden, wenn ihnen das Wesen dieser Blutbeschuldigung bekannt wäre. Polnische Regierung gegen Ritualmordgerächte Warschau.-In Warschau werden von national-radikalen Elementen Gerüchte verbreitet, Juden hätten in Molotow einen Christen ermordet. Tn einem Communique nimmt die polnische Regierung gegen diese Lügenhetze energische Stellung. In einem Aufruf deS| Gouverneurs von Warschau werden die Bürger der polnischen Hauptstadt aufgefordert, sich nicht von verächtlichen Provokateuren" beeinflussen zu lassen, die nur Haß säen und Unruhen unter den Einwohnern Warschaus hervorrufen wollen. Warum der Sturmer beschlagnahmt wurde DNB teilt amtlich mit: Auf Befehl des Herrn Reichskanzlers wurde die Sondernummer des „Stürmer“, Nürnberg, Mai 1934, betitelt „Ritualmord-Nummer“, wegen eines Angriffs gegen das christliche Abendmahl beschlagnahmt: Liberaler Rabbiner predigt in der Kirche London. Auf die Einladung der Kirchen gemeinde von Maidenhead leitete der Rabbiner einer liberalen Synagoge von London den Gottesdienst. In der ganzen Geschichte Englands ist ein ähnlicher Fall nicht bekannt. Diese Einladung wird als eine Kundgebung des anglikanischen Christentums gegen den Antisemitismus bezeichnet. Im „Danziger Vorposten“, dem Organ der NSDAP in _ Danzig, wurde ein Gedicht „Der Auserwanlte“ veröffentlicht,_ das dem Vorstand der Danziger Synagogengemeinde Veranlassung zu einem Schreiben an den Senatspräsidenten gab, dem wir folgendes entnehmen: „Wenn es auch eine gewohnte Erscheinung ist, daß Juden und jüdisches Wesen in dieser Zeitung angegriffen und herabgesetzt werden,. so gehtdie. Steigerung, welche diese Übung in dem bezeichncten Gedicht erfährt, über alles bisherige Maß weit hinaus. Wir können es mit unserer Ehre und Würde nicht vereinen, die Beschimpfungen dieses Gedichtes stillschweigend zu erdulden, zumal darin auch unverhüllt zum Boykott und zu Gewalttätigkeiten aufgefordert wird. Mehrfach ist bereits versucht worden, ein Eingreifen derberufenen amtlichen Stellen gegen die Verunglimpfungen der Juden herbeizuführen, die regelmäßig In.der in Nürnberg erscheinenden und in Danzig ungehindert verbreiteten Zeitschrift „Der Stürmer" enthalten sind. Wir gehen wohl nicht in der Annahme fehl, daß die dem Stürmer gegenüber bewiesene Duldung der Behörden die Überzeugung gefördert hat, daß der Ton dieser Zeitschrift . auch für eine Danziger Zeitung als zulässig-und erlaubt ' angesehen werden müsse. Wir bitten, die zuständigen Behörden mit Anweisungen dahin zu versehen, daß sie auch den Juden den innen zukommenden Schutz gegen öffentliche Verunglim-' Öm zuteil werden lassen. Soweit wir für die Juden en, die Danziger Staatsbürger sind, ergibt sich die Begründung dieser Bitte bereits aus den Grundsätzen der Danziger Verfassung. Wenn wir nicht nur für die Dan--- ziger, sondern auch für die ausländischen in Danzig ansässigen Juden sprechen, so ergibt sich unsere Verpflichtung hierzu aus der Tatsache der Zugehörigkeit zu un- . serer Gemeinschaft und unsere Berechtigung unter anderem aus der Besorgnis, daß Veröffentlichungen wie das erwähnte Gedicht dem Ansehen und den Interessen Danzigs im Auslande stark abträglich sein können.“ Der Präsident des Senats der Freien Stadt Danzig hat darauf erwidert, daß er in dem Gedicht eine Aufreizung zu . Gewalttätigkeiten nicht erblicken - könne. „Sie wollen versichert sein,“ heißt es zum Schluß, „daß die'Regierung wie _ bisher auch in Zukunft die Mitglieder Ihrer Gemeinde genau wie alle unsere Staatsbürger zu schützen wissen wird.“ Da dieser Bescheid an dem in der Beschwerde zuin Ausdruck gebrachten Wunsch nach Ehrenschutz für die Juden in, Danzig vorbeigeht, will der Vorstand nochmals fiel der Regierung vorstellig werdeti. Baden für luden nicht verboten Die' „Wahrheit“ schreibt: Sic müssen wissen, daß jüdischen deutschen Staatsangehörigen-das Baden in öffentlichen-Badeanstalten nicht verboten werden soll, i Der Beginn der diesjährigen Badesaison gibt Veranlassung, auf die diesbezüglichen Vorgänge des vergangenen Sommers hinzuweisen. In Bischofs bürg in Ostpreußen ist, wie die „Bischofsburger Zeitung“ meldet, Juden der Zutritt zu den städtischen Badeanstalten verboten worden. Da gleiche Vorgänge, an anderen Orten sich abgespielt haben und höheren Orts annulliert wurden, dürfte dies inzwischen auch in Bischofshurg geschehen sein. Uebertritte zum Judentum Die B e r I i n e r R c f o r m gern c i n d e veröffentlicht eine Statistik, aus der hervorgelit, daß in der Zeit vom 1. Januar 192(> bis zum 31. .Dezember 1933 durch die, Prediger der Reformgemeinde 135 Personen in das Judentum aufgenommen wurden: die-Mehrzahl der Übergetretenen gehörte vorher der evangelischen- Landeskirche an. Während iin,' Jahre 1926 nur 12 Personen übertraten, waren es im vergan- Jahr 23. Nach der Statistik wurden 1927 22 Personen, 1928 19, 1929 16,, 1930 12, 1931 21, 1932 10 in die Jüdische Reforn.gcmeinde aufgenommen. Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für 7uni. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „Jfldlsdiliberalen Zeitung“. ■i ■-■i.

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