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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-11 · 38 (11.5.1934) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
38 (11.5.1934)
Date
1934-05-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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„Was ihr wollt“ im Kulturbundtheater ' Baeck, Shakespeare, Hilfe und Aufbau Das Theater des Kulturbundes deutscher Juden will kein _Starunternehmen sein. Am Mittwoch abend, bei der Erstaufführung von Shakespeares „Was ihr wollt1' zugunsten des Zentralaussclnisses für hülfe und Aufbau wurde es trotzdem dazu gestempelt. Nicht durch die Namen, die das Programm ■aufwies, sondern durch die Besetzung des Zuschauerraums. Die Festveranstaltung, als Auftakt für die grolle Sammelaktton des Zentraiausschus.se.s gedacht, gestaltete sich zu einer,repräsentativen Vereinigung aller im Hilfswerk der deutschen Juden führenden Kreise. Die Jüdische Gemeinde war durch Direktor Stahl und Moritz Rosenthal vertreten. Professor Seligmann vom Jüdischen Krankenhaus konnte vom Rang aus Untersuchungen über die heilsame Wirkung Shakespeareschen Geistes, ansfellen. Von der Reichsvertretung sah man Landgcrichtsrat Dr. Lilienthal und Dr. Leschnitzer, vom C.V. Justizrat-Brodnitz und Dr. Bruno Weil. .In der Pause konnte man" sehen, wie sich Hauptmann Leo Loewenstein vom RjF. in derdichten' Menge einen ‘Weg zu einem Teegedeck bahnte, während Direktor Borchardt gemeinsam mit dem Pressechef Dr. Friedrich Brodnitz im Gewimmel zufrieden den Erfolg der Veranstaltung konstatierte.Ehe der Vorhang sich hob, richtete der Vorsitzendedes Zentralausschusses, Dr. Leo Baeck, von der Bühne aus nachdenkliche und werbende Worte, die wir weiter unten wiedergeben, an das Publikum. . Es war nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein künstlerisches Ereignis. Die Aufführung von Shakespeares Schwank — er war für den Dreikönigstag verfaßt —, in dem sich Alärchenzartheit und rülpsende Derbheit, lyrische Sehnsucht und trunkene Tollheit zu befreiender Besehwingtheit verbinden, erhält ihr Licht — unter der künstlerisch abgewogenen Regie Fritz Jeßners — nicht aus einem Zentralpunkt, wie etwa einer Elisabeth Bergner in der Barnowskyschen Inszenierung. Nicht von darstellerischen Einzelleistungen, nicht von Engelbert Humperdincks Musik, die mit Geige und Flöte das Spiel durchzieht, nicht von der Drehscheibe, auf der Kurt L e u n e r Seme andeutenden Parkpartien, seinen zum Zechen einladenden Kneipraum, Seine sonnüberheljten Hallen und Treppenstufen, seine mit saftigem Grün überwucherten Mauern mit knappen und wirksamen Mitteln aufbaut, auch nicht durch die zusammendrängende und souveräne Bearbeitung von Julius Bab und Dr. Elisabeth Levy. Sondern durch den harmonischen Zusammenhang all -dieser Elemente. Wobei der Regisseur Fritz Jeßner dem Spaß und derben Humor mehr Recht zur Z I s oretten- Holm - Ap p a rate Kostenlose Aufstellung in jedem Haushalt mit jeder Marke auch jedes Quantum ohne Apparat frei Haus. Haap, Pf»l*burger»tr. 60k H 7 Wilmersdorf 8971!. Vertreter werden noch eingestellt Entfaltung einräuint als.. de.r Melancholie und schmachtenden Verliebtheit des Herzogs (Ernst Lciiart). In diesem Sinn wäre, auch dem großartig angelegten schwermütigen Narren des Fritz Wisten mehr' Närrischkeit, mehr Humor zu wünschen gewesen» Den verkleideten Pagen Cesario stellt Mira Rosowsky auf zwei grazile Beine. Mit einer.beseelten Anmut in Tonfall und' Bewegung und einer heiteren Sinnlichkeit, die diese Mädchen- und Märcheugestalt in ein holdes menschliches -Wesen verwandelt. Aus dein zappeligen Jungepjiaft-Trotzigen bricht das erwachende Weibliche knospend hervor. Reizend, wenn sie ihre Stimme ins Draufgängerisch-Männliche schraubt und sich im Brustton der Oberzeugung als „Mann“ bekennt, “ wenn sie mit weitausholenden Hosenschritten energisch über die Bühne schreitet. Oder die kindliche Angst bei dem gefürchteten Duell. Und immer, zwischendurch, die 2arte Mädchensehnsucht, die unter halbverkapselten Augen glüht. Dann wieder die sanfte Entschiedenheit der Abwehr bei den Annäherungsversuchen der verliebten Olivia, der Ruth Reimer die Anmut ihrer Erscheinung und ihrer Empfindung leiht. Fröhlichkeit, meint Heinrich Laube, ist Sauerstoff im -Theater, der .die Lebenskraft-erhöht. Sauerstoff auf Weinflaschen gezogen (sie müßten allerdings aus physikalischen Gründen von Stahl seinj_ lieferte in reichlichen Mengen Fritz Lion, ein rundlicher, genießerischer, unbedenklicher Junker Tobias, und er hat in Julius Kuthan, der seine Dümmlichkeit nur'manchmal allzu dick aufträgt, einen fidelen Kneipkumpan und ein willkommenes Ausbeutungsobjekt. Am meisten um die Aufführung verdient macht sich das pralle, .dralle, rotbäckige erdgebundene Kammermädchen der Lotte Stein, die so ansteckend zu lachen verstellt^ daß das Gelächter auch den letzten Widerstrebenden im Zuschauerraum im Tränenstrom des Lachens mitfortreißt. Wenn dieses Ulktrio in der Laune der Bezechtheit seinen bellenden Kanon anstimmt und die Hundeseele noch in Träumen laut wird, oder wenn es auf der Mauer und* der Lauer liegt, sobald Hermann H e u s e r-Malvolio sich liebeslüstern und aufgebläht geckenhaft in seiner eigenen Dummheit spiegelt, dann wird die WohJtätigkejtsveranstaltung zu einer in jeder Weise wohltuenden Aufführung, weil sie mit ihrer unbekümmerten Lustigkeit Sorgen für einige nachhaltige Stunden hinwegräumt. Das Publikum war beglückt und zwang alle Mitwirkenden durch endlosen Beifall immer wieder vor den Vorhang. Eugen Tannenbaitm. * Dr. Leo Baecks Ansprache: Vom jüdischen Standort In seiner Ansprache, die der Vorsitzende des Zenfralausschusses und Präsident der Reichsvertretung, Rabbiner Dr. Leo Baeck, zu Beginn des Abends hielt, führte er aus: Alles, was vor unseren Blicken liegt, zeigt nicht nur etwas, sondern stellt etwas dar, es ist nicht nur etwas, sondern es bedeutet etwas. Darin tut sich der Wert von etwas kund, daß es j;o. das Bjld einer Bedeutung, eines Sinnes sein kann, daß es sein Sinnbildliches haben darf. Was bedeutet es derart, daß wir hier an diesem Abend zu diesen Stunden beisammen sind?" Wir haben ja das innere "Recht, zu diesem Abend zusammen zu sein, nur wenn das alles hier auch seinen Sinn hat, der über diese Stunden hinausreicht. Dieser Abend, will bedeuten, daß wir alle von unserem jüdischen Standorte, unserem jüdischen Platze aus in die Welt hinausblicken, daß wir um unseres Jüdischen, um unseres Menschlichen willen in die Welt hinaussehen, in die Welt des Großen, diese Welt der Tragödie, und die Welt des Kleinen, diese Welt der Komödie, um das Große in seiner Größe und das Kleine in seiner Kleinheit zu sehen. Es ist das Eigene, das Geniale, das Persönliche'S h a k e - speares, daß er in der Kraft seines Denkens und Gestaltens den Menschen mit der Welt zu verbinden vermochte. Sein Genius hat die weite Fülle der Wirklichkeit, der Natur, der Geschichte und des Schicksals umfaßt und sie in Menschengestalt eingefügt, sie zu dem menschlichen Standpunkt und auch der menschlichen Verantwortung hingeführt. Er hat eine Synthese, eine Verknüpfung und Verwebung zur Einheit, zwischen Welt und Menschlichem zu gestalten vermocht, mit allen den Problemen auch, die darin gegeben sind — er ist ja auch mehr ein Meister der Probleme als der Lösungen. DurcIT seine Kunst können wir in die Welt hinaussehen lernen. Wir Juden des vorigen Jahrhunderts, zuinal wir deutschen Juden.-, hahen uns viel, darum bemüht, und uiis viel daran liingegeben und auch daran fortgegeben, die Welt durch die Kunst zu eigen zu gewinnen. Wir haben uns zu sehr und zu oft darin und daran fortgegeben, und wir haben dadurch zumeist unseren jüdischen Standort verloren — und nur vom jüdischen, durch die Jahrtausende geschaffenen Standort aus können wir wahr und zutiefst die Welt sehen. So viele von uns hatte eine Schausucht und eine Schaugier, eine Hörsucht und Hörgier erfaßt und hatte diese Menschen durch ihre Tage hindurch und in ihren Tagen umhergetrieben. Wir kennen sie, um sie mit einem Worte des Aristophanes zu benennen, diese „zehntausend Männlein und II Chemische Reinigung Erich Krause' KaispraiJee J3 Ecke MeierottocJraße Wollkleid 2,50 b:s 3,- Seidenkle'd 3,50 bis 4,— Rufen Sie ah: ja Oliva 9341 II Weiblein“, deren Lebensinhalt es war, Kunst zu sehen, Kunst zu hören, über Kunst zu sprechen, diese ästhetisch Verkleideten, die immer dem Modernen nachwandelten. Sie haben den jüdischen Standort verloren, ’ und sie haben darum auch nie von der Welt etwas erlebt aus einem Grunde vor allem. Ihnen war das, was die Kunst zeigte, bloßer Stoff, Stoff der Schausucht und Hörsucht, des Verlangens nach Neuem und Wechselndem, nur Stoff, aber nicht Kraft, und es ist ihnen darum auch nicht zur Kraft geworden. Und es gibt nur eine Kraft im Menschlichen, die sittliche, die religiöse Kraft; alles andere Können ist nur Macht oder Talent, nur Gewalt oder .Fertigkeit. Das Jüdische und das Menschliche ist in jenem Treiben verzehrt worden. Eines kann hiervor retten, das ist die Besinnung auf den Sinn des Lebens, und alles Leben erschließt sich uns im eigenen, uns Juden im jüdischen Leben. Diese Besinnung auf uns, diese echte Selbsterkenntnis wird zur inneren Befreiung. Selbsterkenntnis ist nicht, ein Blick in den glatten Spiegel, sondern ist der Blick zu der Pflicht, zu der ernsten, Opfer gebietenden Pflicht. So hat der Meister, der nach Shakespeare als Größter Wieder Welt und Leben sah, Goet he es gesagt: „Versuche deine Pflicht zu tun und du weißt gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.“ Im Opfer, das wir bringen, lernen wir wahrhaft in die Welt hinaussehen, von unserem jüdischen Standort aus in sie hineinblicken. Das Opfer für Menschen befreit von ästhetischem Getriebe und Modernitätsgehabe. Der heutige Abend ist der Kunst geweiht, diesem Bück in die 'Welt, und er ist zugleich einem Entschluß geweiht, ' diesem Wege zur Welt. Er will die Arbeit unseres Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau einleiten, dessen zweites Jahr mit alten und neuen großen, unentbehrlichen Aufgaben vor uns hintritt, und dazu aufrufen, daß jeder nach seinem Können für dieses große Werk eintrete und beitrage. Wer das erfüllt, dem erschließt sich das Leben, der ist davon gereift und geprüft, die Kunst zu erleben, in ihr die Welt zu erfahren, als Jude die Welt mit ihren Fragen und Geboten. Letzte Nachrichten Durch Zeugenaussagen im Äriosoroff-ProzeB Dje Angeklagten schwer belastet Jerusalem. Die Vernehmung des jetzigen Polizeiagenten Mosche Cohen im Arlosoröff-Mordprozeß bedeutete eine große Sensation. Er war am 7. August verhaftet und später in Rosenbiatts.Zelle gebracht w;orden. Wie er der Polizei mitteilte, habe Rosenblatt ihm gegenüber gestanden, Dr. Arlosoroff ermordet zu haben. Vor Gericht gab Cohen an, er habe in Rosenblatts Zelle dessen Vertrauen gewonnen. Der Herr, Die Dame Elegante Maßschneiderei A. Berkowitz, joachimsthalerstr. 38. J 1 Bismarck 7640 Er, Cohen, habe einmal in bezug auf Rosenblatts. Hände die Bemerkung gemacht, es wundere ihn, daß diese Hände, die wie die eines Mädchens aussähen, einen Revolver gehalten haben sollten. Rosenblatt habe darauf erwidert: „Doch ist es so. Diese Hände hielten die Schußwaffe.“ Der Zeuge erklärte weiter, Rosenblatt habe ihm -auch von einem Gespräch mit Frau Arlosoroff im Büro des Hauptmanns Rice erzählt, wobei er bemerkt habe, daß Frau Arlosoroff, hätte sie gewußt, daß er wirklich der Mörder ihres. Manries war, ihm wohl nicht so ruhig ins Gesicht hätte blicken können. Auf die Äußerung Cohens, er habe ins Gefängnis kommen wollen, fragle der Verteidiger: „Wollten Sie das, um ein Geständnis Rosenblatts zu erlangen?“. Darauf verweigerte der Zeuge zunächst'die Aussage, um später zu erklären, er wisse den Grund nicht mehr. Er habe Rosenblatt, um dessen Vertrauen zu gewinnen, zuerst gesagt, er sei als Revisionist verhaftet worden. Befragt, ob er von der Polizei aufgefordert worden sei, die Revisionisten zu bespitzeln; bemerkte Cohen: „Ich kann, nicht beschwören, daß dies nicht der Fall war.“ Alsdann wurde der Polizeiinspektor G o f f e r vernommen, der in der Wohnung Stavskys und Achi-Meirs Manuskripte. beschlagnahmt hatte. Er kam dabei zur Verlesung einer Stelle aus Achi-Meirs Tagebuch, in der es heißt: „Verbrechen aus politischen Gründen ist eine Sache, die objektiv und subjektiv beurteilt werden müsse. Derjenige, der es begeht, glaubt kein Verbrechen begangen, zu haben. Aber auch ausländische Regierungen sind verpflichtet, es nicht als Verbrechen zu beurteilen.“ Eine spätere Eintragung bezieht sich darauf, daß bei seiner nach dreiwöchiger Haft erfolgten Freilassung von Mädchen Blumen überreicht wurden: „Wir brauchen keine Blumen, wir brauchen zum mindesten Dolch e.“ (Siehe auch den Bericht auf der 2. Seite.) .Inh. G. Gabriel. Seit über 10 Jahren Spezialbüro tür elektr. Autoausrüstungeil. Repariert alle Lichtii. Zündanlag. Amerik. Lichl-Zünd Diensl. Bosrh-Peparaluren. Batterie-Weikst, Ladestation. Leihbftierien für jed. Wagen. Berlin - Wilmersdorf, Wexstraße 49, Ecke Kufsteiner Straße ■ H 6, 5033 ' FÜRSORGLICH VORSORGEN SCHÜTZT VOB SORGEN! XV, ÄV“ v\''u'’* . * '•TOv./i&.c ö2v!'4, vu. ■ «s>-1*4?<■ V r4. ^.Schildere, Möbel- Kamerling N, Kastanien- . allce 56 E. FchrbellinrrStr. Eigene Weikstätf. Moderne Schuhmacherei Walter Christen Siiatl. 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