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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-24 · 33 (24.4.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
33 (24.4.1934)
Date
1934-04-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 24. April 1934 Einzelnummer 20.Pt. zu Berlin Nr. 33 gfit beutjdies 3irbentum uttb religiösen «ilufbou Se5Hfirs,’PrSfÄ-s:' Monatlich 1,35 R Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM<-_ werden bei allen Postämtern angenommen. — An* zeigen nach Tarif. -- Bei Nichterscheinen infolge Ä höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung derentsprechenden Bezugsgebühren. 14. Jahrgang — Herausgeber: H Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint zweimal wöchentliche Dienstag und Freitag u„u Freitags.^- Reda'kSS uniTaJ^häftMteTlei Berlin Charlottenburg 4, MommsenstraOe 40. — r ernruf: ) 6 Bleibtrcu Sammelnummer. 1545.-^. Bankverbindung: KredUverein für Handel und Gewerbe e.0..m,b. H., Berlin N 21. - Postscheck- Konto: „Jüdisch-liberale Zeitung44, Berlin 227 64. Lebensraum auf dem Fundament der Arbeit? / it / Kartothek 20000 Am 1. Mal begeht das deutsche Volk den Tag der nationalen Arbeit. Ein Feiertag der sozialen Ehre, ein Tag der Verkündung vom Adel der Arbeit. Er wird zum Symbol der Volksgemeinschaft. Alte, jahrzehntelange Klassengegensätze werden überbrückt. Gleichviel* ob es sich um Betriebsführer oder Betriebsgefolgschaft handelt — sie haben erkannt, daß die Arbeit das Glück der Gesamtheit wie jedes Einzelnen begründet. Die Arbeit lenkt und beherrscht die ganze Wirtschaft. Sie verschafft dem Volk freien Lebensraum, und nur gemeinsames Dienen wirkt zum Nutzen der Gesamtheit. Der Tag der Arbeitist aber auch ein Zeichen dafür, daß der Arbeiter ein vollgültiger Mensch geworden ist. Er ist nicht mehr „Sinzig und allejn Produktions- .und Kostenfaktor.- Seine Rechte werden verbrieft durch die weitausgebauten Arbeitsgesetze, die die Reichsregierung zum 1. Mai in Kraft treten läßt. . Auch für uns jüdische Deutsche-weckt der Tag der Arbeit in der für unsere Glaubens- und Erlebnisgemeinschaft eigenen Betrachtungsweise Gedanken und Gefühle der Prüfung und Besinnung. Die Geschehnisse in den letzten fünfviertel Jahren haben zweifelsohne die Bande zwischen den einzelnen Glaubensgenossen. enger geknüpft. Manche Spannungen, . die sich im Laufe von Jahrzehnten eingestellt haben, wurden durch die Zeit gelöst. Viele von uns haben eingesehen, daß nur ein sfarkes und im Bewußtsein tief verankertes Gefühl der Zusammengehörigkeit, in die uns zudem noch die Gesetze spannen,, daß nur. unbeirrbare Hingabe an die großen und heiligen Sätze unserer vieltausendjährigen Glaubenslehre dem einzelnen einen sicheren Halt in seiner. Seelennot gewähren. Wir sehen aber auch ein, daß der einzelne unter uns jüdischen Deutschen, mitten indie Welt der Wirtschaft gestellt, von. den Fehlern und. Nöten einer jahrzehntelangen Zerklüftung, eines, alles, gefährdenden Klassenkampfes nicht verschont worden ist. Der Wandel, der sich hier vollzieht, ist auch bei uns nicht ohne Auswirkung geblieben. Den Arbeitsfrieden, den die Reichsregierung ins Werk setzt, begrüßen wir aus vollstem Herzen, .weil wir wissen, daß er auch für unsere Gemeinschaft eine Stärkung bedeutet. Jeder Mensch trägt Gottes Antlitz.. Er muß als Mensch Achtung und Ehrerbietung fordern, gleichviel wes Standes er auch sei. So haben schon in wahrhaft sittlicher Größe die Thora- und Talmud-, gesetze den Wirtschafts-und Arbeitsfrieden innerhalb der jüdischen, Glaubensgemeinschaft statuiert, ln unseren Tagen wollen wir eingedenk unserer Mission unter den Völkern, alle gefährlichen und schädlichen Spannungen sozialer Art aus unserer Mitte verbannen. Niemals war das Wort, daß eine starke/ Gemeinschaft nur dann gedeiht, wenn ihre Glieder unter Hintansetzung aller persönlichen Interessen dem Gemeinsamen dienen, von größerer Geltung als heute. Wir, die wir zu Hunderttausenden in ehrlichem Streben und erfüllt von Verantwortung gegen uns. und unser Werk tagaus, tagein unserer Arbeit nachgehen, sind uns ganz besonders in dieser Zeit der Rechte und Pflichten der Arbeit bewußt. Unser Lebensraum baut sich auf dem Fundament der Arbeit auf. Wir wollen es stärken und festigen. Nur verständnisvolles Zusammenwirken aller Schaffenden im Sinne einer höheren Ordnung macht es unerschütterlich. Wenn wir an diesem Tage besonders an diejenigen unserer Glaubensgenossen denken, die noch nicht wieder in den ' Wirtschaftsprozeß eingegliedert sind, wenn uns ihre Nöte und Sorgen, ihr Kiftnmer und ihre Verzweiflung mahnen, dann werden wir, uns erst so recht bewußt, was Arbeit bedeutet. Wir empfinden dann aber auch die Pflicht, ihnen Stütze zu sein, weil wir damit unsere Gemeinschaft stärken. Gewiß wird es jenen, deren Existenz noch gesichert scheint, nicht immer leicht sein, in dem erforderlichen Maß zu helfen. Auch Juden können Betriebsführer. sein, und ihre Stellung als solche legt ihnen die Pflichten auf, mitzuwirken an der Wiedereingliederung der brotlosen Brüder in Steilung und Erwerb. Sie setzen sich, damit ein für die wirtschaftliche Gesundung unserer Gemeinschaft. Der fortschreitende Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft'nach-Jahren schwersten: Krise-dehnt-den- Kreis der Möglichkeiten. Gerade weil, jetzt und. innächster Zeit die Unterbringung von jüdischen Menschen vornehmlich auf jene Betriebe beschränkt ist, deren Leiter uns zugehören, ist das wirtschaftliche Schicksal unserer Gemeinschaft in so starkem Maße uns selbst in die Hand gegeben. Werden wir uns dieser wahrhaft heroischen Aufgabe gewachsen zeigen? Unser judesein legt uns. jedenfalls die Verpflichtung auf, mutig die Schicksalsverbundenheit auch iw iVwew positiven Werten einzusetzen: Tun und Han- dein eines jeden unserer Glaubensgenossen muß bestimmt werden durch die Rücksicht auf sein jüdisches Schicksal. - Im Kampf um die Wiederaufrichtung' der deutschen Wirtschaft wird jeder jüdische Deutsche, bh Führer oder Mitglied der Gefolgschaft eines Betrie*. ■>bes, ob Arbeiter der Stirne'oder der Fausf.wie immer wenn es galt, deutsche Not zu überwinden, auf dem ihm zugewiesenen Posten seinen Mann stehen. Seine Verantwortung wird ihm aber jetzt zusätzlich im Gebiete der Wirtschaft mit zur Richtschnur seiner Tätigkeit. Sie bindet ihn darüber hinaus an seine.Gemeinschaft, doppelt'stark. .Oottgewollfb,..ehrliche. Solidari-. tat verknüpft jüdische Menschen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, allein schon aus dem Schicksalserlebnis : unserer Tage. Und sie schmiedet härter-und-stärker: So wird der Mai-Feiertag im. Monat der Offenbarung auch uns zum Tag der Gemeinschaft und des sozialen Ausgleichs. Dr, H ...tu. Unterredung mit Bruno Woyda Ein Jahr systematischer Arbeit der Jüdischen Wirtschaftshilfe Anläßlich des einjährigen Bestehens der „Wirtschaftshilfe der jüdischen Gemeinde Berlin“ gewährte der Lei- . ter dieser Stelle, DipL-Ing. Bruno Woyda, einem nnse- ’ rer Mitarbeiter eine Unterredung, in der er einen Rückblick auf die umfassende Tätigkeit der „Wirtschaftshilfe“ gab. Das Jahr 1933, das Schicksalsjahr des deutschen Judentums, hat den jüdischen Gemeinden Deutschlands Aufgaben zugewiesen,- die weit über den Rahmen einer Religionsgemeinde hinausgehen. Schwierige, ja fast unlösbare Aufgaben waren es, die vollständig überraschend an die Gemeinden herangetragen wurden. Besonders schwierig lagen die Verhältnisse in Berlin, dem Wohnort von fast % aller deutschen Juden. In ganz kurzer Zeit wurde hier eine Organisation geschaffen, die zuerst gemeinschaftlich vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und der Jüdischen Gemeinde Berlin, später von letzterer allein geführt wurde.. „Als die Wirtschaftshilfe vor einem Jahr gegründet wurde,“ erzählt Woyda, „hatte die Verzweiflung und Ratlosigkeit einen derartigen Umfang angenommen, daß dic-neugeschaffene Stelle in den ersten Tagen und Wochen von mehreren hundert, ja oft bis tausend Personen täglich aufgesucht wurde. Firmeninhaber kamen zu uns und wollten beraten ’ sein. Angestellte benötigten Rat, weil sie fristlos -entlassen worden waren. Angehörige des ambulanten Gewerbes wiesen nach, daß sie an der Ausübung ihres Gewerbes behindert waren. -Es gab wohl kaum eine Berufsgruppe, aus der nicht Angehörige Rat oder Hilfe suchend zu uns kamen. Wir waren bemüht, zunächst Ordnung in dieses Chaos ratloser Menschen zu bringen, dem Einzelnen, wenn irgend durchführbar, ein Abwarten zu ermöglichen, ihm voii übereilten Entschlüssen und vorschneller Existenzaufgabe dringend abzuraten und die Grundlagen für den Ausbau einer systematischen Hilfstätigkeit zu schaffen. Der Aufbau . ln'der ersten Zeit.wurden naturgemäß viele Klagen über die Wirtschaftshilfe laut. , Nur der kann verstehen, was cs bedeutete, in dieser Zeit der Verzweiflung und des Zusammenbruchs, zunächst mit unzulänglichen Mitteln mul unzulänglichen Kräften, einen ganz neuen Apparat einziisctzen und dem ungeheuren 'Ansturm der Tausende standziilialtcn. Erst die allmähliche Beruhigung, die im Laufe der Zeit eintrat, machte es möglich, den Umfang der Not zu übersehen, die Stelle organisatorisch aus/uhaiicu und ein Programm konstruktiver Hilfsarbeit zu skizzieren. Dabei wurden verschiedene organisatorische Änderungen im Laufe der Zeit durchgeführt. Der Berliner Wirtschaftshilfe wurden die sozial-produktiven Stellen der Gemeinde einverleibt, insbesondere der A r h e i t s n a c h w e i s_ und die B"e r u f s b e r atung. In der eigentlichen Wirtschaftshilfsstcllc erfolgte, eine Aufteilung nach Fachgruppen (Ärzte, Anwälte, Kauflenle, Künstler usw.), wobei fortgesetzt nach den tatsächlichen Bedürfnissen Wandlungen vorgenommen wurden- und werden. So ist beispielsweise erst in den‘letzten Wochen, nach Ausschaltung der Juden aus dem zuständigen Fachverband, ein neues Dezernat für Handelsvertreter geschaffen worden.. Wenn jetzt die Wirtschaftshilfe einjähriges Juhilaimi. begeht, so muß an diesem Tage besonderer Dank der großen Zahl unserer Mitarbeiter ausgesprochen werden. Sie haben gegen Entgelte, die der Not der Zeit angepaßt werden mußten, eine Arbeit geleistet, die weit hinausging über das übliche Maß und von jedem Einzelnen den restlosen Einsatz seiner Persönlichkeit erforderte.“ Auf die Frage, wieviel Personen bisher die einzelnen Abteilungen der Wirtschaftshilfe in Anspruch genommen' haben, erwidert Bruno Woyda: „Das läßt sich genau nicht sagen, da wir in der ersten Zeit zu statistischen Skizzierüngen irgendwelcher Art keine Zeit und kein Personal hatten. Erfaßt wurden von uns in der ZeA bis Ende vergangenen Jahres (ohne Arbeitsnachweis) in

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