Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 31 (17.4.1934)
- Date
- 1934-04-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 17. April 1934 Nr. 31 Einzelnummer 20 Pt. werden bei alle» Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bei Nichterscheinen infolge Streiks oder höherer Qewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden 'Bezugsgebühren. 14. Jahrgang - Herausgeber: H Die „Jüdisch-liberale Zeitung** erscheint zweimal wöchentlich i pienstag und Freitag Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint Dienstags und Freitags.- — Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin-Charlottenburg 4, Mommsenstraße 40. — ” i f: J 6 Bleibtreu Sammelnummer 1545. — Flucht vor der Mafien« schreibt an jüdischen Freund in Deutschland Es wird gemeldet: Die Wiener Polizei hat eine vom deutsch-österreichischen Anti semitischen Bund einberufene Versammlung verboten. Auch der Straßenverkauf des antisemitischen Blattes „Der Stürmer“ wurde untersagt. Das polnische Justizministerium berät, wie aus Warschau gemeldet wird, über ein Gesetz, das alle auf polnischem Territorium geschlossenen religiösen Chen, die in das zivile Ehestandsregister nicht eingetragen sind, ein für allemal legalisiert. Das Gesetz sieht weiter vor, daß in Zukunft religiöse Ehen ohne Eintragung auf dem Standesamt nicht, mehr geschlossen werden sollen. Man schätzt, daß mindestens fünfzigtausend jüdische Ehen auf diese Weise, legalisiert werden würden. ' Berlin-Weißensee, die wegen ihrer vorbildlichen Unterrichtsmethoden allgemein bekannt ist, kann in diesen Tagen auf ihr sechzigjähriges Bestehen zurückblicken. Wie Nachrichten aus der abessinischen Hauptstadt Addis Abeba besagen, soll ein französischer Forscher das aus der Bibel bekannte „Goldland O'phir“ entdeckt :haben. Der Gelehrte, Beyronde Prorok, versichert, er habe alle Tempel und Bergwerke aufgefunden, in denen in früheren Zeiten Gold und Smaragde in großer Menge gewonnen worden seien. In Kattowitz klebten vor kurzem an den Schaufenstern einiger jüdischer Geschäfte Zettel mit der Aufschrift: „Hier ist ein Jude! Kaufe nicht beim Juden!“ Die Polizei sorgte für Entfernung, dieser Zettel. Monats ab Gastspielreisen nach Budapest, Bukarest, der Schweiz, den Niederlanden und London. Auf dem Spielplan bleiben Pirandello und Schiller. Eingefügt soll ferner werden Hugo von Hofmannsthals Komödie „Der Schwierige“. In einem Interview erklärte Max Reinhardt, daß er jedenfalls in Italien Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ verfilmen werde. Der Zustrom von jüdischen Ärzten in Palästina soll unterbunden werden Die Praxis m der Praxis rgierung nt_. _ _ —„ .....- Praxis in Palästina ausgearbeitet. ..„esc Vorschriften, die demnächst öffentlich bekaraitgemacht .werden sollen,.gehen dahin, daß in Zukunft nur noch palästinensischen Bürgern die Erlaubnis zur Ausübung der ärztlichen Praxis erteilt werden soll. Durch die neuen Bestimmungen soll dem Zustrom von Ärzten aus dem Ausland, der in letzter Zeit allzu großen Umfang angenommen hatte, Einhalt geboten werden. Daß sich die Regierung mit der Frage des Arzteiiberflusses in Palästina befasse und einschränkende Maßnahmen auf diesem Gebiete plane, war der Jüdischen Teleihen-Agentur schon im Dezember v. J. vom stellvertreen Leiter des Gesundheits-Departements der Palästina- Regierung, Harkness, mitgeteilt worden. Er erklärte damals, dafl von den 1043 Ärzten des Landes 882 Juden seien. Fast sämtliche jüdischen Ärzte, die 1933 in Palästina Praxis- Erlaubnis. erhalten haben, seien aus Deutschland eingewandert. graphe; Von Ende 1932 bis zum 30. November 1933 der Ärzte, Zahnärzte und Pharmazeuten in Palä: .... gestiegen. Alle diese Neueinwanderer seien Juden. e Zahl m 501) Wie aus Warschau berichtet wird, explodierte im Ver- einslokal der zionistisch-revisionistischen Organisation „Menorah“ in Stanislau eine Höllenmaschine, wodurch ein Teil des Gebäudes zerstört wurde. Die Täter konnten noch nicht festgestellt werden. Man vermutet, daß die Urheber des Attentats sozialistische Zionisten sind. Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für Mai. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „IQdlsdi-Hberolen Zeitung“ Wie der Genfer ITA-Vertrete/ erfährt, hat sich der Oberkommissar'für Emigrahtenfürsorge, James G. Mac Donald, von London nach Paris begeben, von wo er nach Prag, Warschau und in die skandinavischen Länder reisen wird. Es verlautet, daß das ständige Büro des Oberkommissariats von seinem bisherigen Sitz in Lausanne nach London verlegt werden soll. Max Reinhardt, der zurzeit in Prag mit einem eigenen Ensemble gastiert, unternimmt von Mitte dieses Wenn sich auch dre zahlreichen jüdischen Ärzte, die in Deutschland kein Auskommen mehr zu finden glaubten, von einer Praxis in Palästina sicherlich nicht allzu große Illusionen gemacht haben, so muß es für sie doch mehr als bitter sein, gerade im Lande ihrer Hoffnung von der Möglichkeit einer Ausübung ihrts eigentlichen Berufes völlig abgeschnitten Verbreiterung des Zentralausschusses ln der Plenarsitzung des Zentralaus scliussts der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau wurde eine Verbreiterung des Zcntralausschusses durch Hinzutritt einiger führender Persönlichkeiten beschlossen. Es wurden neu gewählt: Emil Baerwa Id, der Vorsitzende des Reichshunds jüdischer Frontsoldaten Dr.„Löw e nst e in und Dr. Siegmund W-assermann. Kulturreferent des Zentralausschusses ist unser Mitarbeiter Rechtsanwalt Heinrich Stern. . . Die verkannte lerusatem-StraBe In B r a.u-n sch w e i g waren, nach einem Bericht der D.A.Z., vorübergehend die Namensschilder der Jerusatem- Stralie mit der Aufschrift „Baldnr-von-Schirach-Straßc“ verdeckt worden. Nachdem inzwischen in der Öffentlichkeit darauf hingewiesen worden ist, daß die Straße ihren Namen zu Ehren des Abtes J e r u s a I c m frage und ihre Umbenennung daher dem Willen des Reichskanzlers zur Erhaltung geschichtlich begründeter Straßennamen widerspreche, sine ‘die Aufschriften wieder entfernt worden. Der Abt Jerusalem hat über 50 Jahre in Braunschweig gelebt. Er ist der Schöpfer der Technischen Hochschule. Versöhnliche Worte an Nichtarier Wien. Bei einer Tagung der Gemeindeallgestellten in Wien hielt Bürgermeister Schmitz eine Rede, die sich besonders durch ihren persönlichen Ton auszeichnete. Der Bürgermeister erklärte u. a., daß die Abstammung keip Hindernis für den einzelnen sein dürfe. Jeder, der am Staat mitarbeiten wolle, sei herzlich willkommen. Lieber Freund, Ihr letzter Brief h%t mich sehr - betrübt. Es klang in ihm eine Resignation durch, .wie ich sie bei Ihnen %icht für möglich gehalten hätte. Erlauben Sie mir deswegen als einem alten Bekannten, der noch dazu den Vorzug besitzt, die Dinge von . außerhalb der Grenzen zu sehen, einige offene, wohlmeinende Worte su sagen. Zunächst: Ober die Maßnahmen selbst, von denen in Deutschland die jüdische Bevölkerung betroffen wurde, ist es mir unmöglich etwas zu sagen. Und zwar aus dem einfachen Grunde,, weil sie sich durchaus meinem Verständnis entziehen. Der Antisemitismus nämlich ist etwas in Italien ganz und gar Unbekanntes. Die Juden bekleiden'hier'hohe öffentliche Ämter, nehmen hervorragende Stellungen ein im Kriegs- und Heereswesen und stellen einen nichtwegzudenkenden- Faktor fm öffenfHcfieif-KtrnsHebcn dar (Casella, z. B.,- der hervorragendste Vertreter der modernen italienischen Musik, ist Jude.) Schon daraus können Sie erkennen, wie fern wir diesen rassischen Problemen stehen. Mag sein, daß bei uns die Tatsache mitspricht, daß Italiener und Juden beide Mittelmeervölker sind und als solche starke Ähnlichkeiten, psychisch wie physisch, aufweisen. . In jedem Falle fehlen in Italien alle Voraussetzungen für einen Antisemitismus rassisch-politischer Natur. Was ich Ihnen heute zu sagen habe, ist gleichsam nur rein privater, .menschlicher Art. Es betrifft weniger Ihre heutige Umwelt, als vielmehr Ihr eigenes, . persönliches Verhältnis zu dieser Umwelt. Sie werden als künstlerisch empfindender Mensch nicht leugnen können, daß die Realität etwas ist, das zugleich sehr viel und sehr wenig bedeuten kann. Viel — indem sie uns erzieht, uns korrigiert, kurz: indem sic unseren Charakter bildet. Wenig — indem sie .unsere seelisch-geistigen Bedürfnisse unbefriedigt läßt und uns immer von neuem auf uns selbst zurückverweist. Es gibt Zeiten, in denen wir mit vollen Segeln ins Leben hineinfahren. Oft. gelingt uiis dabei ein guter Fang, aber-noch öfter kommen wir müde und abgekämpft und mit •. Wunden bedeckt zurück. Dann wieder gibt fcs Zeiten, da wir uns ganz in die - schöpferische Stille unserer Wesenheit zurückziehen, um dort reiche Ernte zu haljen und uns mit Gott und der Welt zu versöhnen. Zwischen diesen beiden Extremen, dem nach innen und dem nach außen gerichteten Leben, pendelt unser ganzes Dasein.' Es ■wechselt ab wie Saat und Ernte, wie Herbst und Winter. Und das ist gut so. Denij nur die Gegensätze, zwischen denen' unser Leben hin und her schwankt, bewahren uns vor jener Erstarrung, die den seelischen Tod zur Folge hätte. Sie selbst waren -von jeher ein Mensch, der dank . . der Reichhaltigkeit seiner Natur zu besonders starken Schwankungen verurteilt, beziehungsweise begnadet war. Das Wirken in der Öffentlichkeit war Ihnen Lebensbedürfnis. In der Öffentlichkeit erst fanden Sie die Bestätigung dessen, was Sie in stillen Stunden zuinnerst bewegte, und diese ständige (<onfroiiiierung mit der Umwelt gab Ihnen das. Gefühl der Sicherheit und der treu erfüllten Pflicht. Aber war nicht trotzalledem die Quelle, aus der. Sie immer wieder schöpften, die Bedrängnis der eigenen Seele, die sich dauernd auseinandersetzen mußte, war nicht das Leid und Glück Ihrer eigenen Natur der ewige Born, aus dem all Ihre Handlungen und Fähigkeiten quollen? Wie hätten Sie jemals wirken können, svenn nicht in Ihnen der Glaube lebendig gewesen wäre an das moralische Gesetz in des Menschen eigener Brust, wie hätten Sie jemals anderen helfen können, wenn