Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-04-10 · 29 (10.4.1934) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
29 (10.4.1934)
Date
1934-04-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613545--4856-2616606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

14. Jahrgang Nummer 29 3flÖifdHibetale äeifuug Beilage 10. April 1934 Das Kirschenwunder Voii Helen Herz Nun waren es schon über fünf Jahre, daß man die kleine Wohnlaube gemeinsam besaß. Beide Familien lebten im gleichen Hause: die Männer verband der gleiche Beruf.—'. Goldschmidt war Geiger und Rode Flötist an demselben Operettentheater. Auch die Frauen verstanden einander; der zehnjährige Tommy Rode und die elfjährige Eva Goldschmidt liebten einander wie Geschwister. Oie politischen Umwälzungen des Frühjahres 1033 hätten nichts an den herzlichen Beziehungen der Freunde geändert. Am beiden Seiten bestand der ehrliche Wille, diese jahrelange Freundschaft an. den Klippen plötzlich auftauchender Gegensätze vorbeizuführen. Die'Männer vermieden Gespräche über alles Politische, und Hedwig Goldschmidt — diplomatischer veranlagt als Vicky Rode — verstand es, von nun an Haushalt und Kindererzielning--in den Vordergrund ihrer - Dispute zu schieben. ' Am Erstell erhielten beide Musiker ihre Kündigung; aber während Rode sofort eine neue Stellung beim Funkorchester lange Freundschaft an den Klippen plötzlich auftancheUder einem Erwerb. Oas Operettentheater war geschlossen, und die Aussichten für Goldschmidt höchst ungünstig.-Frau Hedwig erinnerte sich ihrer Begabung für Schneiderei — Vicky brachte ihr einige Kundinnen. Trotzdem war plötzlich die große Sorge da- „Wir werden die Laube nicht halten können —** sagte Goldschmidt an einem Sonntag, als man unter dem Flieder-- Strauch beisammen saß. Rode warf dem Kollegen einen warnenden Blick zu. Oie Kinder spielten friedlich am Reck, aber die beiden Frauen hatten aufgehorcht und starrten einander erschrocken an. Vicky Rode legte ihre Hand beruhigend auf Hedwig’s Arm. Aber der kleine Satz schien dennoch drohend in der blauen Luft zu stehen, und zum ersten Male empfanden die.Freunde, daß ihr harmonisches Leben durch Probleme gefährdet wurde, die stärker waren, als jeder von ihnen zugeben wollte. „Die Laube-“ das war nur der Ausdruck für vieles andere, was nun fortfallen mußte-Unwillkürlich sahen alle zu den Kindern'hin: eben strich Evä mit mütterlicher Bewegung'dem Junger. die vom Turnen verwirrten blonden Haare zurück. Er machte sich ungeduldig los und zog die Gespielin zu dem grünen Holztisch hin, wo sich beide eifrig über seine Markensammlung beugten. „Natürlich bleibt hier alles unverändert.'- sagte Rode. „Soviel Kredit habt Ihr wohl noch bei uns, was, Vicky?" Eine Stille trat ein. Irgendwo in einer Nachbarlaube spielte jemand Harmonika. Hedwig Goldschmidt stand auf und ging wortlos zu den Kindern hin. Tommy klappte das Album zu: „Endlich Tante Hede! Ich habe schon gelauert — komm rasch! Wir haben ihn drei Tage nicht angeguckt! Er wirdgroßartig, sage ich Dir! Die anderen werden Augen machen — laß sie nur lachen-Gehst Du mit, Eva?“ Gärtchens: er hatte reiclt geblüht — aber (las tat e voriges Jahr. Doch diesmal schien er auch Fruchte t zu wollen. Es gab fünf kleine, grüne, hoffnungsvolle. — alle anderen waren Vertrocknet und verrunzelt, Windhauch konnte sie herabwerfen. „Was denkst Du,,Tante Hede? Wenn es nur Kirschen gmt, bekommt Eva zwei und ich zwei uu „Aber Tommy — schlecht verteilt! Jeder muß eine kriegen — —" Eva stockte. '; „Wir sind aher sechs - und .es gibt höchstens fünf rief der Junge und starrte in das dichte Laub hinauf, als könnte sein Wunsch eine sechste Kirsche erstehen lassen. Zwei Wochen darauf konnte man schon überall Kirschen kaufen. Die Aussichten der Kirschenernte in dem Gärtchen :n sich arg verschlechtert: eine stürmische Nacht r Früchtchen von den Stielen gelöst — es gab , -...e einzige Hoffnung in Gestalt einer winzigen, I. langsam rötenden Kirsche. Eva und Tommy sahen entdagegen h täuscht und beunruhigt ihrer Reife Die gemeinsamen Stunden im Gärtchen wurden sonderte ah - ii seltener: das Ehepaar Goldschmidt s hatte brennende Sorgen, man rechnete, man war nicnt zu Gesprächen aufgelegt, und vor allem': man wünschte niemandem mit seinen Kümmernissen lästig zu fällen. Frau Hedwig ' ist oft verweint, der Mann kommt enttäuscht.von vergeblichen Wejjen nach Hause. Frau Vicky schüttelt zornig über die eigne Ohnmacht zu helfen, den Kppf, und Kode weicht dem Freunde auf der Treppe aus- . . ' Es ist nicht zu vermeiden, daß auch die Kinder in die nervöse Spannung hineingerissen werden. Goldschmidt hatte oft mit heiterer Selbstironie-über die kleinbürgerliche Sonntagsidylle gespottet. Aber im Innersten war er glücklich gewesen, dankbar die frohe Harmonie, genießend, Was wollte man denn mehr, als Frau und Kind gesund neben sich haben,'im Grünen sitzen und ein gutes Gespräch mit einem verständigen Freuna führen? Aber nun fühlte er sich gehemmt, .unberechtigt und nicht mehr dorthin gehörend.- Sie werden nicht kommen —“ sagte Rode und zog die Uhr. "„Ich habe ihn schon eine Woche nicht mehr gesehen. Habt Ihr Frauen etwa-“;,Aber Willy — ich spreche Hedwig kaum noch. Nie hat ifgcrcg.: ,Und die Kinde . Mädchen Sorgcit, aber icl darauf freuten - Zweige gebunde stattfinden grundstück' beti bjeibst Du blol Aher jetzt komi sage Dir Ls mull ert erschien. Die Kinder Ehepaar eh grüße der Oe .Ernleil.mkfe sofort h .sei blaß, Mädel. Mußt \ lattest Du soviel bclmlarhe i Moment erschien Frau 1 Goldschmidt, die Pfeife rock, folgte eilig. Die Fr günstiges Oine . Benjamin: Kleine Anfrage Es ist ein bischen früh, davon zu sprechen, Wenn auch die Sonne scheint — es ist noch kalt, Nur später könnte es sich bitter rächen,' Der Frühling liegt bereits im Hinterhalt, Und es beschäftigt alle, die da blechen Pro Monat zwo Mark fünfzig vom Gehalt, ■■■■ Ein fragender Wunsch nur, ein frommer: Was macht der Kulturbund itn Sommer? Im Winter liebt der eine zwecks Verdauung, Nachdem er sich mit Sorgen vollgepropft, Ein Bühnenstück zur geistigen Erbauung, In dem’s aus Herzen, wie von Kerzen, tropft, Ein anderer .verschafft sich Weltanschauung, Hört er, wie Taube mit dem Taktstock klopft. Auch Rosenstock treibt reiche Blüten, Er zieht aus den Noten nie Nieten. Man kann allein nicht; jeden Platz besetzen, Wo der Kulturbund etwas inszeniert, Mari müßte sich in lauter Stücke fetzen, Und hat doch einen Platz nur abonniert, Es widerspricht auch den Naturgesetzen, Denn so ist-noch kein Mensch organisiert, Doch werden die Abende lauer, . Dann wird das Interesse leicht flauer. Dann fährt der Meister-Singer uns geschlossen. Im' Sonderzug, zu einem Stück Natur,, Nach Schmöckwitz oder Rheinsherg oder Zossen. Wo Osborn spricht und Bab auf freier Flur, Wo Kipnis singt, vom Mondeslicht umflossen', ln tiefem Baß, in Moll und Trouba-Dur . . . Ein fragender .Wunsch nur, ein frommer: Was macht wirklich der Kulturbund im Sommer?! fitoße rJ)vutbcite ußer das Judentum „Ein großer Teil des Alten Testaments ist mit erhöhter Gesinnung, ist enthusiastisch geschrieben und gehört dem Felde der Dichtkunst an. . . Beispiels willen gedenken wir des Buches Ruth, welches hei seinem hohen Zweck,- einem Könige von Israel anständige, interessante Voreltern zu verschaffen, zugleich als das lieblichste kleine Ganze betrachtet werden kann, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist. Wir verweilen sodann einen Augenblick bei dem Hohen Lied, als dem Zartesten und Unnachahmlichsten, was uns von Ausdruck leidenschaftlicher, anmutiger Liebe zugekommen. Wir beklagen freilich, daß uns die fragmentarisch durcheinander geworfenen, übereinander geschobenen Gedichte keinen vollen, reinen Genuß gewähren, und doch sind wir entzückt, unsin jene Zustände hinein zu ahnen, in welchen - die Dichtenden gelebt... Undso dürfte, Buch fiir Buch, das Buch aller Bücher dartun, daß es Uns deshalb gegeben sei, damit wir uns daran wie an einer zweiten Welt versuchen, uns daran verirren, aufklären und aushildeji Aus dem Talmud Die beiden Lehren Ein Heide trat einst vor den Lehrer Schammai und stellte an ihn diese Frage: „Wieviel Lehren des Gesetzes habt ihr?“ Der Meister erwiderte: „Es sind ihrer zwei: die schriftliche und die mündliche. Da sagte der Ungläubige: „Die schriftliche Lehre will, ich annehmen, an die mündliche mag ich aber nicht glauben; ich will Jude werden, wenn du mich allein das lehren willst, was geschrieben ist.“ Da schrie ihn Schammai .an und jagte ihn mit Schande fort. Nun kam der Heide vor den Lehrer Hillel, und der nahm ihn auf in den Bund. Erbegann den Unterricht und lehrte ihn am ersten Tage das Alphabet in der'rechten Ordnung; am zweiten aber sudite er es ihm in umgekehrter Reihenfolge beizubringen. Da sagte der Neubekehrte:*„Gesterii hast du mir doch' eine andere -.Anordnung der Buchstaben gezeigt!“ Hillel gab zur Antwort: „Also hörst du auf das, was mein Mund spricht? So nimm auch die imiiidltchc Lehre von mir an.“ Übersetzt von-Ruhet bin (ioriou. Wann? Wo? in Schaft derj II di sehen stag, 10. April, Arheitsgemein- Vou der Jujjei an» Schildberger. Beginn abends 8 Uhr hei Koller, Neukölln, Bergslr. 18 fEpahaus), 1 v. — Donnerstag, 13. April, abends 8 Uhr, Gt (lonnerstags, Gruppe Westen lei Popper, “leiniabendc von Nagoschiner Pml. Staats-Latteile

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.