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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-04 · 35-36 (4.5.1934) · page 12

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
35-36 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Einkehr - Heimkehr Brief aus Spanien Das Ende der „Spanier ohne Vaterland“ Wie die Z.“ kürzlich meldete, trifjt-dic spanische Regierung Vorkehrungen, daß der dem Parlament vorliegende Antrag, die Abkömmlinge der im 15. Jahrhundert aus Spanien vertriebenen Juden zu naturalisieren, dringlich behandelt werde. Dazu wird uns von einem Kenner der spanischen Verhältnisse geschrieben: Barcelona, im April. Vaterlandsloser Geselle — das war früher und lange Zeit hindurch ein Schimpfwort, ein Schimpfname. Da kam ein Weltkrieg, sinnlose Verträge, verschoben Grenzlinien, machten aus alten Volkstümem neue, ausneuen alte, spielten mit Menschengruppen „Verwechsle, verwechsle das Bäumelein“ — eine Politik, die Wilson mit Worten gebrandmarkt und durch seine Unterschriften gutgeheißen hatte. So wurden denn mit einem Male ohne ihren Willen und gegen ihren Wunsch Vaterlandslöse geschaffen, die auch einen neugeschaffenen Namen trugen: „Staatenlose“. Es -war durchaus eine Errungenschaft der fortgeschrittensten Zivilisation und der neuesten Kultur; denn man gab einem solchen Staatenlosen Ausweise, durch den er sich, durch den man aber nicht ihn ausweisen konnte — Fremdenpaß, Nansenpaß und so ähnlich war das Hilfsinstrument, mit dem man dem Staatenlosen die Möglichkeit gab, irgendwo wenigstens die über allen Grenzen lagernde Luft zu atmen. Als die Welt noch frei war ln ganz alten Zeiten, da man mit den Ländern auch die Völker zu erobern suchte, was meist gar .nicht gelang, in alten Zeiten kannte man keine Pässe, und die Welt war frei für jeden, der den Mut hatte, in ein anderes Land zu gehen. Das war einst gefährlich: der Fremde war der Barbar, ihn unschädlich zu machen galt nicht als ein Verbrechen — bis die Judejibibel etwas für jene Zeiten sehr Merkwürdiges gebot: „Du sollst auch den Fremdling lieben, wie dich selbst.“ Ja melir als das: Der am meisten hilfsbedürftigen Witwe, dem Waisenkinde ist der Fremdling.gleich zu achten, des höchsten Schutzes würdig und-aller zärtlicher Sorgfalt. Oft kommt in der Heiligen Schrift dieses Gebot der Liebe zum Ausdruck, und immer wieder mit dem Nachsatz: „Bedenke, daß du Fremdling warst im Lande Ägypten.!“ Also bedenke, wie wehe es dem entrechteten Fremdling zumute ist, und in der Erinnerung an all das Leid und all die Schmach, die deine Väter in Ägypten erdulden mußten, erbarme dich des Fremdlings und gib ihm eine gütige, warme Heimat an deinem Tische, in deinem Hause, in deinem Lande. Vaterlandslos Es sind jetzt ungefähr viereinhalb Jahrhunderte her, da wurden mit einigen Federstrichen einige Hunderttausende von Menschen — Juden und Mauren — vatcrlandslos gemacht. Die Mauren empfanden es weniger schwer — sie gingen in ihre aite Heimat zurück, die sehr nahe lag — Nordafrika —, sie fanden dort sofo'rt ihre Stammesbrüder und redeten und beteten mit ihnen in der Sprache, die ihre Muttersprache war: arabisch. Spanisch war ihnen nur das angelernte Idiom. Anders die Juden. Sie waren wirklich S p a n i e r geworden — in jeder Art und Weise. Befolgten sie auch ihre religiösen Vorschriften: im übrigen, in der Kleidung, in der Lebensweise, und vor allem in der Sprache, waren sie Spanier. Auch iu der Liebe zu diesem Lande', das so lange, Jahrhunderte ihre und ihrer Väter und Urväter Heimat gewesen war. Hier in Spanien hatten' sie glückliche Zeiten gelebt. Hoch angesehen im Lande waren viele Juden — als Dichter, als Künstler, als Gelehrte auf allen Gebieten, pls Philosophen und nicht zuletzt als Politiker. Von glühendem Patriotismus erfüllt, waren sie vorzügliche Ratgeber der Könige, verwalteten weise deren geistige und weltliche Güter und stifteten Segen nicht nur für ihre Glaubensgenossen, sondern für das ganze Land, das ja eben auch das Vaterland der Juden war. Und im selben Jahre, da Columbus — mög-; licherweise .‘auch ein Judcnstämmling, die- Streitfrage ist wissenschaftlich noch immer nicht geklärt —, der sich nachweislich jüdischer Berater und jüdischer Weggenossen bediente, im selben Jahre, in dem Columbus mit unzweifelhafter jüdischer Beihilfe hinauszog, um Amerika mit seinen ungeheuren Reichtümern für Spanien zu entdecken, im gleichen Jahre erschien das Dekret, das die Juden aus Spanien vertrieb, und wenige Jahre nachher erfolgte auch die Vertreibung aus Portugal. Viereinhalb Jahrhunderte sind eine lange Zeit nach Menschenaltern gemessen, im Weltgeschehen gehen sie dahin,“wie Jahrtausende aitch. Zwangstaufen —Mischehen Spanien und Portugal wurden judenleer — scheinbar judenleer. Aber es blieb sehr viel Judenblut in Spanieü und Portugal, totes und auch lebendiges. Die Zahl der Juden, die dort gewohnt hatten, betrug etwa eine Million, mehr als je die Zahl der Juden in Deutschland betragen hatte. Diese Million Juden standen mit den Spaniern auf vertrautem, freundschaftlichem Fuß. Als mit den Ausweisungen auch die Zwangstaufen einsetzten — viele freiwillige Taufen waren ja auch nur Zwangstaufen —, als ehemalige Juden wieder zu den höchsten weltlichen und geistlichen Würden emporstiegen, da wurden die Mischehen zu einer alltäglichen Sache. Enkel von Juden waren Granden von Spanien, mit deren schönen und reichen Töchtern sich zu verheiraten, verschmähten auch Angehörige der königlichen Eamilien nicht, wie dies ja auch anderwärts später vorgekommen ist. Unter diesen Judensprößlingen gab es aber vieie, die nur nach außen hin sich zu Christen gewandelt hatten. Im Geheimen hielten sie an dem Glauben ihrer Väter fest — sie waren marranes, Verwünschte, .— aber sie hätten gegen diese Bezeichnung nichts einzuwenden gehabt, wenn Marranentum nach Einführung der Inquisition nicht gleichzeitig den Tod auf dem Scheiterhaufen bedeutet hätte. Das gefährliche Marranentum Marranentum war gefährlich, aber es bestand weiter. In unzugänglichen Kellergewölben kamen die Judenstämmlinge zusammen und beteten dort nach der Urväter Weise, feierten dort ihre alten Festtage, allerdings unter Zeremonien, die sich veränderten in dem Maße, in dem die jüngere Generation immer mehr von dem Rituale der Alten vergessen hatte. Dieses Marranentum hat sich erhalten bis auf den * heutigen Tag und feiert nun seine Auferstehung. Eine wahre Auferstehung zum Licht — denn was bisher in geheimem Dunkel sich vollzog, Gebet und Festfeier, scheut nicht mehr die Sonne und wird offen und frei zur Schau getragen. Ohne Gotteshaus Es mutet seltsam an, aber es ist eine Tatsache, daß noch vor zwanzig Jahren die Juden in Spanien In der nächsten Spielzeit: Zweigs „Jeremias“ „Kulturbund — kein Saisongeschäft“ Dr. Kurt Singer, verdienstvoller Begründer und Leiter des Kulturbundes deutscher Juden, hatte einiges gegen die, wie er glaubte, „böse** Presse auf dem Herzen, und so berief er eine sogenannte Pressekonferenz, an einen nahrhaften Ort. Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muß der Prophet zum Berg gehen (Charlottenstr. 69). Es stellte sich indessen bald heraus, daß eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen keinen Bestechungsversuch bedeuten, sondern offenbar nur dazu dienen sollte, kleine Bitternisse zu versüßen. Nachdem die anwesenden Herren von der Leitung des Kulturbundes, der Organisationen, des'Ensembles und der Presse infolge der schwülen Atmosphäre (Innentemperatur 4ü«Vo, Außentemperatur 25<»o) sich ihrer Röcke entledigt hatten und sich ergab, daß der Kulturbund garnicht so angefeindet worden ist, wie Herr Dr. Singer es aussprechen zu müssen glaubte, konnte der positive Programmteil der Besprechung beginnen. . „Wir wollen nichts weiter als gutes Theater und gute Musik machen, gute Vorträge.veranstalten**, bekannte Dr. Singer, „und zwar als Juden für Juden.** Der Kulturbund sei kein Saisongeschäft, und er müsse auch über die für alle Theater besonders kritische Zeit des Sommers hindurch gehalten werden. Aus künstlerischen und sozialen Gründen. Die Sorge gilt hauptsächlich der Erhaltung des ausgezeichneten Orchesters als dem künstlerisch wertvollsten Boden für die Oper. Es wird gegenwärtig eine Orchestertournee durch Deutschland vorbereitet, und es wäre zu hoffen und zu wünschen, daß recht viele Gemeinden ‘das ‘künstlerische Ensemble, das unter größten Anstrengungen “innerhalb kürzester Zeit zustande gekommen ist, im Sommer zu'Gast laden, damit man nicht, gezwungen ist, diesen künstlerischen Apparat ohne Vertrag zu lassen. Für den kommenden Winter ist ein großes künstlerisches Programm, vorgesehen, über das Einzelheiten demnächst bekanntgegeben werden sollen. Wie Dr. Singer bereits jetzt mitteilte, ist es gelungen, den „Jeremias** von Stefan Zweig zur Aufführung im Kulturbund freizubekommen. Anschließend an die Worte Dr. Singers machte Julius Bab einige bemerkenswerte Ausführungen über die nach den verschiedensten Richtungen sich ergebenden Schwierigkeiten . bei der Spielplangestaltung und forderte von Publikum und Presse Geduld, Vertrauen und Verständnis für die Arbeit des ‘ Kulturbundes. - . Aus der kaufmännischen und organisatorischen Abteilung des Unternehmens gab Verwaltungsdirektor Dr. L e v i e ein paar interessante Zahlen. In der Zeit vom ersten Oktober 1933 bis zum 30. April 1934, fanden 123 Theaterabende statt, von denen 71 dem Schauspiel und 52 der Oper gewidmet waren. Es wurden ferner veranstaltet: 83 Konzerte, davon 43 Orchesterdarbietungen, 24 Kammermusikabende, S Chor-* Veranstaltungen und S Liederabende. Daran waren beteiligt: 23 Instruuientalisten, 29 Sänger und 13 Begleiter. Außer 90 Vorträgen, drei Kindernachmittagen und zwei Wohltätigkeitskonzerten in Berlin fanden 19 Tourneeabende im Reich statt. Für alle diese Veranstaltungen wurden an Gagen, Gehältern und Löhnen 143 000 Mark aufgewendet. Auch Generalmusikdirektor Rosenstock, Regisseur Dr. J e ß n e r, ein Vorstandsmitglied des Orchesters sowie ein Vertreter des Opemchors kamen zu Wort und äußerten sich mit sympathischer Bescheidenheit über die Arbeit aus ihrem Wirkungskreis. Die Schwierigkeiten, die der Kulturbund im ersten halben Jahr seines Bestehens zu überwinden hatte und auch weiterhin zu-überwinden haben wird, sind groß. Man darf jedoch die feste Überzeugung haben, daß die verantwortungsbewußte Arbeit jedes Einzelnen innerhalb dieser Gemeinschaft, vom Intendanten bis zum letzten Bühnenarbeiter herab, dazu beiträgt, den Kulturbund zu einem Instrument auszubauen, auf dem die deutschen wie die jüdischen Saiten zu immer stärkerem Klingen gebracht werden. starke Bedenken hatten, sich zu ihrem Glauben zu bekennen. Der Behörde gegenüber war es nicht nötig — das Standesamt und die Polizei fragten nicht nach Religion —, aber das ungeheuerlich-grausige Ereignis zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts lastete noch immer auf den Juden, die in Spanien wohnten, sogar den zugewanderten französischen oder deutschen Juden. Man vermied jede nach außen kenntliche Betätigung religiöser Gebräuche. In Madrid z. B. gab es weder eine Synagoge noch einen jüdischen Be- gräbnisplatz. Ein sehr vermögender jüdischer Franzose veranstaltete jedes Jahr am Versöhnungstage in seinem Hause einen Gottesdienst, zu dem es mit ziemlicher Mühe gelang,' für etwa zwei Stunden Minjan, also. eine Gebetsversammlung von zehn erwachsenen männlichen Personen, zusammenzubekommen. Als Vorbeter fungierte ehrenamtlich Jose de J. F., ein sephardischer Jude aus Gibraltar, also englischer Untertan. F. war es auch, der als Erster wieder jüdische Bücher herausgab. Die Liebe zur Muttersprache bewahrt Das Schicksal der aus Spanien vertriebenen Juden, die sich bis heute die Liebe zu Spanien und — was nicht unterschätzt werden kann und darf — die Liebe zu ihrer spanischen Muttersprache erhalten und bewahrt haben, diese Juden, die sich selbst Spaniolen nennen und so genannt werden, die spaniolisch sprechen, ob sie in Griechenland, der Türkei, iri Holland oder Amerika ihre neue Heimat gefunden haben, für diese Spaniolen haben sich viele der besten Geister Spaniens eingesetzt. Professor Angel Pulide, ein angesehener Historiker und Politiker in Spanien, schrieb zwei Bücher: „Les Judies espanos“ und „Espanoles sin Patria“, und besonders dieses Buch „Spanier ohne Vaterland“ setzte sich sehr energisch dafür ein, die einst expatriierten jüdischen Spaniel wieder in die alte Heimat zurückzurufen. Aus heimlichen zu öffentlichen Juden Im Marokkofeldzuge, in dem auch jüdische Spanier als einfache Soldaten und als Offiziere tapfer mitkämpften und starben, wurde diese Frage immer wieder aufgerollt. Gleichzeitig erwachte die Marranenbewegung. Ein portugiesischer Haiuptmann, de Baste, der, ebenso wie seine Ahnen, seit viereinhalb Jahrhunderten katholisch war, aber sich zu den Marranen rechnete, kehrte öffentlich-zum. Judentum zurück und widmete sich mit Feuereifer der Aufgabe, auch andere Marranen für den alten Glauben wiederzugewinnen. Unerwartetes geschah: Hunderte, ja Tausende wurden von Begeisterung gepackt: aus den heimlichen Juden, die sie vierhundertfünfzig Jahre lang gewesen, würden öffentliche Juden. Gemeinden bildeten sich, Synagogen-, wurden eingerichtet, Rabbiner wurden berufen: altes, längst verschollen . gewesenes oder als verschollen gehaltenes Judentum erblühte zu neuem Leben. Gleichberechtigung In Spanien wurde die Judenfrage immer aktueller. In der neuen Republik räumte man mit den alten, nicht in die Zeit passenden Gesetzen auf. Den Konfessionen wurde Gleichberechtigung gewährt. Die Juden konnten, was seit viereinhalbhundert Jahren nicht der Fall gewesen war, wieder ihren Glauben offen bekennen. In Madrid, in Barcelona bildeten sich Gemeinden, versammelte man sich in Bethäusern. Die Espanoles sin Patria, die vaterlandslos gewesenen jüdischen Spanier kehrten wieder zurück — es war eine E i n k e h r, erfolgt, der eine Heimkehr folgte. Die deutschen Juden in Spanien - . Doch die ideale Vorstellung, daß nun mit einem Male die Spaniolen aus aller Welt zurück nach Spanien fluten würden, erfüllte sich nicht. Konnte sich nicht erfüllen, denn Spanien würde zur Zeit noch nicht so vielen Menschen, darunter sicher sehr vielen Unbemittelten, eine Existenzmöglichkeit bieten., Das haben ja auch deutsche Juden erfahren, die, verwirrt, nach Spanien gegangen sind. Die unter ihnen, die tüchtige Fachkenntnis besaßen, der Sprache mächtig waren und über etwas Geld verfügten, konnten sich vielfach eine bescheidene Existenz gründen — andere kehrten enttäuscht wieder oder vermehren das Heer der Arbeitslosen, das leider überall vorhanden ist. Aber die Spaniolen sollen keine Ausländer mehr sein. Mart will ihnen, bei ihrer Rückkehr das Heimatsrecht, das Bürgerrecht geben, sie sollen wieder Spanier werden, die sie im Herzen ja immer geblieben sind. Das. Gesetz ist vorbereitet, seine Dringlichkeit wurde kürzlich anerkannt. Auf die Einkehr wird die Heimkehr folgen. Pulides Buch „Espafioles sin Patria“, „Spanier ohne Vaterland“, wird zwar nicht seinen großen ethischen Wert, aber es wird seine Aktualität verlieren ‘ — eine Tatsache, die niemand mehr erfreut hätte als Pulide selbst. Johannes THOM, Halensee, Eisenzahnstr. 45 Auto-Reparatur-Werkstatf H 7 Wilmersdorf 7938 Abschieppen für unsere Kund^gratisj__^gfjind_jlicj^ienrt_

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