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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-04 · 35-36 (4.5.1934) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
35-36 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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14. Jahrgang Nummer 35/36 3ftöifdMH)etale Seifong 2. Beilage 4. Mai 1934 Julius Bab schildert hier: Begegnung mtf jübifdjen Sdjaufpielern Man konnte früher, ein Menschenalter lang, in sehr naher Beziehung zum Theater leben, als leidenschaftlicher Zuschauer, als dramaturgischer Mitarbeiter, als Kritiker und als dramatischer Autor, und brauchte doch keineswegs zu wissen, wer von den Schauspielern, die einem da künstlerisch oder persönlich begegneten, eigentlich Jude.war. Jetzt, wo die Zeit diese Erkenntnis und UuterscMieiduug aufdrängt, werden Viele merkwürdige Überraschungen erlebt haben — und noch gröber wäre sicher für manch einen die Überraschung, wenn ihm der Stammbaum so mancher inzwischen abgetretenen Grobe von früher klargelegt würde. Aber es hat "doch auch schon in den früheren Generationen an der deutschen Bühne einen oder den anderen namhaften Schauspieler gegeben, dessen Judentum unübersehbar deutlich war, und deit man in keiner Weise keimen und verstehen konnte, ohne diesen mächtigen Einschlag seines Wesens Tn Rechnung zu stellen. „Iphigenie“ in Esperanto ‘ ln der ersten schauspielerischen.Generation, die ich kennen lernte, .war solch ein Schauspieler hervorragender Art E m a n u e 1 Reich e r. Man hat ihn mit Recht den Begründer oder doch den Vorkämpfer des Naturalismus auf“ der deutschen Bühne genannt. Er war der siegreiche Darsteller des mittleren Ibsen und des junger. Hauptmann, und er hatte schon vor Erscheinen dieser Dichter für den natürlichen Sprechton auf der Bühne und für.-die Auflösung einer leblos gewordenen Pathetik gekämpft. Reicher war nicht in Deutschland geboren, er war Sohn eines Advokaten in Krakau und hat erst als erwachsener Mensch deutsch gelernt. Aber er ' hat es mit der ungewöhnlichen Leidenschaft seines Geistes so vollkommen gelernt, daß er mit Recht als einer der besten Sprecher der deutschen Bühne galt.' Ich erinnere mich an einen langen Vortragszyklus, in dem er die ganze deutsche Nationalliteratur rezitatorfsch vorführte! Derartig theoretische Unternehmungen lagen diesem leidenschaftlichen Kopf überhaupt außerordentlich. Er war auch ein begeisterter Verfechter des Esperanto und hat auf einer großen Versammlung der Weltspraehler "Goethes „Iphigenie“ in Esperanto zur Aufführung -gebracht. (Eine Idee, die wohl manchen Mann mit einigem Grauen erfüllen wird.) Alles aber, das Positivste und das Schwächste bei Emanuel Reicher, beruhte darauf, daß dieser berühmte Verfechter des Naturalismus im Grunde genommen eine ganz geistige Natur war. .Er setzte ein großes Können für schlichte Natürlichkeit ein> aber er tat es aus einer höchst übernatürlichen Besessenheit. (Und das war wohl das “Jüdische an ihm.) So kam es, daß Emanuel Reicher kostbare und berühmte Leistungen in naturalistischen Chargen schuf, aber großartige, völlig persönliche und er-' schlitternde Gestalten gelangen ihm immer dann, wenn er vom nur Wirklichen ahrückeu konnte. Mochte das nun der blutarm-geistige Pfarrer Rosmer sein oder der hilflos verspielte Künstler in Bahrs „Konzert", - _ ein.unheimlich echter Geist in irgend einem Märchenschwank oder der Tod in Wilbrandts „Meister von Palmyra“. Es gab Augenblicke genug, wo ein Predigtton von rabbinischer Wucht plötzlich aus den höchst lebendigen Gestalten Reichere hervorbrach; — sein John Gabriel Borkmann so gut wie der Doktor Schön in Wcdekinds „Erdgeist“ hatten solche Augenblicke, und es waren Momente von höchster Wirkung. Ein Bild mit ^Widmung Ich war damals ein viel, zu schüchterner Jüngling, um einen großen Mann wie Reicher persönlich kemien- : lernen zu wollen. Aber vor annähernd JO Jahren ließ ich' einen Aufsatz, über ihn in Druck gehen, der die eminent geistig-jüdische Wurzel dieses scheinbaren Naturalisten aufdeckte. Und damals hörte ich, daß sich Reicher sehr erstaunt, ja betroffen zu gemeinsamen Bekannten geäußert hatte: „Woher weiil dieser Mann denn das?!“ Er sah wohl einrdaß es währ war; abgr er konnte sich nicht recht vorstellen, wie leicht man auf dem Wege einfacher künstlerischer Beobachtung auf das Geheimnis seines Wesens kommen konnte. Er sandte mir damals ein Bild mit einer Wid- : mung „Dem feinen Kunstpsychologen“.. — — Mau wird gleich sehen, warum ich diese Widmung zitiere. Die beiden Sltylocks . Denn iir. der etwas jüngeren Generation gab es nun einen prominenten und unübersehbar jüdischen Schauspieler von himmelweit anderer Art. Der hieß Rudolf S cli i 1 d k ra u t. Er war in Konstantiuopel geboren. Er soll der Schüler und beinahe der einzige Schüler von MitterWurzer gewesen sein •— dem größten Komödianten, den Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts besaß. Schildkrauts berühmteste Rolle war bekanntlich der Shylock. Auch Reicher war ein großartiger Shylock — ein tragisches bedrohliches Gespenst, ein Geist. Schildkraut blühte übermächtig im Fleisch, und er war hier wie überall zuallererst ein Vater, ein leidender jüdischer Vater; denn immer schien er als ein Patriarch wie unmittelbar aus den Zelten Jacobs herausgetreten. So war sein herrlicher Vater in Schmidtbonns „Verlorenem Sohn“, so sein unvergeßlicher alter Schmid in Heyermanns „Kettengliedern“. Und so bekam er es auch fertig, Shakespeares, vieldeutigen Juden ganz herüber zu reißen in die Betonung der furchtbar gekränkten und empörten Vaterschaft. Diesen großartigen Schauspieler, der viel weniger ostjüdisch als wahrhaft orientalisch war, habe ich persönlich kennen gelernt; am „Köiiigsberger Schauspielhaus“ während des Krieges. Dort habe ich an drei Abenden hintereinander auf der Szene neben ihm gestanden, als er Shylock spielte, und ich kann cs bezeugen, daß er jedesmal echt strömende Tränen vergoß — was ihn aber in keinem.Falle hinderte, sich nach der Wirkung auf das Publikum zu erkundigen. Dabei war dieser urtümlich wilde Komödiant doch keineswegs in dem selbstverliebtcn Sfiiue eitel, wie seine meisten Berufsgenossen. . Schildkraut der Vater Er war ja Vater, er hatte den (sehr schönen, aber keineswegs ebenbürtig begabten) Josef Schildkraut zum Sohn! Und er hatte alle Taschen voll Bilder von ihm und zeigte sie jedermann, und wenn er lobende Kritiken vorlas, so waren das niemals seine eigenen, sondern immer die des Sohnes. Wie rührend ich seine urtümlich väterliche Art fand, wird-er ja wohl gemerkt haben. Und zum Abschied hat er mir ein Bild geschenkt — da stand aber nichts von Künstlerv Psychologie drauf, sondern da steht zu lesen: „Dem goldigen sonnigen Julius Bab!“ Ich muß ja sagen, daß mich sonst noch nie jemand mit diesen Adjektiven beehrt hat, und am Ende sind sie für meine werte Person auch gar nicht-sehr treffend. Aber zitieren muß ich diesen Ausdruck orientalischer Herzlichkeit doch, weil er vielleicht besser als alles , andere den Unterschied beleuchtet, der inzyvischen dem ganz in westlicher Kultur lebenden Emanuel Reicher und diesem urtümlichen Juden Schildkraut bestand. Hermann, Alexander» Jesaia Eine der großartigsten Leistungen von Scljildkraut vyar der mächtige brasilianische Farmer in Knut Hamsuns Spiel „Vom Teufel geholt“. Er geht da zugrunde, weil er von einer Giftschlange gebissen ist; aber er schickt dem Weib, das an dem ganzen Unglück schuld ist, als Vermächtnis sozusagen, seinen Diener, einen Neger. Diesen Negerknaben spielte bei der Uraufführung ein ganz unbekannter junger Mann, der auf dem Zettel Hermann Gran ach hieß. Er ist später Vinter dem Namen Alexander Granach bekannt geworden, aber er heißt eigentlich weder Alexander noch Hermann, sondern Jesaia., Auch Granach stammt aus dem Osten. Aber er bringt nicht die patriarchalische Breite und Weiche Schildkrauts mit; er hat noch viel von seiner wilden Kraft, aber nichts mehr Der freie lüde Wenn, nach Fichte, die Bestimmung des Menschen darin besteht, zur Freiheit zu. gelangen, so trifft dieses Wort aut den jüdischen Menschen zu. Gemeint ist die innere Freiheit, die Freiheit, die niemand einem Menschen nehmen kann, jene Freiheit, die der schicksalsbegiüistigte Stoiker.Marc Aurel ebenso predigte wie Boelius, als er im Gefängnis seine „De cousolatioue philosophiae" schrieb, und die unabhängig von Glück und Unglück, Erfolg und Millerfolg allein in der inneren Zwiesprache mit Gott erworben wird. Diese Freiheit ist fürwahr das edelste Gut der Welt, und wer es besitzt, dem dünken alle Dinge der Außenwelt eitel und äullerlich. Denn was niitz.te es, jemand besähe alle irdischen Güter und wäre dabei doch ein Gefangener seiner seihst, ein Sklave seiner Wünsche und- Begierden? Wenn inaiy heute dem deutschen' Juden etwas wünscht, so ist es dies, daß er durch die Schicksalsscliläge, die (Im getroffen haben, wieder z.il jener inneren Freiheit gelangt, die den Menschen allein seiner wert macht. Dieses Gut wird freilich nicht au der Klagcinatier von" Jerusalem gewonnen, sondern in stiller Fassung und Demut dem Schicksal gegenüber und in dem Glauben, dal) alles, was dem Menschenverstände vielleicht ungerecht erscheint, im grollen Zusammenhang der Dinge seinen tiefen und notwendigen Sinn besitzt. Zeiten wie die heutigen, sind Zeiten der Einkehr und Selbstbesinnung. Wievielen wird heute erst wieder das Bewußtsein ihrer selbst geschenkt, Wievielen wird heute erst unter dem Drucke der Not klar, an was für eitle, unnütze Dinge sie all diese Jahre ihr Herz gehängt haben, wievielcn offenbaren sich erst heute die Begriffe von Menschenwürde mul innerer Freiheit! Denjenigen aber, die üher verlorene Bequemlichkeit und verlorenen Luxus klagen, sei gesagt: Wie, wenn gerade die träge Genußsucht, das Haschen nach-dem eitlen Wind der Anerkennung, das Tanzen um das goldene Kalb Hauptgefahrenquellen des Judentums wären? Man erzählt sich, daß Cäsar, der eine recht schwache Konstitution hatte, sich zu den schwersten und anhaltendsten Gewaltmärschen deswegen zwang, weil er erkannt hatte, daß. nur die äußerste Anstrengung seinen Körper gesund zu halten vermöchte., Was hier ein einzelner genialer Mensch aus eigener .Kraft und eigenem Antrieb tat, dazu bedarf es bei einem ganzen Volke erst der helfenden Hand des Schicksals. Wie, wenn die Notlage, in die das Schicksal die deutschen Juden hineingetrieben hat, ihre innere Widerstandsvon seiner väterlichen Güte. Sein Ton ist scharf und schrill, seine Bewegungen krampfhaft,, schmetternd. Er wurde nicht ohne Grund ein Schauspieler des Expressionismus. Er hat mich einmal besucht. Da habe ich ihn als einen eigentümlich stillen Menschen kennen gelernt. Seine Haltung hatte etwas Geducktes, Verhaltenes; aber eine große Kraft war in jeder seiner Bewegungen, eine entschlossene Ehrlichkeit in seinem Ton. Er war wohl ein sehr charakteristischer Vertreter dieser aus Krieg und Revolution hervorgewachsenen Generation, dieser ausdruckswilde Jesaia Graduell, den wir jetzt wieder an den Osten zurückgegeben .haben. Wie werden sie sich entwickeln? In dieser Generation hat die deutsche Bühne noch eine ganze Anzahl hervorragender Schauspieler gehabt, deren Judentum nicht zu übersehen war. Man könnte von Kortner sprechen und - von Ernst Deutsch , vor allen Dingen von P a 11 e n b e r g und und von der Massary, von Rosa Valetti und ihrem Bruder Hermann Vallentin. Aber sie alle sind heute nicht mehr auf deutscher Bühne zu finden, und nur das Theaterdes Kulturbundes deutscher Juden sammelt zunächst in Berlin ein Ensemble von Schauspielern deutscher Sprache, die jetzt zum ersten Mal ausschließlich und ausdrücklich jüdisch sind. Und was da künstlerische und persönliche Begegnung lehrt, das ist vor allem die unendliche Verschiedenheit, die große menschliche Mannigfaltigkeit, die innerhalb der Gemeinschaft jüdischer Schauspieler deutscher Sprache doch möglich ist. Da war ein mächtiger Wilder aus dem Osten, Kurf Katsch, der in^mancher Beziehung sehr an den Typus Schildkraut erinnert, — und neben ihm ein Künstler wie Fritz Wisten, dessen Wesen und Kunst weitgehend von der geistigen Kultur des Westens modelliert scheinen, oder ein Schauspieler wie Hermann Heuser, "dessen breite Wucht, nicht nur auf der Bühne, eher deutsches Bürgertum als irgehd etwas Jüdisches vorstellen läßt. Und wenn ein Charakterkomiker wie Fritz Lion die jüdische Note doch ziemlich deutlich erkennen läßt, so wird bei Martin Wo l.f g a n g, diesem Spezialisten für gütig-sanfte, alte Männer, schwerlich jemand, der es nicht weiß, auf den Gedanken kommen, daß der Darsteller Jude ist! Keineswegs an der sichtbaren Oberfläche liegen überall die Elemente des Jüdischen, und keineswegs sind sie es allein, die den Charakter und die Kunst eines Menschen entscheidend färben. Wahrzunehmen werden sic freilich dem forschenden Blick immer sein, und wie sie sich entwickeln werden, wenn nun eine lang dauernde Kunstübung die Menschen jüdischer Herkunft unter sich läßt, und die wechselseitige Beeinflussung mit nichtjüdischen Künstlern aufhört, — darüber läßt sich nichts prophezeien, das werden wir mit einiger Spannung erwarten müssen. fähigkeit festigen, ihren Charakter stählen, ihre seelische Ausdauer erhöhen und sie so reif zu jener Aufgabe machen würde, . die ihnen Nietzsche in seiner „Morgenröte“ z.ugewiesen hat? Wir kennen nicht die verborgenen Wege des Schicksals. Wir wissen nicht, was gut und schlecht, was gerecht und ungerecht ist. Aber wir glauben, daß alles, was geschieht, zum Besteh der Menschen geschieht, auf daß sie zur Freiheit gelangen und Gott schauen. Die jüdische Gemeinschaft hat sich seit viertausend Jahren in der Welt behauptet und aus dem Scholle ihrer großartigen religiösen Welt- und Wesensschau immer wieder Menschen von höchstem geistigen Format liervorgebracht. Sie wird auch weiterhin das „auserwählte Volk Gottes“ bleiben (will sagen: die Gemeinde derer, die als erste-den einzigen und allmächtigen'Gott erkannt und ihm gedient hat), wenn sie sich nur die innere Freiheit zu erringen umUzu bewahren ‘weiß. Daß dies geschehe, ist in derheutigen Zeit unser größter und tiefster Wunsch. Lcvialhan. .- „Oberon“, Weber und Gustav Mahler Die neue „Oberons-Inszenierung der Staatsoper hat die einstimmige Zustimmung von Publikum und Presse gefunden. Es darf in diesem Zusammenhänge daran erinnert werden, daß die Fassung, in welcher das Werk aufgeführj wurde, von dem Juden Gustav Maliler stammt. Den „Oberon“ in seiner Urgestalt aufzuführen, ist in der heutigen Zeit aus librettistischcu Gründen ein Ding der Unmöglichkeit. Zahlreiche Bearbeiter haben mit mehr oder weniger Erfolg versucht, den „Oberon“ imizumodeln, um Webers unsterbliche Musik für die Opernbühne zu retten. Von allen diesen Versuchen ist die Mahlersche Neufassung die stilechteste und künstlerisch verantwortungsbewußteste. Sie räumt auf jnit der leeren Phantastik eines antiquierten Kulissenzaubers und gestaltet die Dialoge zugleich operngemäß . und lebendig, indem sie sie stützt mit Fragmenten aus anderen Werken Webers. Bereits im Herbst 1931 hat Bruno Waiter die Bearbeitung seines verehrten Lehrers zur Aufführung gebracht. Daß heute auch Staatskapellmeister Heger auf sie in einer Zeit zurückgreift, in der die Symphonien und Lieder Mahlers nicht mehr in den deutschen Konzertsälen erscheinen, ist der beste Beweis dafür, wie wertvoll diese Neufassung für die deutsche Opernbühne geworden ist.

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