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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-05-04 · 35-36 (4.5.1934) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
35-36 (4.5.1934)
Date
1934-05-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Fortsetzung von der 1. Seite Judenfrage — von aussen gesehen und früher in der Monatsschrift „Liberales Judentum“ oft behandelt worden. Es gibt eine alteAssimilation als unausweichbares Naturgesetz — sie dient der Erhaltung der schwächeren Gruppe durch Anpassung an die lebenserhaltenden Kräfte der Umwelt; ■' von ihr ist auch unser Stamm in seiner Geschichte ohne Schaden betroffen worden — glänzendstes Beispiel : das halbe Jahrtausend spanischer Blüte von Juden und Judentum —; sie leugnet auch in Deutschland kaum eine jüdische Person oder Gruppe. Dagegen haben alle an der Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft arbeitenden Kräfte von jeher die zerstörende Assimilation bekämpft, die an das Eigenste dieser Gemeinschaft rührte: an das Judentum. Ihr haben sich unsre Ahnen durch Aufgabe von Wohnsitz, Freiheit und Leben entzogen — das Mittelalter ist ein fortgesetztes Zeugnis dafür — und nicht nur Mathatias i von Modein, sondern-Tausende nach ihm haben gegen sie mit dem Schwert gekämpft. In Haut- und Haarfarbe, in Kleidung, Lebensform, und Sprache haben Juden sich ihrer Umwelt assimiliert, rührte man an ihr Judentum, das ihnen Glauben und Wissen, Hoffen und Handeln bedeutete — denn alles dies umschließt jede wahre, erstrebt daher die jüdische „Religion“ —, so blieb der Kern des Stammes fest, mochten auch manche welke Blätter fallen. So bedeutete auch unsern Großvätern die Reform keine Auflösung, sondern einen Neuaufbau des Judentums, es ist nicht wahr, daß die religiöse Reform diktiert war nur oder auch nur wesentlich von der Rücksicht auf die staatliche Emanzipation, sie und noch vielmehr der Rationalismus.des 19. Jahrhunderts mögen mancheeinzelnen Änderungen der religiösen Formen gezeitigt haben, die uns heut schon nicht mehr nötig oder richtig erscheinen — aber der Grundgedanke —. Erhaltung des religiösen Kerns durch Fortbildung der Form — war diktiert von der innigen Sorge, der Gemeinschaft ihr Eigenes zu erhalten — zu „dissimilieren“ durch (oder trotz) Assimilation. Darum muß man dem Wort von Lutz Lenders widersprechen, die Juden des 19. Jahrhunderts hätten versucht, „den Trick, sich als reine Glaubensgemeinschaft in die. neue Welt einzuführen“. Soll Glaubensgleich bloßer Kultusgemeinschaft gesetzt sein, so ist der Satz unrichtig. Von' Zunz und Geiger bis zu Moiitefiore und Baeck haben alle führenden religiös- liberalen Juden die Grundlagen und'Ziele des Judentums weiter gespannt, unsere Gemeinschaft als eine solche des ganzen inneren Lebens und Denkens erkannt und gelehrt —, freilich daß als höchstes Gut dieser Gemeinschaft der Glaube an die ewige Zukunft des Judentums galt und gilt, akzeptieren wir, in diesem Sinn sind und bleiben wir „Glaubensgemeinschaft“. Lenders wendet sich dann gegen den Juden als Was wollen Sie in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ lesen? DerLeser hat Aas Wort Die Ereignisse, die sich in den letzten fünfviertel Jahren in Deutschland abgespielt haben, haben auch das'Gesicht der jüdischen Presse entscheidend gewandelt. Mehr: sie haben ihr erst eigentlich eine Physiognomie gegeben, haben sie erst jetzt mitten ins Leben gestellt, sie aus einer gewissen Ruhe heraus in die Aktualität des Tages gerissen. Wenn auch die Zeitung nicht mehr in früherem Sinne die Zeit macht, so macht doch heute mehr denn je die Zeit die Zeitung. Auch "die „Jüdisch-liberale Zeitung“ hat, allein schon durch ihr zweimal wöchentliches. Erscheinen, die Mission eines jüdischen Blattes in heutiger Zeit dokumentiert, bei dem immer wachgehaltenen Interesse der deutschen Juden an den brennenden Tagesfragen, die um ihre ureignen Angelegenheiten kreisen, in ständigem Kontakt mit dem Leser zu bleiben. Die Zeitschrift hat sich notwendigerweise in eine Zeitung verwandelt, sie ist aus dem sozusagen Gelegentlichen etwas Selbstverständliches geworden, das den „unbekannten Leser“ : zum vertrauten Freund gewinnen will. Die Zeitung.hät die Aufgabe, die Leser zu informieren, und indem sie das tut, verbindet sie sie miteinander. Ohne die jüdische Zeitung würde ein wichtiges Glied der . Verständigung zwischen jüdischen Menschen fehlen. I Aber die „J ü d isch-1 i b e ra 1 e Zeitung“ will nicht nur informieren, sie will, ihrer Tradition gemäß,, das gesamte Leben des religiös-liberalen Judentums mit allen seinen Ausstrahlungen und Reflexen in einem Spiegel jüdischen Lebens sämmeln. Sie will darüber hinaus ringenden Geistern Aufrichtung, und Rät bringen. Sie will für die jungen Menschen da sein, die eines Wegweisers durch die verschlungenen Pfade jüdischen Lebens bedürfen. Sie will da sein für die Sehenden und die' Suchenden, für die Gläubigen und die Schwankenden. Es geht dabei nicht in erster Linie um materielle Dinge, sondern weit mehr , um^ ethische, um religiöse und kulturelle Werte des deutschen Juden auf deutscher Erde. So i ist sie das Bindeglied zwischen dem einzelnen Juden und 'dem Kreis seiner Gemeinschaft. „praeceptor Germaniae“ und „Repräsentanten der deutschen Kultur“. Auch wir wollen keine „Praeceptores Germaniae“ sein und züchten.. Und wenn man das Wort „Repräsentant deutscher Kultur“ so auffaßt, als wollten wir versuchen, die deutsche Kultur in unsere Bahnen zu locken oder zu zwängen — so ist und war auch dies nie Wunsch oder Ziel derer, die als wirkliche „Repräsentanten“ des deutschen Judentums betrachtet werden durften. Ihnen genügte, in Reih und Glied zu stehen. Daß freilich auch deutsche Juden deutsche Sprache und Kultur ’ einst nach Ost, dann weit nach West getragen haben, — nicht bewußt und repräsentativ, aber weil sie nicht anders konnten, — das lehrt die Geschichte. Und mag man unsere Gemeinschaft heut mit vollem Bewußtsein durch'Gesetz und Verwaltung an „repräsentativer“ Mitarbeit an deutscher Kultur hemmen wollen, — daß jeder Einzelne von uns sich selbst und seinen Kindern deutsche Kultur bewahrt und überliefert mit allem Großen und Herrlichen, was uns Land und Laut, Bild, Wort und Ton ins Herz' prägen, das kann, und ich glaube, das will uns auch der Staat nicht nehmen; solange wir wählen und wollen dürfen, halten wir daran fest, nicht, tim damit zu prunken und zu „repräsentieren“, sondern, weil es uns notwendig ist wie Licht und Atem. Freilich, in einem Wesentlichen hat Lenders den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Juden „jüdisch zu machen“, ist unsere eigene Aufgabe, ist oberstes Gebot der Zeit. Dazu-braucht hier nicht viel gesagt zu werden. Der Kulturbund allein, mit dem sich Lenders kritisch befaßt, wird’s nicht schaffen, ob er nun mehr oder weniger Jüdisches bringt. — Auch' die jüdische Schule allein kann hierzu nur eine erste Grundlage bedeuten. Erst wenn nicht nur jene Juden, die von Berufs oder Neigung wegen für unsre Gemeinschaft arbeiten, wenn nicht nur die „Organisierten“, sondern wenn alle Juden dies Judentum’als ein Lebendiges erkennen, das sie nicht nur in'einigen Feierstunden mehr oder weniger nah vor Gott stellt, sondern^ ihnen auch im Alltag unentbehrlich wird als Quelle "der Erkenntnis, des Gefühls und vor allem als innere Richtschnur ihrer Beziehungen von Mensch zu Mensch, dann haben sie, ob auf dem Boden alten oder neuen Landes, ihr Eigenstes wieder errungen, dann sind sie echt und erfüllt vom Sinn ihres Lebens, ihrer Gemeinschaft. Dann ist ihnen auch ihr Schicksal nicht drückendes Joch, sondern befeuernder Sporn. Sie leben, weil, ihr Jddentum lebt. Heinrich Stern. Türkisch statt Hebräisch Smyrna. Wie bereits kürzlich gemeldet; nimmt die Assinrilierungsbewegung unter der türkischen Judenschaft immer größeren Umfang an. Sie zielt in erster Linie darauf ab, die altspanische Umgangssprache durch das' Türkische zu ersetzen. Bei den letzten grollen Gottesdiensten wurden die Gebete in allen Sy n agogen der kleinasiatischen Stadt Smyrna türkisch und nicht mehr hebräisch gelesen. Aidi jüdische Firma beteiligt Deutsche Konfektions-Filialen in England Der Londoner Daily Heralif veröffentlicht, der Berliner Textit-Zeitung zufolge, eine angeblich aus amtlicher deutscher Quelle stammende New Yorker.Meldung, wonach 18 deutsche Kon f ek t ion s f i rm en die Errichtung von Fabrikations-Filialen in England beabsichtigen. Die. hierzu erforderlichen Kapitalien stammen von einer englischen Holding-Gesellschaft, und zwar in Form eines Kredits, für den die einzelnen beteiligten Firmen aus Deutschland haften. - Die; deutsche Konfektionsqualität, die auf der ganzen Welt keine Konkurrenz zu fürchten hatte, hat dem deutschen Bekleidungsgewerbe lange eine festgefügte Exportbeständigkeit verliehen. Erst in der letzten Zeit haben auch hier der Währungsvorsprung .und vor allem die widernatürlichen Absperrmaßnahmen gegen fremde Waren Lücken gerissen. Durch das neue Englandprqjekt wird es Deutschland möglich ge: macht, das Terrain, das auf diesem für Deutschland bisher unumstrittenen Gebiet verloren zu-gehen droht, zurückzugewinnen. Selbstverständlich ist dafür gesorgt, daß der Nutzen des Englandgeschäftes Deutschland zugute kommt. Von einem amtlichen Treuhänder überwacht, haben diese deutschen Häuser in England folgende Verpflichtungen zu ei füllen: Die deutschen Stammbetriebe müssen in unverändertem Umfange aufrecht erhalten werden; kein einziger deutscher Arbeiter wird durch diese Verlagerung des geschäftlichen Gewichts um sein. Brot gebracht werden. Die Gewinne, die das englische Geschäft abwirft, sind, soweit sie nicht zur Bestreitung des Lebensunterhalts des Filialleiters und seiner Familie, zur Tilgung und Verzinsung des Kapitals dienen, nach Deutschland abzuführen; und was vielleicht das Wichtigste ist, 50o/0 der verarbeiteten Stoffe müssen aus Deutschland bezogen werden. Man schafft also für die deutsche Tuchindustrie zusätzlichen Export. Und dies altes, ohne daß deutsches Kapital über die Grenzen wandert. Was nun an diesem Projekt ganz besonders interessiert, ist die Tatsache, daß die Firmen, welche für das Englandgeschäft zugelassen sind, zum Teil in jüdischem B e s i t z sind. Erfreulich ist an diesem Tatbestand, daß nicht nur jüdisches Unternehmertum und Kapital die Anerkennung der Welt für deutsche Qualitätsarbeit errungen haben, und weiter zu’ erhalten in die Lage gesetzt sind, sondern daß im deutschen Bekleidungsgewerbe auch die Handarbeit des jüdischen Zuschneiders, Zwischenmeisters und der Schneiderin, kurz des jüdischen Handwerkers, zu diesem Erfolg deutscher Wirtschaft beitragen. Eine reformierte Judengemeinde in Warschau Warschau. Hier sind eifrige Bestrebungen im Gang, die von einer Gruppe fortschrittlicher Juden ausgehen, eine reformierte Judengemeinde zu organisieren. Man beabsichtigt, u. a. die traditionelle östliche Tracht abzulegen. Vor allem ist man bestrebt, den Sabbathgo11esdienst auf Sonntag zu verlegen und separate Friedhöfe anzulegen. Das Gebet soll gemeinsam mit den Frauen entblößten Hauptes verrichtet werden. Es versteht’ sich, daß die Orthodoxie in Warschau alles daran setzt, um dieses Projekt zum. Scheitern zu bringen.. Die „Jüdisch-liberale Zeitung'1 — für Jeden interessant Es gab eine Zeit, da-hatte ein Roman nur'Anspruch auf ‘diese Gattungsbezeichnung, wenn erlernen Umfang von mindestens drei Bänden mit je 487 Seiten besaß; Der Wert eines guten Buches hängt' längst nicht mehr von seinem Umfang ab. Im Gegenteil: je knapper, konziser seine Gedanken famuliert sind, umsomehr versteht er den Leser zu tessl'n. Ein dickes Buch, das noch so kluge Gedanken enthält, die im Zeilenmeer untergehen, kann langweilig sein. Eine Zeitung darf nicht langweilig sein.- Und sie braucht es nicht, wenn sTe es versteht, dem Leser - so knapp wie möglich lind so vielseitig wie möglich ein Bild seiner Welt und seiner Umwelt zu vermitteln. „Getretener Quark wird breit, nicht stark“ — dieses Goethewort ist bei der Neugestaltung der „Jüdischliberalen Zeitung“ zu ihrer Maxime geworden. Schon in der Stilform werden Anschauungen und Zäele vertreten; die Schriftgröße kann Bedeutungsgrade bestimmen, eine Ueberschrift kann Partei ergreifen und Bekenntnis einer bestimmten Gesinnung und Meinung ablegen. . Der Leser ist nicht nur Bezieher und Käufer seines Blattes, er hat auch ein Recht. Ein Recht, daran mitzuarbeiten. Die,Leute, die verantwortungsbewußt die Zeitung leiten, wissen sehr wohl, daß nicht immer und nicht immer zu gleicher Zeit jedem Geschmack Rechnung getragen werden kann.. Um jedoch die Wünsche der Leser kennenzulernen und sie .zu Mitarbeitern an dem Blatt ihrer Gesinnung zu machen, fordert die „jüdisch-liberale Zeitung“ sie auf, ihr bis zum 20. Mai mitzuteilen, was sie in der Zeitung vor allem zu lesen wünschen, welchem Gebiet ilir besonderes Interesse gilt, \ and was sie an der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ etwa vermissen.' , Unsere Frage lautet also: Was will der Leser in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ lesen? Die Redaktion schweigt — der Leser hat das Wort!

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