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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-03-29 · 26 (29.3.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
26 (29.3.1934)
Date
1934-03-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 29. März 1934 MC* | Eüur-teitail I zu Berlin. ( Einzelnummer 20 Pt. Nr.~26 gür^eutjd^e^^bcntuinunb^teligiöjen^tajbou Monatlich 1.35 RM.zuzOglld, Sestellgold. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnemonfci werden bei allen Postämtern angenoro- •njn. - Anzeigen nach Tarif. — Bel Nlchter- »chetnen Infolge Streiks oder hSherer Gewalt hMrtehtkeln Anspruch auf Nachlieferung oder 14. Jahrgang gebOhren. ■ Herausgeber: H Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal, wöchentlich* Dienstag und Freitag DleMJadlsch-llberaleZeltung>IersdielntOlenstags und Freitage. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Chorlottenburg 4. Mommsen- »tr- 4°. — rernruf: J S Bleibtreu Sammel-Nr. 1845. - Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H, Berlin N24. "— - "" irale Zeitung, - Fest des Pessach Von Rabbiner Dr. Levi, Mainz Bei keinem der jüdischen Feste sind die Elemente, welche für die Entstehung und den Sinn des Festes von Bedeutung sind, so vielgestaltig wie beim Pessachfest, diesem ältesten der jüdischen Feste. Diese. Vielgestaltigkeit der Entstehungsgrundlage gibt dem Bilde des Festes zwar Vielfarbigkeit, erschwert aber-die Aufweisung des einheitlichen Sinnes, der dem Feste -zu Grunde liegt.' Eine solche Vielgestaltigkeit der Elemente kann entstehen, wenn in einem Augenblick verschiedene Ströme geistigen und seelischen Lebens sich treffen, sie kann aber, auch das Ergebnis eines zeitlichen Verlaufes und geschichtlicher Entwicklung sein. Das Pessachfest trägt zweifellos'starke Spuren dieser geschichtlichen Entwicklung; denn wenn es ein Wallfahrtsfest gewesen ist, dann könnte es dies erst von dem Augenblick an gewesen sein, wo Israel über ein größeres Landgebiet hin angesiedelt war und Israels Mannschaft nur von Zeit zu Zeit zum zentralen Heiligtum-gelangen konnte. Wenn ferner Pessach zum Erntefest geprägt wurde, an welchem man die ersten Jahresergebnisse der Gerstenemte darbrachte, so setzt' dies eine feste Ansiedluijg und eine Beschäftigung mit der Landwirtschaft voraus und kann infolgedessen in einer' Zeit der Wanderschaft praktische Verwirklichung, nicht gefunden haben. Und manches Element, das zum Werden des Festes beitrug, hatte und hat nur auf einen Teil von Personen begrenzte Bedeutung und Verpflichtung; gerade das Ereignis, welches dem Feste den üblichen Namen „Pessach“ „Oberschrei- . tüngsfest“ gegeben hat, ist verpflichtend-wirksam nur auf die Erstgeborenen geblieben: weil Gott die israelitischen Häuser schonentT überschritt, während er in der letzten der 10 Plagen in den ägyptischen Häusern die Erstgeborenen sterben ließ, wurden die erstgeborenen Menschen männlichen Geschlechts in Israel gotteigen und werden als auslösungspflichtig betrachtet, sie sollen am'Tage vor Pessach zum Dank für die Rettung der israelitischen Erstgeborenen fasten; die Erstlinge gewisser Arten aus demPflanzen- und Tierreich werden Gott geopfert. Manche dieser Verpflichtungen und Bräuche sind, so wie sie aus zeitbedingten Voraussetzungen heraus oder für die begrenzten Kreise geschaffen waren, auch wieder außerGebrauch gekommen, nachdem die Voraussetzungen hinfällig wurden. Geblieben ist an diesem Frühlingsfest, das wir um die Vollmondzeit des Monats Nissan begehen, der tiefe Sinn, der ihm als „F e s t d e r Befreiung“ eigen ist. Um diese Befreiung aus Ägypten, dem Hause der Knechte, haben sich die zahlreichen ' Bräuche, die zahlreichen Vorschriften religionsgesetzlicher Art gruppiert; um den Gedanken der Befreiung,, seine Vertiefung und Erhaltung kreist die Hagad'ah, die dem Seder Halt und Richtung gibt, und die Mazzöth, die als Brot der Armut den entscheidenden Schritt des Volkes Israel aus Ägyptens Sklaverei zur Freiheit und zur Geborgenheit in Gott symbolisieren. An den Anfang der Volksgeschichte Israels ist das „Fest der Freiheit“ gestellt und der Freiheitsgedanke dieses Festes ist nach allen Seiten hin ausgebaut, weil die Freiheit, recht verstanden, Grundlage auch des religiösen Lebens ist. Der Sinn für die Bedeutung der Freiheit war anderen Völkern auch eigen; selbst aus den Überresten heidnischen Lebens, die sich bis in unsere Tage erhalten haben, erkennen wir dies. Wenn der Volksbrauch des Sommertages Winter- und Sommer-Puppen miteinander kämpfen läßt und unter allgemeinem Jubel der Winter scheiden muß oder gar in Feuer oder Wasser vernichtet wird, so kommt in diesem Brauch die alte elementare Freude darüber zum Ausdruck, daß die Bindung, die der rauhe Winter für den Menschen bedeutet, zu Ende ist, daß mit der Sonne und ihrer wachsenden - Fest der Rreflieit Kraft dem Menschen die Freiheit wieder gegeben ist. Aber wenn in diesen Volksbräuchen der Mensch . nur miterlebt, was sich draußen in der Natur vollzieht und ohne persönliche Leistung sich an einem Ablauf der Natur als, Beschauer freut, wird dem Juden die Freiheit zu einer Pflicht gemacht. Freiheit ist Urrecht und Rechte wollen verdientsein. „Und wären wir auch alle Weise, und wären, wir auch alle Einsichtige, und wären wir auch alle Alterserfahrene und wären wir auch alle Thorägelehrte, es" bliebe Pflicht für uns, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen“ so sagt die Hagadah an. einer Stelle, und an einer anderen heißt es „in jeder Generation ist der Mensch verpflichtet, sich selber zu betrachten, als ob’ er aus Ägypten gezogen wäre“.'Und es-darf vielleicht in diesem Zusammenhang daraufhin gewiesen werden, daß unsere alten Lehrer in einer geradezu rührenden Weise versucht haben, dieses Urrecht der Freiheit bis in die Tage unserer ersten ’ Stammväter zurück nachzuweisen, indem sie meinten „an jenem Tage, an welchem der Engel bei Abraham erschienen, sei Pessach gewesen, weil Sarah aus Feinmehl Kuchen geknetet habe“ und „in jener Nacht, in der der Herr unseren Stammvater Abraham aus dem Zelte geführt und ihm am Aufblick zum gestirnten Himmel die fruchtbare und’ segcnsvolle Zukunft seiner Nachkommenschaft verheißen habe, sei Pessachnacht gewesen.“ Durch diese Worte und Ausdeutungen soll offenbar zum Ausdruck gebracht werden, daß der. Gedanke der -Freiheit in allen Generationen und. in allen Schichten der Menschen lebendig ist und daß die Verwirklichung 'des Freiheitsgedanken uralt und ewig neu ist: . „Wir'wollen-frei sein wie . die Väter waren“; und wenn der große Preußenkönig gegen Ende seines Lebens aus einer langen- und tiefen Regentenerfahrung heraus das Wort sprach: „Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen;*, so bringt er damit zum Ausdruck, daß auch''der hochsinnige Herrscher den Sklavengeist verachten muß.' Wenn . Freiheit auch ein Urrecht der Menschen ist, wenn dieses Recht zu allen Zeiten und in allen Kreisen' erstrebenswert erschien, wenn es bei Herrschern und bei Beherrschten seinen Wert besaß, ausschlaggebend für die Frage, ob dieses Recht zu einem . überzeitlichen und-religiösen Wert wird, oderob es im Kampf des Tages und der Meinungen stecken bleibt, ist die Erkenntnis der Gefahren, die'mit- __ (Fortsetzung auf der Umseite.). El b’neii, el b'neh! Von Heinrich Stern In dem alten Festsang des Sederabends, der nicht nur diesem Abend, sondern, dem ganzen Fest . den charakteristischen Nigun gegeben hat, bitten wir: El b’neh, el b’neh B’neh beiss’cho bekorauw Gott baue, ja baue baue Dein Haus in Nahem! Dieses Gebet um Wiederaufbau, sonst fast in tändelndem Scherz gesungen, kommt heute aus tieferregt glühendem Herzen. . Auf erbautwerden wollen wir! Ausgeschachtet sei, was als Baugrund neuen Lebens nicht tauglich ist, das bequeme Dahindämmern,- der Sinn für das Äußerliche, die falschen Güter einer falschen Zivilisation: Halbbildung, Schlagwortkultur, Bessserwisserei! Einsenken wollen wir als Fundament Schlichtheit äußeren Lebens, gläubigen Sinn, unbeugsames Wollen. Um ein Haus bitten wir; denn eine Heimat tut uns not; — nicht nur ein Nachtasyl für den von Erwerbssucht und Vergnügungsjagd abgehetzten Körper, sondern eine Heimstätte, die Alten und Jungen neue. Lebenskraft gibt! Ein Haus brauchen wir, nicht eine Notbaracke, in dem wir uns für lange Zeit auf ein anderes Leben einrichten können; denn dieses neue Leben stiller Arbeit und gläubiger Hingabe soll nicht eine Ausflucht der Verzweiflung sein, sondern eine neue Sinngebung unseres Lebens. „In Nahem“ möge dieses Haus gebaut werden. Möge es uns erspart bleiben, das Los irrender Wanderer zu leiden, möge es uns vergönnt sein, aufder Erde, die die Gräber unserer Eltern trug, mit der Wiege unserer Kinder, auf deutscher . Heimaterde, unser neues Haus zu bewohnen! Möge endlich dieses Haus stehen „in Nahem“, in der Nähe des Ewigen. Manches Ding ist uns ferne geworden, dem wir uns nah verbunden glaubten, nähe Menschen wurden uns fremd, aber der Emst derZeit hat uns, auch vielen der Fernen unter uns, die Erkenntnis erschlossen, daß wir unser Leben durchmessen, nicht auf Grund des blinden Ungefährs, sondern nach dem Sinn eines weisen' Weltenplans. Dieses Fühlen göttlicher Nähe, dieses Ein- und Unterordnen, gibt uns die Kraft, als ungebrochene Menschen im neuen. Haus zu beginnen. Gerade wir liberalen Juden schöpfen aus diesem Bewußtsein der Gottesgebundenheit unser religiöses Gemeinschaftsbewußtsein, den Glauben an die Zukunft des Judentums, die unabhängig ist von Zeit und Land. Mit diesen Gedanken, Ihr Alten, Ihr Jungen, wollen wir uns um den Sedertisch vereinen! Ein Einsprachsbescfieid des Bezirksamts Schünebeig Der i Einen über den Einzeffalf-hinaus Interessierend» Einspruchsbescheid hat dieser Tage das Bezirksamt Schöneberg dem jüdischen Pächter einer Kl ein rartenparzelle, die sich in einer der Stadt Berlin gebärenden Schöneberger Laubenkolonie befindet, zugehen lassen. Der Pächter hatte gegen die vor einiger Zeit erfolgte Kündigung' Einspruch erhoben, der jetzt, mit folgender Begründung' zurückgewiesen wurde: „Der Einspruchsführer ist Pächter der - vorbezeichncten Kleingartenpaczellc im Schöneberger Südgelände. Die Stadt Berlin als Verpächtcrin hat durch Schreiben, vorn 27. Januar 1934 das Pachtverhältnis gekündigt. Dem Einsprüche des Pächters mußte der Erfolg versagt werden. Die Verpächterin muH ihr Kleingartenland zur Verpachtung an bedürftige d e u t s c h s t ä m in i g e Volksgenossen, verwenden.''-Oa der Einspruchsführer nicht arischer Abstam- , inung istL kann er die Fortsetzung des Pachtverhältnisses nicht beanspruchen.' Ein wichtiger Grund für die Kündigung im' Sinne des B 3 Abs. 2 der Kleingarten- und' Pachtlandordnung vom 31. Juli 1919 lag vor.“ Uraufführung in New-York Die Rothschilds verfilmt _d“ wird das Leben und Schicksal zweier Generationen dieser jüdischen Bankierfamilie' geschildert. In den Kritiken werden übereinstimmend die künstlerischen Leistungen, insbesondere die des Hauptdarstellers, George A r I i s s, hervorgchoben. Auch in Deutschland hat man schon einmal, kürz nach dem Krieg, die Geschichte der Rothschilds auf die Leinwand gebracht. Es handelte sich damals um eine Verfilmung von Karl Rößlers Lüstspiel „Die fünf Frankfurter“. Bittgang jüdischer Blinder zu Piltudstf Warschau. Eine Abordnung von 40 jüdischen Blinden hat einen Bittgang zu Marschall Pilsudski veranstaltet, um ihm die Notlage ihrer Schicksa lsgenossen zu schildern. Der Zug der Blinden, die Arm in Arm -durch die Straßen Warschaus zum Schloß-Belvedere, der Residenz des MarschaUs zogen, erregte lebhaftes Aufsehen, ln den. Straßen, die die Blinden passierten, wurde der gesamte Verkehr . eingestellt. Die .Wachposten im Schlosse ließen die Blinden ungehindert durch. Ein Adjutant des Märschalls empfing die Abordnung und überbrachte Pilsudski die Beschwerden der Blinden, die Klage darüber führten, daß sie infolge des Bettelverbots dem Hunger preisgegeben seien. Der Marschall ließ den Blinden sagen, daß er entschlossen ■ sei, ihnen zu. helfen., i ■''.!'*.! Die nächste Nummer der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ erscheintwegen der Feiertage *m 6. April als Doppetnammer.

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