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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-03-27 · 25 (27.3.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
25 (27.3.1934)
Date
1934-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Berlin, 27. März 1934 zu Berlin. Einzelnummer 20 Pt. afflr beutfftes Subentum nnb reltgiöfen iMutbou Nr. 25 14. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0.20 RM. Abonne-' m*bte werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nlditer- •dietaen Infolge Streiks oder höherer Gewalt fe1!*"!*!!1 Anspruch auf Nachlieferung oder ROrlrerseattung der entsprechenden BezugegebQhren. — Herausgeber: Hanns Loewenstein Die „]üdisdi>liberalä Zeitung" erscheint zweimal wöchentlich: foienstag und Freitag Dle„jadls<h-llberaleZeltung" erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäfts.. stelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mammaenstr. 40. — Fernruf: J S Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. — Bankverblndu ng: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H, Berlin N 24. Postschedckonto: JOdlsch-liberale Zeitung. Berlin 22754. Ins dritte Jahr Es war nicht leicht* über ein Jahr lang zuni Ausharren, zum Glauben aufzurufen, während ein Volk — unser deutsches Volk' — uns seine Ablehnung zeigte, während Zaghaftigkeit und Hoffnungslosigkeit sich in unsere Reihen einzuschleichen drohten. Es war .nicht leicht und ist es auch heute noch nicht. Aber das deutsche Judentum hat einzusehen begonnen, daß sein Kampf um Selbsterhaltung identisch ist mit einem Kampf um die Festigung seiner Position in Deutschland. Es hat eingesehen, daß ihm fremde Länder die Grenzen sperrten, daß Palästina nur Bruchteile der Auswandernden aufzunehmen . vermag, daß seine Gegenwart und Zukunft auf deutschem Boden liegt und liegen muß. Und es beginnt daher einzusehen — und die Reihe der Einsichtigen schwillt mehr und mehr an —, daß alle diejenigen Recht hatten, die von Anfang an dafür 'eintraten, den Kampf um Gleichberechtigung dort auszutragen, wo er nun einmal ausgetragen werden muß, — in Deutschland. Wiedererringung der Gleichberechtigung, Aufbau des deutschen Judentums, Erweckung der Religiosität — Ziel, hohes Ziel der „Vereinigung für das religiösliberale Judentum“, und damit Ziel ihres Sprachrohrs,' der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. Es kann als ein Zeichen der innerlichen Gesundung der deutschen Judenheit gedeutet werden, als eine beginnende Abkehr von den .Lockrufen derer, die uns in ein Ghetto des Geistes zurückbringen, uns in eine Absonderung vom deutschen Volkskörper zwingen möchten, daß die Rufe immer lauter werden, die davon Kunde geben, wie sehr sich deutsche Juden danach sehnen, neue Wege gewiesen zu sehen, neuen Zuspruch zu erhalten. In Berlin, Breslau, Danzig, Köln, Dortmund, RaT tibor fanden überfüllte Versammlungen statt, in denen Rechtsanwalt Heinrich Stern, der Vorsitzende der „Vereinigung“, das Wort ergriff. Aus allen Teilen des Reiches hört man von Bestrebungen, dem religiösliberalen Judentum durch intensive Arbeit neue Impulse zu verleihen. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“, unentwegte Vorkämpferin für die Belange des deutschen Judentums, begrüßt in jedem Sinn dieses Neuerwachen. Ihre Ziele weichen in nichts von denen ab, die die „Vereinigung“ auf ihr Panier geschrieben hat. So ist selbstverständlich, daß sie zufassen muß, wenn es gilt, für Wahrung der Rechte der deutschen Juden einzütreten. Und daß sie nicht schweigen darf, wenn Angriffe von - jüdisch-nationaler Seite abzuwehren sind. Vereinigung und Zeitung sind beide Hüter eines bewußten Judentums. Eines Judentums, das religiöse Menschen um sich scharen, sie zu Persönlichkeiten formen will. Zu solchen, die kämpfen wollen für ihre Religion und um ihre Heimat. So soll das neue Arbeitsjahr der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ begonnen werden mit einem Ruf an alle, die es angeht, die Idee des religiös-liberalen Judentums weiterzutragen und sich einzusetzen für eine Gemeinschaft, die ihrem Vaterland und ihrem ■ Glauben die Treue Hält.. Hanns Loewenstein. Einweihungsgottesdienst in der liberalen Synagoge Nordest Am Schabbos hagodaul fand der Einweihungsgottesdienst der liberalen Synagoge Nordost statt, der es nach langem Bemühen gelungen ist sich aus eigener Kraft unter der Führung ihres bewährten Vorsitzenden, Herrn B. Silberberg, in der Prenzlauer Promenade 176 einen eigenen Betraum zu schaffen. Nach einem Eingangsgebet des Predigers wurdim in feierlicher Weise die Thorarollen eingeholt und unter Harmouiumspiel und Chorgesang in die heilige Lade gestellt. Hieran schloß sich1 das Abendgebet. In seiner von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Predigt wies Rabbinatskandidat Erwin Zimet darauf hin, daß Israel sich immer NVieder gefunden habe, wenn es einsam war, und daß an dieser Stätte inmitten der großen Gemeinde eine kleine rührige Gemeinschaft entstanden sei. Ein Jahr lang habe man sich durchgekämpft und in verschiedenen Wohnungen gebetet, nur um einen Gottesdienst abhalten zu können; endlich sei die Stunde gekommen, da die Thora in einem eigenen Hause ihre Ruhe gefunden habe. Die kantoralen Funktionen versah Herr Max Neumann. Chorgesang unter Leitung des Herrn Schneemann beschloß den Gottesdienst, dem von. der Repräsentantenversammlung die Herren Ehrenreich, Sobotker und Frau Falkenberg beiwohnten. " Der erste April Der Dreiklang des ersten Apriltages ist von einer Gedankenschwere erfüllt, die zum Verstummen bringt. Ist es nicht für jeden bedeutungsvoll, den Tag der Wiederkehr unserer Schicksalswende mit dem Pessachfest und den Osterfeiertagen zusammenfallen zu sehen, die die Neugeburt alles Seienden verkünden? Uns deutschen Juden freilich wird das Herz schwer, -wenn wir uns diesen Tag zurückrufen, an dem vor Jahresfrist mit gewaltsamem Einschnitt unsere Aussonderung aus dem Volk begann, dem wir zutiefst uns verbunden fühlten. Daß dies seit der Emanzipation Ein Aufruf der Reichsvertretung der deutschen Juden Opferbereitschaft! Die Reichsvertretung der deutschen Juden erläßt folgenden Aufruf: In die bevorstehenden Peßachlage sendet das vergangene Jahr .mit der Erinne'rung, die in uns erwacht, seinen Ernst hinein. Wir wollen ihn eindringlich zn uns sprechen lassen. Gedenken, wenn wir nur gedenken müssen, wird auf uns lasten, wird uns bedrücken. Gedenken, wenn wir gedenken wollen, aufrichtig und frei, wenn es uns so eine Selbstbesinnung, eine Einkehr ist, wird uns zur sittlichen Kraft. So allein wollen wir uns jener Tage erinnern, damit wir innerlich stark und fest dadurch werden. , Eine Forderung an uns selbst soll darum dieses Gedenken sein. So ist es die fromme Übung;von den Vätern her. Der Pflicht, die vor uns steht, sollen wir ans bewuBt werden. Und eines ist es vor allem, das so vor uns hintritt und heute von uns die bestimmte, opferbereite Tat verlangt. Unser Werk für Aufbau und Hilfe wie unser Schulwerk wendet sich an uns. Wenn jeder von ans nach seinem besten Können durch eine willige Spende diesen Tag zn einem Tage des Beistandes macht, dann haben wir uns wahrhaft erinnert, dann hat der Ernst der Zelt zu nns gesprochen. Vergiß nicht, so sind wir vernehmlich gemahnt. Vergiß nicht — zu jedem von uns ist darin gesagt: vergiß Deine Pflicht nicht, vergiß nie, was Dir geboten ist. Fordere das Opfer von Dir. das bedeutendste und wesentliche Ereignis der Geschichte des deutschen Judentums war, 'hat inzwischen wohl jeder in irgendeiner Form an sich selbst erfahren. Und wie schon oft mit wichtigen Ereignissen eine neue Zeitrechnung begann, so könnte nun für uns das Jahr 1 unserer neuen Schicksalsepoche vollendet sein, ein JaHr, über das vor sich selbst Rechenschaft abzulegen, jeder sich verpflichtet fühlen sollte. Denn dann würde sich die Frage nach dem Sinn dessen, was uns getroffen hat, leichter und klarer beantworten lassen. Beim Ablauf eines Jahres, am Vorabend des Rosch-Haschanah-Festes, wird ein Lied von tiefer Eindringlichkeit als Gemeindelied gesungen. Dies sind seine schönsten Worte, immer wieder von Wirkung und Bedeutung: „Ein Jahr entrinnt — ein Jahr beginnt — Herr, lehr uns unsre Tage zählen!“ Auch uns kann dieses Wort nach einem barten und schweren Jabr Besinnung sein. Wir glauben nicht, was man mitunter aus zionistischem Munde hört, daß die Ereignisse des ersten April und seiner Folgezeit ein Glück, eine letzte Rettung für das deutsche Judentum gewesen sind, — sie erscheinen uns vielmehr als schmerzvoller Rückschlag. Aber wir' können sie fruchtbar machen, können ihnen den Sinn’geben, den sie trotz allem haben, wenn wir um die höhere Gerechtigkeit des Geschehens wissen. „Herr, lehr uns unsre Tage zählen!“ — dieses Wort soll uns an diesem ersten Apriltag gegenwärtig sein, weil es uns zeigt, worin wir gefehlt haben. Wir hatten nicht unsere Tage gezählt, wir waren, als Einzelne wie als deutsch-jüdische Gemeinschaft, nicht bereit," uns jeden Tag zu verantworten. Vor allem aber waren wir achtlos geworden und damit oft allzu überheblich, nicht in dem Sinne, wie man es tadelnd von einem Menschen sagt, sondern so, daß es uns unvorstellbar wurde, daß unser Geschick aus der ruhigen Sicherheit herausgenommen werden könnte, in der es sich abspielte. Dasist keine Forderung, die nur für uns Juden gilt; denn der Maßstab heroischer Lebenshaltung, der heute in Deutschland angelegt wird,- verlangt nicht weniger, als daß jeder sich tler Labilität seines Daseins bewußt werde. Wer sicher ist.^wird leicht bequem — aus Bequemlichkeit aber kann niemals heroisches Leben erwachsen. Aber sie gilt besonders auch für uns, Denn immer und zu allen Zeiten war es unser Schicksal, unsere Tage zu zählen, zu wissen, daß ein •Leben wie das jüdische, das der großen Aufgabe der Religion gewidmet war, gefahrvoll sein mußte, daß nur die ewige Bereitschaftzum Opfern und zum Dienen'sein Leitstern sein durfte. Daran, daß viele unter uns dies vergessen hatten, Kat uns der erste April 1933 grausam erinnert; dann nur. wird das Übermaß an Leid und Schmerz, das er mit sich gebracht hat, sinnvolle Zukunft werden, wenn diese Erkenntnis fest in uns steht. Den Schmerz allerdings, der nun, da jeper Tag des Schmerzes sich zum ersten Male jährt, in uns .emporsteigt, wird auch dieses Wissen nur in sehr geringem Ausmaße-l.indern können. . Und’es wäre dieser erste Apriltag ein Tag der tiefsten Trauer, wenn-er nicht zugleich Verheißung in sich trüge, Zuversicht in unser Herz senkte. Denn er ist ja zugleich der Tag des Pessacltfestes, des jüdischsten aller unserer Feiertage. Auch einer, der ganz „unjüdisch“ erzogen ist, weiß um -den Sinn dieses Festes, kennt die Melodien und Gespräche des Scderabends, ja, oft hört man von Menschen, die zum Religiösen vielfach die Bindung verloren haben, daß. sie dieses Fest nicht entbehren kqnneh. : Das ist nicht erstaunlich; denn Pessach iit das Fest unseres Schicksals, ist Symbol unseres gefahrvollen Lebens und der Überwindung dieser Gefahr, nicht anders als Chanukkah uns ewiger Markstein des wahren jüdischen Kämpfertums ist. Es ist gut für uns, daß wir uns an diesem Tag des Schmerzes erinnern können an andere Zeiten, zu denen wir nicht .weniger, ja noch viel stärker gefährdet waren, und in denen uns die rettende Hilfe zuteil wurde, Hilfe, die aus dein kam, was unser Leben.war, aus der Religion. Das mag die vielen zuversichtlich machen, die heute noch und eben.an diesem Tag wieder hilflos ttmherirren und nicht hoffen wollen und nicht, warten können,.bis der Weg sichtbar wird, der uns. als deut- . sehen Juden für die Zukunft gangbar ist. Die Gefahr und die Not waren größer, als die Rettung uns befreite,' zuderen Erinnerung wir. das Pessachfesf feiern, und weil auch damals und in allen gleichen Situationen die Rettung kam — und nur aus uns selbst kam, da ja die Religion der Kern unserer Existenz war —, dürfen und müssen wir auch jetzt zuversichtlich sein. Das allerdings bedeutet nicht, daß wir abwarten dürften, bis für alle aus unbekannter Quelle Möglichkeiten des Lebens entspringen — das legt einem jeden die Verpflichtung auf, an der-Zukunft nach seinen Kräften mitzuarbeiten. Die Lähmung, die einen jeden vor einem Jahr befiel, als alles das zusammenbrach, was unser Dasein bedeutete, darf bei keinem deutschen Juden andauern: heute sagt uns das Pessachfest, daß sinnvoll ist, was wir tun, daß wir auch diese Not überwinden werden, überwinden aus uns seihst, aus dem Innern unserer deutsch-jüdischen Gemeinschaft. Und dieses Wissen kann unseren Schmerz am Jahrestage des Boykotts in hoffnungsvolle Zuversicht wandeln. Dieser Tag aber ist zum "Hoffen und zum Glauben an die Zu k u n ft. bestimmt wie kaum ein anderer. Denn zugleich ist er der Beginn des Osterfests, des Neuwerdens der Natur und der Menschen. Auclr wir haben einen Winter überstanden, immmMiiunmmmiuiiuMuuiMmummuuiimMuuuMmuiiiimiuuauiaw^^ iiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiiiiiiimiiiiiniiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiimiiiimiiiiiiiiiiiiimiiiiiiimiiimiiimiiiimiiiiuiiiiiiliiiiuiiiinii ..Des Feiertags wegen erscheint die nächste Nummer der „J.-L- Z.“ statt am Freitag bereiLs'am Donnerstag, den 29. März. iiitiitiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiTHtiituiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiuiiiiiiiiiiiniiniiiiinuiiiiiuiuiiuimiuiiituiiiiiiimiininmiin

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