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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-03-23 · 24 (23.3.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
24 (23.3.1934)
Date
1934-03-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1 Durchgangsstation... Schicksale und ein Portier Die meisten Menschen sahen früher in einem Gemeindehaus nichts als ein Verwaltungsgebäude, wo Beamte Akten zu betreuen und Steuern auszuschreiben hatten, also einen Ort, den man nicht unaufgefordert aufzusuchen pflegte. Man kam auch keineswegs mit freundlichen Empfindungen, denn selbst die Steuern, wie sie die Gemeinde erhob, zahlte man ungern. Wer dachte wohl daran, daß von diesen Abgaben Arme und Kranke, hilflose Waisen, Schulen Und Bibliotheken erhalten werden mußten? Auch unsere Einstellung zu Gemeinde und Verwaltung haben wir revidieren müssen, wie so vieles andere in neuester Zeit. Heute wissen wir längst, daß wir, in unserem Gemeindehause einen Mittelpunkt jüdischen Lebens besitzen. Hierher wendet sich jeder, der irgendeiiie.,Auskunft über allgemeine Fragen, über Neil-Einrichtungen im öffentlichen Leben haben will, hierher kommen Hilfesuchende, Auswanderer; für alle möglichen Angelegenheiten bestehen hier Vermittlungen. Es kommen Wohnungsinhaber, die Mieter, und Mietslustige, die Wohnungen suchen; Gemeindemitglieder, die Rat brauchen und solche, die Steilem gestundet haben wollen, gehen ein und aus. Und alle die vielen Füße, die das Haus betreten, machen zunächst am Beginn der Treppe halt, vor dem Fenster, hinter dem der Pförtner, seinen Sitz hat. Hunderte von Fragen muß er täglich beantworten, und wenn er Zeit genug dazu hätte, so könnte er von den Gesichtern der Fragenden Schicksale ablesen — vielleicht würde er ein Dichter, vielleicht ein Philosoph werden ... . , Der Mann mit der blauen Dienstmütze, der diese erste Station im Gemeindehäuse verwaltet, die jeder passieren muß, der hinein will, ist vor allem ein Pflichtenmensch. Unermüdlich beantwortet er gleichmäßig freundlich jede an ihn gerichtete Frage. Wie blaß sind die schmalen Wangen des schlanken Mannes, der ein wenig zaghaft nach der Beratungsstelle für Anwälte fragt! „Herr Portier, sagen Sie mir, bitte, wo kann ich mich für die Gartenbauschule in Ahlem anmelden?“ fragt die junge, helle Stimme eines Mädels Und der Herr Portier gibt wohlwollend Auskunft: „Lesen Sie das Plakat im Hausflur, darauf steht die Adresse.“ . „Danke sehr!“ Da kommen zwei junge Menschen, mit glücklich strahlenden Gesichtern: sie wollen sich zur Trauung anmelden. „Herr M.?“ Einer der im Vorraum Wartenden hat sich erhoben und dem angehenden Ehemann auf die Schulter getippt. Er ist wirklich Herr M.,’ und alle Anwesenden erfahren, daß er sich verheiraten und sich gleichzeitig selbständig machen wird. „Auswandern?“ — „Bewahre — hierbleiben, gemeinsam mit der jungen Frau das Gewerbe, die Schneiderei, ausüben. Einen tüchtigen Schneider kannman hier noch brauchen . . .“ Das Haus der Gegensätze: ein ernst dreinblickender Bürger will zur Friedhofskommsision, eine junge Frau erkundigt sich, wo sie ihr Kind zum Religionsunterricht anmelden soll. Mit einem viel verratenden Seufzer läßt ein älterer Herr, offensichtlich Geschäftsmann, dem die Sorgen auf der Stirn geschrieben stehen, sich in dem kleinen Warteraum nieder, der der Herrschaft des Pförtners untersteht. Er soll hier auf. die Entscheidung über die Steuer-Eingabe warten, die hinter der mit „Hauptbüro“ bezeichneten Tür gefällt wird . . . Rund um den Portier sitzt ein ganzer Kreis von Wartenden. Schweigen ist nicht jedermanns Sache, keinesfalls aber die der beiden Damen, die zufällig nebeneinander sitzen. „Wollen Sie auch zur ,Wohnungsberatung'?“ „Ja — ich möchte von meiner Wohnung zwei Zimmer abgeben; mein Mann ist gestorben, meine Tochter hat sich verheiratet; was soll ich allein mit der großen Wohnung?“ — „Ist Küchenbenutzung dabei, und ein Balkon?“ Die beiden Damen wispern eifrig miteinander. Auf einmal erheben sie sich. „Herr Portier, wir brauchen nicht mehr zur Beratung; wir haben gefunden, was wir suchen: ich eine Mieterin, und diese Dame eine Wohnung.“ Zufrieden verlassen beide zusammen das Haus. Der junge Mann, der zunächst eine Weile unschlüssig vor dem Fenster auf- und abgeht, und dann erst nach dem Museum, hierauLnach der Bibliothek fragt, ist sicherlich ein Arbeitsloser, der keine rechte Verwendung für seihe Zeit weiß. Zuhause ist’s kalt, die Unterstützung reicht nicht mehr für Kohlen aus — da will er sich nun auch einmal mit. den Schätzen vertraut machen, die* nicht nur um ihrer selbst willen in Bibliothek und Museum aufgehäuft sind, sondern um lebendig auf den Geist der Lebenden zu wirken ... Unaufhörlich kommen .Menschen an das kleine Pförtnerfenster; geduldig werden alle die verschiedenen'Fragen von dem Manne beantwortet, der alles wissen muß. Sorgen und Leiden und Freuden werden vorübergetragen, mancher tritt traurig ein, der später getröstet fortgeht. Andere erkennen erst hier, im Hause der Gemeinde, daß der Weg, den sie gehen wollten, schwerer ist als sie dachten. Ein Abbild des gesamten Lebens im Kleinen: die Durchgangs- Station am Fuße der Treppe mit dem getreuen Wächter im Gemeindehaus. Etty Hirschfetd. Kurze Kritik! s ■ Fritz F ri ed m ann-F red er i c h, dessen Tod wir in der letzten Nummer unseres Blattes meldeten, war ein geborener Berliner (sein Vater war Direktor der Patzenhofer- Brauerei), und echt berlinerisch war er ln seiner Art und in seinem Witz.' Einmal war er in einer großen Gesellschaft, in der sich neben vielen anderen Theaterleuten, auch Viktor Palfi, der damalige Direktor des Neuen Operettentheaters, befand. Man wußte, daß seine Vorstellungen trotz künstlerischer Qualität unter der völligen Teilnahmslosigkeit des Publikums litten, und als er nach Mitternacht aufbrach, meinte Frederich: „Palfi geht schon, weil er sehen will, wie der Vorverkauf für morgen ist.“ Und bei der Uraufführung der durch Unzulänglichkeit des Librettos und der Musik gleichermaßen ausgezeichneten Operette „Die schönste Frau“ im Theater des Westens prägte Friedmann-Frederich folgende kurze Kritik: „Die schönste Frau ist das mieseste Stück.“ , ' Der so früh Verstorbene war die beste Quelle für alles, was mit dem Berliner Theaterleben zusammenhing. Er kannte jeden Kulissenklatsch und wußte ebenso um jedes Schauspielerengagemeut sowie um jede bevorstehende Veränderung in den pirektionsverhältnissen einer Bühne. Immer liebenswürdig, immer beweglich, voller Einfälle und stets zu einer treffenden Randglosse geneigt, ging-sein Weg, der ihn aus der Lehre im Bankgeschäft auf die weltbedeutehden Bretter geführt hatte, zunächst als Dramatiker, dann als Theaterunternehmer. Sein erster Versuch auf diesem Gebiet galt dem Theater am Zoo, in dem sein Lustspiel „Meyers" mit Max Adalbert - und dem vornehmen Max Lun da (wie erinnerlich, ging er vor einigen Monaten freiwillig in den Tod) zuerst in Szene ging. Nach dem Zusammenbruch des Rotterkonzerns, wo er; in den letzten Jahren Oberregisseur gewesen war, veranstaltete er cm Ensemblegastspiel in der Schweiz und hatte sich Ende vorigen Jahres zur Vorbereitung einer ähnlichen Tournee nach- Prag begeben Dort erkrankte er, der vor etwa anderthalb Jahren eine Brustfell- und doppelseitige Lungenentzündung überstaudeu halte und seitdem sehr anfällig war, und starb jetzt nach mehr als zweimonatigem Leiden im Hospital. .Von den zahlreichen Lustspielen, Schwänken und Possen, die rriedinann-Frederich meist in Gemeinschaft mit anderen Autoren verfaßte, hatten besonders „Klubleute“, „Mevers“ und „Mein Vetter Eduard" grollen Erfolg und gingen über alle deutschen und eine Anzahl von Auslandsbuhnen. lewe Nachrichten Neuregelung des Sfaalsbürgerrechles der österreichischen Juden Wien. Das „Neue Wiener Tagblatt" veröffentlicht eine Meldung, wonach dem Bundeskanzler Dr. Dollfuß von der Heimwehr eine Forderung über die Lösungderüsterr e ic h i s c h e n Judenfrage überreicht werde. Nach dem Projekt sollen die Österreicher jüdischer Konfession in drei Kategorien eingereiht werden. Die erste Gruppe soll diejenigen umfassen, die vor dem Weltkrieg bereits m Österreich das Bürgerrecht hatten. Sie sollen als vollberechtigte österreichische Staatsbürger anerkannt werden. Zur zweiten Kategorie sollen die seit dem 31. Dezember 1914 cingewanderteu und zu österreichischen Staatsbürgern gewordenen Juden gehören. _ ln die dritte Kategorie sollen die Juden fallen,-die sich während des austro-marxistischen Regimes niedergelassen haben. Den beiden letzten Kategorien sollen die vollen Staatsbürgerrechte nicht zuerkannt werden. Ausstellung für Synagogenarchitektur London. Durch den polnischen Gesandten wurde hier eine Ausstellung von bisher noch nirgends gezeigten Zeich-' nitngen des Professors der Architektur Georges Lukomsgi eröffnet, die polnische Synagogen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert darstellen. Die Frühjahrsaktion der NS-Hago Die Oberste Leitung der PO, Abteilung Propaganda; teilt ■ mit: „In der ausländischen Presse versucht man mit allen Mitteln, den Sinn unserer größen Frühjahrsaktion „Die Tat der-Gemeinschaft dient dem Aufbau" zu verfälschen. Wir stellen noch einmal eindeutig fest: Die Aktion hat'einzig und allein den Sinn, Handel und Handwerk zu bester Leistung lind vorbildlicher ‘ Bedienung anzuspornen und andererseits das Unverständnis zu beseitigen, das bisher von Seiten der Käuferschaft wie auch aus den Kreisen des Handels und Handwerks kommend, den Ladentisch zum Kampfplatz engstirniger Interessen gestempelt hatte. Alle Versuche, unserer großen von der nationalsozialistischen Weltanschauung getragenen Erziehungsarbeit einen anderen Sinn zu unterlegen, kennzeichnen sich selbst.“ .Hierzu bemerkt die „Frankfurter Zeitung“: Diese .Mitteilung ist offenbar dazu bestimmt,'in .Übereinstimmung mit der ersten Ankündigung nochmals hervorzuheben, daß es bei der Aktion lediglich auf Förderung des Leistungsgedankens ankommen solle, also nicht auf Rasseprinzipien, wie sie bei der örtlichen Auslegung der Aktion, z. B. in Aschafferiburg, ursprünglich in Erscheinung getreten sind. Eou de Cologne Parfüm Puder Zu haben in allen einschlägigen Geschäften üichfonü! Heirat! . groß, 23 Jahre alt, norm. geb, best. Charakt,s.jD. 1,20—l,40n.üb.24 J., mos., hüb. Aus. Oll. m. Lichtb. unt. H. M. 513 a. d. J-l-Z. Diskret. Ehrens. 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