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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-03-23 · 24 (23.3.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
24 (23.3.1934)
Date
1934-03-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 23. März 1934 Einzelnummer 20 Pt. zu Berlin. Nr. 24 gfirJieut^tö^ubetrtuntunbvdRgidteit^natt S«*u0»Pr«l»: Monatlldi W5 RM. zuzüglich Seatellgeld. ElnzelnummerO.SO RM. Abonnem«ntswerd»n bei allen Postämtern angenomm»n; — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nlditer- Infolge Streiks oder hSherer Gewalt besteht Kein Anspruch auf Nachlieferung oder 00rf'm~to**“'>0 der entsprechenden Bezugegebahren. 14. Jahrgang Herausgeber: Hanns Loewensteii Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstag und Freitag Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint Dlenstags und Freitags. - Redaktion und Qeschüfts- Berlin - Charlottenburg 4, Momenten- ~ Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammel-Nr. Bankverbindung;Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H, Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin 22704. ... zurikkführen das Herz der Kinder“ Worte an die Eltern Von Rabbiner Dr. Benno Gotischalk Das Pessachfest wirft seine Schatten voraus. Der „große Sabbath“ ruftin dem bekannten Prophetenwort den Propheten Elia auf den Plan, der die Herzen der Kinder zu den Herzen der Eltern und umgekehrt . zurückführen soll. Vielleicht kommt dieses Wort zur rechten Zeit; Das ' Win t erh i 1 f s w e rk ist beendet und soll .nach wiederholter Ankündigung durch ein ' Werk für Mutter und Kind fortgesetzt werden. Nehmen wir hinzu, daß überhaupt durch die neue Zeit die Familie neu wertbetont ist und sich andererseits die Jugend in zahlreichen Bünden neu organisiert, so durfte es nicht unangebracht sein, die Gefahrenquelle aufzuzeigen, die einer Erfüllung jenes Prophetenwortes im Wege stehen könnte. Es ist noch nicht lange her, da ließ ein trauriges Wort uns alle aufhorchen, das war das Wort von der Weltillusion der Mutterliebe, ein furchtbares Wort, das nicht mehr und nicht weniger besagen sollte, als daß die hundertmal besungene Mutterliebe, in Wirklichkeit rein materielle, rein physische Gründe hätte. Das war in derselben Zeit, als man es für selbst: verständlich erachtete, daß der entscheidende Augenblick des Lebens, die Wahl des Gatten oder der . Gattin von der Jugend selbst ' in hypermodernem Freiheitsgefühl und in förmlichem Wüten gegen Kindheitsempfindung, ohne jSde Befragung, ohne jede Rücksichten, ohne jede Anpassung und Fämiliengeist und Tradition erfolgte. Sollen sich solche Dinge nicht wiederholen, so mögen sich alle Eltern — und nur von ihnen soll heute die Rede sein — dessen bewußt bleiben, daß der Geist der Unwahrheit, der Unrast, des Ungeistes mehr als einmal die Hindernisse bilden, die sich einem harmonischen Zusammenleben im engsten Kreis in den Weg stellen. Der Unwahrheit — das ist der Geist, der sich immer nur auf andere, auf Fremde einstellen kann, der Geist der Maske, der Heuchelei, der Verstellung, des glatten . Lächelns. Ist aber der Kreis wieder der eigene, dann erfolgt auf die Maskierung die Demaskierung, verzerrt sich das Antlitz, verschwindet Anmut, verschwindet Würde, und Heftigkeit, Demonstration, Lärm erfüllen die Räume. Eine Jugend, die in solcher Umgebung aufwächst, kann nicht den Weg zu denen finden, die ihnen Vorbild und Leitstern . sein sollten; denn Jugend ist, im allgemeinen jedenfalls, natürlich und wahr, lehnt Konzessionen und Konventionen glücklicherweise und mit vollem Recht ab. Wohl hat das Tassowort seine Berechtigung: „Mit Fremden nimmt man sich zusammen, allein bei Freunden läßt man frei sich gehn, man ruht in ihrer Liebe, und so verletzen wir am eh’sten die, die wir am zärt’sten lieben.“ Aber soll das unter allen Umständen gelten, eine Dauerlosung sein dürfen und nicht höchstens gelegentlich berechtigt sein? Und wie Unwahrheit, so ist der Geist der Unrast eine unselige Quelle der Zerwürfnisse. Was hier gemeint ist, mag ein Wort des großen Erziehers Pestalozzi beleuchten: „Armes Kind, deine Wohnstube ist deine Welt, aber dein Vater ist an seine Werkstatt gebunden, deine Mutter hat heute Verdruß, morgen Besuch, übermorgen Laune. Du fragst, aber die Magd antwortet nicht, du willst auf die Straße, aber du darfst nicht, du reißt dich .mit der Schwester um " Spielzeug herum. Armes Kind, aber geht es dir dennbesser, wenn du im goldverbrämten- Wagen spazieren fährst? Die Führerin betrügt deine Mutter, und du wirst schlechter als andere.“ Wag hier gemeint ist, läßt sich auf die gerade, heute vielleicht scheinbar so berechtigte Formel bringen: wir haben keine Zeit! Ihr habt keine Zeit, ihr seid nervös, der Lebenskampf ist grausam, ist hart, und damit glaubt ihr, euch einen Freibrief zu erkaufen, die heiligsten Pflichten von euch abschütteln zu können, glaubt, durch den so bequemen . Hinweis auf Sorgen und - Mühen, die mit Erziehung zusammen- Es wird gemeldet : Aus einer Statistik, die sich mit der Bevölkerungsbewegung der israelitischen Gemeinde in Frankfurt beschäftigt, geht hervor, daß sich dort ein Rückgang der jüdi-’ sehen Bevölkerung bemerkbar macht, der allerdings schon vor der politischen Umgestaltung zu verzeichnen war, sich jedoch im vergangenen Jahr bedeutend verstärkt hat. 1933 betrug der Abgang 1695 Seelen (Sterbeüberschuß 225, Austritteüberschuß 58, Abwanderungsüberschuß 1412). Der Präsident des Kulturbundes, Or. Kort Singer, gab auf einer Werbeveranstaltung des Kulturbundes deutscher Juden in Frankfurt am Main bekannt, daß nunmehr die im Kulturbund durch Theaterkammer und Staatspolizei genehmigt wurde. Nach dieser staatlichen Anerkennung, über die, wie wir in der letzten Nummer unseres Blattes mitgeteilt haben, in den letzten Monaten Verhandlungen geführt worden sind, ist die Schaffung mehrerer Unterzentralcn im Reich für Preußen, Ostpreußen usw. geplant. letzten J; der Sektion Berlin des Alpenvereins wurdedie Satzungsänderung beschlossen, die zur Angleichung an die Normalsatzungen der reichsdeutschen Sektionen notwendig geworden war. So mußte die Einführung des Arierparagraphen und des Führerprinzips zum Beschluß erhoben werden. In Westdeutschland hatte, wie wir der „Volksparole“ entnehmen, ein jüdischer Viehhändler von einem Bauern eine Kuh zum Preise von 110 Mark gekauft und darauf eine Anzahlung von 15 Mark geleistet. Der Bauer wurde auf sein Drängen um Zahlung des Restbetrages immer wieder vertröstet. Er wandte sich schließlich an das Gericht, wo sich der Händler darauf stützte, daß er habe zahlen wollen. Zum Beweis seiner Zahlungswilligkeit verwies er auf die Anzahlung in. Höhe von 15 Mark. Nach dein geltenden Recht mußte der Händler freigesprochen werden, da ihm eine betrügerische Absicht nicht nachgewiesen werden konnte. Im Münchener „Staatsanzeiger“ wird eine Erklärung des Treuhänders der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Bayern veröffentlicht, in der er gegen die Verfügung der NSBO der deutschen Arbeitsfront in Mittelfranken, wonach jüdische Be- ■triebsinhaber einen arischen Vertreter als Betriebsführer namhaft machen müssen, Stellung nimmt. Die Bekanntmachung und Anordnung der Gauleitung “der NSBO der deutschen Arbeitsfront in Mittelfranken, daß im Bereich des Gaues Mittfclfranken Juden als B et.r Le bs f ü h r e r nicht in Frage kommen und daß jüdische Geschäftsführer einen arischen Vertreter zu. benennen haben, entbehre der gcsetzlichen Grundlage. Das Gesetz zur Ordnung.der - nationalen Arbeit enthalte, keine Bestimmung, aut die sie gestützt werden könne. ■ * ' Die ITA berichtet: Auf einer Führertagung des Rcichsverbandes Deutscher Makler, die auf Burg-Ranis in Thüringen stattfand, teilte der Leiter des Überwachungsstabes mit, daß ein für den ganzen Verband verbindliches Aufnahmeverfahren in Vorbereitung sei, das unter anderem deti Nachweis der arischen A bst a m m u n g vorsehe. Nach einer Meldung aus Genf hat das Internationa I e Studen ten werk dem durch den Oberkommissar für Auswandererfürsorge, James MacDonaid, die. Hilfsarbeit zugunsten der aus Deutschland ausgewanderten Hochschüler übertragen worden ist, einen Bericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, daß in den letzten neun Monaten über tausend aus Deutschland stammenden Studenten Hilfe .geboten wurde. Für die Durchführung der Hilfsaktion wurden bisher 3000 Pfund aufgewandt. Wie. aus Paris gemeldet wird, haben die Hörer der Pariser Recbtsfakultät Protest .gegen dic Zulanuag von Studenten aus Deu tsch lagrf zu den Schlußprüfungen unter Anrechnung ihrer in Deutschland abaolvlerten Rcchtsstudien erhoben. Die Pariser Studenten verlangen, daß die aas Deutschland stammenden Juristen vor. der Zulassung zur Schlußprüfung drei Jahre lang an der Pariser Fakultät studieren sollen. ■— j | _. In' einer Versammlung von Richtern, Staatsanwälten und leitenden Beamten der Justizverwaltung, die im Schwurgerichtssaal des Wiener Landesgerichts I stattfand, erklärte 'Bundcsminister für Justiz, Dr. Schuchnigg, u. a... gerade für den Richter sei volksnahe Bodenständigkeit wesentlich, und ___ der Heimatschein djiielc eine wichtige Rollei Die Justiz- Verwaltung habe daraut Bedacht genommen, daß der Richterberuf bodenständig bleibe. — Dazu ist zu bemerken, daß man unter i,Boden st ä n d i gen“ in Österreich’N i c h.tj u d e n versteht. hängen,' auf vergossene Tränen, durchwachte Nächte, Bangen und Sorgen an Krankenlagern, ja vielleicht, isoweit es die Mutter angeht, auf das Wagnes, das Opfer der Geburt selbst, euch vor eurem Gewissen beruhigen zu können. Und ist doch alles so selbstverständlich, und sind doch Dinge, von denen man überhaupt, nicht spricht. Habt ihr keine Zeit, so wundert euch nicht, wenn auch das Kind für euch keine Zeit hat, Kreise aufsucht, in denen es die Seelenfreunde findet, die ihr ihnen nicht seid; denn ihr habt ja keine'Zeit dazu. Auffütterer seid ihr eurer Kinder, Geldgeber für ihre Bedürfnisse, wie in Pension leben sie bei euch. Und es ist doch nicht wahr, daß die Jugend euch nicht will, eure Führung ablehnt, daß sie im Jugendheim die Jugendheimat finden möchte, so entthront euch nicht selbst. Nicht der Kindergarten und nicht die Schulreform und nicht der Jugendbund ist eure Erlösung, ihr selbst, ihr selbst habt den Führeranspruch, ihr dürft nicht freiwillig, ja freventlich auf ihn.verzichten, weil ihr keine Zeit habt. Ein Lied, ein Gedicht,-ein Gemälde, ein paar vernünftige Worte, sie genügen, wenn täglich von dem einen oder andern Gebrauch gemacht wird, um zwischen euch und euren Kindern Freundschaften herzustellen, Vorfreude, Spannung, Erregung, wirkliche Liebe und Dankbarkeit in ihnen zu erwecken. Eng damit zusammen, hängt das Dritte: Der Geist des Ungeists, den ihr um eurer"selbst und eurer Kinder willen zu vermeiden habt. Gerade hier liegt eine schwierige, aber außerordentlich verantwörtungsvölle Aufgabe vor, die ihr der erwachsenem Jugend gegenüber zu leisten habt. Hütet euch vor. Uniformierung des Geistes innerhalb eures engsten Kreises, seht nicht in Familientraditionen, in. Vater- und Mutterwünschen das letzte Wort der Weisheit, die ihr vor euren Kindern ausbreitet.' „Wir können' die Kinder nach unserem Sinne nicht formen, so wie Gott sie uns gab, muß man sie halten und lieben, sie . erziehen aufs beste und jeglichen" lassen gewähren.. Denn der eine hat die, der andere andere Gaben, und ■ schließlich wird jeder doch nur auf seine Weise.gut Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für April. — Nur pünktliche Einlösung. sichert regelmäßige Zustellung der _ „JüdlsdiUDeralen Zctlunif.

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