Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 23 (20.3.1934)
- Date
- 1934-03-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Von jüdischem Wort und jüdischem Brauch Vorbereitung auf Pessach Am 15. Nissan begehen wir das Pessach-Fest. Zweierlei Quelle fließt in ihm zu einem Strom zusammen. Es war ein Fest des Zusammenhangs mit der Natur, das Fest _des Frühlings, in Palästina zugleich das Fest der ersteh, der Gerstenernte. Von dem Naturzusammenhange des Festes legt auch heute-'noch die Liturgie Zeugnis ab, denn in sie ist ein Gebet um Fruchtbarkeit des Jahres eingebaut. In der Hauptsache aber'ist es ein Fest geschichtlicher Erinnerung, des Gedenkens an den Auszug aus Ägypten, der an diesem Tage begonnen hatte. Mit ihm beginnt die Geschichte Israels, es ist also in einem ganz betonten Sinne das Geschichts-, fest. - Sein äußeres Symbol ist die Mazzoh, das ungesäuerte Brot. Enthaltung von allem Gesäuerten ist das Hauptgebot der acht Pessachtage. Als Erklärung für die Mazzoh wird in der Bibel angegeben, daß die Israeliten so rasch aus Ägypten fortmußten, daß nicht einmal mehr Zeit war, den Teig zu dem Brot der Wegzehrung gären zu lassen, und daß man in aller Eile ungesäuertes Brot, mitnehmen mußtet Man sollte aber — und das ist vielleicht beste Frucht einer sich vom' Rationalismus abwendenden Epoche — überhaupt nicht die Frage stellen: was bedeutet dieser oder jener Brauch? wozu übt man ihn? welchen Sinn hat er? Die Frage kann im letzten nie beantwortet werden, ihre Beantwortung ist immer ein höchst Subjektives, und sie führt schließlich dahin, daß der eine oder der andere für sich das Recht herleitet zu sagen: ich habe den Sinn mir zueigen gemacht, also brauche ich die Übung nicht mehr (wobei 'dann ganz übersehen wird, daß, was man' sich selbst erarbeitet hat, darum hoch nicht Erbe künftiger Geschlechter ist). Man sollte sich viel, mehr daran' gewöhnen, in derartigen Symbolen eine Geschichtserinnerung zu erblicken, in der das Gesämterlebnis der Geschlechter mitschwingt, in der vertikal eine Verbindung der Geschlechter durch alle Jahrtausende hergestellt wird, und man sollte zufrieden damit sein, daß wenn man auch nicht nach dem Zweck fragt, in einem jeden nach' seinem Fühlen und seiner Art etwas anklingt. Das Fest dauert hierzulande acht Tage, die zwei-ersten und die {zwei letzten sind große Festtage mit festtäglichem Gottesdienst und Arbeitsruhe, die vier mittleren gelten als Halbfeste, Arbeitsruhe wird an diesen nicht gefordert, für sie gilt nur die Enthaltung vom Gesäuerten. Der Gottesdienst der vier großen Tage gipfelt in den entsprechenden Thora- und Prophetenvorlesungen, die um das Thema „Auszug aus Ägypten“ und „reiner'Glaube“ zirkeln. Kernstück des Gottesdienstes ist das sogenannte Hallel-Gebet, die in innerem Zusammenhang miteinander stehenden Psalmen 113 bis 11S. Sie werden vom dritten Tage an etwas verkürzt, in Anlehnung an ein Wort der Alten .„als Zeichen der Trauer darüber, daß die Errettung Israels mit dem Untergang der verfolgenden Ägypter Hand in. Hand ging, also Menschenleben kostete“, ein Zeugnis des Feingefühls,, das auch in dem Feind die Kostbarkeit des Lebens achtet. Das Fest klingt am achten Tage in der' jesajanischen Kündung der messianischen Zeit aus (Kap. 11),. und es ist von besonderem Reiz zu gewahren, wie die Schöpfer der Liturgie das Fest der Begründung jüdischen Seins und ' jüdischer Geschichte einmünden ließen in die ewige Hoffnungauf die Zeit, in der es kein Unrecht mehr geben wird und alle .Völker sich einen werden in dem Glauben an den. einen Gott, dem einen Herrscher und Gesetzgeber der Welt. Das Pessachfest beginnt mit einem das Festmahl umrahmenden häuslichen Gottesdienst, Sederabend genannt, der einer der stärksten Ausdrucksmittel jüdischer Frömmigkeit ist. Er reicht in der'Gestalt, in der wir ihn heute begehen, in älteste Zeiten, in die Tage hinauf, da noch der Tempel stand. Das Büchlein, das den Ablauf des Festabends regelt, ist Haggadah das. älteste Und stärkste Volksbuch. Der Scder (Seder heißt wörtlich „die Ordnung“, und in dem Namen soll zum Ausdruck kommen, daß eine bestimmte Ordnung dieser häuslichen Feier üblich ist.) hat folgende traditionelle Gestalt: vor dem Hausherrn stehen drei Mazzoth, eine Schale mit Bitterkraut — ihr zugesellt eine Schale mit süßem Brei aus Äpfeln und Mandeln — und eine Schale, - auf der als symbolische Erinnerung an das einst geopferte Pessachlamm ein Knochen und ein Ei liegen. Der Abend beginnt mit dem' festtäglichen Weihegebet, dem Kiddusch. Auf dieses folgt der Genuß einer in Salzwasser eingetauchten Erdfrucht. So begann nach der römischen Tafelsitte jede Mahlzeit, und die äußere Ordnung des Abends ist in römischer Zeit geprägt und so durch alle Zeiten beibehalten worden. Der Konservativismus jüdischer Sitte! Hier und bei all den symbolischen Handlungen des Abends soll man, wie oben ausgeführt, nicht nach dem Zweck fragen, sondern sie naiv hinnehmen. Es folgt die Frage des Kindes nach dem Grund der abendlichen Feier. Darauf kommt eine kurze Darstellung des in dem Auszug .aus Ägypten gegebenen Ge- . Schichtserlebnisses und seiner fortlebenden Bedeutung. Eine knappe Erörterung der oben genannten Symbole, der Mazzoh, des Bitterkrautes und der Erinnerung an das Pessachlamm leiten zur Mahlzeit über. Das Bitterkraut wird vor dem Genuß in den süßen Brei getaucht. Auf die Mahlzeit und den Tischdank folgen Psalmen und allerhand Gesänge. An bestimmten Höhepunkten dieser Abendfeier'— es sind ihrer vier — wird je ein Becher Wein getrunken. So in Kurze der traditionelle Ablauf. _ . ,_• Umzüge, Spedition^? Massiver Lagerspeicher. Beratung kostenlos s. Simonowitz, sehünm erunewaldstr. 85 Die Abhaltung dieses Abends im Familienkreise sollte, in keinem Hause unterlassen werden. Form und Wort bei dieser Feier sind von jeher eines der stärksten und fröhlich- -sten Erziehungsmittel gewesen. Wer es bislang unterließ, seinen Kindern .und sich diese Freude zu schenken, soll damit anfangen; einmal muß man eben an fangen. Den mit der alten Haggadah nicht Vertrauten sind mannigfache Gelegenheiten geboten, den Abend in der . ihnen möglichen und zusagenden Art mit Wort und Handlung zu begleiten. Neuzeitliche Übersetzungen und Neubearbeitungen, die das Wesentliche herausstellen, haben einen jedermann zugänglichen neuen Typ der Haggadah geschaffen. Zu nennen wäre die völlig auf eigener Sprach-Kraft und -Schöpfung stehende Seligmannsche. Haggadah (Verlag J. Kauffmann, Frankfurt am. Main), die Falkenbergsche Haggadah und die Offeubacher Haggadah. Diese letzte, ein bibliophiler Druck (im Selbstverlag des Verfassers Dr. Guggenheim, Offenbach am Main), ist insofern ein grundsätzlich Neues, weil hier in Freiheit und Souveränität allerhand Stücke aus dem jüdischen Schrifttum auch der Gegenwart eingefügt sind, aus denen man nach Belieben auswählen kann, so daß der Abend zu einer Gesamteinführung in die Frömmigkeit des Judentums und zu einer Unterrichtsstunde für Groß und Klein gestaltet ist. Es wäre gut, wenn jeder, der einen Sederabend zu leiten sich entschließt, vorher sich in die von ihm bevorzugte Haggadah versenkt und wohl vorbereitet, was er vorträgt und wie er es Vorfragen will. Altix Dwnemamt. Häusliche Gebräuche an den Feiertagen Über dieses Thema hielt Rabbiner Dr. Salomonski im Verein Synagoge Lindenstraße einen interessanten Vortrag. Der Redner schilderte in zu Herzen gehenden Ausführungen die einzelnen zum Teil von uns gar nicht mehr gepflegten Gebräuche unserer Vorväter und wies darauf hin, daß nur durch die Pflege dieser Jahrtausende alten religiösen Übungen das Judentum und insbesondere die jüdische Familie erhalten bleiben kann, daß nur durch die Pflege unserer Tradition der Fortbestand des Judentums gesichert sei. Der Vortrag war umrahmt von Gesängen des Oberkantors Manfred L e wando wski, der mit herrlicher Stimme Gesänge aus der Lithurgie der hohen Feiertage zu Gehör brachte. Besonders ergreifend war der Gesang des „Jo Schimcho“. An der Orgel begleitete kunstgerecht Hermann Schwarz. Wann? Wo? Der wegen Erkrankung des Herrn Rabbiner Dr. Wi'ener abgesagte Vortrag über das Thema: „König David und seine Zeit“ findet am Montag, 19. März, abends S Uhr, in der Lehranstalt für die Wissenschaft und Judentum, N. 21. .Artilleriestr. 14 statt. Die Kunstgewerbliche Schau, die Frau Alice ' Simon vom li.—21. März in der Joadiimsthalerstr. 7$ veranstalten wollte, findet nicht statt; dagegen wird die w-nl -n' er"e'l0rt<'"1 «ahmen später wieder ausgenommen In der Freien Jüdischen Volkshochschule e. V. wird Dr. W. Niißbaittu an vier Abenden Kapitel aus der Heiligen Schrift über erbbiologische Probleme durchsprecheii. Die Vorlesungen mit anschließender Aussprache finden Dienstag, 20. und 27. Marz, 10. und 17. April abds. S.30 Uhr, Fasanenstraße 7!>; SU statt.' Hörergebiihr 1 - Mk. Der Kulturbund Deutsche r" J udenveranstaltet Sonntag, 25. März, 15 Uhr 30, im Berliner Theater Lucy Gelber. Die jüngst in der Synagoge Rvkestraße beifällig au'fgvnommene neue Freitag-Abeiid-Liturgie'vou J. D v m ont wird!". Svnagoge Pestalozzistraße am 23. d. M. wiederholt. Die Ausfuhreudeii sind: Hauptkantor Katz-Cohen und der verstärkte Chor.der Svnagoge Rykcstralle unter seinem ständigen Dirigenten Kurf B u r c h a r d. Der jüdische K u 11 u r b u li d R h ein- R u I; r veranstaltet.Aufführungen des Stückes „Der Dieb“ von Henry Bernstein in \\ uppertat : 21. 3., in der Stadthalle; iii Krefeld: 22. 3.-, im Gemeindehaus. Im Hause Dr. Meyer, Kurfürstendanim 21b,'findet Sonn- .24. März, abends S.15 Uhr, ein Konzert statt. Mit- (Klavier), Elsa Koch-Stahinski (Sowirkende: Lilv _ ,.,, .. HhälAß"tS Lenbach (Alt). Begleitung: Dr." Wen Die Kiiiistlerhilfe der Jüdischen Gemeinde veranstaltet eine nochmalige Wiederholung der Aufführiuig des Oratoriums „Elias“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy am' Dienstag, 27. Marz, m der Synagoge Fasanenstraße 79/80. . . „U-‘r ,Vl-'rein Synagoge L ii t zo w s t r a Ile veranstaW .tet 2 Sederabende, ui den Räumen des Restaurateurs Kauf- Kleiststraße 14. Die Höhe des Kostenbeitrages v Jüdische Orchestervereinigung. Zu einem Konzert, das demnächst stattfinden wird, werden noch gute Streicher aufgenommen. Meldungen bis zum 30. d. M. an Leo Kopf, Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstraße 13- " Die Jüdische Chorvereinigung hat mit ihren Proben zu dem Händel-Oratorium „Judas Maccabäus“ begonnen. Stimm- - begabte und musikalische Damen und Herren können noch aufgenommen werden. Meldungen bis zum 30. d. M. au die Geschäftsstelle der Jüdischen Chorvereinigung, W 15, Pariser Straße 24. Ein neuer Betraum der „liberalen Synagoge Nordost“ Seit mehr als Jahresfrist besteht die „Liberale Synagoge Nordost“. . Ihre Einrichtung entsprang einem dringenden religiösen Bedürfnis, ist doch in diesem von Juden stark bewohnten Bezirk in weitem Umkreis kein liberales Gotteshaus vorhanden. Die von der „Liberalen Synagoge Nordost“ seit Chanukkah 1932 eingerichteten Freitagabend-Gottesdienste in der Aula einer städtischen Schule erfreuten sich regster. Beteiligung. Im April 1933 mußte die Aula aufgegeben werden. Aber das Bedürfnis nach dem Gottesdienst war gerade in dieser Zeit besonders stark, und darum wurden Andachten im kleinen Kreise in Privatwohnimgen abgehalten_Wer diese Hausandachten miterlebt hat, weiß,- welch tiefe Weihe und innere Verbundenheit diese Feier- - stunden auszeiclmete. Es ist nunmehr erfreulicherweise gelungen, einen eigenen Betraum zu schaffen, und zwar <jfamlCian-cQfrroHilb " Der bekannte Berliner Orthopäde Dr.- mcd. Gustav ■ M u ska t feierte am -19. März seinen 60. Geburtstag. Am 21. März begeht Frau Lina Rosendorff in der Hufelandstraße 9. in geistiger und körperlicher Frische ihren 85. Geburtstag. In der Schoneiischestraßc in Berlin vollendet Frau Jeimv B e n d i t am 22. März ihr 75. Lebensjahr. In Hannover-Münden konnte Herr Isaak Meyer, der sich große Verdienste Om das Gemcindeleben erworben hat,, die Vollendung seines 70. Geburtstages begehen. Am 24. März können Herr Anton Smirka und Frau Berta in Düsseldorf auf eine 50jährige Ehe zurückblicken. Gottesdienste Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162 Freitag, 23. 3., 7.15 Uhr: Wreszinski. — Sonnabend, 24. 3., 10 Uhr: Dr. Sänger. Im Jugendheim der Liberalen Synagoge Norden, Schönhauser Allee 31, II Jeden Dienstag, 7 Uhr: \Treffpunkt für Mitglieder, Freunde und Interessenten. (Zwangloses Beisammensein, Aussprachen, Auskünfte, Arbeitsgemeinschaften, Musik und ahn!.) , Liberale Synagoge Osten, Aula Kaiserstr. 30 Freitag, 23. 3., 7.30 Uhr: Dr. Hirschberg. _ - Liberale Synagoge Nordost, Prenzlauer. Promenade 176 Freitag, 23. 3., 7.15 Uhr: Zimet. (Erster Gottesdienst im neuen .Betraum.) Liberale Synagoge Westend, Aula des Jüdischen Schulvereins Kaiserdamm 78 Wegen baulicher Veränderungen voraussichtlich bis Ende März geschlossen. Liberale Synagoge Wedding-Reinickendorf, Seestraße 44, Ecke Müllerstraße, Kaffee Steinac„er (Eing. nur Mullerstr.) Freitag, 23. 3., 7.30 Uhr: Dr. Sänger. Liberaler Gottesdienst Schmargendorf Altersheim Berkaer Straße 32 Freitag, 23. 3., 7 Uhr. — Sonnabend, 24. 3., 10 Uhr. Jüdisch^ Reformgemeinde Logenhaus, Joachimsthaler Str. 13 Freitag, 23. 3., 6.30 Uhr: Dr. Rosenthal. Jüdische Reformgemeinde Johannisstraße 16 Sonntag, 25. 3., 10.30 Uhr: Dr. Jelski. Aus der Bewegung des religiös-liberalen ludentums Ratibor. Die neu gegründete Ortsgruppe Ratibor im Bund deutsch-jüdischer Jugend hatte zu ihrem ersten öffentlichen Vortragsabend in. die Räume der Friedensloge eingeladen. Der Ortsgruppenleiter, Dr. Blank, eröffnete die Sitzung, und begrüßte die außerordentlich zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste. Er teilte mit, daß sich der neu jgegründeten Ortsgruppe bereits über 40 Mitglieder angeschlossen hatten . und gab einen kurzen Überblick über den Arbeitsplan der nächsten Zeit. Dann ergriff Dr. Felix Hey mann das Wort zu seinem Vortrage „Blick in die Zeit“. Der bekannte Redner verstand es, aus den zahlreichen Vorträgen der letzten Zeit und unter Hinzufügung eigenen Gedankengutes die augenblickliche Situation von ganz neuen Gesichtspunkten her zu beleuchten und das Interesse der Zuhörer zu fesseln. Sonnabend, den 24. Harz 34, all. 8,30 Synagoge Prlnzr««ent*nstraaa* 69-70' Vortrag d. Herrn Rabb. Dr. Gottschalk „Prophetengeist — eine Kraftquelle fd. Gegenwart“ Sologesang EINTRITT FREI Orgelspiel Statt jeder besonderen Anzeige Am Montag, dein 12. März, verschied in Berlin, infolge eines Herzschlages, mein innigstgcliebtcr Mann,. unser heißgeliebter Vater und Großvater _ Hugo Meyer im Altit von 62 Jahren. ' Im.Namen aller Hinterbliebenen: Bielefeld, den 13. März 1934. Die Beerdigung hat am Donnerstag, dem 15. März, nachmittags 3 Uhr, auf dem jüdischen“ Friedhof stattgefunden. Wir bitten höflich, von Beileidsbesuchen Abstand zu nehmen. Stellenangebote 1. Lichtb. erb. a. d. Synag.Rat, Karlsruhe,B. II. Rabbiner gesucht!