Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 23 (20.3.1934)
- Date
- 1934-03-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77* Berlin, 20. März 1934 00 1 0 k SaiüneF-Semicar _zuBerlin. Einzelnummer 20 Pt. Nr. 23 M,°na^.1.35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0.20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nlchtert?fo'qe Streiks oder höherer Gewalt byteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Munrarstallung der entsprechenden Bezügegebühren. 14. Jahrgang - Herausgeber: Hai Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint zweimal wöchentlich: Dienstag und Freitag ' Oie «Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäfts. Berlin - Charlottenburg 4. Mommsen- — Fo™ruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 154Ö.-B a n k v o r b I n d u ng; Kreditverein fQ r Handel und Gewerbe e.G.m.b.H, Berlin N 24. Postscheckkonto: Jädlsch-Ilbarale Zeitung. Berlin 22764. Eine Erklärung Dr. Singers: Der Ausbau des Kulturbundes Zu den Plänen über einen Ausbau des Kulturbundes deutscher Juden, über die wir in der letzten Nummer unseres Blattes berichtet haben, teilt uns der Präsident des Kulturbundes, Intendant Dr. Kurt Singer, auf unsere Anfrage folgendes mit: .„Der Aufbauplan des Kulturbundes, wie ihn Generalmusikdirektor Hans Wilhelm Steifiberg kürzlich in Frankfurt am Main, entwickelt hat, greift den Dingen etwas voraus.- Ich habe jedoch in denletzten Monaten mit den zuständigen staatlichen Stellen über eine Reichsorganisation Verhandlungen geführt, die unmittelbar vor dem Abschluß stehen und nach den bisherigen Besprechungen in positivem - Sinne verlaufen dürften. Erst dann kann natürlich an einen weiteren Ausbau des Kulturbundes deutscher Juden herangegangen werden.“ 4000 wählen einen Bemf Der englische Aussenminister auf eine Anfrage Der Bergner-Film vor dem Unterhaus London. Die Absetzung des in England hergestellten Films „Katharina die Große“ mit Elisabeth Bergner vom Spielplan eines Berliner Kinotheaters bildete den Gegenstand einer Anfrage im englischen Unterhaus. An den Außenminister wurde die Frage gerichtet, ob er beabsichtige, im Zusammenhang damit, daß in Deutschland der englische Film „Katharina die Große“, nach seiner Zulassung durch die Zensur von weiterer Aufführung ausgeschlossen wurde, Schritte zu unternehmen, und welche Entschädigung der betroffenen r Hersteller des betreffenden Films seien Vorstellungen erhoben worden, die nunmehr geprüft würden. ■ , .Auf eine weitere Frage, ob zu verstehen sei, daß die Vorführung eines englischen Films, in dem ein jüdischer Schauspieler oder eine jüdische Schauspielerin mitwirken, - kunfhghm in Deutschland nicht mehr zugelassen werden soll, erklärte der Außenminister, daß dieses weitere Problem zweifellos nicht aufgetaucht-sei. Das indische Weriutort am Wieringer Neer Im Anschluß an unsere Veröffentlichung in der letzten Nummer unseres Blattes, die sich mit der Errichtung einer holländischen Kolonie für junge deutsch-jüdische Emigranten beschäftigte, teilt uns die Zentralstelle für iüdi- Menschen im Alter von sechzehn bis sechsundzwanzig Jahren eine teils landwirtschaftlich-gärtnerische, teils handwerkliche Ausbildung bieten. Die Ausbildung ist auf zwei Jahre, für Mädchen im Haushalt auf ein bis anderthalb Jahre berechnet und soll die jungen Leute befähigen, sich in Oberseeländern eine neue Existenz zu schaffen. Das .ganze soll den jugendlichen Lernenden zugleich die Gewißheit eigener schöpferischer Arbeit geben und ein kleines Gemeinwesen aut dem dem Meere abgerungenen jungen Kulturland entstehen lassen. Die Ausbildung .erfolgt im wesentlichen durch holländische Lehrkräfte. Es wird gemeldet: Rassenkunde als Pflichtvorlesung In einem Erlasse des badischen Ministeriums für Kultus, Unterricht und Justiz wird bestimmt, daß jeder Student einer badischen Hochschule im Laufe seines Studiums mindestens eine einstündige Vorlesung über Rassenkünde zu besuchen habe. Dem Papst gewidmet Wie aus Mailand gemeldet wird, hat der Verleger und Antiquar Leo Olschi einen Katalog der in der Mailänder Biblioteca Ambrosiana aufbewahrteu jüdischen Manuskripte herausgebracht. Der Katalog ist Papst Pius XI. gewidmet. Der Papst hat dem jüdischen Verleger Olschi sein Porträt mit herzlichen Worten des Dankes übersandt. Von 1700 auf 670 In einer Generalversammlung der jüdischen Landesgemeinde Mecklenburg-Schwerin, die in Güstrow stattfand, wurde berichtet, daß die Zahl der Juden in diesem Gebiet seit der letzten von der Landesgcmeinde veranstalteten Zählung von rund 1700 auf etwa &7D zurückgegangen sei, so daß es nicht möglich sei, die Selbständigkeit der Landesgemeinde aufrechtzuerhalten. Was Rumänien den Juden verdankt 1« Erwiderung auf mehrere Interpellationen in der' Kammer hielt, wie aus .Bukarest gemeldet wird, der rumänische Unterstaatssekretär Jamandi eine großangelegte Rede, in der er u. a. die Rassenpolitik im Namen der rumii- _ „. ...... ___ __ ... manchen Teilen Rumäniens Juden in großer Zahl ■ ._ wirtschaftliche und soziale Funktionen innehätten. Man dürfe aber nicht vergessen, daß Rumänien es ihnen zu; verdanken habe, daß es sieh wirtschaftlich a u s g e s t a 11 e t und auf allen Gebieten Fortschritte gemacht habe. Oesterreichischer Pfadfinderbund bleibt neutral. Wie die ITA aus Wien erfährt, wird, entgegen Oe-. riichtcu über die Einführung eines Numerus clausus oder Arierparagrapheil im Landescorps Wien des österreichischen Pfadfinderbundes,' festgestellt, daß diese vaterländische Jugendorganisation nach wie vor an ihren unpolitischen und interkonfessionellen Grundsätzen festhält. Die Juden in Rom Die „Germania“ veröffentlicht eine interessante Konfessionsstatistik von Rom, der das jetzt statistisch ausgewertete Ergebnis der letzten römischen Volkszählung vom 21. April 1031 zugrunde liegt. Danach zählte am Stichtage die Stadt Rom 080 704 katholische und 15 540 nichtkatholische Einwohner; von den letzteren waren 10001 Juden.. Doppelte Präsidentenwürde Der Präsident der jüdischen Gemeinde Kairo, der frühere Finanzminister Ägyptens, Joseph Cattaui Pascha, r gewählt. Kypt' Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für April. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „JQülsdi-llDcralen Zeitung“. Mord an einem Schächter Nach einer ITA-Mcldung aus Warschau wurden in dem Dorf Potaczysko der Schächter Saiman Feingold und seine Frau Malka ermordet aufgefunden. Die Tat wird auf antisemitische Motive zurückgeführt. Erb- und Rassenpflege auf der Ausstellung ln Berlin wird in der Zeit vom 21. April bis zum 3. Juni unter dem Ehrenpräsidium des Reichsministers Dr. Joseph Goebbels eine Ausstellung „Deutsches Volk — deutsche Arbeit“ stattfinden, in der auch dem Problem, der Rassenforschung und der Erbgesundheitspflege ein weiter Raum gewidmet sein wird. Auf der Ausstellung sollen der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ zufolge u. a. unter dem Thema „Rasse in Not“ die „Ausmerzung und Verhütung minderwertigen Nachwuchses, der Geburtendruck aus dem ' Osten, das Überwuchern der Erbgesunden durch die Erbkranken, die Bastarde aus der Zeit der Rheinlandbesetzung und die geistige Überfremdung durch die Juden zur Dar-^ Stellung gelangen“. Der Weg ins Leben Zahlreiche jüdische Eltern standen und stehen in diesen Wochen, da die Pforten der Schule sieh hinter ihren Kindern schließen und sich das Problem der Berufswahl vor ihnen auftut, vor der akuten und bangen Frage: wie wird sich die Zukunft unserer Kinder gestalten? . Stand vor der staatlichen - Umwälzung der jüdischen Jugend, die die. Schule verließ, die weite Welt des Berufslebens mit allen BetätigungsmCglichkeUen offen, so ’ sind heute, da es Anzahl von Berufen verschlossen Ist, für die jungen-. Menschen, die im Begriff sind, sich'in .das Erwerbs-- leben einzuschalten, nur schmale Pfade übrig, die vom Elternhaus ins Gebiet der praktischen Arbeit, die Lehre, führen. Aber es gibt glücklicherweise noch Wege, an denen nicht das warnende. Schild steht: Betreten verboten. Es ist sicherlich-für viele Eltern, die sich fürihre Kinder einmal andere Ziele gesteckt hatten, deren Erziehungspläne sich in anderer Gedankenrichtung bewegten, schmerzlich, eine Neuorientierung vornehmen zu müssen. Aber est ist heilsam. Für sie selbst und für die Jugend. Viertausend Junge jüdische Menschen stehen in diesen Wochen im Begriff, sich dem Berufsleben einzuordnen. Es sind sicherlich nicht wenige darunter, deren Wunsch und Sehnsucht es einmal. war, einen geistigen Beruf zu ergreifen. Jetzt heißt es, dem Gebot der Zeit folgend,'mit den bisherigem Lebensverhältnissen, Lebensgewohnheiten und ^Lebensart-' schauungen zu brechen undungeaebtet-dermancherlei Schwierigkeiten, die sich der heugewählten-Tätigkeit.’ entgegenstellen, mit dem Lebensmut der Jugend ihnen zu' begegnen und sie zu überwinden, auch wenn der Enderfolg sich noch nicht in klaren .Umrissen zeigen sollte. Durch die Zeitungen-ging dieser Tage eine Notiz von einem Schüler, der nachsitzen mußte, weil er einen schlechten Aufsatz geschrieben hatte. Am andern Tag brachte er seinem Lehrer folgenden Brief,-der- Mutter: „Sehr geehrter Herr Lehrer! Wollen Sie meinem Fritz keinen Arrest mehr geben, wegen dem ' Schriftliehen, denn er hat es nicht nötig, wo er ah Ostern als Autoschlosser in die Lehre kommt. Da wird nicht geschrieben, wie Sie, Herr Lehrer, eigentlich wissen sollten. Da muß einer draufhauen können. .Mit achtungsvollem .Gruß Frau.“ Draufhauen! Das ist auch das Motto der jugendlichen jüdischen Menschen, deren glücklicherweise ungebrochene Kraft zu anderen als den bisher erstrebten Berufen drängt, die wirtschaftlichen Lebensraum als Handwerker suchen. Draufhaucn! Am Amboß des Schlossers, in der Werkstatt des Tischlers, in allen produktiven technischen Berufen. Die Frage derberuf-, liehen Entscheidung ist keineswegs" eine Frage des „Hierbleibens“ oder „’Auswanderns“. Sie ist und muß sein eine Frage der wirtschaftlichen Einordnung. Wie' war das früher? Hatten nicht" die meisten . jüdischen Eltern den Wunsch, ihren Sohn einmal als - Rechtsanwalt oder in der ärztlichen Praxis zu selten,^ und die Tochter, wenrt sie studierte, mindestens als Bibliothekarin oder Laborantin? Und - jeder Realschüler strebte einem Kontor zu, und wenn er Briefmarken von der Post zu holen und später die Portokasse zu überwachen hatte, so bewegten sich seine Gedanken in der Richtung des Chefkontors, und es war ihm dabei Trost und Genugtuung, daß auchdie Rothschilds einmal klein angefängen hatten. Die Väter der Jugendlichen, die jetzt ins’Erwerbsleben eintreten, gehören der Generation der Vierzig- bis Fünfzigjährigen an, jener Generation, die durch die Geschehnisse des letzten Jahres vielleicht am schwersten getroffen wurde. Ganz abgesehen davon, daß ihre Erwerbsmöglichkeiten eingeschränkt sind und ihre Existenzbasis sich beträchtlich verschmälert hat, sind sie vielfach in ihrer Entschlußkraft gelähmt und häufig außerstande, die wirtschaftliche Zukunft ihrer