Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 22 (16.3.1934)
- Date
- 1934-03-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Von jüdischem Wort und jüdischem Brauch Beten und wie? Es soll für Form und Inhalt, Voraussetzung und Richtung jüdischer Frömmigkeit ein neues Verständnis geweckt werden; es soll Wort und Gedanke des Gebetes den ihm Entfremdeten wieder nahegebracht werden. Da aber erhebt sich alsbald eine Frage, die unter . Umständen schon den Anfang hemmen kann, so daß man gar nicht zum Beginn käme; die Frage nämlich.; wie stellt es denn um das Betenkönnen, Betenwollen überhaupt? Ist im Grundsätzlichen ein Wille zum Beten, Kraft zum-Beten vorhanden? Ist nicht zu ihm eine Gläubigkeit notwendig, die — man soll nichts verschleiern und vertuschen — in Vielen nicht mehr vorhanden ist? An die vielen Probleme um das Gebet, als da sind Gebetssprache, Text, Übereinstimmung des Textes mit dein Empfinden, sind erst Fragen zweiter Ordnung, sie kommen erst in Betracht, wenn die Voraussetzung gegeben ist, daß einer beten kann, beten will. Und nun fragen Viele, kann inan denn überhaupt beten?-Verträgt es sich mit einer' rechten Vorstellung von Gott, daß man ihm seine Wünsche vorträgt? Daß man Lob und Preis vor ihm ausspricht? . Hier ist zunächst einiges Grundsätzliche zu sagen. Zuerst: es .war immer und wird immer der Ausdruck eines innerlich bewegten Herzens sein, daß die Fülle, die man in sich trägt, überströmen will, daß sie nach Wort ringt. Ganz abgesehen aber davon — darüber kann man ja nicht reden, das ist reine Sache des Gefühls —, muß man über den von Hausaus eigenartigen und andersartigen Charakter des jüdischen Gebetes im Klaren sein. Es ist zum allerkleinsten Teil Bitte, die man Gott vorträgt; es ist in seiner traditionellen.Gestalt Ansprache des Menschen an sich selbst. Das Hauptstück, das „Höre Israel“ ist in allen seinen Sätzen Wiederholung des an den Menschen, an den Juden gerichteten Befehles, atso Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst'unter dem Leitstern des Bibelwortes. Es ist also Erziehungsarbeit, die man an sich selbst übt, und zwar nicht aus sich selbst, sondern aus einem Maßstab, der außerhalb unser selbst liegt.. Das charakteristische Wort für beten ist hithpullcl,. was in seiner Grundbedeutung heißt: sich richten, Gebet heißt Tcfillnh, in.seiner Grundbedeutung „Gericht“ an sieb selbst. Zu diesem erzieherischen Element der An- -sprache an sich selbst tritt im jüdischen Gebet das andere Element, das Geschichtliche. Indem der Erinnerung an bestimmte Grundereignisse und Grunderlebnissc der jüdischen Geschichte Wert verliehen wird, soll immer aufs neue ein Gemeinschaftsbewußtsein erzeugt werden, soll das Verständnis dafür'wachgehalten werden, daß gewisse Geschichtssituationen' in dem Leben der Juden ständig wiederkehren, und daß man in einer Konstanz der Erlebnisse und der Hoffnungen ist. - Die Erkenntnis von dieser besonderen Art jüdischen Gebetes ist wichtig, weil sie eine Fülle der Zweifel und Hemmungen beiseite räumt, die dem Willen zum Gebet, zum Beten entgegenselien. Von .dieser Klärung aus kann man dann an eine Frage 'herantreten, die eine wichtige des liberalen Judentums ist, weil sie eine Kernfrage der Frömmigkeit ist, die Frage des täglichen Gebetes. Der Liberalismus der alten Zeit hatte, mit gutem Grund, sein ganzes Schwergewicht auf die Reform des Gemeindegottesdienstes gerichtet. Über der Sorge um seine rechte Form und seinen rechten Inhalt trat das tägliche Gebet des Einzelnen in den Hintergrund. Nun aber ist es ein Unentbehrliches einer wirklichen nach Ausdruck ringenden Frömmigkeit, daß der Tag mit Gebet begonnen wird. Dadurch erst wird ein Per- . sönliches in dem Frommsein begründet. Die Selbstverständlichkeit, den Tag mit Gebet zu beginnen, ist geschwunden. Ursprünglich einmal wurde aus der Sitte, an jedem Tage das Sch’ma zu sagen, der Anfang und die Begründung der aktiven, persönlichen Frömmigkeit; damit wurde jeder Jude täglich in das Hauptbekenntnis, die Einheit Gottes, eingeführt, damit wurde Erziehungsarbeit geleistet. Ist sie heute entbehrlich? Es ist heute wie in alter Zeit notwendig, daß man seinen Tag beginnt mit einer Einführung in die Ideenwelt des Judentums, damit sie uns begleite und unserer Tat Richtung gebe, daß man seinen Tag beginnt, indem man sich mit den Geschichtserlebnissen Israels in Verbindung setzt. Ein gut Teil der inneren Auflösung des neuzeitlichen Judentums stammt daher, daß das nicht geschieht, daß die Vielen glaubten, sich mit den gelegentlichen Festen begnügen'zu können. Es ist nicht nur heute so notwendig wie einst, sondern noch viel notwendiger, denn alles muß von Grund aus wieder neu aufgebaut Was kann der liberale Jude hier tun, wie soll er es tun? Ihm zu sagen, daß er sich das überlieferte Gebetbuch vornehme, hat keinen Zweck, er hat zu wenig Fühlung mit ihm. Es kömmt bei dem Ganzen auch gar nicht auf die Quantität, die Fülle an, wenig und recht ist mehr als viel ohne rechten Sinn. Man soll anfangen damit, daß man seinen Tag damit beginnt, den ersten Abschnitt des Sch’ma zu lesen. Seine wenigen Sätze sind so inhaltsreich — demnächst werden sie ausführlich erläutert werden —, daß in ihnen ein Gesamtbild jüdischer Frömmigkeit gezeichnet ist. Dann mag man, wenn man weiter schreiten will, ein Weiteres in selbständiger Fortbildung der Gebetsübung tun, man lese täglich fortlaufend einen der Psalmen, einen aus der Reihe dieses ewigen Gebetbuches Israels und der neuen europäischen Welt. Bringt man es dazu, hie und da einen solchen Psalm nicht nur für sich allein, das Sch’ma nicht nur für sich allein zu lesen, sondern im Kreis des Hauses, so hätte man in diesen Zeiten der. Auflösung der Familie ein Wundervolles getan zur Wiederaufrichtung eines Familienlebens als einer Gemeinsamkeit des Geistes und des Empfindens. Ohne einen solchen täglichen Gebetswillen wird man nie ein liberales Judentum in praktischer Frömmigkeit wieder aufbauen, es gibt keine Frömmigkeit und keine Erziehung, die nur von Zeit zu Zeit sich kundtut, nur die Stetigkeit schafft den Erfolg. Und ebenso wie die Stimmung und die Bewegtheit das Wort gebiert, gebiert das Wort die Stimmung, die Bewegtheit und die Richtung. Nur anfangen muß man und nicht zögern und fragen! - M. D. (TAUP.'C°SUI-'C* VHedec 3 hafteten nach PALÄSTINA »Jicwa« und »Vidcania« ITALIA-COSULICH Eine religiöse Gemeinschaft beabsichtigt am nächsten Pessach im Westen und im Zentrum Berlins feierliche SH Dil IHN Pi in traditioneller Weise kostenlos zu veranstalten. Würdige Damen und Herren sowie Waisenkinder mit ihren Angehörigen wollen sich gefl. bis zuni’ 19. d. M. unter Chiffre M 525 an die „Jüdisch-liberale Zeitung“, Berlin-Charlottenburg 4, wenden. FÜRSORGLICH VORSORGEN -‘SCHÜTZT VOR SORGEN! Letzte Nachrichten Wissenschaftliche Ehrung eines jüdischen Gelehrten Frankfurt am Main. Der jüdische Gelehrte Professor Dr. Richard Koch, der bis vor kurzem Direktor des Seminars für Geschichte der Medizin än der Frankfurter Universität war, wurde vom. Comite International d’Histoire des. Sciences in Paris zum korrespondierenden Mitglied ernannt. Besonders bekannt ist seine Ehrlich-Biographie, die vor einigen Jahren erschienen ist. Freiburger Hitlerjugend gegen Faulhabers Predigten Freiburg. Die Fachschaft des Freiburger Buchhandels hat sich auf Vorstellungen der Freiburger Hitlerjugend in einer Erklärung ehrenwörtlich verpflichtet, die in einem Buch zusammengefaiiten Predigten des Kardinals Faulhaber über mehr zu verkaufen und die'vorhandenen Vorräte sofort an den Verlag zurückzuschicken. „Keine Geschäfte mit Juden*, Darmstadt. Wie die amtliche „Darmstädter Zeitung“ mitteilt, würde in einer Bauernversammlung in Leeheim bekanntgegeben, dali die Ortsgruppenleitung der NSDAP, am Rathaus eine schwarze Tafel habe aufhängen lassen, auf der die Namen aller derer verzeichnet werden sollen, die mit Juden Geschäfte tätigten. Wie jeder nationalsozialistische Volksgenosse, so sollten auch die Bauern keine Geschäfte mit Juden abschließen. Griechische Regierung gegen antisemitische Pressehetze Saloniki. Der GeneralgoüVerneur von Mazedonien, Philipp Dragoumis hat erklärt; die Regierung sei fest entschlossen, nicht zuzulassen, daß die Zeitungen durch ihre Schreibweise Unfrieden zwischen Juden und Christen säen. Schwarze Listen Wien. Der -Verband deutsch-arischer Rechtsanwälte Österreichs versendet ein Rundschreiben, in dem die Anwälte ersucht werden, solche Fälle bekannt zu geben, in denen sich arische Firmen und sonstige Parteien des, ln- und Auslandes eines nichtarischen Vertreters bedienen. Es sollen demnach Schwarze Listen angelegt werden, in'denen alle diejenigen verzeichnet werden, die es wagen, für ihre Prozesse jüdische Anwälte zu nehmen. Wirtschaftswissenschaften in der Berliner Jüdischen Volkshochschule. Unter dem Titel „Die Ethik in der Wirtschaft“ sprach Dr. Herbert Frankenstein in der Jüdischen Volkshochschule über die Grundlagen der Wirtschaft, die sozialen Ordnungen, die sozialen Triebe und die Wirtschaftsbegriffe der großen Weltanschauungen. An vier Vortragsabenden von. jedesmal zwei Stunden setzte der Dozent auseinander, daß die sozialen Triebe,' insbesondere die soziale Verbindung von Egoismus und Altruismus, von den sozialen Ordnungen, den ethischen Kultur- und Rechtsnormen ergänzt und beherrscht werden müssen,-daß das Wirtschaftsleben eine Kulture r s c h e i n un g sei, das Wesen der Kultur aber die Angleichung der Wirklichkeit an die ethische Welt der Werte bedeute. Das Judentum der nachmosaischen Zeit sei die kulturschöpferischste Kraft der Erde gewesen. Es habe die Überwindung der Natur durch den Geist, alsoden wahren Kulturprozeß zu einer Zeit gefordert und betrieben, als die klassische Antike ihre Götter nach der Natur bildete, ihre Weltanschauungen auf das Wirken von Naturkräften aufbaute. Der kulturelle Wert des Judentums — nicht zuletzt für das Christentum und damit für die ganze Welt — habe stets in der geistigen Höhe der Ethik, in der geistigen. Stärke der Erkenntnis gelegen. Geistesbildung habe nichts, mit dem bürgerlichen Beruf zu tun, sie sei nicht Privileg des. Akademikers, Mose habe ein Arbeitervolk zum Studium der ethischen Gesetze der Thora gezwungen, die größten Talmudgelehrten seien Menschen der bürgerlichen Arbeit gewesen, sie dürfe aber nicht zur Halbbildung werden, sie dürfe; auch nichts Sekundäres bedeuten. Die hohe ethische- Lesezirkel ausländischer Zeitungen Wien Prag Zürich ' Basel London Paris Manchester Franz Sdieftel. Schöneberg, Beiziger Straße 8, G l Stephan 8663 Bedeutung des Wirtschaftslebens bestehe in der Versorgung der Menschheit mit den Lebensgütern, die den Menschen die Ruhe und die Bequemlichkeit geben solle, sich seiner kulturellen Aufgabe zu widmen, der Erkenntnis und der Verwirklichung ethischer Gesetze und ethischer Ziele. Die Vorlesungen waren von älteren und jüngeren Hörern gut besucht und wurden mit großem Interesse aufgenommen. r$amiticn-lHac$nic¥itüH Verlobung: .M ii n c h e il, Nußbaumstraße 16. Hildegar Koplowitz. Charlottenburg, Schlüterstraße 64. mit Paul Schoeps. rd Hesky mit Hans Margot Griinbaum Bei Bei 1 i n N 65, Seesträße 44. Bücherrevisor Albert Behrendt und Frau Ida, geb. Cliaim. 14. 3. 34. I i n N 113, Wichertstraße 5. Moritz Simonsohii und Frau Rosa, geb. Hirsch. 14. 3. 34. 60. Geburtstage: Breslau,. Freiburger Straße 31. Harrv Rothenberg. 16. 3. 34. Billigte Bezugsquelle —— Farben, Tapefen, Lacke B ii?*N s1 5 Konfektionshaus Charlottenburg I. Filiale Chartbg., Berliner Str. ISS 2- Filiale Schbg., Hauptstr. 16 M. Frankenstein SchokoladengroUhandlung M. SILBIGER . Kl. Alexanderstraße 14 E 2 Kupfergraben 2475 Wilmersdorf 4601 Kurnlker St Co. Inh. Wwe. Erna Klönower W 8, Jägerstr. 70, A 2 Flora 5503 Louis Marx & Co. Schrauben und Bauartikel Herausgeber: Hanns Lo e w en s t e i n , Berhn-Cliarlottcnburg 4. Hauplscbriftieiter und verantwortlich für den gesamten Tedaktionellen Text: Dr. Eugen T a n n e n b a u m , Berlin- Wilmersdorf: Leitung der Anzeigenabteilung und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Georg M i c h a e I s o li n , Berlir.-Charlottenbnrg. DA 5000 11/34. — Druck: Sonnendruekerei GmbH (Felix Wolf), Berlin-Charlottenburg 4, Weimarer Straße IS.