Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 22 (16.3.1934)
- Date
- 1934-03-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine interessante Statistik des Vorsitzenden der Berliner Ärztekammer Die rassische Zusammensetzung der Berliner Kürzte Die politische Uinschaltung im Zeichen des Nationalsozialismus hat sich begreiflicherweise auch im Schoße der Ärzteschaft bemerkbar gemacht, und hier in besonders einschneidender Form. Der Arierparagraph hat zahlreiche jüngere Arzte aus der Kassenpraxis und damit so gut wie in allen Fällen aus der ärztlichen Berufstätigkeit überhaupt ausgeschlossen. Damit ist eine soziale Umschichtung, ein Oberwechseln in andere Berufszweige notwendig geworden, das auch heute noch lange nicht abgeschlossen ist. Immerhin haben auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen, wie sie seinerzeit der Reichsarbeitsminister erlassen hat, zahlreiche Äskulapsjünger ihre Tätigkeit bei den Krankenkassai — bei. den Zwangs- und Ersatzkassen wie bei der städtischen Wohlfahrt — behalten dürfen, sofern sie nämlich bereits im Jahre 1914 als Kassenärzte zugelassen waren oder nachweislich als Frontkämpfer bzw. in einem Seuchenlazarett am Weltkrieg teilgenommen haben. Das ist immerhin keine kleine Zahl gewesen. Wenn man auf der anderen Seite berücksichtigt, daß der Zudrang zum medizinischen Studium bei der jüdischen Jugend'^- aus Gründen, die hier nicht erörtert zuwerden brauchen — schon immer, jedenfalls während der letzten Jahrzehnte, ein erklecklicher gewesen ist, so wird man begreifen, daß gerade, in einer Großstadt wie Berlin mit ihrer mannigfachen ^Anziehungskraft die Zahl der jüdischen Ärzte recht erheblich sein mußte und auch jetzt noch ist. Ganz zu schweigen übrigens von all den nichtarischen Medizinern, die — ohne praktisch tätig zu sein — an den verschiedensten Anstalten und Instituten wirken und auch an dieser Stelle zugestandenermaßen nützliche, wissenschaftlich und praktisch wertvolle Kulturarbeit geleistet haben. . Von ihnen soll in diesem Zusammenhänge abgesehen und nur auf die in der Praxis stehenden Ärzte Bezug genommen werden. Wie liegen die Dinge in Berlin? Wie groß ist nach der Umwälzung die Zahl der nichtarischen Ärzte? Wie groß die der arischen? Bemerkenswerten Aufschluß gibt eine soeben im „Ärzteblatt von Berlin“ veröffentlictrte Übersicht, die von dem kürzlich ernannten neuen Vorsitzenden der Berliner Ärztekammer, Dr. Löllke, stammt. Also amtlich beglaubigtes Material, wie man ohne weiteres annehmen darf. Danach betrug die Gesamtzahl der von der Ärztekammer für Berlin erfaßten Ärzte in der Mitte des verflossenen Jahres 6558. Davon waren,, soweit aus den vorliegenden Unterlagen zu entnehmen ist, ■ arisch 3135 47,8o'o . nichtarisch 3423 52,2°/o In der Summe der Nichtärier ist auch eine kleine Anzahl von Ärzten einbegriffen, die jüdisch verheiratet oder rassisch fraglich sind. Zweifellos wird es sich — so sagt Dr. Löllke — bei ihnen in der Mehrzahl um Nichtarier handeln, da die Arier im allgemeinen das größte Interesse gezeigt haben, ihre arische Zugehörigkeit bestätigt zu .erhalten. Und nun anno 1934. Die Zahl der Mitte Februar erfaßten Ärzte betrug 6203, also 355 weniger als Mitte 1933. Hiervon waren arisch 3289 53»/„ nichtarisch 2914 47o/o Auch hier sind zu den Nichtariem die jüdisch Verheirateten und die rassisch Fraglichen gezählt. Es ist in der Zeit von Mitte 1933 bis zum 14. Februar 1934 ein Gesamtzugang von 154 Ariern und ein .Gesamtabgang von 509 Nichtariern zu vermerken. Der Gesamtzugang der Arier setzt sich' zusammen aus einem Zugang von 285 und einem Abgang von 131, der; Gesamtabgang der Nichtarier aus einem Zugang von 43; und einem Abgang von 552. Diese Zahlen erscheinen dem . Kammervorsitzenden beachtlich — ebenso die Tatsache, daß sich in der Zeit von Mitte 1933 bis Mitte Februar 1934 zwar das Verhältnis der, beiden Gruppen umgekehrt hat, daß aber ein Gesamtzuwachs von arischen Ärzten nur in einer Höhe von 2,5o/o erfolgt ist, während der Gesamtabgang der Juden 8,2°o von der Gesamtzahl ausmacht. Der geringe Zugang von 2,5o/o Ariern erklärt sich nach Löllke daraus, daß Berlin kassenärztlich „übersetzt“ ist und „die zurzeit bestehenden gesetzlichen Bestimmungen keine Möglichkeit bieten, nichtarische Kassenärzte auszuschalten und durch Arier zu ersetzen.“; ' Und weiter weist Dr. Löllke auf das Mißverhältnis hin, das zwischen der Zahl der jüdischen Ärzte und Einwohner in Berlin besteht; es stehen den Mitte Februar errechneten 47o/o jüdischer Ärzte nur 3,6, höchstens 4-5 o0 Juden gegenüber, die dem Ergebnis der letzten Volkszählung entsprechen. Zum Schluß geht Dr. Löllke auf die Verhältnisse .bei den Berliner Kassenärzten — soweit sie bei den sogenannten Zwangskassen tätig sind — ein. Im Oktober 1933 gab es 3481 Kassenärzte, davon 1404 40,3o/0 Arier, 2077 59,7o/o Nichtarier, wobei die Mischehen miteinbegriffen sind. Im Februar 1934 gab es bei einer Gesamtzahl von 3144 Kassenärzten 1623 51,6o/o Arier, 1521 48,4o/o Nichtarier. Die Zahl der Kassenärzte hat sich mithin um 337 vermindert — gegenüber einer Verminderung von 355 überhaupt. Der Hauptanteil an der Verminderung der Berliner Ärzte kommt also auf die Kassenärzteschaf.t. Und endlich ist ersichtlich, daß die Verhältniszahlen der arischen und nichtarischen Kassenärzte sich annähernd mit denen der arischen und nichtarischen Ärzteschaftüberhaupt decken. Allerdings ist bei den Kassenärzten das Mißverhältnis zur Berliner Bevölkerung noch größer als das bereits erwähnte Ergebnis bei der Gesamtärztescnaft Berlins. Das Doktordiplom der Nichtarier Nach einem MinisterialerlaB können reichsdeutsche Studierende der Medizin ihr Doktordiplom erst nach Vollendung der Staatsprüfung, also nach der Approbation erwerben. Nichtarier, die entsprechend den für Ausländer geltenden Bestimmungen ohne vorherige Approbation promovieren wollten, müssen zu diesem Zweck auf die deutsche Staatsangehörigkeit verzichten. Ein neuer Erlaß gestattet nun, daß' reichsdeutsche Medizinstudierende nichtarischer Abstammung, die bereits ins Ausland gegangen sind, das Doktordiplom erwerben können, sofern sie bei der zuständigen Fakultät einen entsprechenden Antrag einreichen. Dem Antrag sind glaubhafte Unterlagen beizufügen, aus denen erhellt, daß der Antragsteller im Ausland eine feste Anstellung gefunden oder in Aussicht hat. Gleichzeitig — und das ist wohl das Wesentliche — muß die Erklärung abgegeben werden, daß der Petent auf die staatliche Anerkennung im Deutschen Reich verzichtet. Genehmigung ist in jedem Fall Vorbehalten. Medicus. gesprochen und Protest gegen die Anwürfe erhoben. Die yereinigung, an deren Spitze der bekannte Wiener Internist Professor - Ludwig Braun steht, bereitet außerdem Schritte beim Präsidenten des Landesgerichts sowie bei der Regierung vor, um die Ehre der jüdischen Arzte vor Verleumdungen und falschen Beschuldigungen zu schützen. Die Meldungen über den Feldzug gegen die jüdischen Arzte lassen erkennen, daß die Kampagne mit der Gründung der „Vereinigung christlich-deutscher Ärzte Österreichs“ zusammenhängt. ln. die Leitung dieser Arztevereiniguiig wurde u. a. ein in Wiener Ärztekreisen als radikaler Antisemit strengster Observanz bekannter Arzt entsandt. Nach dem Vorbild Wiens hat nun auch die Stadtverwaltung der oberösterreichischen Hauptstadt Linz nach der politischen Umwälzung drei jüdische Ärzte ab gebaut und unter Bezahlung ihrer Bezüge für die Dauer der Kündigungsfrist ,„;t sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Auf- Arierparagraph auch in der Wehrmacht Wie amtlich .mitgeteilt wird, hat nach Vortrag beim Reichspräsidenten der Keichsminister verfügt, daß die Bestimmungen-des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 g 'J (Aricrparagrapb)" sinngemäß Anwendung auf die Offiziere, Deckoffiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Wehrmacht finden. Die Durchführung der Verfügung wird bis zum 31. Mai 1934 beendet sein. ' - ----„ —i. Wie die „Deutsche Zeitung" - bemerkt, müsse man bedenken, „daß die Reichswehr niemals .einer derartigen Verseuchung durch berufs- und artfremde Elemente ausgesetzt war, wie wir das bei der Beamtenschaft zur Zeit des Weimarer Zwischenreiches haben erleben müssen. Aus diesem Grunde war die Frage für die Wehrmacht nicht so dringlich wie für das Berufsbeamtentum. Andererseits :..i. .... — begrüßen, daß die Verfügung des Reichswehrl -*•. ht eine nach jeder Richtung Überfall auf einen jüdischen leichenzug Warschau. Im Zusammenhang mit den antisemitischen Kundgebungen der Studenten an der Warschauer Universität wird bekannt, daß es am Rande des Judenviertels' der Stadt zu einem Überfall einer Bande junger Burschen auf'einen Indischen Leichenzug kam. Die Angreifer bewarfen den .eichenwagen und die„Leidtragenden mit Stdinen, Schwere Zuchthausstrafen wegen Protest gegen die Verleumdung der indischen Ärzte in Wien Sie setzen sich zur Wehr . Wien. Die. Erregung über die Kampagne gegen die jüdischen Ärzte hat sich noch nicht gelegt. Wie erinnerlich, waren vom „Österreichischen Beobachter“ schwere Beschuldigungen gegen die jüdischen Schulärzte erhoben worden, daß sie sich bei der Ausübung ihres Dienstes schwerer Vergehen schuldig gemacht hätten. Die „Vereinigung jüdischer Arzte" hat nunmehr beim Pressereferenten der Wiener Polizei voreines niditarisdien Fabrikanten Vor dem Sondergericht Berlin wurde, wie die Justizpressestelle Berlin mitteilt, die Hauptverhandlung gegen sieben junge Leute beendet, die vor'einigen Wochen unter dem Vorwand politischer Motive gegenüber einem jüdischen -Fabrikanten aus Chemnitz eine'Erpressung versucht hatten. Der Fabrikant, war dabei mißhandelt worden. Ferner haben die Täter auf einen Polizeibeamten, der sie .festnehmen wollte, geschossen. Von den Angeklagten wurde einer zu sechs Jahren und sechs Monaten: Zuchthaus, einer zu sechs Jahren, zwei zu je fünf Jahren und sechs Monaten Zuchthaus, ein weiterer zu fünf Jahren Zuchthaus und zwei zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt. Gegen sämtliche Angeklagten wurde der Haftbefehl aufrechterhaltcn. Das Urteil des Sondergerichts ist rechtskräftig. . ELOW konferiert das grandiose März- Programm Es Ist wieder ganz lustig I Eintritt M. 1,-, kleine Preise Täglich Haustrauen-nacnminage Kanne Kaffee und Kuchen M.1,- Eintritt 20 Pf. Kabarett der Komiker KurfOrstentlamm 15B . J 7, 7821 Täglich 9.15 Uhr Trude Hesterberg. Charlotte Ander j -g/~\ r , , nur Ansbacher Straße 46 Äi. / / \_J l Das originellste Hof en- 99* Restaurant d. Westens Erstklass. 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