Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 19 (6.3.1934)
- Date
- 1934-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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X 00 Babbioef-Seoiiiiar - zu Berlin. Einzelnummer 20 Pf; Nr. 19 Bezuo.prela; Monatlich 1.35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bei Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt “■^•ht keln Anspruch auf Nachlieferung oder HQanrnaltung der entsprechenden Bezugegebühren. 14. Jahrgang Herausgeber: Hanns Loewenstein - Schriftleitung: George Goetz Berlin, 6. März 1934 Dle„JOdlsch-llberale Zeitung" erechelntDIenetags und Freitags. - Redaktion und Geschäfts stelle: Berlin * Charlottenbürg 4. Mommsenstr.40. — Fernruf : J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung; Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H, Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdlsch-Ilberalo Zeitung, Berlin 22764. Die „jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-indischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Kulturfragen Antwort j an Dr. Kurt Singer Von Dr. Ludwig Davidsolm Lieber Herr Doktor Singer! .Nach den Aufführungen vom Nathan,. Othello, Paracelsus, Sonkin und der Ankündigung des Ibsen- Stückes wagte ich zu äußern, daß ich im Nu ein Dutzend Werke angeben könnte, die ich für den Kulturbund geeigneter hielte. Darauf schrieben-Sie mir einen offenen Brief voll graziöser Ironie und liebenswürdigem Spott, in dem Sie. meine Behaupt tung anzweifelten. Aus dem ganzen Ton Ihres Briefes ersehe ich zu meiner Freude, daß Sie mir nicht böse sind. Das wäre mir auch schmerzlich. Denn ich habe Sie sehr gern. Während drei schwerer Kriegsjahre bei einer Sanitätsformation waren Sie mir nicht nur ein wohlwollender Vorgesetzter — das waren andere schließlich auch.'—, sondern ich durfte auch häufig Ihren Konzerten lauschen, die Sie als Violinvirtuose gaben, während draußen die Munitionskolonnen vorbeirasselten und der Kanonendonner von Verdun herüberrollte. . . . Ach, Sie spielten immer wundervoll! ... Das 'Verhältnis von Saul und David(-sohn) umkehrend, haben Sie damals durch Ihr Spiel oft meine vergrämte Psyche aufgebügelt! Wirklich, „Du warst ein Glück in meinem Leben, Ein Ton von meinem schönsten Lied! . . .“ Wie gerne möchte ich Ihnen nützlich und dankbar sein für das Köstliche, das Sie mir in jener Zeit gaben, da I h r Haar noch nicht grau und meins noch vorhanden war . . . Wie würde ich mich freuen, einige Anregungen geben zu können. Dazu braucht man nun kein „wandelndes Literaturlexikon“ zu sein, sondern nur die Theatergeschichte der letzten Jahrzehnte ein wenig miterlebt zu haben. Der „Kulturbund deutscher Juden“ könnte doch, meinte ich, die Kenntnis noch nicht genügend bekannter deutsch-jüdischer oder fremder jüdischer Dramatiker oder auch solcher Dichter vermitteln, die jüdische Themen behandelten. Er brauchte erst in zweiter Linie den Ruhm Shakespeares, Lessings, Ibsens und Schnitzlers zu mehren, die immerhin bekannt genug sind.. Wozu „Othello“ — wie ein bekannter Kritiker treffend scherzte: „a guttqr Kerl, aber a tummes Luder“, — Shakespeares uns Heutigen am fernsten stehendes Werk?! Das Thema von Liebe, Ehe und Auseinandergehen der Menschen hat z. B. ein modernem jüdischer Dichter, Emil Faktor,- in seinem geistreichen, dialektisch sehr feinen Lustspiel „Die. Temperierten“ in einer Weise behandelt, die uns Modernen viel näher steht! Sie lächeln. Mit Recht. Sie ziehen die Ewigkeitswerte, die ganz großen, über aller Kritik stehenden Werke der Welt-1 literatur vor? Ein achtunggebietendes, ja geradezu literarhistorisches Ereignis wäre dann vielleicht die Inszenierung einer grandiosen Tragödie, die wenig bekannt ist: Lord Byrons „Kain“. Die vielen Übersetzungen, die es "gibt, sind freilich alle nicht brauchbar; das Werk müßte zusammengestrichen, neu übersetzt und bühnengerecht gemacht werden. Ich wüßte aber einen ausgezeichneten deutsch-jüdischen Lyriker, der auch Anglist und Theaterkritiker ist, und der Ihnen diese Arbeitgerne rasch leisten würde. Jährlich erscheinen übrigens immer noch ein paar hundert biblische Dramen! Richard Beer-Hofmann („David“, „Jaacob“), Zeig (Jeremias) Werfel (Paulus) sind schwer aufführbar. Nicht so schwer inszenieren, wären jedoch folgende bühnenerprobten, guten, biblischen Stücke: Brodls „Königin Esther“, Arno Nadels „Adam“ und „Szenen“ und des jungen jüdischen, hochbegabten Dichters Walter Eidtlitz Moses-Drama: „Der Berg in der Wüste“. Von den unzähligen biblischen Sticken nichtjüdischer Dichter schätze ich als bühnenwirksam Burte’s „Simson“, -Gerhart Hauptmanns „Hirtenlied“,' Wildgäns’„Kain“, Albert Geigers „Weib des Uria“, „Jeremais“ von Paul Gurk und Dietzenschmidts Verschiedene Dramen aus dem gewaltigen Gebiet des Alten Testaments. Ein interessantes Experiment wäre für später einmal die Aufführung des fünfaktigen Schauspiels „Bar Kochba“ des in Palästina lebenden, bedeutendsten hebräischen Dichters der Gegenwart, S. Tschernikowski. Ich wüßte jemanden, der die vorhandene miserable Übersetzung verbessern und für die Bühne, bearbeiten könnte. Lohnen würde es sich jedenfalls; Arische Ehepartner als Mitglieder zum Kulturbund zugelassen In einer Besprechung, die der Vorsitzende des Preußischen Theaterausschusses, Staatskommissar Hinkel, mit dem Vorsitzenden des Berliner Knlturbundcs, I)r. Singer, gehabt hat, wurde die Erlaubnis erteilt, daß arische Ehepartner von Mitgliedern des Kulturbundes zn den Veranstaltungen des Kulturbundes zugelassen werden dürfen. Hie Anmeldungen können im Mitgliederbüro, sowie in sämtlichen Zahlstellen erfolgen, wobei ein Revers unterschrieben werden muH, des Inhalts, daß der öder die Betreffende mit einem Mitglied des Kulturbundes deutscher Juden verneiratet ist. Auf diesen neu auszuslellenden Mitgliedskarten soll neben dem Bild des Inhabers auch noch das Bild des Ehepartners angebracht sein. ln. der gleichen Besprechung wurde die Veranstaltung von .'Schüler-Aufführungen genehmigt. Vorbereitung des diesjährigen Peßachfestes Eine Aktion des. Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Offiziell wird mitgeteilt: b dv "d‘- l Gemeinde empfindet besonders stark das Bedürfnis, gerade in dieser Zeit neben der im Rahmen der verfügbaren Mittel durchgeführten Stützung der kleinen und mittleren Gemeinden auf finanziellem Gebiete auch Tür die Intensivierung jüdischer. Lebens und jüdischen Empfindens in den Gemeinden zu sorgen. Zu diesem Zweck hat der Landesverband durch einen kürzlich gefaßten Beschluß der Berliner Jüdischen Gemeinde3 angeregt, ein Rundschreiben an alle ihm angeschlossenen Synagogengemeinden versandt, in dem er den Gemeinden näbelegt, durch verschiedene Maßnahmen und Einrichtungen dafür zu sorgtn, daß möglichst alle Gemeindcmitgliedcr bei dem kommenden Pessachfest anSederfeiern teilnehmcn. In dem Rundschreiben ist u. a. ausgeführt: Bei einer Feier, die so sehr den Charakter des Familienfestes trägt; wie die Sederfeier, ist das Ideal die Feier iin eigenen Hause und im Kreise der Familie. In erster Reihe bitten.wir also dahin zu wirken, daß in möglichst zahlreichen Haushaltungen Sederabende abgehalten werden, zu denen in weitestem Umfange Gäste aus dem eigenen Familien- und Bekanntenkreise, besonders aber auch aus dem Kreise derjenigen, die ohne eigenen Haushalt oder verwandtschaftliche Beziehungen sind, herangezogen werden sollten. Wo der Hausherr oder ein anderes Familienmitglied den Seder selbst nicht abhalten können, sollte es Aufgabe der Gemeinde sein, den Betreffenden dafür geeignete Persönlichkeiten zuzuweisen. denn es handelt sich 'um eine Dichtung von hohem Rang! Die Erinnerung an verstorbene jüdische Dichter,- die uns allen nahestanden,, könnte hin und wieder wachgehalten werden. Da starb vor kurzem-z. B. der . große Romancier Jakob Wassermann. Wie aktuell wäre eine Gedenkfeier für den Toten! Etwa in einer Matinee. Wassermanns hübsche Komödie „Hocken-, jos“ ist in Berlin wenig bekannt. . Wie -interessant wäre eine Erinnerungsfeier für den feinen, 1900 jung gestorbenen Berliner.Lyriker Ludwig Jacobowski, in der man sein wertvolles, kleines Versdrama „Das Glück“ aufführte! Des gütigen und grundgescheiten Moritz Heimann dichterisches, -jüdisch-historisches Stück ' „Das Weib des Akiba“ sollte schon vor vier Jahrenmit Lina Lossen uraufgeführt werden; im letzten Augenblick zerschlugen sich jedoch die Verhandlungen. Hier ist eine Ehrenpflicht des Kulturbundes! Vor dem Erwähnen lebender jüdischer Dichter muß ich Sie, verehrter Herr Doktor Singer, allerdings um Vergebung bitten! Eine beträchtliche Anzahl jüdischer Autoren, an die ich „im Nu“ dachte, ist erst vor ganz kurzem aus der Reihe der aufführbaren. Verfasser ausgeschieden. Das konnte' ich 'aber, als ich meine von Ihnen inkriminierte Äußerung niederschrieb, noch nicht wissen. Vielleicht dürfte aber das lyrisch-zarte und. schwermütige Judenstück „Überwinder“ Von Georg Hirschfeld, der auch ein wirkungsvolles, biblisches ,-,Hosea“-Drama geschrieben hat, aufgeführt werden? Der Dichter, den ich gut kenne, Neben dar auf diese Weise an häuslichen Sctlerfeicrn teilnehmende» jüdischen Menschen wird aber trotz aller Bemühungen eine größere Zahl von Personen verbleiben, die keinerlei Zugang zu einer Familie gefunden haben. Deshalb - halten wir cs für unbedingt notwendig, unter Heranziehung aller in |cdcr Gemeinde bestellenden Vereinigungen Sederfeiern für die sonst ohne solche Feier Bleibenden zu veranstalten. Hierfür werden insbesondere die berufstätigen Jugendlichen in Betracht kommen, ferner die jungen Menschen, d.--. sich der Hcriifsumsclm-hhing unterziehen, aber auch sicher vielfach ältere Menschen, die ohne jeden Anhang sind. Da-' neben wird es Umkreise jeder größeren oder mittleren Gemeinde Juden gehen, die ganz vereinzelt in klcineu Orten oder Dörfern wohnen, und die zu solchen Feiern in die nächste größere bzw. mittlere Gemeinde eingeladen werden sollten. Der Landesverband bringt am Schluß zum Ausdruck, daß ihm.jede Unilormierimg der Feiern fern liege. Der Berliner liberale Verein veranstaltet - Sederabende! Das Büro des religiös-liberalen Vereins gibt/folgendes bekannt: . ' Wir machen unsere Mitglieder und Freunde schon heute darauf aufmerksam, daß wir folgende Sederabende veranstalten: im Westen: Kleiststr. 10, Bne-Briss-Loge (Tel.: B 4 Bavaria 3421). Freitag, 30. März, abends 8.15 Uhr. Trockenes Gedeck 3 RM. Im Bedarfsfälle Abhaltung des zweiten Sederabends. im Zentrum: Hotel „König von Portugal“, Berlin C 2,-Burgstr. 16 (Tel.: E 2 Kupfergraben 1525). Freitag, 30. und Sonnabend 3t. März, abends 8,15 Uhr. Trockenes Gedeck 2.50 RM. Die Sederabende werden von gut ausgebildeten Kantoren geleitet. Die verabfolgten Speisen sind erstklassig zubereitet. Für eine würdige Feier wird gesorgt werden. Anmeldungen nehmen schon jetzt - die beiden obigen Stellen sowie die Vereinigung für das religiösliberale Judentum, Ortsgruppe Berlin, Charlottenbürg .2, Bleibtreustr. 45 (Tel.: Bismarck 4958) entgegen.