Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 18 (2.3.1934)
- Date
- 1934-03-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Balasr-Semnir zu Berlin. Einzelnummer 20 Pf. Nr. 18 M,onatlIch 1'3S RM. zuzüglich aestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenom- "’J"; — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nlchtersdielnen Infolge Streiks oder hfiherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung öder Hunrerssnltung der entsprechenden Bezugsgebühren. 14. Jahrgang —— Herausgeber: Hanns Loewenstein _ Schriftleitung: George Goetz Berlin, 2. März 1934 Die „Jüdisch-liberale Zeitung** erscheint Dienttags und freitags. - Redaktion und Geschäfts stelle: Berlin*Charlottenburg. 4, Mommsen* - Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H, Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung^ Berlin 22704. Pie Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Gegen oieTrägheit Von Rechtsanwalt Heinrich Stern AIS der Schule erinnern wir uns vom Physikunterricht her, daß ein Körper unbeweglich bleibt, beziehungsweise in derselben Richtung verharrt, wenn nicht eine stärkere Kraft' ihn aus dem Ruhezustand oder der einmal eingenommenen Richtung herausbringt. Das ist das Gesetz der Trägheit. Auch für viele unter uns deutschen Juden schien dieses Gesetz allmächtig und unüberwindlich. Da kam Anfang des letzten Jahres von außen ein gewaltiger Impuls, der die Unbeweglichen beweglich, machte und die zentrifugalen Kräfte des Judentums nach innen zurückwandte und -stieß. Aber, schon wieder scheint auch dieser gewaltige Antrieb zu erlahmen und das Gesetz der Trägheit wird wieder übermächtig. Die große Vergeßlichkeit breitet sich wieder lähmend über die Mehrzahl unserer Brüder aus. Diese Vergeßlichen, diese ewig Trägen gilt es aufzurütteln. . * Da ist zunächst die- Trägheit der Seele. Man glaubte sie unter den furchtbaren Erlebnissen des letzten Jahres endgültig beseitigt. Die Dumpfen, die in den Tag hineinleben, kauernd auf ihrem bißchen materiellen und ihrem noch geringeren bißchen geistigen Besitz, schienen aufgeschrocken. Die Notwendigkeit, einen Plan ihres Lebens sich zu machen, alle Kräfte der Seele zusammenzureißen zum.Gegengewicht gegen materielle Not,schien dargetan. Es sieht beinah so aus, als griffe wieder die große Planlosigkeit, die Trägheit der Seele Platz. Man kehrt wieder zu den alten Vergnügungen und Behaglichkeiten zurück, „um sich zu betäuben“. Mit Narkose ist aber unser Zustand nicht zu heilen; gespannte Wachheit ist notwendig. Ich bin der Letzte, der seelische Ausspannung verargt. Auch Lachen kann Gottesdienst sein, aber, nur jenes Lachen, welches aus einer befreiten und erhobenen Seele kommt, nicht das gequälte Lachen der Rastlosen oder gar das höhnische Grinsen über eigene Schwäche und Erbärmlichkeit, das sich schon wieder in unseren Reihen breit macht. Über den kleinen Vergnügungen des Tages vergißt man die dringendnotwendige seelische Erneuerung, die nur durch Denken und Selbstprüfung und durch den Blick in die Ferne gewonnen werden kann. Ja, wir wollen-nicht immer in der Schwere der Gegenwart festgebannt sein, aber da steht das Judentum. mit seinen unerschlossenen Schätzen des Geistes und der Seele, da warten -Lehrer und Führer, um Euch in Euer eigenstes Land zu führen, ohne daß Ihr auszuwandern braucht, aber es sind viel zu wenig, die sich der Führung anschließen. Nachdem der erste Schreck verraucht ist, versucht man sich eben auf einer fetwas tieferen Stufe häuslich niederzulassen. Diese Trägen möchte man am Kragen fassen ifnd aufrütteln, ihnen zurufen, wenn Ihr schon an Euch nicht denkt, denkt an Eure Kinder! Soll denn diese geistige Dumpfheit'und diese Verzweiflung ihr Los sein? Sollen wieder Kino, Kaffee und Tanzstunde die einzigen Erlebnisse dieser Jugend bleiben? Unsere Jugendorganisationen können noch tausende junger Menscher, aufnehmen, um den Körper zu stählen und den Geist zu erneuern und vor allem den haltlosen, sturmzerrütteten Seelen den Halt zu geben, den jüdische Gemeinschaft allein zu verleihen vermag. * Noch ein anderer Kampfruf, der gegen die Träg- . heit des Herzens, muß erhoben werden. Am Anfang schien es, als hätten wirklich alle ein Verständnis für die Not der Gemeinschaft und der Tausende wahrhaft Bedürftiger unter uns. Mit wenigen unrühmlichen Ausnahmen haben alle sich zu geben bemüht. Auch hiesetzt wieder das große Vergessen ein. Es sind immer dieselben, die helfen sollen". Die große Menge derer, die noch. arbeiten, die noch besitzen, denken nicht mehr daran, daß wir erst am Beginn des großen Elends sind, das "uns betroffen hat. Der Opfergeist, der einmal entfacht schien, droht schon wieder zu verkümmern und zu verlöschen. Hier muß mit allem Nachdruck gesagt werden, daß jeder, der auch nur noch einen Groschen entbehren kann, ihn der Gemeinschaft schuldig ist, und wer den Groschen nicht mehr geben kann, der soll den Pfennig geben, und wer den Pfennig nicht mehr geben kann, der soll mehr geben als Groschen und Pfennig, seine Hilfskraft. Es sind nicht die Schlechtesten von uns, die die Not der Zeit arm gemacht hat. Sie sollen von Haus, zu Haus ziehen, systematisch geleitet von einer zentralen Kraft, und durch - ihr Mahnen sollen die wachgerüttelt werden, die unsere Not schon wieder vergessen haben. Das deutsche Judentum muß immer daran denken, daß, so sehr, auch brüderliche Hilfe von draußen eingreifen mag, schließlich doch nur wir selbst uns helfen können. Der Einzelne kann nur leben, wenn die Gemeinschaft lebt; stützt er diese nicht, vergißt er sie, so wird auch er vergessen. * Und noch ein Letztes, das Wichtigste: gegen die Trägheit des Geistes müssen wir angehen. Da hören wir schon wieder die viel zu vielen, welche sich und uns zu trösten vermeinen mit dem alten: „Es wird schon irgendwie werden.“ Das ist die Stumpfheit des' Geistes, die Scheu, sich-Rechenschaft abzulegen, die wir mit allen Waffen bekämpfen müssen. Der große Kampf geht ja nicht um das Behagen und das Bedürfnis des Einzelnen, er geht um das Sein oder Nichtsein unserer Gemeinschaft in Deutschland. Selbst wenn volle 500 000 Juden in verhältnismäßigem Wohlstand dahindämmern würden, jeder für sich, geeint höchstens in den Grä-: bern der alten Friedhöfe, zerrissen und zersplissen, solange sie leben, so würde das deutsche Judentum tot sein. Wenn aber nur noch 50 000 wahrhaft jüdischdurchpulster Menschen hier nicht nur da sind, sondern ein wirkliches Leben führen, gemeinschaftstreu, wissend um ihr Judentum, für dieses Judentum wirkend, dann haben und behalten wir unser deutsches Judentum. Geistige Kämpfer zu werden und zu ■ bleiben gilt es, immer an sich arbeitend, lernend, - in kleinen Gruppen sich zunächst ziisammenfasscnd und'dicse kleinen Gruppen der großen Gemeinschaft dienstbar machend, die einen sich religiös vertiefend, die anderen an den Schätzen unseres Geistes sich bildend, die dritten die großen praktischen, insbesondere sozialen Aufgaben .auf sich nehmend, alle aber in dem Bewußtsein und mit dem festen Willen, wach zu" bleiben für eine neue Zeit, das allein gibt die Gewähr des Lebenbleibens. Noch vier Wochen und wir feiern das Peßachfesl. In unserer Peßach - Hagadah findet sich der gewaltige Mahnruf Z’eh uL’mad „Zieh heraus und. lerne“, oder wie wir besser heute übersetzen: „Geh aus Dir heraus und lerne.“ Nur wer aus sich heraus und über sich heraus geht, seiner Seele einen solchen Impuls gibt, daß er das alte Gesetz der Trägheit überwindet, nur der wird den Kampf gewinnen. Wir aber, die wir noch den letzten Funken von Glauben an die Zukunft in uns brennen fühlen, wo wir auch stehen und wie wir auch unser Judentum in uns fühlen, wir wollen uns zusammenschließen zu dem - wichtigsten, zu dem entscheidenden Bund: gegen die Trägheit! Bei unregelmäßiger Zustellung der Zeitung reklamiere man zunächst beim zu- - -ständigen Postamt. Erst wenn diese Reklamation erfolglos bleibt, wende man sich an den Verlag der .Jüdisch-liberalen Zeitung“-__ „Reichsvertretung“ und Richtungen Dali wir deutschen Juden in der Arbeit für unsern Wiederaufbau alle Kräfte Zusammenlegen müssen, datt es hier eine Zersplitterung nicht geben darf, — das ist im Laufe der letzten Jahre, schon unter den Wirkungen der all- 5emeincn Wirtschaftskrise, mehr noch unter dem Eindruck er Ereignisse des Jahres 1933. eine so elementare Erkenntnis geworden, daß cs fast schon eine Beleidigung der Hörer'oder Leser ist, es groß zu erörtern. Es wirkt in der Tat wie ein Überbleibsel aus vorsintflutlichen Zeiten, wenn wir lesen müssen,-daß es allein in Berlin noch immer über 1000 lOdische Vereine gibt, so daß die Behörde, der die Überwachung eines derart .überorganisierten Apparates zu mühsam oder zu kostspielig ist, sich an den Vorsitzenden der. Gemeinde, Herrn Direktor Heinrich Stahl, gewandt hat, damit ' dieser auf Zusammenlegung und Vereinheitlichung alt dieser Vereine und — Vorstände hmwirke. Ebenso, wie im allgemeinen Leben die Aufgabe der vielen charitativcn Privatvereine mehr und mehr auf die Behörden und Kommunen übeigegangen ist, so macht sich auch im jüdischen Leben seit Jahren die Entwicklung bemerkbar; die die Jüdischen Gemeinden oder die -von diesen getragenen Zentralstellen und Verbände zu den Organen jüdischer Wohlfahrtsfürsorge, Wirtschaftshilfe und Berufsberatung macht. Soweit aus irgendwelchen Gründen der Fortbestand der einen oder anderen privaten Organisation im allgemeinen jüdischen Interesse. liegt, sollen diese Vereine m engster Anlehnung an die offiziellen jüdischen Stellen arbeiten und sich von diesen die. Fortführung ihrer Tätigkeit gewissermaßen als Auftrag neu übergeben lassen. Im 'allgemeinen kann man sagen, daß diese Notwendigkeit überall erkannt wird, daß aber selbst da, wo dies nicht der Fall ist,, die Entwicklung sich zwangsläufig in dieser Richtung' vollzieht.. Die verantwortungsbewußten jüdischen 'Führer haben sich dieser Erkenntnis nicht nur-tiie-verschlossen, sie haben den Zusammenschluß aller jüdischen Aufbauarbeit .stets bewußt und aktiv gefördert. Und es bleibt der Ruhm den Berliner Jüdischen Oemeinderin deren Reihen der Kampf der jüdischen Richtungen besonders zugespitzt ist und'die deswegen immer wieder von jüdischen Führern im Reiche Kritik über sich ergehen lassen muß, daß gerade sie es war,-in deren Verwaltungskörperschaftni der Satz geprägt wurde, der inzwischen zunt geflügelten Wort geworden ist: „Im Sozialen sind wir einig.“ Dieser Ausspruch ist das Orun3motto aller jüdischen Aufbauarbeit in Deutschland, und seine Befolgung hat sich bereits jetzt allerorten als von größtem Segen erwiesen. Leider aber ist es noch nicht überall genügend erkannt worden, daß dieses Positivum auch eine Negation enthält, daß es in Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit die Tatsache unterstreicht, daß wir nur im Sozialen einig sind und in allem anderen nicht! Immer noch übersehen viele, daß der geringste Versuch, die organisatorische Vereinheitlichung über. «las Soziale hinaus zu'erstrecken, nur unsere Uneinigkeit aiifdeckcn und zu neuen Streitigkeiten führen kann. Das war der Grund, weshalb wir seinerzeit in diesen Blättern — nicht die lliltiung der „Rcichsvi-rtrctung der deutschen Juden“, sondern — die Art ihrer /ji'iinwun^tziuie so arg bekämpften. Diese'„Reichs- Vertretung“ sollte die Stelle sein, die die politischen Rechte oder Interessen, der deutschen Juden einheitlich und autoejtaliv vertritt, und da es nun einmal Tatsache ist, daß es unter uns deutschen Juden zwei grundverschiedene, zwei einander diametral entgegengesetzte Anschauungen gibt, so schien es unmöglich, an ihre Spitze Vertreter beider Richtungen zu stellen. Demi wie soll eine Körperschaft Autorität haben, wie soll sie fruchtbar arbeiten, wenn ihre Führer über die Grundvoraussetzungen sich in unüberbrückbarem Gegensatz zueinander befinden? Gewiß dient die Wahrnehmung unserer politischen Rechte der Sicherung unserer Existenz, und alles, was wir jüdisch-politische Tätigkeit nennen, fällt also im Grunde genommenunter den Begriff der jüdischen Wirtschaftshilfe. Aber der Unterschied ist der, daß es Jici rein wirtschaftlichen Maßnahmen, zuin Beispiel bei “der Gründling ‘ einer jüdischen Bezirksdarlchnskasse, tatsächlich nur auf wirtschaftliche Gesichtspunkte und praktische Entscheidungen ankoinmt, hei denen der „Kampf der Ideologien** ganz von selber schweigt, wohingegen das Heimatrecht-der deutschen Juden —• also die Voraussetzung und rechtliche (intmiiage für all unsere Arbeit — nur geltend gemacht werden kann von denen, die sich als Kinder Deutschlands und als Glieder des deutschen Volkes fühlen. Wer "der-jüdischen Nation sich zurechnet, deren nationale Heimstätte Palästina ist, der bleibt in Deutschland ein Gast und Fremder, und er kann, er muß notgedrungen stören, wenn er gemeinsam .mit denen auftritt, die hier ihre Heimat sehen und ihr Heimat- "recht geltend machen. ■ Ob tatsächlich bei irgendeinem politischen Schritt Anhänger der einen Richtung'die der anderen aktiv . gestört haben, davon weiß die Chronik nichts zu melden. Andererseits aber hat der auf der Beiratstagung erstattete Bericht zur Genüge dargetan, daß die „Reichsvertretung. der .deutschen Juden“ in den politisch-so bewegten Monaten ihres Bestehens politische Aufgaben so gut wie gar nicht, in Angriff, genommen hat. Wohlgemerkt: wir sprechen nicht von der juristischen Betreuung einzelner Glaubensgenossen oder Berufskategorien — diese politische Teilaufgabe ist ja dem „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ übertragen worden, der sich ihrer in immer'wieder dankbar anerkannter Weise entledigt — aber was wir meinen, daß es die oberste und vielleicht zunächst einzige Aufgabe der szateaiwg*' --* ’