Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 17 (27.2.1934)
- Date
- 1934-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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zu Berlin. Einzelnummer 20 Pf. Nr. 17 2är^eut|^e5_2ubentumunb^eltgtöjen9lu^au Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0.20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. - Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt ' besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. 14. Jahrgang Herausgeber: Hanns Loewenstein Schriftleitung: George Goetz Berlin, 27. Februar 1934 Ole„JOdlsch-llberaleZeltung“ erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Bleibtrau Sammel-Nr. 1545.'- Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H.. Berlin N 34. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 33764. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint. Gedenktage Der deutsche Volkstrauertag und das jüdische Purimfest — wer denkt noch daran? -— fielen im vorigen Jahre auf den gleichen Tag, und auch diesmal fallen sie zeitlich fast zusammen, sind nur durch wenige Tage getrennt. In der erregten Atmosphäre des vergangenen Jahres glaubten manche Nichtjuden, in der Veranstaltung des „jüdischen Faschingfestes“ gerade am deutschen Volkstrauertag eine Provokation erblicken zu müssen. Aber — abgesehen davon, daß wir unseren religiösen Festkalender nicht zu ändern vermögen, abgesehen ferner davon, daß auch der allgemeine Karneval dem Volkstrauertag fast unmittelbar voraufgeht — es war wohl selbstverständlich, daß wir Juden im vorigen Jahre die Feier des Purimfestes auf die Andacht im Gotteshause beschränkten. Das entsprach unserer Stimmung, das. entsprach unserer Lage. Nicht anders diesmal. Und es zeigt sich, daß der ernste Kern, der dem Purimfest zugrundeliegt, in ,seltsamat..uacL.geheimmsvoUer Weise zirdem.Gedanken unseres Volkstrauertages passen will. Jawohl, ganz bewußt sprechen auch wir deutschen Juden von unserem Volkstrauertag —: den Anteil an dieser Trauer und darum an diesem Volke kann uns niemand streitig machen. . Der ernste Kern des Purimfestes ist in unsern Reihen niemals vergessen worden. Bevor aber wir vor ihm sprechen, mag darauf hingewiesen sein, daß, wie so oft, schon rein äußerlich ein auffallender Parallelismus mit den Festen der christlichen Umwelt besteht. In Erinnerung an die furchtbare Gefahr, in der sich die Juden damals befanden, kennt unser Kalender das sogenannte „Fasten Esther“ — Esther selbst hatte, bevor sie das Wagnis unternahm, ungerufen zum König zu gehen, drei Tage gefastet und gebetet; die Erinnerung daran ist niemals erloschen, und erst wer in seinem religiösen Tun beides umfaßt: die Gefahr und ihre Ueberwindung, erst der feiert Purim ganz. Aehnlich ist, wenigstens im Äußerlichen, auch der allgemeine Karneval der Abschluß einer ernsten "christlichen Fastenzeit. Auch in diesem Jahre werden_ Stimmung und Lage der deutschen Juden für uns alle den Anlaß bilden, das Purimfest nür in ernster Weise zu be- ..gehen. Sind doch die Begebenheiten,.die es berichtet, für uns wie Spiegelbilder dieser Zeit. Die Juden in Persien waren der Nationalität nach Perser geworden, es gab keine Konflikte zwischen ihrer Zugehörigkeit zum Staat und zu ihrer Religion. Gewiß waren die Zustände nicht völlig dieselben wie in der modernen Emanzipation, und auch die Menschen,-von denen das Esther-Buch berichtet, sind andere als die heutigen. Das eine aber ist geblieben, daß Verkennung uns in Gefahr stürzte und daß diese Gefahr abgewendet wurde, als es uns gelang, der Umwelt unser wahres Sein vor Augen zu führen. Diese Anerkennung und die Erlaubnis, um unsere Freiheit zu kämpfen, errangen wir ganz allein durch die Macht des Geistes, durch Mardochais und Esthers Seelen-, .ädelj Charaktergröße, Opferwilligkeit. Daß dann die Erringung der Freiheit mit Waffengewalt erfolgen mußte, ist ein rein äußerlicher Umstand und im Zusammenhänge wie auch in der Ökonomie des Purimbuches völlig nebensächlich; das Komplott Hamaiis war schon zu weit gediehen, als daß seine Wirkungen friedlich hätten abgewendet werden können. Gegner des Judentums weisen triumphierend auf den einen Satz hin, daß die „Juden überall ihre Feinde schlugen und mit dem Schwert niederhieben“ und daß sie fünfundsiebzigtausend Perser ' getötet. haben sollen. Kommen dergleichen Kampfschilderungen wirklich in keinem änderen Buche vor als in der Purimerzählung des Judentums? Kommen sie nicht in den Bücherir aller Völker vor? Aber man vergesse doch nicht, daß .dieser Kampf gerade der Juden hoch geadelt ist und sich von manchem anderen- Kampfe manchen anderen Volkes unterscheidet. Denn der biblische Bericht betont nachdrücklich an zwei Stellen: „Doch nach Beute streckten sie die Hand nicht aus“ (Kapitel 9, Vers 10 und Vers 16). Man vergesse ferner nicht, daß es sich bei alledem um einen Akt der Notwehr handelte, daß nicht der Tod der Besiegten, sondern die eigene Errettung Gegenstand des Purimfestes ist. Will man wissen, wie. das Judentum in Wahrheit zum Untergang seiner Feinde sich stellt, so lese man bei Jesaja (Kapitel 16, Vers 11): „Darum klagt mein Herz um Moab, gleich einer Laute“ und (Kapitel -21; Vers 3, bis 4): „Derhalben sind meine Lenden voll Schmerzen, und Angst hat mich ergriffen wie eine Gebärende; ich krümme mich, wenn ich es höre, und erschrecke, wenn ich es ansehe. Mein Herz zittert, Grauen hat mich erschreckt: ich habe in der lieben Nacht keine Ruhe davor.“ So klagt der jüdische Prophet, so klagt das Judentum um den Untergang der Feinde! . Daßdie .eigene.-Rettung nur, .durch Unglück..anderer erkauft werden kann,-das ist wie eigenes Unglück. — Dieser Gedanke aber und dieses Empfinden geht über das rein Volksmäßige hinaus; kein Volk der Welt hat solchen Sang gedichtet, und kein Nationalepos der Erde weiß von solchen Empfindungen, sie finden sich ganz allein in dem Gottesbuche des Judentums, . in der göttlichen Offenbarung der Bibel. Seit sie aber dort niedergeschrieben, sind sie niemals wieder zum- Schweigen gebracht worden, das Leben und Denken aller Völker ist von dem Hauch dieses Geistes berührt, bewegt, geheiligt. Und wenn heute das deutsche Volk — und wir mit ihm, in ihm — seiner Helden gedenkt, so sind die persönlichen, die familiären, die nationalen Empfindungen durchsetzt von dem, was unsere Bibel über Leid, Schicksal und Heldentum zu künden weiß. Alle Empfindungen erfahren ihre Krönung durch das biblische Wort; der religiöse Gedanke erst versetzt uns in die Stimmung, die die alte griechische Tragödie „Katharsis“ nannte, die Reinigung oder Läuterung von Leidenschaften durch die schweren Schicksale des Helden. ' An solchem Heldentum und solcher Helderiläuterung haben wir alle teil —: im Tun und im Erleiden. Das ganze große Volk Deutschlands — können wir schon sagen: die Menschheit? — fühlt Drang und Sehnsucht, geläutert zu werden; von Schuld und Schicksal, selbst unter, schwersten Opfern, erlöst, zu sein. Für ein solches Bemühen ist der Begriff des Volkstrauertags bezeichnend, der auch, wir sagten e"S schon, von uns deutschen Juden als Tag der Einkehr, des Bekenntnisses, der Rechtfertigung vor Gott empfunden wird. Wir haben das Gefühl, daß man der Zeit des Frühlings, des Sommers, der Ernte und der Erfüllung nicht entgegengehen kann, ohne sich mit den Toten ausgesprochen,' ohne derjenigen gedacht zu haben, die für das Vaterland und jedes seiner Kinder, also auch für uns, alles getan und hingegeben haben. Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements-Quittung für März. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „JQdlsüi llberalen zeitanr. Für religiös-liberale Juden ist dabei charakteristisch, daß aus der Seele des Volkes — man möchte, sagen mit untrüglichem Instinkt — eine feierliche . Bewegung geboren wird, die die Schranken der Re-~ ligion sprengt, weil sie allen gehört. Und in diesem , Jahre nun ist, wie Purim, so auch der .Volkstrauertag von besonderer Bedeutung. Eine bewegte Zeit war angebrochen-, als wir 1933 der Toten gedachten, und die Größe jener noch nicht abgeschlossenen Ereignisse scheint eine Zeit heraufzuführen, die mehr als ver- _ wunden, treffen, operieren, die auch heilen und helfen kann. Vielleicht ist es der Sinn'dieser ganzen Zeit, der Sinn auch unseres jüdischen Erlebens, daß wieder einmal gründlich kuriert werden mußte, daß Krankheit- und Infektion, Faules und Morsches herausgebracht werden mußte—und nun kommt ein neuer Organismus, hoffentlich kerngesund, der gedeihen kann und soll, und von dem auch wir ein. gesundes Glied sein werden. -.- Eine- ParaHefe: - Deutschland" und töstcrreichjaber-- ohnc Schmeichelei.—: sie würde, ja das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. Bei uns int Lande sind - nicht Tausende gefallen; hier hatte nian das' Bewußt- - sein: genug edles Blut ist im Kriege geflossen.- In dieser Bezeugung liegt ein' Wert, und wohin er führt,. ' wenn es auf die Friedlichen ankommt, -steht fest, r- Der Respekt vor dem Frieden wird wachsen und das Ansehen kriegerischer Drohungen, “das sich' nur auf eine Übermacht von Waffen stützen kann, wird sich verringern. Aber die Käpfe des Geistes —: sollen sie aufhören, werden sie schwinden? Wir glauben es nicht ‘ und ersehnendes nicht. Eine Lethargie, Einförmigkeit . in Sachen der Überzeugung ist kein Leben. Darum müssen Judentum und Judenheit auch zu dem Doppelbegriff der Reinigung und Reinheit schreiten. Prüfungen und Leiden haben etwas Schicksalhaftes, müssen sein, aber „sub specie aeternitatis“, unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit: damit die Menschen unstarr werden, neu formen und gestalten, was sie' -. aufwärts führt. . Unser Kreis ist nicht empfindungsfern dafür, je daß sein Erleben und Ertragen ein Heil in sich birgt---, und hervorruft. Aus der Reinigung wird die Reinheit' erblühen, aber die Ordnung dieser moralischen Ent- -J faltung darf nicht lange auf sich warten lassenADic Vielen, die jetzt zuriiekgekehrt sind, Losgelöste, Halb- •' verbundene waren, dürfen uns nicht belästigen, dürfen nicht Mitgeschleppte, Getragene, Ballast sein, sie müssen Willen und Überzeugung beweisen und die Fähigkeit, einen jüdischen Fortschritt ins Leben zu rufen - und zu erarbeiten. Wir müssen die Überzeugung , haben, daß sie keine Konjunkturen sind, nicht zu denen gehören, die sich — so, wie man jetzt dm Nachbarlande wieder durch Scheintaufen jüdischem Schicksal zu entgehen hofft — gegen uns gewandt hätten, wenn man sie auf der Flucht und im Verborgenen belassen hätte, sie sollen uns Liebe uiut- Treue, Reinigung und Reinheit beweisen. Immer muß solcherart die innere Reinigung'der äußeren Bereinigung vorangehen. Der Ernst der Situation führt zur Einkehr, die Einkehr zur Geistes- und Liebestat, solche Tat des Geistes und der Liebe zu Freiheit und Freude, zur Erlösung. Das ist der Kranz - der Betrachtungen, der sich für uns deutsche Juden, für uns jüdische Deutschcum’unser. religiöses Purim- Test und um unsern nationalen Volkstrauertag windet. Daß dieses nationale Erleben unser Erleben ist, kann niemand uns streitig machen; darin liegt nicht nur ein großer Trost, es liegt darin zugleich die Gewähr für-das, was auch aus unseren religiösen Verheißungen spricht und was wir alle heute nötiger brauchen als ... alle irdischen Güter: .Hoffnung.