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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-02-23 · 16 (23.2.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
16 (23.2.1934)
Date
1934-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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BabLiaer-SeiiHBär zu Berlin. 00 A Ar Einzelnummer 20 Pf. Nr. 16 gür^eutf^es^ubentuinjinbreligtöjen^ujbau Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnement» werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder RQdcerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. 14. Jahrgang ■ Herausgeber: Hanns Loewensteii Schriftleitung: George Goetz Berlin, 23. Februar 1934 □le „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint Oien v tags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg .4; Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung'.Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H^ Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 22784. — Oie „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Vor Schulschluß Das ist immer eine Gefahr: wenn eine Erkenntnis zu einer Modeangelegenheit wird. Jahrzehnte hindurch hat die deutsche Judenheit nicht hören wollen, -wenn ihre verantwortlichen Führer von der „anormalen jüdischen Berufsstniktur“ sprachen. Heule brauchen unsere leitenden Persönlichkeiten nicht mehr tauben Ohren zu predigen; außerjüdische Mächte sprechen eine Sprache, die nicht überhört werden kann. Und nun stehen wirwieder kurz vor Schulschlnß; eine große Anzahl von Schülern soll sich für einen Beruf entscheiden. ‘ . - Nur von unseren eigenen, von den jüdischen Schulkindern sprechen wir hier. Daß für sie das Studium verschlossen oder. doch wertlos ist, — an diesen Gedanken haben wir uns, wie an so manches, bereits gewöhnt. Das Universitätssludium und die akademische Laufbahn ist heute auch den meisten Nichtjuden verwehrt. Und wenn es auch etwas anderes ist, ob man den Beruf seiner Neigung aus allgemeinen Gründen nicht ergreifen darf oder auf Grund seiner jüdischen Abstammung, so werden sich unsere jüdischen Schüler in diesem Punkte sagen, daß das Ergebnis für Juden und Nichtjudeii das gleiche ist. Und doch ist es — wie bei allem, so auch bei der Berufswahl — die dem Juden durch das Schicksal auferlegte Sonderstellung, die für ihn zur Gefahrenquelle wird. Ein Mißverständnis sei ausgeräumt: niemand sagt das Geringste gegen die Intellektuellenberufe und ihre Angehörigen. Denn: daß ihrer zuviele wurden, das ist keine Wertung, sondern eine Feststellung. JJnd daß in einem Volke intellektuelle und manuelle Arbeit in einem bestimmten ziffernmäßigen Verhältnis zueinander stehen müssen, daß die Überschreitung des Intellektuellen-Anteilszü wirtschaftlichen Schwierigkeiten und kulturellem Niedergang führen muß — auch dies sind nur nüchterne Feststellungen von Tatsachen und Zusammenhängen. Und nur allzu begreiflich, ist es, daß das gesunde Volksempfinden sich hier als Regulator erweist; daß weite Kreise eine gewisse Abneigung gegen den zu weit getriebenen Intellektualismus empfinden, daß sie auf eigener Scholle arbeiten oder ein Handwerk erlernen wollen, um in jeder Phase des unberechenbaren Lebensweges sagen zu können: dies kann ich, das hab’ich gelernt. Wirtschaftlich ausgedrückt: ein Paar Schuhe anfertigen können, eine Maschine bauen können findet eher Markt und Absatz als wissenschaftliche Leistung. Auch unsere jüdischen Schüler spüren den Drang, wieder etwas „Handgreifliches“ .zu lernen. Aber es besteht die Gefahr, daß dieser naturhafte Und natürliche Wunsch von seiner gesunden Naivität einbüßt und den Charakter ungesunder Reflektiertheit erhält, nicht freigewählter Selbstzweck bleibt, sondern als Mittel zum Zweck angesehen wird. Denn, so sagt man (und sagt es mit Recht), daß wir Juden nicht der Gesamtheit des .deutschen Volkes, daß wir in der Hauptsache nur der zahlenmäßig geringen bürgerlichen Oberschicht angehörfen, das sei eine der Ursachen unserer Verkennung —: erst wenn man uns in der Werkstatt oder auf dem Acker oder wo immer manuell arbeiten sieht, erst dann werde man uns als gleichverpflichteten und gleichberechtigten Bürger erkennen und anerkennen. Darin liegt viel Wahres. Denn wenn es auch immer zahlreiche manuell arbeitende Juden gegeben hat, so bleibt doch die Tatsache: man kennt uns nicht. Und unsere berufliche Umschichtung kann nicht ohne den Erfolg bleiben, daß .man uns kennen lernt. Im gleichen Maße, in dem dieser Prozeß vorangcht, schwindet die Verkennung. Aber hier beginnt die Gefahr: daß der einzelne nicht aus natürlicher heuer Lebensauffassung seinen Beruf ergreift, sondern — gebrauchen wir einmal diesen Berliner Ausdruck— :„ mit Krampf, mit dem bewußt-allzubewußten Seitenblick auf eine „ideale Forderung“, auf eine „Lebensaufgabe“, von der schon Ibsen gezeigt hat, wie leicht sie zur Lebenslüge wird. Unsere Arbeit wird die Emanzipation erringen helfen — das ist richtig; aber diese Arbeit wäre nicht richtig, würde sie allein zu diesem Zweck vollbracht, gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen, weil es nun einmal nötig geworden ist, daß wir Juden in neue Berufe hereingehen- Das hieße: aus richtiger Erkenntnis eine Modesache machen — sie wäre weder von Dauer noch von Erfolg. Und die Kraft würde erlahmen, sobald ein zionistischer Agitator, um unsere Jugend von ihrem deutschjüdischen Arbeitsziel ab- und auf Palästina hinzuienken, sagen würde: „Nie wird es märkische Bauern jüdischen Glaubens geben!“ Schlagworte wirken. Man vergißt, daß die Mehrheit des deutschen Volkes christlich ist, ebenso auch die Mehrheit jeder deutschen Volksgruppe. Jüdische Landwirte gibt es — aber immer und überall wird der-Jude die Ausnahme bilden. Gerade daß er es in einigen Berufen mehl mehr war, gerade dies ist die Ursache unseres Unglücks. So sehr also der junge jüdische Mensch den natürlichen Wunsch nach wurzelhaftem Beruf, in sich stark machen soll, so sehr soll er — als Jude — wissen, daß Ausnahme zu sein unser Schicksal ist, durch das allein der kulturgeschichtliche, religiöse Auftrag des Judentums sich vollzieht. Der junge Jude soll arbeiten „ohne Aussicht auf Lohn“', aus natürlichem Wollen, hur dann wird die jüdische Gemeinschaft finden, was sie erstrebt. Und die Schaffung von Arbeitsstellen für .unsere schulentlassene Jugend bleibt oberstes Gebot. Einheitsgemeinde — Einheitswiiie In den letzten Wochen ist in einigen Großgemeinden die Frage nach Sinn und Inhalt des Wesens unserer deutschen Einheitsgeineinde erneut erörtert worden. Bezeichnend und erfreulich ist es, daß von allen Seiten von der Notwendigkeit ausgegangen wurde, diese Einheitsgemeinde zu erhalten, ln der Tat haben ja gerade die letzten Monate die materielle und ideelle Bedeutung der Zusammenfassung aller Kräfte in der Gemeinde uns Juden eindeutig zum Bewußtsein geführt. Die Aufrechterhaltung der bestehenden, die Schaffung der vielen neuen sozialen, kulturellen und Wohlfahriseinrichtungen ist nur möglich, wenn alle geben und mitarbeiteu, und wenn sie dies tun, weil es ihre Gemeinde ist, der sie Gabe und Kraft zur Verfügung stellen. Daraus daß der deutsche Jude in seine Gemeinde hineingeboren, ihr gesetzlich zugehörig ist, erwächst dieser Gemeinde eine Pflicht, für alle Gemeindemitglieder, ohne Rücksicht auf ihre innerjüdische Einstellung zu sorgen. Man hat nie daran gezweifelt, daß alle sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und WohifahrtseinrichtiHigen einer Gemeinde allen Juden ihres Bezirks zur Verfügung stehen sollen; für.die religiösen Bedürfnisse der streng-konservativen wie der fortschrittlichen Gemeindemitglieder muß in gleicher Weise gesorgt werden; für die Jugendpflege darf es keinen Unterschied machen, ob Räume, Lehrmittel usw. deutsch-jüdischer oder national-jüdischer Jugend zur Verfügung gestellt werden: all das ist heut — nach teilweis jahrzehntelangen Auseinandersetzungen unstreitig. Gekämpft wird in einigen Gemeinden, leider auch in Berlin, noch über die Art der Verwirklichung der Autonomie der religiösen Richtungen in eigenen Kultusfcommissionen; das berührt zwar in einer für uns religiöse .Juden sehr bedeutsamen Weise den Weg, nicht aber den Grundsatz religiöser Gleichberechtigung aller Gemeindemitglieder. Darühcr ein andermal mehr.-. Ernste Zweifel, die das wesentliche Prinzip berühren, bietet die Schulfrage, d. h. die Frage der allgemeinen jüdischen, nicht der Religionsschulen. Wo es öffentliche jüdische Schulen, insbesondere Volksschulen gibt oder gab, hatte die Gemeinde mit dem Schulbetrieb nichts zu tun. Jetzt, da aus bekanntem Anlaß die Gründung gemeindeeigener Schulen in großem Umfang notwendig wird, wird die Frage praktisch, ob die Gemeinde als solche verpflichtet ist, eigene Schulen aller Richtungen zu gründen, insbesondere auch solche, in denen Kinder bewußt nationaljüdisch erzogen werden, oder ob sie sich damit begnügen darf, solche bewußten „Richtungsschulen“, soweit sic von privaten Vereinen 'geleitet und betrieben werden, zwar in Ausübung ihrer Sorgepflicht materiell zu unterstützen — wie dies z. B. in Berlin mit der Schule des zionistischen Schulvereins geschieht —,: während sie aber dagegen ihre eigenen Schulen dann in bestimmt deutsch-jüdischer Richtung gestalten müßte. Diese Streitfrage geht mitten durch die Parteien hindurch, es gibt Liberale, die für „Richtungsschulen“ aller Richtungen in den Gemeinden eintreten, es gibt Zionisten, welche den Einfluß der Gemeinde äuf „ihre“ Schiilen peihorreszieren. Wo liegt die Lösung? Die Verfassung der jüdischen Gemeinden in Deutschland hat es in fast allen größeren Gemeinden mit sich gebracht, daß in den Gemeindekörperschaften die Zusammensetzung der Gemeinden selbst sich widerspiegelte, (oft religiös-liberale Mehrheit mit mehr oder minder beachtlichen zionistischen bzw. konservativen Minderheiten; seltener umgekehrt). Daß die Minderheiten mit Recht Sorge auch für sich und ihre Anhänger fordern, ist schon zugegeben. Erschöpft sich aber darin — namentlich heut — das Leben, die-Lebensäußerung der Gemeinde? Es gibt doch zweifellos neben zahllosen weltanschaulich indifferenten oder unstreitigen Dingen eine kleine, aber wichtige Gruppe von Tatbeständen, die innerlich, weil auf Glaubens- und Überzeugungsvorgängen iuhend,beim besten , Willen „kollegial“ nicht zu lösen sind. Dies gilt für religiöse Tatbestände, die heut — freilich sicher nicht endgültig" — praktisch weniger hervörtreten, das gilt für die Beurteilung großer Wirtschaftsvorgänge, wie cs jetzt die Auswanderung*- fragen sind (auch hier geht der Überzeugungsgegensatz quer durch die alten „Parteien"), es gilt vor allem natürlich für.die Fragt „deutsch-jüdisch“ oder „national-jüdisch“ mit all den sich hieraus ergebenden praktischen Fragen und Folgerungen (z. B. Schulfragen, Palästina; Minderheitsfragen), die ich heut nicht erörtern will. In diesen Fragen unüberbrückbaren, weil weltanschaü- _ liehen Gegensatzes gibt es nur zwei Möglichkeiten .'.entweder man verzichtet auf die Lösung aller solcher „Streitfragen“ .ganz und ein für allemal, man gebt .ihnen ait» dem .Wege — was z- B. auch den Verzicht auf jedes eigene Schulwerk und die Verweisung auf Privatschulen bedeuten würde — oder aber man verzichtet nicht von vornherein auf die,FBh-- rung, dann aber geht man einen Weg, den einen, welcher bei freier Willcnsbildung innerhalb der Qemeindekörpcrschaftcn allein möglich ist, den Weg der jeweiligen Mehrheit und ihrer Führer: ein drittes.gibt cs nicht. „Der Willen der Gemeinde“ ist keineswegs identisch mit der-Summe des Wollens aller Gemeindeangehöriger, dividiert etwa durch die Mitglicderzahl. Längst wissen. Staatsrecht und Soziologie, daß neben, und-über dem Leben der Einzelgliedcr einer Gemeinschaft diese Gemeinschaft selbst ihr eigenes Leben führt mit. eigenem Wollen und Handeln. Wir deutschen Juden haben diesen Zwang des lebendigen Atems eines ganzen Staates, einer ganzen Gemeinschaft in Freude und Schmerz, in Erhebung und Zusammenbruch in dem letzten Menschenalter, im letzten Jahr insbesondere drinnen und draußen gespurt. Dies selbständige Bestehen eines Gemeinschaftsdascms findet seinen Ausdruck in dem Gemeinschaftswillen, wie ihn die Organe, die Führer der Gemeinschaft verkörpern. Ist ein Einziger Organ der Gemeinschaft, gilt sein Wille, führt-ein Kollegium, kann nur die Mehrheit den Willen finden. Das Einzelwollen des oder der Führer muß freilich stets seine Grenze finden in dem Verantwortlichkeitsbewufttsein, im Gefühl, nicht seine, eigene, sondern der Gemeinschaft Sache zu führen; dieses Verantwortlichkeit9bewu.ßtsein verlangt von den Führern immer neu Klarheit darüber, ob sie das Vertrauen der Gemeinschaft besitzen. Gerade, wenn die Vertreter bisher beachtlicher Minderheiten das Vertrauen ernstlich verweigern — Splitter- und berufsmäßige Opponenten mögen außer" Betracht bleiben — soll der Führer an die Gemeinschaft appellieren und ihre Stimme hören! * Ich meine, wenn je, bedarf heut die Gemeinde in den entscheidenden Fragen der klaren Führung. Ob die deutschen. Vergessen Sie nicht «Ile Einlösung der Abonnements - Quittung für März. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der , JOdlsdi llDeralen Zeitung".

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