Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 15 (20.2.1934)
- Date
- 1934-02-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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die jüdische.Bevölkerung. könne versichert sein, daß die n^mJUngi keme 2egen die Juden speziell gerichteten Maßnahmen plane. Zu dieser grundsätzlichen Stellungnahme der Regierung scheinen jedoch gewisse Vorgänge bei der Bewaff- IV “e,V,olkerVngsschichteu, die sich der Regierung zur f Wkie^nim-hg der Ordnung zur Verfügung gestellt haben, -ZU rSt?hen' Emem vom Vorsitzenden des h FrontkanlPfertiundes, General Sommer, veröffentizVfi C°mmun!?ue zu entnehmen, daß hier die Tendenz Mmnflv Lne uP‘ersch‘edhche Behandlung jüdischer FrontwÄu gegermber^ den Mitgliedern radikalantisemitischer Velhänd^ ‘!atz greifen zu lassen. Im übrigen sind jüdische ta kebier Regierungsmaßnahmen tatsächlich Mnril fr ne,se bet,l:°f.fen "orden. Nur jene jüdischen Veru’arpn* hLh»dein soz,akst'sehen Arbeiterbewegung angeschlossen waren, haben dasselbe Schicksal wie die übrigen sozialistischen \lZZST^n ^rIi;ten,. So wurden die jüdisch-sozialistische hritSs? P P?a!e Zl°n und die jüdisch-sozialistische Ar- Arbe3ermnrt Per Füh,rcr der Jüdisch-Sozialistischen ‘der w5n Mendel Singer, der diese Gruppe auch im Rat 7-hlS Kultusgemeinde vertrat, ist verhaftet worden. - Zahlreiche amerikanisch-jüdische Medizinstudenten und Ärzte, die Spezialvorlesungen in Wien besuchten, sind von ihren annzuet^tregen|teHgrafPCl? aufEefordert worden, die Heimreise anzutreten. In den Kreisen der amerikanisch-jüdischen Kolonien ist man empört über Haussuchungen, die unter dem Vor- -uand «,?u,che nach sozialistischem Material bei einzelnen ihrer Mitglieder vorgenommen wurden. Aufforderung an die Wiener Regierung'ihren Standpunkt zur > Judenfrage zu deklarieren. Eine Gruppe amerikanisch-jüdischer Geschäftsleute Wiens appellierte an die Regierung, im Hinblick auf die judenfeindliche Stimmung eines Teils der Bevölkerung eine Erklärung herauszugeben, in der sie kundgibt, daß sie den Antisemitismus verneint und Angriffe auf Juden ahnden wird. Die Regierung hat bis jetzt eine Antwort nicht erteilt. Kredit-Antisemitismus in Österreich. Die „Neue Welt“* führt aus, daß in Österreich die Merkmale des Bank- und Kredit-Antisemitismus sich sehr kräftig zeigen. Vorerst haben die jüdischen Bankbeamten daran zu glauben. Von allen Abbau>Aktionen werden vornehmlich Juden betroffen. Von Neueinstellungen sind Juden gänzlich und grundsätzlich ausgeschlossen. Heute, da der Einfluß des Privatkapitals auf die Banken gesunken ist, ist es töricht, zu glauben, daß die Aktion auf die jüdische Beamtenschaft der Banken beschränkt bleiben und vor der jüdischen Kundschaft halt machen wird. Die bis in die höchsten Spitzen hinauf nach dem Arierprinzip gesiebte Bankbürokratie werde dafür sorgen, daß die jüdische Kundschaft immer kürzer gehalten und schließlich ausgeschaltet werden wird. Die jüdische Wirtschaft in Österreich steht vor einer bedrohlichen Entwicklung. Die Zeitung weist auf die Selbsthilfe-Aktion der deutschen Juden hin und fordert die österreichische Judenschaft auf, zur Bildung einer jüdischen Kreditwirtschaft zu schreiten, sonst wurde das österreichische Judentum in wirtschaftlicher Beziehung hilflos dastehen. Wie stehen wir Juden zu Wagner? Von Antonie Lilienfeld-Le' Zum Ausklang des Wagnerjahres mag sich auch der jüdische Deutsche die Frage nach seiner Stellung zu Richard Wagner vorlegen. Der Begriff „Wagner“ hat sich im Laufe des Jahres grundlegend gewandelt. Aus dem großen -'Musiker und Bühnenbeherrscher, dessen Werke man im Ge-, danken an den fünfzigsten Todestag, anfangs des Jahres.nach ihrer Entstehurigsfolge zur Aufführung brachte, ist der symbolische Vertreter einer Anschauungsweise geworden, die’ dem Nichtarier das adäquate Verständnis für seine Kunst absprechen will. So wird aus einer Frage des persönlichen Geschmacks die Frage nach den Voraussetzungen für das Kunstverständnis überhaupt. Als erste gehört dazu, daß man ein Werk unabhängig von der Person seines Schöpfers betrachten kann. Man erinnere sich jenes berühmten Pianisten, der einen so ansehnlichen Verbrauch an Ehefrauen hatte (er brachte es nahezu auf ein Dutzend). Seine Darstellung Beethovenscher Sonaten überzeugte und begeisterte; kein Mensch hat je daran gedacht, den Künstler wegen seiner moralischen Defekte geringer zu werfen. Beim Lesen des „Tasso“ — was kümmert es uns, wie Goethes Verhältnis zu.Frau von Stein gewesen sein möge? Wagner selbst hat, wo er künstlerisch mit ihnen übereinstimmte, keinen Unterschied nach der Abstammung seiner Freunde gekannt; seinen treuen Helfer Herrmann Levi hat er gegen alle Angriffe verteidigt. Deshalb mag auch die bekannte leidige Flugschrift hier unerörtert bleiben; die seelischen Untergründe dafür' hat Julius Kapp in seinem Buche über Meyerbeer klargelegt. Ruhige Beurteiler geben ohne weiteres gedankliche Unklarheiten und stilistische Mängel in Wagners theoretischen Schriften zu. Aber es'handelt' sich eben gar nicht um den Schriftsteller und Philosophen, sondern um den Dichterkomponisten Wagner.. Aus ruhigem Genießen aufgerüttelt durch ein ungeheures Schicksal, müssen wir Klarheit gewinnen, ob die bedeutsame Erscheinung Wagners unsern seelischen Gegebenheiten entspricht. Der Gedanke von der ins Tönende gesteigerten Sprache, der Einheit von Wort und Musik ist nicht von Wagner gefunden; er hat in Florenz zur Zeit der Spätrenaissance überhaupt erst zur Ehtstehung der Oper im heutigen Sinne geführt. Unterm Eindruck der wiedererstandenen antiken Kunst glaubte man in den von Musikern wie Peri, Monteverdi und a. m, geschaffenen Musikdramen die griechische Tragödie erneuert zu haben. Nach inneren Gesetzen, deren Erörterung hier zu weit führen würde, bilden sich in diesen rezitativischen Stücken sehr bald wieder die geschlossenen Formen der Arie, des Liedes, des Tanzrhythmus. Die Form erreicht in Händel ihren Höhepunkt, bis wieder ein Musiker und begeisterter Altertumsforscher, Gluck, sie zerbricht und nur den dramatischen Ausdruck und den Sprachrhythmus für die Singstimmen gelten läßt. Gluck verleugnet seinen „Orpheus“ und hält unter seinen Opern nur die zweite „Iphigenie“ und „Armida“ für wertvoll. Auch auf diese Reform folgt der Rückschlag: da deutsche Singspiel blüht auf, verdrängt die italienischen un französischen Phinkopern und wird durch „Entführung“ un „Zauberflöte“ vom Genius Mozarts zum Siege geführt. Da gab es keine, dem einfachen Bürger fremden mythologische- Figuren, sondern eine allgemein-verständliche Handlung, der Musik volkstümliche und sangbare Melodien und doch durch das Märchenhafte des Stoffes eine Steigerung über den Alltag hinaus. Man kann sagen, daß Wagner die-eben kurz geschilderte Entwicklung der Oper ganz ähnlich in sich selbst durchgemacht hat. . Er beginnt mit Werken, die nach der überlieferten Form der großen Oper gearbeitet sind. Allerdings wählt er im Geiste der Zeit, gleich Spohr, Weber und Berlioz, die Stoffe aus dem nordischen Sagenkreis. Aus der Welt der bunten Abenteuer geht er den Weg zum Drama des r seelischen Geschehens in „Tristan und Isolde“. Er kämpft .... „Ring“ um die Einheit von Wort, Ton und Gebärde und sucht die uralten Gesänge der Edda geheimnisvoll zu deuten. In den überlebensgroßen Götter- und Heldengestalten haben wir die Parallele zu den stilisierten Typen der frühen Barockoper. Aus dieser lebensfernen Welt findet sich Wagner mit den „Meistersingern“ zum bodenständigen deutschen Singspiel zurück, das, in der bewegten Handlung allgemeinverständlich, dennoch des tieferen Sinnes nicht entbehrt. Der Stoff begreift die geschlossenen Formen organisch iii sich; die bürgerliche Umwelt bedingt auch eine volkstümliche Melodik der Musik. Es mag hier noch erwähnt werden, daß eine ähnliche Reform des Musikdramas, wie die Wagners auf italienischem Böden von einem anderen Genie, Giuseppe Verdi, unabhängig von Wagner, zur gleichen Zeit durchgeführt ist. Wir dürfen die Frühwerke Wagners bei der Erörterung unserer Frage ausschalten. Je nach der Anlage wird für viele von uns Mozarts Klarheit die bessere Lösung sein von den Nöten des Alltags. Aber ebenso viele sind es, denen das Hineinarbeiten in ein Kunstwerk schmerzvolle und beseligende Notwendigkeit ist. Der „Nibelungenring“ wird gerade von den strengsten Wagnerianern für ein schwer eingängiges Werk gehalten. Ich glaube, daß dem Juden, der durch seine Religion zur Geistigkeit erzogen, gewohnt ist, sich in den tieferen Sinn uralter Mythen zu versenken, die Mvstik des „Ringes“ sehr* nahe stehen kann. Und ebenso wird eine Menschheit, die mit den Dichtern des Buches Hiob, des Hohenliedes und der Psalmen durch jahrtausendelange Überlieferung verbunden ist,- . a.ah . --"die glutvolle Ekstase des „Tristan“.- sich einfühlen könne. „_ Die ins Tönende gesteigerte. Sprache ist altes Kulturgut des jüdischen Volkes, ist mit den ersten Christen ins Abendland gewandert und als heilige Umrahmung des- Gottesdienstes zur Grundlage aller abendländischen Kiinstiibuiig geworden. Und schließlich Wagners reifstes Werk: die „Meistersinger“! Das bunt fröhliche Treiben der Zünfte wird uns? die wir gezwungen sind, abseits zu stehen, schmerzliche Empfindungen wecken, um so mehr hat uns die Gestalt des Hans Sachs zu geben. Hier ist geschehen, was- Heine in seiner Besprechung des Shylock so schön ausdriiekt: „Das Genie war starker als der Dichter.“ Hier ist Allerletztes gelungen: die zarten Schwebungen zwischen Hans Sachs und Eva, der tragische Verzicht des Alternden auf. irdisches Lebens- und Liebesglück, der die Befreiung findet iü der Kunst. Und das lächelnde Uber-den-Dingen-Stehen, des Weisen, der liinahschaut auf das kleinliche. Getriebe, den „Wahn“ der Welt. Diesem Menschen fühlen wir uns verwandt. Man kann k _. q;i,dk'rj:n Lcbeiisbedingtmgen drückend gestatten, ahec stehende Macht uns verlieh: die F:ihigkeit!bmis''aiisCder'Not des Lebens zuerlösen in eine Welt der'Geistigkeit und Schönheit. Die Option für Deutschland Von Heinrich Kurtzig Durch den Versailler Vertrag mul die Entscheidung des Völkerbundes war dieheutige Wojwodschaft Poznan — d*-T größere Teil der früheren Provinz Posen - in . die Hände der Polen gelangt.- Die Stimmung der Deutschen dort war damals im allgemeinen sehr gedrückt mul fast hoffnungslos zu nennen. Hiervon waren die Posener Juden natürlich in gleicher Weise betroffen; denn diese fühlten sieh seit langem inmitten der polnischen Bevölkerung ganz als Deutsche. Bei der Teilung Polens am Ende des 18. Jahrhunderts befand 'sich die Provinz’ Posen in einem Zustand tiefster Verkommenheit. Die Deutschen brachten Kultur in das polnische Land und die jüdischen Deutschen beteiligten sich in hervorragender Weise an dieser gewiß nicht leichten Kulturarbeit. Dessen zum Beweise mag hierdas folgende aus einer Adresse aus dem Jahre 1899 bekanntgegeben werden, welche die. Bromberger Handelskammer einem jüdischen' Kaufmann zu seinem öUjährigen Geschäftsjubiläum überreichen, ließ.. Es heißt dort: „Während Ihrer nunmehr fünfzigjährigen Wirksamkeit haben. Sie, hochverehrter Herr, als Kaufmann, und und Industrieller in unserer StadTbahnbrechend gewirkt. Die kommenden Generationen werden Sie als einen der ersten Pioniere preisen, welcher, die spätere' größere Entfaltung vorausahnend Jie Dampfkraft für den Dienst der gewerblichen und industriellen Tätigkeit angewandt hat. Sie haben dadurch die Entwicklungunserer Stadt und unserer gesamten H ei mn tprov i n z die Wege gewiesen und zur gegenwärtigen Blüte den Grundstein gelegt.“ Aber solche jüdische Persönlichkeiten waren in der Provinz Posen nicht etwa Ausnahmeerscheinungen. Es gab dort kaum eine Stadt, die nicht jüdische Bürger aufzuweisen hatte,- welche in hervorragender Weise sich an der deutschen Kulturarbeit führend beteiligt hatten. Viele waren .Mitglieder der Magistrate und der Stadtverordnetenversammlungen, manche stellvertretende Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher. Sie waren Mitglieder der Handelskammern und— sogar Abgeordnete im Preußischen Landtag und im Provinziallandtag. Es ist erklärlich, daß so die Berührungspunkte dieser jüdischen Bürger mit ihrer deutschen, christlichen Umgebung zu sehr innigen, oft freundschaftlichen Beziehungen rührten, und daß diese Männer nicht nur in ihrer Tätigkeit, sondern auch im innersten Herzen mit dem Deutschtum sich ganz verbunden fühlten. Als dann ihre-Heimat plötzlich dem deutschen Vaterlande entrissen wurde, als sie polnisches Land . wurde^ trat idie Frage der sogenannten „Option“ an sie heran. Sollte man ein Deutscher bleiben oder ein Pole werden? Für das eine oder andere mußte man sich entscheiden. Es darf konstatiert - werden, daß es da, mit verschwindenden Ausnahmen, bei den Posener Juden kein Schwanken gab. -Sie waren mit dem Deutschtum zu fest verwurzelt, um sich einer fremden Nation anschließen zu können- Mit zwar schmerzlichen Gefühlen ließen sie Haus und Hof zurück*; aber sie zogen in die Jübifdjes Kunftleben in Dresben klang fand das beseelt vorgetragene „Jerusalem“ vonMendels- Von wie hohem praktischen Wert die Zugehörigkeit zum Kulturbundtheater auch außerhalb Berlins und unabhängig von der Bühne ist, zeigte die Tatsache des ersten hiesigen Auftretens von Frilzi Jokl in einem von der Jüd. 'Künstlerhilfe veranstalteten Liederabend.- Die Besucher beider Abende — der erste-war ausverkauft — hatten einen großen Genuß, und die sympathische Künstlerin wurde mit ihrem - ■ n„'„laiw Um, epinpr Vater«! der eigentliche Stimmklang rritzi Jokls als vieimenr inre technisch saubere, geschmackvolle Art des Singens das Bestechende. Als charakteristisch berührte auch das Zurückdrängen rein koloraturhafter Effektnummem angenehm, eine Perle für sich war die Arie der Konstanze aus der Entführung, und ganz entzückende Wirkungen wurden Liedern von Schumann, Mahler, Richard Strauß, die zudem den Vorzug hatten, nicht zu den bekanntesten^ abgewonnen. Immer aufs neue wird _ _u gehören, _ ... t solchen Abenden auch der Beweis geliefert, daß man schon eine Bühnensängerin von besonderen Gesangsquaiitäten sein muß, um auch auf dem Konzertpodium mit einem anspruchsvollen Programm so zu ' bestehen. Einen Querschnitt von der Musik des Barock bis zur heutigen jüdischen Komposition vermittelte ein Tanzabend von Marga Roesberg in Verbindung mit Paul Blumenfeld imd Walter Goldmann, den bekannten Kammermusikspielern. Frau Roesberg, unsere heimische Tanzlehrerin, zeigte ihr in wachsendem Maße bewiesenes Können in einer Tanzsuite alten Stils, in jüdischen Tanzstü»ken von Stutschewskv sowie in russischen und spanischen Tänzen; auch eigene Tanzrhythmen, nur von Schlagzeug begleitet, hatten starke Wirkung. Ihre beiden Musikpartner erfreuten wie immer durch gepflegtes Zusammenspiel. •„ Drb—b. Junge Künstlerinnen in Plauen Der zweite Abend des Kiilturausschusses der Plauener emeinde war einheimischen Künstlern Vorbehalten. Frau 'arie Goldberg — am Flügel mit feinstem Emfuhlungsverogen von Frau Edith .Rassak begleitet - sang mit ihrer :hönen warmen Stimme Lieder von Rubinstein,_ Goldmark, iahler una insbesondere Mendelssohn. Den stärksten An* Eine Überraschung besonderer Art erlebten .wir durch die Vortragskunst von Irma Steinberg, die von der Tanzkunst herkommend — sie war jahrelang Leiterin der Paluccaschule — den wahren Ausdruck ihres Künstlertums in der Vortragskunst gefunden hat. Mimisch und innerlich zugleich brachte sie uns Gedichte, Balladen und Prosa von Goll, Lasker-Schüler, Kästner u. a. Der Abend hat mit seinem starken Anklang in unseren Mitgliederkreisen bewiesen, daß er einem wirklichen Bedürfnis entsprochen hat, und es bleibt zu hoffen, alle diese sympathischen Künstlerinnen bald wieder mit neuen Proben ihrer Kunst zu hören. ~ W.G. Die Judenfrage vor 100 Jahren ■In der Reihe der öffentlichen Montagsvorlesungen der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sprach Dr. hmar Freund über „Die Judenfrage vor 100 Jahren.“ Gegenüber den Ereignissen der Gegenwart besitzen wir noch keine Distanz; eine Orientierung an der Geschichte erscheint daher in jedem Falle lohnend. So führte denn Dr. Freund die Hörer ein in das Ringen um die Emanzipation, wie es die. Juden Preußens vor 100 Jahren zu bestehen hatten. War mit dem Edikt von 1812 ein gewisser Abschluß in der Entwicklung erreicht worden, so setzten nach den Freiheitskriegen, ■ an denen sich zahlreiche, z. T. noch ganz jugendliche jüdische Freiwillige beteiligt' hatten, wiederum stark reaktionäre Tendenzen ein. Die Rechtslage der preußischen Juden war nach den Kriegen uneinheitlich; im Rheinland genossen sie volle Gleichberechtigung, in den ehemals polnischen Provinzen herrschten noch mittelalterliche Rechtszustände, und in den altpreußischen Provinzen galt das Edikt von 1812, das ihnen immerhin noch die volle Gleichberechtigung, namentlich hinsichtlich der Beamtenberufe, vorenthielt. Die fehlende Einheitlichkeit, nun nach der ungünstigen oder nach der emanzipatorischen Seite hin zu schaffen, darum ging Jahrzehnte hindurch der Kampf. 1833 schien er sich in judenfeindlichem Sinne zu entscheiden; in diesem Jahre hörte man von einem Gesetzentwurf der Regierung, der das Staatsbürgerrecht für die Juden — und nicht einmal das volle — von bestimmten Bedingungen abhängig machen wollte, unter denen die Berufsumschichtung die Hauptrolle spielte. Damit drohte den Juden Altpreußens und der Rheinlande eine erhebliche Minderung ihrer durch den Wiener Kongreß — sogar aut— die Zurückziehung des Entwurfs veranlaßte. Doch dauerte es noch bis 1847, ehe die Juden in Preußen endgültig emanzipiert wurden. — Außerordentlich lehrreich ist'die .Rolle,, die in den Kämpfen jener Zeit neben den damals noch sehr im Vordergrund stehenden religiösen Gegensätzen-die Problematik der beruflichen Struktur der Juden spielt. Das Bestreben des Staates geht damals auf Assimilation der Juden; ihr. dienen auch die Bedingungen, an die der Entwurf von 1833'das Staatsbürgerrecht knüpfen wollte.! F„ „Das Individuum im Leben der Familie“ lautete das . ..una der ersten Vorlesung von Dr. W. Nußbaum, dem Leiter der „Arbeitsgemeinschaft für jüdische Erforschung und Erbpflege“ in der Berliner „Freien J üdis c h'e n Volkshochschule“, an dem ca. 70 Hörer teilnahmcn. Dr. Nußbauin sprach über die Zusammenhänge zwischen Familien- und Erbforschung. Recessive und dominante Erbmerkmale werden nur— an Hand einer biologischen Sippschaftstafel erkannt. Pädagogen, Eltern und Eheschließenden sei diese Feststellung um so mehr' von praktischer Bedeutung, als sie individuelle Erziehung, Berufs- und Ehewahl ergänzt. In Verbindung hiermit hat Landgerichtsrat Holländer, der mit dem Redner die Vorlesungen gemeinschaftlich hält, eine eigene Sippschaftstafel geschaffen, mit der er 18 Generationen nachweisen kann. Der Redner sprach sodann über die natürliche Verwurzelung der NacltmenSchaft im Schoße der Familie; Julius Walter. || Mitteilungen des Kulturbundes deutscher Juden f| Erwerbslose und Schwerkriegsbeschädigte ~' Der Kulturbund Deutscher Juden hat zu seinen letzten . Theatervorstellungen JaO jüdische Erwerbslose und Schwerkriegsbeschädigte eingeladen. Er wird auch in Zukunft zu seinen Veranstaltungen im Rahmen des Möglichen Erwerbslose und Schwerkriegsbeschädigte heranziehen. Die Auswahl der betr. Personen erfolgt durch die Abteilung Winterhilfe des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde und durch die Schwerkriegsbeschädigtenstelle des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Zuschriften an den Kulturbund sind daher Betreiben Preußens — garantierten Rechte; es erhob sich überall, bei den Juden1-und besonders' in Süddeutschland auch bei den Nichtjuden, ein Sturm der Entrüstung, der zwecklos.'