Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 15 (20.2.1934)
- Date
- 1934-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mhiner-Siffliffl zu Berlin. Einzelnummer 20 Pfr Nr. 15 gärbeutf^es^^uöcntumjmbreltgiöjer^lujbau Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM.zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements wardaabel allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichten scheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder RQdceratattung der entsprechenden BezugegebOhren. 14. Jahrgang - Herausgeber: Hanns Loewenstei , Schriftleitang: George Goetz ~ * Berlin, 20. Februar 1934 DIe,ljadlsdi-llberaleZeltung‘*erschelntDlenatags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin-'Charlottenburg 4, Mommsen- . str.40. — Fernruf: J B Blelbtreu Sammel-Nr. 1545. - BankverblndungiKredltverelnfür Handel und Gewerbe e.G.m.b.H. Berlin N 24. Postscheckkonto:- Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 22704, Die „Jüdisch-liberale Zeitung” ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, dar zweimal wöchentlich erscheint Panorama der ludetifrage Wien — Warschau — Basel Offener Brief an Dr. Ludwig Davidsohn Von Dr. Kurt Singer, Präsident^des „Kulturbundes deutscher Juden“ Lieber Herr Doktor, als wir zusammen im Krieg waren, da nannte ich Sie gern scherzhaft „das wandernde Literaturlexikon“. Sie kannten nicht nur alle Dichter und alle Dichtungen, sondern sogar noch die Verleger und die Preise der Bücher. Das hat mir immer am meisten imponiert, selbst wenn es nicht stimmte. ' . Nun sind Sie als Kritiker unserer Theater-Aufführungen in einer prominenten jüdischen Zeitung erschienen, und ich beglückwünsche Zeitung wie Theater zu dieser literarischen Akquisition. In ihrer Besprechung vom „Paracelsus“ und „Sonkin“ vom 13. Februar erwähnen Sie, der Sie’ anscheinend ein- Zahlenkanatiker sind, daß Sie „im Nü“,_ das heißt also im Bruchteil einer Sekunde, mehr .. als.. .zwölf moderne: jüdische Dramatiker aufzählen können, die jüdische Themen behandeln, und zwarThemen, die uns heute näher liegen als die Psychologie des „Paracelsus“ und die tragische Heiterkeit des „Sonkin“. Ich hätte Sie nun sofort anrufen können Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für März. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „Jfldisdi-Ilberalen ZeHnng“. und den Beweis erbracht, daß Sie zu dieser Bravourleistung nicht imstande sind. Da ich Sie aber lieb habe und nicht in Verlegenheit bringen will, so schreibe ich Ihnen diesen offenen Brief und bin bereit, Ihnen zu verzeihen, wenn Sie mir auch nur drei jüdische Werke jüdischer Autoren Im Laufe von dreimal 24 Stunden nennen, die alle Möglichkeiten in sich schließen, von uns aufgeführt zu werden. Seit Monaten sitze ich alle paar Abende mit meinem doch durchaus sachverständigen Dramaturgen Bab zusammen, und wir überlegen unser Repertoire für die nächsten Monate. Jetzt ist dazu auch noch der Oberspielleiter Dr. Jeßner getreten, und die Besprechungen werden noch' intensiver. Das Resultat bezüglich der jüdischen Dichter und der Dichtungen mit jüdischer Problemstellung ist kläglich. Nun freue ich mich aufrichtig^ in Ihnen, der Sie ja seit Jahren als Literarhistoriker und als Archivar Bücher lesen, einen Mitarbeiter gefunden zu haben, der im Handumdrehen die Sachlage klärt. . , Ich nehme natürlich an, daß Sie nicht ex abrupto und ohne genaue Kenntnis unserer wirtschaftlichen Lage, unserer künstlerischen. Hilfskräfte, unseres bescheidenen Bühnen-Apparates eine Auswahl von Stücken treffen werden. Wir haben ein-kleines Ensemble von Schauspielern, bei denen die Gemeinschaftsarbeit das. wichtigste, ein starhaftes Heraustreten das überflüssigste, wenn auch zuweilen notwendige ist. Unsere Stücke, seien sie stark jüdisch betont, seien sie nur literarisch oder theatralisch wertvoll und wirksam, werden in jedem Fall von einem Teil unseres Publikums geliebt, Von einem anderen abgelehnt. Manches Stück, das wir bringen Die staatliche Umwälzung, die sich zur Zeit in Österreich vollzieht, geht in gänzlich anderen Formen vor sielt als diejenige in Deutschland. Nichtsdestoweniger, darauf wiesen wir bereits in der vorigen Ausgabe unseres Blattes hin,- ist das den österreichischen Juden drohende Schicksal in vielen Punkten mit alledem, vergleichbar, was wir Juden im Reiche erlebt haben. Zur Zeit, da diese Zeilen in Druck gehen, ist rein formal und verfassungsmäßig die Gleichberechtigung der österreichischen Juden noch unangetastet. Das kann jedoch nicht .hindern, daß durch das Oberhandnehmen antisemitischer Strömungen sich in der Praxis schon jetzt erhebliche Schwierigkeiten für unsere Glaubensbrüder in Österreich ergeben; die an anderer Stelle wiedergegebenen Nachrichten besagen, daß bereits viele Betriebe jüdische Angestellte "entlassen und daß - Neueinstellungen jüdischer Arbeitnehmer zur Zeit so gut wie gar nicht erfolgen. Die Forderungen, die die judenfeindlichen Organisationen stellen, sind denen beider vorjährigen reichsin manchem über das hier Erlebte sogar hinaus. Es ist begreiflich, daß die österreichischen Juden mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln versuchen, dieses Schicksal abzuwenden. Ähnelt aber das, was den Juden Österreichs droht, dem Schicksal der Juden in Deutschland, so ist es begreiflich und selbstverständlich, daß auch ihr Verhalten demjenigen der reichsdeutschen Juden ähnelt und daß sie der Gefahr mit denselben Mitteln und Argumenten zu begegnen suchen, die man auch hier in Deiitscldandals Äußerungen-des jüdischen Abwehrkampfes gegen den Antisemitismus hört. So sehr wir unseren österreichischen Glaubensbrüdem wünschen, dali es ihnen .gelinge, sieh ihre Gleichberechtigung zu erhalten, so bedenklich muß es uns doch stimmen, daß auch in Österreich gew isse jüdische Gruppen gerade jetzt ihre kurzsichtigen l-ateut- Wirklichkeit nur erschwert werden kann. Gerade diejenigen jüdischen Gruppen, die immer von der Einheit des Judentums (im nationalen Sinne) und von der Einheitlichkeit der Judenfrage sprechen, sind heute geneigt, die Judenfrage ausschließlich nach den deutschen und österreichischen Verhältnissen zu beurteilen, anstatt den Blick naclr draußen, und das heißt: auf alle Länder, also auch auf diejenigen zu richten, in der die "Lage der Juden eine gänzlich andere ist. Erst wenn man beides sieht nämlich, die Lage der Juden sowohl in Deutschland und im österreichischen Nachbarstaat als auch in den anderen Ländern, erst dann gelangt mah zu einer'wirklich einheitlichen, weil allumfassenden Schau der Judenfrage und erkennt: die Judenfrage, d. h., das gegenseitige Verhalten wollten, ist uns von der Regierung zur Aufführung nicht oder noch nicht genehmigt. Manches Werk eines jüdischen Dichters konnten wir weder dem Poeten noch dem Verleger bisher abringen, obgleich wir uns mit Engelszungen darum bemühten. Manches Stück trägt die Verpflichtung in sich, einen starken Protagonisten zu finden, wenn es nicht in Wirkungslosigkeit -verpuffen soll. Nehmen Sie hinzu, daß wir mit einem außerordentlich sparsamen bühnentechnischen Apparat zu rechnen haben, in dem Ausstattungsstücke, sowie solche mit komplizierten technischen oder Beleuchtungs-Apparaten nicht aufführbar sind, so haben Sie ungefähr die Anzahl der Zangen, in denen unser dramaturgisches und theatralisches Gewissen augenblicklich eingeklemmt ist. Sie können sich denken, lieber Herr Doktor,-wie sehr mich nun Ihre Erklärung, uns zu helfen und zu raten, gefreut hat. Ich will es Ihnen nicht leicht machen — das haben Sie nicht nötig; sonst könnte zwischen den Juden und den Völkern, unter denen sic leben, ist in der Tat einheitlich, doch hat diese Einheitlichkeit gänzlich anderen Charakter, als gewöhnlich angenommen wird. _ . Bekanntlich meinen viele Juden, wenn wir uns nur vorr dem „assimilatorischen Tamungsverscuch“ oder von der „assimilatorischen Selbsttäuschung“ freimachen und uns nicht mehr als Deutsche betrachten, sondern uns freimütig als „Juden“ (im nationälvölkischen Sinne dieses Wortes), deklarieren wollten, dann wäre aller Antisemitismus zu Ende. Das geht so weit, daß man sogar in Deutschland die Frage einer nationalen Minderheits-Autonomie aufgeworfen hat, die allerdings hier im Reich nicht nur von allen deutschjüdischen Gruppen, sondern sogar auch innerhalb des Zionismus voii seinen leitenden Stellen 'verworfen wird.* Ganz' anders in Österreich. Unter dem Eindruck der jetzigen Oeschchnisse erwägt die bekanntlich zionistische Leitung der Wiener Judengemeinde ernstlich,, ob sie für die Juden in Österreich Minderheitenrechtc fordern soll, und die von R-obert Stricker geführte „Jüdische Volksparlei für Österreich“ veröffentlicht sogar einen Aufruf, in dem es heißt: „Wir haben der österreichischen Judenschaft auch, immer und immer wieder vorgehalten, daß sie der öster- -reichischen und jüdischen Sache nur dann wertvolle Dienste leisten kann, wenn sie sich vom Oetriebe fremder Parteien fernhält und sich unter eigener Flagge, unter der Flagge des jüdischen Volkstums, sammelt. . . . Haltet Euch fern Von dem Getriebe fremder Parteien und Gruppen. Nur eine unter dem Zeichen des jüdischen Volkes gesammelte, ■ von fremden Einflüssen freie jüdische Bürgerschaft kann gedeihliche Arbeit leisten: Fiir Österreich und für das Judentum!“ Mit unübersehbarer Deutlichkeit läßt dieser Aufruf erkennen,, wie sehr die antisemitische und die zionistische Ideologie, sie mögen inhaltlich noch so verschieden sein, im Ergebnis, iiliereiustimnieiL; denn kein Jude, der sich als gleichberechtigter Bürger seines Landes fühlt, vermag die pofitischen Parteien als ihn nichts angehende, fremde Gebilde zu betrachten; religiös ist er Jude, aber ftolitisch Steht es ihm frei,; sich so zij. orientieren, wie jeder christliche Bürger seines Landes es auch darf. Die Juden Englands fühlen sich als Engländer, die.Juden Frankreichs aLs Franzosen, und daran,, daß auch wir uns als jüdische Deutsche fühlen, kann keine Rcchtssatzung etwas ändern. Für die echten alteingesessenen 'österreichischen Juden gilt das Gleiche; von den eingewanderten Juden in allen Ländern mag'in einem anderen Zu- 'sammeiihäng die Rede sein. Aber alle diejenigen unter uns, die in der vielgeschmähten Assimilation das Positive sehen, nämlich die Verwirklichung des Emanzipalionsgedankens, haben seit jeher davor gewarnt, die Geltendmachung von ich. Ihnen „im Nu“ zehn Stücke von jüdischen Autoren mit jüdischen Problemen nennen, die ich aus oben genannten Gründen nicht aufführen darf und kann. Sie sollen die ganze Härte des dramaturgischen Berufs in einem jüdischen Kultur-Theater kennenlernen, indem Sie nun an Ihre 5000 Bücher starke Bibliothek herangehen und uns drei Stücke nennen, die in unseren Gesamtplan hineinpassen. — - Ich bitte, diesen Brief, der von grundsätzlicher Bedeutung ist, als einen offenen Brief aufzufassen und mir in aller Öeffentlichkeit Rede und Antwort zu stehen. . * Ich bleibe mit den besten Empfehlungen Ihr Ihnen ergebener Dr. Kurt Singer. Wir haben diesen Brief unserem Mitarbeiter Dr. Ludwig Davidsohn übergeben, der im Laufe der nächsten Woche gern seine Erwiderung hier veröffentlichen wird. Schrlftleltung.