Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-02-16 · 14 (16.2.1934) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
14 (16.2.1934)
Date
1934-02-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2613366-2613519-2613531--4737-2616465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Einzelnummer 20 Pf. BÄer-Seminar zu Berlin Nr. 14 ' 14. Jahrgang -— -1-—-1—-—-—- Bezugspreis: Monatifdi 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel NichterschelnM Infolge Streiks oder höherer Gewalt Kein Anspruch auf Nachlieferung oder RQdcsretattung dem entsprechenden BezugsgebOhren. SchrifUeitung: George Goelz Berlin, 16. Februar 1934 .Die,,JOdlsch-llberaleZeltung“ erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H.. Berlin N 24. . Postscheckkonto: JQdlsch-liberale Zeitung. Berlin 22764. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Optimismus der Arbeit Erste Beiratstagung der „Reichsvertretung der deutschen Juden” Mit einer gewissen Spannung hat die jüdische Öffentlichkeit der auf Sonntag, 11. Februar, einberufenen Tagung d.es Beirats der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ entgegengesehen. Wenn heute der Berichterstatter festzustellen hat, daß die an diese Tagung geknüpften-Erwartungen nicht unbedingt berechtigt waren, so liegt darin, dies muß ganz deutlich gesagt werden, zunächst keine Kritik. Da in dieser Welt nichts vollkommen ist, so wird zwar auch an diesem Beirat Kritik zu üben sein, sowohl zur stimmende als auch einwendende; vor jeder kritischen Äußerung aber bedarf es des nachdrücklichen Hinweises daß die Öffentlichkeit sich über die Aufgabe dieses Beirats bisher nicht klar gewesen zu sein scheint, 'ln der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ sollen heute alle Fäden jüdischer . Gemeinschaftsarbeit zusammenlaufen; alle großen Erwartungen, die man an die Tätigkeit der Reichsvertretung selber, ihrer Leitung und ihres Präsidiums knüpft, sind also in höchstem Maße berechtigt. Der Beirat aber ist weder eine beschlußfassende noch eine ausführende Körperschaft, und so darf von ihm auch nicht erwartet werden, was er seinem Wesen nach weder leisten kann noch darf. Der weitere Bericht wird sicherlich dem Leser, den Zweck dieses Beirats deutlich machen, wodurch auch die zahlreichen in der letzten Zeit an uns gerichteten Anfragen, was dieser Beirat eigentlich sei, ihre Beantwortung finden. Diese Antwort wurde im Grunde genommen bereits mit dem ersten Satz gegeben, den der Präsident' der Reichsvertretung, Herr Rabbiner Dr. Leo Baeck, Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für März. - Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. sprach, als er die Beiratstagung als eine „Stunde der Aussprache“ eröffnete. Und wer da meinen sollte, eine bloße Aussprache über alle schwebenden Fragen sei in der heutigen Zeit zu wenig, heute käme es aufs Handeln an, dem muß wiederum erwidert werden, daß alle Initiative und Aktivität bei der Reichsvertretung und ihrer Leitung liegt, daß aber andererseits die „Aussprache“ im Beirat ganz unentbehrlich ist, weit die leitenden Männer ihre verantwortungsvolle und schwere Arbeit nur dann mit Nutzen für die Gesamtheit der deutschen Juden 'vollbringen können, wenn sie in dauernder Verbindung mit 'den Trägern des jüdischen Lebens in Deutschland stehen. Keiner also hat ein Recht, enttäuscht zu sein, daß diese Beiratstagung den Charakter völliger Unverbindlichkeit trägt; vielmehr muß jeder sich klar sein, daß diese Unverbindlichkeit nichts von der Unentbehrlichkeit und Nützlichkeit fortnimmt. Die jetzige „Reichsvertretung der deutschen Juden“ ist, daran wurde auch im Laufe der Referate erinnert, nach Überwindung von allerlei. Zwischenstadien, aus der früheren „Reichsarbeitsgemeinschaft der jüdischen Landesverbände in Deutschland“ hervorgegangen und in ihrer heutigen Form erst im September 1933 gegründet worden. Präsidium und Leitung haben seither bedeutsame Aufbauarbeit für die Gesamtheit der deutschen | Juden geleistet. Wenn nun m der ersten Sitzung des Beirates einer größeren jüdischen Öffentlichkeit Bericht erstattet wurde, um überall das Gefühl der Verbundenheit zwischen der Reichsvertretung und jedem einzelnen deutschen Juden hervorzurufen, so lag es in der Natur der Sache,, daß der Präsident die Pflicht hatte, durch Klarlegung der geschichtlichen Situation, in der wir uns befinden, in jedem Einzelnen Verantwortungsgefühl, Wille zur Mitarbeit und Opferbereitschaft zu wecken. Dieser Aufgabe hat sich Rabbiner Dr. Baeck in meisterhaften und eindrucksvollen Worten unterzogen. Er verglich die heutige Stellung der Juden in Deutschland mit derjenigen, die das deutsche Volk nach dem verlorenen Kriege 1918 unter den Völkern einnahm, und sagte, daß in' einer Lage, da unsere Gemeinschaft fast nur noch Objekt der Politik ist, wie das Beispiel in Deutschland zeigt, Pessimismus nicht angebracht ist, freilich auch nicht der Optimismus der bloßen Worte und Redensarten, vielmehr gebe es nur einen Optimismus, der berechtigt ist: den Optimismus der Arbeit. Solcher Aufbauarbeit allein gilt die Tätigkeit, der Reichsvertretunjf, der jede Gemeinde und jeder.Jude sich zur Erleichterung der Einwanderung aus Deutschland nach Amerika Die von der amerikanischen Regierung vor kurzem angekündigte Milderung bei der Handhabung der Einwanderungsbestimmungen in Fällen, wo es sich um Einwanderer aus Deutschland handelt, wurde neuerlich in einer Erklärung hervorgehoben, die der Leiter des Rechtsbüros im Staatsamt für Einwanderung und Arbeit. CAarfes Wyzonski auf der-soeben in New York abgehaltenen Konferenz der Hebrew Immigrant Aid Society (MAS) abgegeben hat. Der Vertreter des Staatsamtes erklärte, daß Masseneimvanderung in die Vereinigten Staaten mit Rücksicht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse zwar nicht möglich sei, daß aber die Einwanderungs-- gesetze in humanerer Weise als bisher gehandhabt werden sollen. Was die Neueinwanderer betreffe, so sei es zweckmäßig, in höherem Maße ihre Niederlassung im Innern des Landes als in großen Städten zu ermutigen. Senator William King, der ebenfalls auf der Konferenz eine Ansprache hielt, forderte, daß sich die Regierung der Vereinigten Staalen notleidender Juden in Mittel- und Osteuropa annehme und sich an der Hilfsaktion zugunsten dieser jüdischen Bevölkerungsschichten beteilige. Ausgefallene Arbeitszeit an jüdischen Feiertagen muß entlohnt werden Die „Deutsche Handelswacht“, Hamburg, vom 25. 1. berichtet über ein Urteil des Berliner Arbeitsgerichts, das sich mit der Frage der Bezahlung der an den vergangenen hohen jüdischen Feiertagen ausgefallenen Arbeitszeit beschäftigt. Das Gericht hat folgendermaßen entschieden: „Im Gesetz findet sich keine Bestimmung, wonach die bei einem jüdischen Arbeitgeber tätigen Arbeitnehmer verpflichtet sind, an jüdischen Feiertagen die Arbeit ohne Bezahlung ruhen zu lassen. Die beklagte Firma übersieht auch, daß sich die politischen Verhältnisse gegenüber dem Vorjahr grundlegend geändert haben. Das Rechtsempfinden, des Volkes würde verletzt werden, wenn das Gericht dem Ansinnen, an jüdischen Feiertagen die Arbeit ohne Bezahlung auszusetzen, deshalb entsprechen würde," weil dies in früheren Jahren unter anderen Verhältnissen zwischen der Beklagten und ihrer Belegschaft vereinbart worden ist„. Die Beklagte wat verpflichtet, entweder an den' jüdischen Feiertagen arbeiten zu lassen, oder, wenn sie das nicht wollte, ihreit Betrieb ruhen zu lassen, aber ihre. Arbeitnehmer voll zu. entlohnen. Da sie die ihr angebotenen Dienste nicht angenommen hat, ist sic gemäß § 615 des Bürgerlichen Gesetzouches in Annahmeverzug .gekommen, und der Kläger war berechtigt, den Lohn für die hier in Betracht kommenden drei Tage zu verlangen. Danzig erhält eine jüdische Schule Um der jüdischen Bevölkerung in Danzig die Möglichkeit einer eigenen Entwicklung in der Erziehung ihrer Jugend zu geben, hat der Senat sich entschlossen, zum nächsten Ein-. Schulungstermin am 1. April 1934 eine jüdische Schule einzurichten. Diese Neuregelung ist unter Mitwirkung der Syn-- agogen-Gemeinde geschaffen worden. ... den Richterstuhl der Geschichte gefordert._sind. Das- Schicksal der deutschen Juden könne: entscheidend werden für das Schicksal der Juden in allen Ländern, vielleicht sogar =- Palästina. Und nur eines könne uns aufrecht erhalten: ..-jin wir in aller Aufbauarbeit einig sind und zusammen- ' Nachdem der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde;. Direktor Heinrich Stahl, seiner freudigen Genugtuung darüber Ausdruck gegeben hatte, den Beirat im Amtsbereich der Berliner Jüdischen Gemeinde begrüßen zu dürfen, erstattete das geschäftsführende Präsidiumsmitglied, Ministerialrat a. D. Dr. Otto Hirsch, in einstünaiger Rede den Tätigkeitsbericht. Die Aufgabe des Beirats in seiner ersten Sitzung sei eine dreifache: Durch eingehende Aussprache soll eine Nachprüfung erfolgen, ob die Leitung auf dem richtigen Wege ist; es soll die Verbindung zwischen-der Leitung und der gesamten deutschen Judenheit hergestellt werden, und es soll ein kleines Finanzgremium eingesetzt werden, das die Verwendung der Mittel überprüft. —Die Vorbedingung für jede Arbeit, ja sogar für die Gründung„uncLEjdsten*.der Reichsvertretung,.das heißt also für die einheitliche Zusammenfassung der deutschen Juden war die Feststellung, welches die Kräfte sind, die das jüdische Leben in Deutschland tragen. Et sind die Gemeinden, die Oemeindeverbände und. die. großen Jüdischen Organisationen. Sobald diese Zusammenfassung, gelungen war, ist die Reichsvertretung mit einem. Aufruf an die jüdische Öffentlichkeit hervorgetreten. Ihre Schritte und Handlungenin der Folgezeit waren sowohl nach außen wie nach innen gerichtet. Die prägnantesten Beispiele für jede dieser beiden Arten der Tätigkeit waren einmal der bekannte Aufruf zur Volksabstimmung am 12. November v. J., mit dem die deutschen Juden sich rückhaltslos für die auswärtige Politik'der. Reichsrcgicrung und für die Gleichberechtigung des deutschen Volkes aussprachen, während nach innen, als Beitrag für den geistigen Neuaufbau der deutschen Juden die vielerörterten Volksschulrichtllnien am bekanntesten geworden sind. Der Redner erwähnte sodann alle Schritte, die auf wirtschaftlichem Gebiete in engster Zusammenarbeit mit dem „Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau“ erfolgt sind, und knüpfte an diesen wirtschaftlichen Teil seiner Ausführungen eine Mahnung, daß jeder Jude in. Deutschland ausharren soll, solange er hier noch die geringste Lebensmöglichkeit für sich findet. Es gelte, sowohl die Alteren, die züm Berufswechsel gezwungen sind, umzuschichten, als auchdie Jugend auszubildcn, und beides muß planvoll geleistet werden. Bei de.r geistigen Erziehung der Jugend spiele auch die Lehrerbildung eine entscheidende Rolle. Wichtig sei auch, daß im Leben der Gemeinden jede Zerklüftung- und vor allem auch Wahlkämpfe vermieden werden. Wenn die deutschen Juden die Zeit recht verstehen, so werden sie trotz aller Schwere nicht klagen, sondern dem Schicksal danken, daß es uns eine Stunde schuf, die den von vielen seit langem als notwendig empfundenen Neubau unseres Hauses möglich macht. " Vom „Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe. und Aufbau“ spracli sodann dessen.Leiter, Direktor Borchardt. Bedeutsam in seiner Rede waren seine Ausführungen über die Auslandsliilfe. Wie1 es bei allen Glaubensgemeinschaften selbstverständlich ist, suchen die Juden des Auslands uns wirtschaftlich zu helfen. Während aber am Anfang die Auffassung bestanden hatte, oberstes Gebot sei es, den deutschen Juden in Deutschland zu helfen, sei heute mit Bedauern eine andere Richtung festzustellcti. Mit Entschiedenheit verwahrte sich der Redner gegen die Meinung, produktiv sei nur diejenige Hilfe, die den deutschen Juden die Ansicdlung im .Auslande ermögliche; . in Wahrheit könne die Lösung der deutschen Judenfrage nur in -Deutschland erfolgen. Dr. JFriedrlch Brodniiz berichtete namens des „Rcichsausschusses der jüdischen Jugendverbände“ und wies darauf hin, daß die seitens der Erwachsenengeneration jetzt in der Reichsvertretung vollzogene Zusammenfassung aller jüdischen Richtungen von der Jugend bereits vor acht Jahren bei der Gründung des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände zuwege gebracht worden ist. An die vier Referate knüpfte sich eine mehrstündige Diskussion, von der man gewünscht haben würde, daß sie die vielen in den Referaten erwähnten Einzelgebiete gesondert und dementsprechend gründlich behandelt hätte. Da aber die Konferenz nur einen einzigen Tag dauern sollte, so war eine derartige Aufteilung der Diskussion nach Themen wohl nicht möglich. Nichtsdestoweniger ergaben sich auch In einzelnen Punkten wichtige Anregungen für die weitere Arbeit der Reichsvertretung. Vor allem aber zeigte sich der Wille zum Zusammenhalt und zur Zusammenarbeit, der nicht nur in den Reden züm Ausdruck kam, sondern auch in einer von Rabbiner Dr. Hahn (Essen) eingebrachten Resolution seinen konkreten Niederschlag fand. Es wurde eine Art Burgfrieden zwischen den einzelnen jüdischen Richtungen beschlossen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.