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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-02-06 · 11 (6.2.1934) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
11 (6.2.1934)
Date
1934-02-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Zwischen Vergangenheit und Zukunft . Von Hans Samter Die Statistik, oft als größte Lügnerin unserer Zeit beschimpft, hat mitunter überraschende Wirkung. Man kann es kaum klarer sehen als an der Haltung der in Deutschland bleibenden Juden:, die Gruppe derer, die. auch in schwersten Tagen unerschüttert sich-hielten, die selbst unter unerwartetsten Eindrücken keinen Augenblick sich beirren ließen, diese wie unter allen Menschen so auch unter den Juden zahlenmäßignur geringe Gruppe steht natürlich für sich. Bei allen andern aber, auch soweit sie in normaler Zeit bewußt ihre deutschjüdischen Pflichten erfüllten, hat es doch bis vor kurzem Zeiten gegeben, da das Gefühl in ihnen die Oberhand gewinnen wollte, auf verlorenem Posten zu stehen, den sie in hoffnungsloser Lage verteidigten. Das ist plötzlich wieder ganz anders geworden, und eine ganz kleine ■statistische Notiz, die in den letzten Wochen durch die Presse ging, hat diesen Umschwung bewirkt: „Von den einhundertzweiundsiebzfgtausend Juden, die in Groß-Berlin zu Beginn des Jahres 1933 wohnten, sind bisher zwölftausend weggezogen, so daß noch einhundertsechzigtausend hier wohnen.“ Sicher ist die Berechnung in dieser Form nicht ganz richtig; wir haben gerade jetzt unter den. Juden Deutschlands eine große Binnenwanderung'und zahlreiche jüdische Familien aus kleineren Gemeinden sind nach Berlin gezogen. Aber um so besser: die Zahl der in Berlin lebenden Juden liegt also, sogar wenn der Ausgewanderten inzwischen einige mehr geworden sein sollten, .über einhundertsechzigtausend .—: das ist eine nüchterne Feststellung. Und wo sie gelesen wurde, erweckte sie Aufsehen, mehr als das, Mut und Hoffnung. Denn da man immer wieder gehört hatte, der und jener sei ausgewandert, Verwandte, Freunde, Bekannte hätten von irgendwo in der Welt geschrieben, Mediziner, Juristen draußen eine bescheidene Zuflucht gefunden, konnte bei vielen wirklich das Gefühl aufkommen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch sie diesen Weg gehen müßten. Die eine Notiz hat ihnen die Augen geöffnet und die auch an sich genügend ernsthaften Dinge auf das richtige Maß der Betrachtung zurückgeführt. Denn wenn auch leider in der Tat bestimmte Berufekategorien besonders schwer getroffen würden, so brauchte von allen andern Berufskreisen zum Glück in vielen Fällen nicht gesprochen! zu werden; es zeigte sich, daß auch in diesen Zeiten des Fließeris und der Bewegung die jüdischen Handwerker bodenständig blieben. Und wer da meint, ihre Zahl sei nicht von Belang, der kann aus einem wunderschönen Buch erfahren, daß es bereits im Jahre 1925 in Berlin 6165 jüdische Handwerksmeister mit 4900 Gesellen gab, so daß schätzungsweise 30 000 Berliner Juden vom Handwerk lebten —, das ist mehr als ein Sechstel, und einen so großen Anteil hätte wohl keiner vermutet, da es doch immer heißt, wir Juden scheuten körperliche Arbeit. Der verständliche, aber gefährliche Glaube an die Hoffnungslosigkeit der Position, von gewissen jüdischen Gruppen oft hoch aus tendenziösen Gründen geschürt, hat einen schweren Schlag bekommen, eben durch jene kleine Notiz. Denn jetzt sahen viele, mußten es sehen; daß es so schlimm, wie sie es sich ausgemalt hatten, noch gar nicht war, daß wohl ihre Lage schwer genug war, daß aber immerhin noch einhundertsechzigtausend Menschen in gleicher Lage in Berlin aushielten.. Es ist zuzugeben, daß in kleineren Städten und auf dem Lande die Zahlen anders aussehen werden, aber auch dort wird das Ergebnis nicht so sein, wie es sich mancher vorstellt, der immer nur an die dreißigtausend nach Frankreich Ausgewanderten denkt und dabei vergißt, daß diese — so-; weit es Juden sind — eben nur einem mehr oder minder fast abgegrenzten Berufskreis angehören. Der Erfolg jener statistischen Notiz, die Wiederherstellung der Vernunft war dringend notwendig, um den deutschen Juden die seelische Grundlage ihrer Existenz wiederzugeben. Zu sehr hatten sich die meisten, durch die Geschehnisse des Jahres 1933 hart aus der vermeintlichen Sicherheit ihres Lebens herausgerissen, daran gewöhnt, Vergangenheit oder vermeintliche Zukunft zur Norm ihres Seins zu machen, die Gegenwart aber, in der sie lebten, leben und leben werden, als unerheblich abzutun. Die einen meinten, sich in einen Traumzustand einkapseln zu können und, solange sie es wirtschaftlich einigermaßen ertrugen, so zu tun, als ob für. sie nichts geschehen sei; wenn das Schicksal sie selbst meinte, würde es schon noch näher herantreten. Und was kam es denn, so meinten sie, schon auf die paar Hiergebliebenen an? Die anderen aber sähen bereits alle deutschen Juden zu Siedlern und Handwerkern gemacht — irgendwo; das konnte ja nicht weiter schwierig sein bei der kleinen Zahl, um die es sich angeblich handelte. Und diese wie jene spannen sich in ihr Ideennetz ein, für die Forderungen der Umwelt waren sie nicht mehr da. Und doch braucht die Gegenwart, unerbittlich, einen jeden von uns. Heute nützt es nicht viel, zu meditieren,“ was uns geschehen ist, die Vergangenheit heraufzubeschwören, hoffend, auch sie könne wieder Zukunft werden, heute - ist auch nicht alles mit Organisation getan. Organisation arbeitet für die Zukunft, aber das Zuviel an Organisation, dem wir heute'zusteüern, verschlingt mehr an lebendigen Kräften, als wir in der Gegenwart entbehren können. Es gibt jetzt nur eins: sich und seine Existenz unter Aufbietung aller Kraft — und allerdings auch aller'Einschränkung — zu halten und andere Existenzen zu stützen und aufzubauen. Und außerdem für die Gesamtheit der deutschen Juden neue Normen und Lebensregeln zu schaffen, nach denen auch jeder Schwache und Schwankende sein Dasein einrichten kann. Viele haben die Forderungen schon begriffen, die man an sie stellen muß, nicht alle. - Denn daß wir ausschließlich in der Gegenwart leben und daß wir dies klar erkennen, schafft uns keine Rechte, sondern nur Pflichten. Und so wichtig es für uns sein wird, welche politischen Rechte uns! die Verfassung des neuen Reiches gibt, so bleiben doch ’die Pflichten, die wir auf uns nehmen müssen, zehnmal wichtiger. Es ist unmöglich, sie alle auf-, zuzeigen, man kann sie nur umschreiben. Aber während unsere materiellen Pflichten durch die Tatsache allein bestimmt werden, daß es deutsche und jüdische Gegenwart ist, in die wir gestellt sind, weist unsere geistige Verpflichtung uns eindeutig darauf hin, daß unsere Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt. Das uns vor Augen zu halten, ist uns aufgegeben, jeder muß für sich die Folgerungen hieraus ziehen. Hier liegt der Weg zur Erneuerung unseres jüdischen Lebens: aus dem Wissen um Tradition und Vergangenheit und um^ die aus ihnen sich ableitenden Grundlagen unseres ORienT -KunsTi KUHFÖBSTENDAHM 215 . renröcke — Porzellan — Matten — Oeschenkartikel ‘ CHINA JAPAN lnyentnrverkauf ganz besonders billige Angebote! 51. «losufs-Hallunstult ' BerliB-Weisseasee,Garteastrasse1-5 Femspr.: E6 Weißensee 2271. Für Neurosen, Psychopathien und Psychosen, für. Erholungsbedürftige u. Rekonvaleszenten. M od.Therapie. 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Sonntag 4,30: Tanz-Tee Vorverkauf täglich, 11-1 Uhr an der Kasse und Abendkasse (J1 Bismarck 6979) Studio uTZ« “jlfr.'u n< Konditor«! Reataurant PhiUpp Hefter Wttenbes^plalz 3 Daseins, sowie aus dein Wollen einer heute nur erst zu ahnenden, doch immer deutlicher in ihren Umrissen erkennbar werdenden Zukunft muß die Gestaltung der Gegenwart sich ergeben. Das tiefe Wort von den „Juden, die Grenzdeutsche sind“, kann uns. ein Leitstern sein; es wird auch denen Trost und Ruhe geben, denen der Gedanke unerträglich ist, daß zum zweiten Mal inder Entwicklung der deutschen judenheit uns' die Rolle eines „Ferments“ züfallen könnte. Sollte es so kommen, so wollen wir dies Los mit Verantwortung auf uiis nehmen, so wie unzählige wirkliche Grenzdeutsche diese Rolle, dfe auch , die ihre ist, bis auf diesen Tag übernommen haben. Jüdische Vergangenheit, die zu oft nur noch leere” Hülle war, wieder mit Leben zu'erfüllen, jüdische Zukunft zu wollen und bewußt zu lenken •—: das heißt jüdische Gegenwart leben. Das ist nicht leicht, aber wann war jemals Kampf ohne Mühsal? Und Kampf allerdings steht uns bevor, Kampf nicht gegen Men- * sehen, oder Mächte draußen, sondern in und uinuns selbst. Auch der Kampf der Makkabäer galt nicht so sehr der Abwehr des Königs Antiochns, als vielmehr der Wiedererrichtung des Eigenen—und der Wiederherstellung des äußeren Seins mußte wohl die im Innern-vorangeheu. - Wahrer Kampf ist immer: ums eigene Ich. Das ist auch der ewige und Immer wieder erneute Kampf des Judentums. Ihn durchzufechten, ist unsere Gegenwart und unser Schicksal. Gottesdienste Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162 Freilag. 9-2., 7.75 Uhr: I3r. Säuger. — Sonnabend,' 10. 2., 70 Uhr: Dr. Sänger. ■ Schönhauser Allee -3 Jeden üi ens tag 7 Uh r: Treffpunkt für Mitglied, Freunde und Interessenten. (Zwangloses Beisammensein, A. sprachen,- Auskünfte, Arbeitsgemeinschaften, Musik u. ähr. Liberale Synagoge Osten, Aula Kalserstr. 30 Freilag, 9: 2., 7.30 Uhr: Ur. Heymann. ■ ~~ . Liberale Synagoge Nordost, Qrellstr. 54, b. Rosenthal Freilag, 9. 2., 7.15 Uhr: Zimet. Liberale' Synagoge Westend, Aula des Jüdischen - Schulvereins Kaiserdamm 78 Freitag, 9. 2., 7.15 Uhr: Dr. Hirschberg. ‘ Liberale Synagoge Reinickendorf, Seestr, 44, E. MDllerstr Kaffee Steinacker Liberaler Gottesdienst SchmargendorF AItershelm Berkaer Straße 32 Freitag, 9. 2., 7. Uhr: Dr. Blumenthal. — Sonnabend, IO. 2., 10 Uhr: Neumondweihe. , Jüdische Religfonsgenieinde Charlottenburg,' Schufstraße 7 Freitag, 9. 2., 4.45 Uhr. — Sonnabend, 10.2., 9.3(TÜhf '. Jüdische Reformgemelnde Logenhaus, Joachfnuthafer 9tr. 13 Freitage 9. 2., 6.30 Uhr: Rabbiner Dr. Rosenthal. — Jüdische Reformgemeinde Johannisstraße 16 Sonntag, 11. 2., 10.30 Uhr: Rabbiner Dr. Rosenthal. . 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