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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-02-06 · 11 (6.2.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
11 (6.2.1934)
Date
1934-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Balte-Seminar zu Berlin. Einzelnummer 20 Pf. Nr. 11 - . 14. Jahrgang "f': Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt beisteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Dle„JOdlsch-llberaleZeltuhg''erscheint Dlenstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommssnstr.40. — Fernruf: J6 Blelbtreu Sammsl-Nr. 1545. - Bankverbindung: KredltverelnrfOr Handel und Gewerbe e.G.m.b.H.. Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 22764. Schriftleituiig: George Goetz Berlin, 6. Februar 1934 Die Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-iüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Zweiseelentlieorie Bemerkungen zu den neuen „Richtlinien der Reichvertretung der deutschen Juden für die Gestaltung des Lährplans in den jüdischen Volksschulen Deutschlands“ Von Stadtrabbiner Dr. Paul Rieger, Stuttgart Die „Reichsvertretung der deutschen Juden“ veröffentlicht Richtlinien ihres Erziehungsausschusses für die neu zu begründenden jüdischen Volksschulen. Diese Richtlinien fordern. ernsten Einspruch heraus. Sie bewegen sich in Redewendungen,^ die gerade bei Richtlinien für die Erziehung der jüdischen Jugend in Deutschland peinlich empfunden werden. Ich gestehe ehrlich als alter jüdischer - Lehrer, der sich auch auf religionswissenschaftlichem Gebiete bescheiden betätigt hat, einfach nicht zu verstehen, was das für ein „doppeltes Ureriebnis“ ist, „das jedes, in Deutschland lebende jüdische Kind in sich trägt“ und durch das die jüdische Schule ihre „besondere Prägung“ erfahren soll: Allerdings wird der Schleier von diesem mystischen Ureriebnis gelüftet, wenn e_s dann unter Heimatkunde— sage und schreibe Heimatkunde! — heißt/ daß „neben dem deutschen' Erlebnis auch das jüdische Heimaterlebnis in den heimatkundlichen Gesamtanschauungsunterricht einbezogen werden muß“. Hier wird wenigstens reiner Wein eingeschenkt. Die alte, aber deshalb nicht weniger schöne Lehre von den zwei Vaterländern wird in das Programm der Reichsvertretung aufgenommen. Für den nationalen Juden gibtes allerdings keine zwei Vaterländertheorie — er hat sich einseitig für die eine Fassung entschieden. Daß aber den „anderen“, und zwar ihren Kindern, diese Zweiseelentheorie zugemutet und als Erziehungsform im Namen, des deutschen Judentums gekündet wird,, .dagegen muß mit aller Offenheit Einspruch erhoben werden. Noch steht die Mehrzahl der deutschen Juden nicht auf diesem' schwankenden Doppelboden, diesem Pendelstandpunkt, der am besten durch die. Elia-Frage charakterisiert wird: „Wie lange wollt ihr noch zwischen Gott und .-Baal hin und hertänzeln (1. Könige 18,21)?'-' Noch fühlt Sich die Mehrzahl der deutschen Juden mit ihrem Heimatland trotz aller bitteren Erfahrungen so unauflösbar verwachsen, daß sie dieses Doppelerlebnis aus tiefstem Empfinden ablehnt. Noch empfindet die Mehrzahl der deutschen Juden, daß ihre. Heimat unbedingt Deutschland ist. Religiös und welt- anschaulich wurzeln sie im Judentum, das sie bekenntnisgemäß vertreten. Mit dem Erlebnis der deutschen Landschaft, der deutschen Sprache, des deutschen Liedes, der deutschen Kunst' und Kultur hat aber, dies Bekenntnis nichts zu tun. Und in das Gebiet der Heimatkunde gehört die Religion schon gar nicht, wenn auch die „Reichsvertretung der deutschen Juden“ das in ihren Richtlinien dekretiert.. Die Behandlung der jüdischen Dinge erfährt in dem Lehrplan eine erfreuliche und berechtigte Pflege. Dagegen fehlt im Deutschunterricht eine Darstellung des Anteils der deutschen Juden an der deutschen . Kultur und an dem deutschen Schrifttum. Wenn aber in den Richtlinien im' Deutschunterricht empfohlen wird, T,wertvolle Uebersetzungen aus dem Schrifttum der biblischen und nachbiblischen Zeit“ zu behandeln, so scheint auch, hier eine Vermengung des deutschen - und religiösen Stoffes vorzuliegen. < Sollen die jüdischen Kinder für . Deutschland erzogen werden, und das gilt zwangsläufig für ihre Mehrzahl, dann hat auch das deutsche Element ein ' "'tinverkümmertes Lebensrecht in der jüdischen Schule. 'Jede Zweiseelentheorie bedingt eine Zwitterstellung, ■ ' eine Zwiespältigkeit und damit die Unterwühlung . der gesunden Erziehung. Man treibe keine - Spiegel-- ■’ fechterei! Entweder — oder! Das Jüdische bleibe auf'die; Welt der Religion beschränkt! Das Heimaterlebnis bleibt aber auch für die jüdischevSchule der ” Zukupft: Deutschland. .' Selbstbehauptung des Judentums Das Ergebnis sei vorweg festgestellt: wir glauben an die Selbstbehauptung des Judentums und des deutschen Judentums zumal. Mag die Statistik des jüdischen Bevölkerungspolitikers jüngst das. Gespenst unseres Untergangs Uns und der Umwelt kraß hingemalt haben, — wir fürchten, uns nicht vor Gespenstern. Denn auch der Glaube, die unbedingte wissenschaftliche Zuverlässigkeit der Staik ist ein Aberglaube, und der Aberglaube auch in dieser modernen Form ist für den religiösen Juden untragbar und unvereinbar tnit dem die Geschicke der Menschheit leitenden „en Gott. Statistik ist gottlos, und darum auch pessimistisch. Wir hören ganz selten von dieser Zahlensymbolik des modernen Menschen, ohne zugleich ein schwarzseherisches Bild von der Zukunft zu erhalten. Schon wo sie Vergangenes registriert, ist sie lückenhaft. Wenn sie aber, wie immer, Folgerungen für das Kommende zieht, wird sie Wahrsagerei, die ja auch in alter Form dem Menschen von heute imponiert. Sie erfaßt nur das Körperliche; Geist und seelisches Leben läßt sich in Zahlen nicht einfangen.- Aber der Mensch trägt auch in der Naturwissenschaft das Signum: homo sapiens, ’J u das-vernunftbegabte-Wesem -- --■»-—' ■ Überdies kann jede Betrachtung eines lebenden Organismus der Wahrheit nur näher kommen, wenn sie das Ganze sieht und das Ineinandergreifen der Teile zur Einheit erklärt. Jede Erkenntnis, die sich auf ein Element, und sei es das wesentlichste, beschränkt, gibt ein verzerrtes Bild. Es ist immer der Fluch des Mißverstehens, daß man nur ein Stück erforscht. So wird man auch dem jüdischen Gesamtorganismus gerecht, wenn man seine Eigenart, seine Geschichte und; Kultur in allen Stadien der Entwicklung und in allen len Prägungen in vollendeter Wechselwirkung erfaßt. Nur i löst sich das Rätsel seiner dauernden Existenz einigermaßen verständlich. Alle Gegensätze, die das Leben des Menschen und der Gruppen . beherrschen, erscheinen bei solchem Blick, der nur dem Universalhistorik'er eigen ist,. ausgeglichen. Alles kann freilich nie ermittelt werden. Lücken bleiben immer, wo es sich um Geschichte am Menschen und im Menschen handelt. Hier tritt wieder das Irrationale, das Geheimnis in sein unbedingtes' Recht. Der Kausalitätsprozeß kann nie im Bereich des Seelischen durchgeführt werden. Um das Problem der jüdischen Selbstbehauptung verständlich Zu machen, sei es hier in kurzen Strichen in der Richtung der Biologie, der Soziologie und der Geschichte aufgerollt. Die Judeülicit hat den Kampf un ihrem Eintritt in die Völkergeschi lastete, siegreich bestanden. Palästina war l-wsi als 'Durchgangslaml zwischen Asien Und Afrika in der Politik der großen Mächte, und in dei hatte die Juden un Altertum Jer Spielball Zerstreuung agbarer Wucht zu erdulden. In diesem dreitausend jährigen Ringen ist die Auslese erfolgt, indem mir das innerlich vollkommen Gesunde auch hier sich erhalten hat. Lebensfähig aber nur das Individuum und die Gruppe, die sowohl körperliche als auch die geistig-sittliche Kraft für den ipf ums Dasein besitzt und dauernd verstärkt. Die körper- : Stärke genügt nicht zur Selbstbehauptung, wie sich aus dem Schicksal jener Völker klar ergibt, die sich vor der überlegenen Kultur hochentwickelter Reiche beugen mußten. Geistige Kapazität reicht nicht aus, wie die griechische Antike beweist. Das siegreiche Element ist ausschließlich die sittliche Durchdringung des ganzen Lebens. Darin liegt die Kraft der jüdischen Selbstbehauptung. Nur hier ist der vollendete Versuch gemacht worden, von innen heraus, vom Zentrum des Gesamtlehens, das die Sittlichkeit bedeutet, sich zu entwickeln und zu erhalten. Der jahrhundertelange Druck des Mittelalters hat den Körper des Juden scheinbar geschwächt, aber die innere Moral hat die Entartung verhindert. Moral ist für den Geist bestimmend, der Geist für das leibliche Leben. Das Judentum hat sich nicht gescheut, die gleichgültigsten Gebiete des körperlichen Daseins zu durchdringen und damit eine unerhört heilsame Hygiene des jüdischen Organismus geschaffen. Hier war der gesunde Geist im gesunden Körper, hier in dem mens Sana in corpore sano liegtdas tiefe Geheimnis der Erhaltung des Judentums. Nicht nur das Seelenheil war gefordert, sondern die Gesundheit des ganzen Individuums vom Geistig-Sittlichen gewährlei' " Speisegesetz und Sexualhygiene waren im Biologischen in tige Hebel im Kampf ums Dasein. Die Fortpflanzung waq unter den höheren Gedanken der sittlichen Kultur im Dienste Gottes gestellt. So war die Judenheit durch ihre Lebensansicht sanus und sanctus geworden: gesund und heilig. Darin lag das für den Lebenskampf unentbehrliche Moment der Selbstbeherrschung, fern von jedem asketischjh Ideal, Durch diese bewußt und streng durchgeführte Lebensordnung ist selbst der unbedeutende jüdische Mensch zur Persönlichkeit geworden, deren Wert immer darin liegt, daß das. Individuum mehr sein soll als bloß cin.Exemptar der Gattung Mensch Das führt uns zur soziologischen Seite, zum Qemeinschaftsgedanken. Es ist noch immer nicht genug beachtet worden, daß die- Judenheit die Stürme der letzten zwei Jahrtausende überstanden hat ohne politische Führung, ohne Oberhaupt, ohne sichtbare Spitze. Damit verstärkt sich das Rätsel der jüdischen Selbstbehauptung. Sonst überall ist bei dem Fehlen einer regulativen Einheit eine völlige Desorganisation die Folge gewesen. Aber der jüdische Gemeinschaftskörper erwies sich - als widerstandsfähig. Seine Lebenskraft wuchs , hier immer neu aus der eigenartigen jüdischen Idee (^gegenseitigen Verantwortung'des einen'für den anderen. So'wurde das uemeinschaftsbewußtsein wirkungsvoll, und das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft kam in die rechte Spannung und Auslösung/ Die innere Beziehung der einzelnen Teile und Splitter des jüdischen Gesamtorganismus in Ben verschiedenen Ländern wurde lebendig. Dieser Sachverhalt, erscheint, der Umwelt noch immer so rätselhaft und unmög-, lieh, daß sie. es nicht lassen kann, an die Existenz einer nie vorhanden gewesenen geheimen jüdischen Organisation -m—glmibenr-Der Gesamtgeist war. das- Band, dem -teder - bewußt und noch mehr unbewußt sich einordnete. 'Nicht bloß einst in ihrem Lande, sondern auch in der-Diaspora war die Judenheit theokratisch gebunden. Daraus wird der gänzliche Mangel führender politischer Persönlichkeiten verständlich. Die Heldenverehrung mit ihrer Neigung zur Vergöttlichung des großen Menschen und zur Erhebung zum Übermenschen ist dem jüdischen Kulturideal entgegengesetzt. Gott gegenüber ist auch der Mächtigste nur vergängliche * Kreatur. Auf den Geist der Gemeinschaft kommt alles an. Und dieser Geist kann nur im Zeichen der Freiheit gedeihen. Wie der Individualismus im tiefsten' dem Judentum widerspricht — die Epoche des Individualismus hat den Juden aus dem Judentum herausgeführt — so auch der Ungeist der Knechtschaft. Judentum war immer Dienst an. der Gemeinschaft, an der Gesamtheit derMcnschheit. Wo die Möfjwhkeit gegeben war, ms Weite zu wirken, da wurde sic aus innerem Bedürfnis, nicht aus Geltungstrieb ergriffen. Der Jude de» Ghettos beschränkte sich auf den jüdischen Kreis — aber auch hier ist das Individuum nur durch die Gemeinde verständlich — weil ihm die Menschheit und ihre Kultur, die Hingebung all die umgehende Welt mit Gewalt verschlossen war, der .Jude der neuen Zeit hat die innere Begeisterung für .Heimat und Volk, dem er aiigchört. Individualismus in der. Judenlieit ist nur Ohcrflächcncrsclicinung. Aus innerem Trieb und durch Schicksal’und Aufgabe war für das Judentum die Notwendigkeit gegeben, das Gleichgewicht zwischen Eigenem und Fremdem lierzustellen. Es ist Feind jedes Extremismus und Radikalismus. Nie war die Autarkie das jüdische Lehensideal. Der Genius der Gattung hatte die Judenheit auf Verständigung und Ausgleich liingcwiesen. Schon die geogra- - pliischc Lage Palästinas hat providentielle Bedeutung. Esist die Brücke zwischen zwei Erdteilen. Judentum ist immer Brücke gewesen, die .die weit ahlicgenden Ufer des Menschlicitsstrames verband. Darin liegt das soziologische Problem der sogenannten Assimilation beschlossen. Es ist das vcr~- iiäugnisvollstc Wort in der Geschichte der'modernen Jtidenlicit, das eil! Verständnis der jüdischen Gruppen untereinander und der Umwelt uns gegenüber verhindert. Die -lebensnotwendige Aneignung und Verarbeitung des Fremden durch die eigene Art wird dauernd mit der ungesunden Assimilation des Schmarotzers, des Parasiten verwechselt. Wer gegen die Assimilation spricht, stellt int Verdacht, ihr am meisten zu erliegen. Wer sieh gegen sie stemmt und sieh autarkisch vor der Außenwelt abschließt, ist nicht lebensfähig. Der Mensch, der nur aus eigener Kraft leben will, ist rin Homunkulus, hergcstcllt in der Retorte. Die Gemeinschaft, die sieh von andern Gruppen absperrt, muß untergeben, weil sie den gemeinsamen Lebensstrom alles Menschlichen unterbricht Und der Blutkreislauf des Geistes und der Kultur unterbunden wird. Bewußtes Judentum hat vom Zentrum schier eigenen Werthaftigkcifaus das GesamtleEen,geprüft und die heilsamen und dauerhaften Elemente sich assimiliert. Völlig fehl geht hier der der Biologie entlehnte Begriff des Mimikry: Im Reiche des Tierischen herrscht" der Instinkt, die geistige Ausgleichung unter den Menschen liegt in der Sphäre des Bewußtseins. Weil die Judenheit sich nicht mit einer chinesischen Mauer umgab, sondern jedem gesunden Lufthauch sich öffnete, hat sie sich selbst erhalten. Sie war in dauernder Auseinandersetzung mit der allgemeinen Kultur, vornehmlich seitdem ihr der griechische Geist entgegentrat, der bis heute als der Typus des Künstlerischen und Wissenschaftlichen uin die Seele jedes Menschen ringt. Hingegen, war in der Judengasse de* Mittelalters allmählich die Luft dumpf und stickig geworden. Wir kennen‘und würdigen die Lichtseiten des Ghettolebens, die sittliche Standhaftigkeit und die heroische Lebenshaltung, die hier vollzogen wurde. Aber niemals kann Ghettoschicksal unser jüdisches Ideal sein. Es war nicht freiwillig übir-- - nommen, sondern aufgezwungen. Es widerspricht dem jüdischen Genius. Es war ein unnatürlicher Zustand, den nur der Lobredner des Alten billigen kann, dem es an historischem - Sinn und der notwendigen psychischen Distanz fehlt. Die

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