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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-01-26 · 8 (26.1.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
8 (26.1.1934)
Date
1934-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 20 Pf: Särbcutf^csSuöcnttHnjittbrcIigtöJcnJIufbou Nr. 8 14. Jahrgang Bezugspreis: Monatlldi 1,35 RM.zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonne- ■Mnts werden bei allen Postämtern angenommen— Anzeigen nadi Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder hfiherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder ROdcerstattung der entsprechenden Bezugs- - gebühren, T Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Berlin, 26. Januar 1934 Ole.JOdlsch-llberaleZsItung'* erscheint Dlsnstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle:'Berlin Charlottenburg 4, Mommsenstr. 40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung:KreditvereinfQr Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 22764. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint * Geber und Nehmer Die „Zentralstelle für jüdische Därlehnskassen“ hatte uns neulich (vergl. No. 6 der ,Z.“ vom 19. Januar) eine Nachricht zur Veröffent-, lichung gegeben, aus der ersichtlich wär, mit welcher erfreulichen Tatkraft heute im ganzen Reiche jüdische Darlehnskassen teils neu errichtet, teils ausgebaut und teils zu Bezirksdärlehnskassen zusammengeschlpssen werden. Alle diese Arbeit ist.nur ein Ausschnitt aus der großen allgemeinen Fürsorgearbeit der jüdischen Gemeinschaft, die aber kaum noch als „Für- *u dem-bisherigeä.}_feinnie dieses iVgortesvbe- Dies auszweiGründen, von dehen der _;Methode, der andere das Ziel aller Sozialarbeit'zeigt. Was das erste anbelangt, so ist es allgemein bekannt, daß die Methoden der Sozialarbeit-sich nicht nur innerhalb der jüdischen Gemeinschaft geändert haben, sondern daß das,gesamte' Wirtschaftsleben eine Entwicklung durchgemacht hat, die zu neuen Methoden aller Soziälarbeit, darum auch der jüdischen, führte; und gleichsam , in Paranthese darf hier bemerkt werden, daß auch das Kapitel Sozialarbeit eines der zahlreichen Beispiele für den naturgesetzlichen, daher außerhalb jeder Diskussion und jenseits aller Herabsetzungen stehenden Charakter der Assimilation ist; niir wer tot ist, assimiliert sich nicht mehr an das Leben, und wer die Assimilation aufhalten oder sich selbst aus ihr herausnehmen wollte, der nähme sich heraus aus Wirklichkeit und Leben. Genug hiervon; zu -ünserm heutigen Thema gehört, lediglich der Hinweis, daß wie im allgemeinen so auch im jüdischen . Leben das frühere Almosenwesen und die ■ private Fürsorge der produktiven und öffentlichen Fürsorge gewichen ist. Diese Entwicklung ist gut. Denn es ist eine alte, nur leider in früheren Jahrzehnten nicht befolgte Wahrheit, daß Almosen unproduktiv ist. So sehr einem Hilfsbedürftigen je nach der Größe des empfangenen Almosens für den Augenblick oder für kürzere Zeit geholfen ist, so ist ihm doch auf die Dauer dadurch nicht geholfen, denn das üeld.wird in Lebensmittel, Heizung oder Kleidung umgewandelt, und wenn es verbraucht ist, ist der Hilfsbedürftige in genau der gleichen ■ Lage wie zuvor. Aber weiter:-da man heute gelernt hat,-jede Einzelwirtschaft nur als ein Glied der Gesamtheit zu erkennen, so muß man sagen, daß das Almosen ’ nicht nur im1 Sinne des Empfängers, sondern ebenso sehr in dem des Gebers und. in dem der Gesamtheit unproduktiv ist. Es istalso zu begrüßen, daß man ganz allgemein und daher auch im jüdischen Leben zu Methoden übergegangen ist, die man mit dem fachwissenschaftlichen Ausdruck ' als produktive oder konstruktive Hilfe bezeichnet und die darin bestehen, daß man die Menschen, die ohne Existenz sind, durch Umschichtung, durch Zusammenfassung und andere Maßnahmen in Erwerb zu setzen sucht. Es liegt auf der Hand, daß solche Arbeit nach wissenschaftlichen Methoden unter Ausnutzung aller modernsten Erkenntnisse und Möglichkeiten' und vor allem auch p 1 a n m ä ß i g geleistet werden muß. Wer aber kann für eine Gesamtheit Pläne entwerfen? Doch nur eine Stelle oder einige wenige Hand in Hand arbeitende Stellen; denn zum Ent: werfen und zur Durchführung derartiger umfassender Pläne ist es nötig, das ganze innerhalb der betreffenden Gruppe zu behandelnde Material, das heißt also sowohl die Notwendigkeiten als auch die Möglichkeiten zu erfassen. Damit aber verlieren fast alle privaten Hilfsvereine, die örtlichen charitativen Organisationen,, die Logen und ähnliche Stellen ihre Bedeutung oder doch zumindest ihre Selbständigkeit, da sie sich mit ihrer Arbeit den großen autoritativen Institutionen unterordnen oder eingliedern müssen. Alles hier Gesagte bezieht sich, wie schon bemerkt, gleichermaßen auf das große allgemeine Leben )!fie auf den engeren jüdischen Kreis. Wasdiesen lletderen anbelangt, so ist es ja bekannt genug, daß ‘ .oder minder alle,privaten jüdischen Hilfsvereine gengemeinde Zusammenarbeiten.' Soweit aber 'i Einrichtungen der geschilderten modernen Art (Berufsberatung, Arbeitsnachweis, Darlehnskassen u. a.) geschaffen werden, geschieht dies stets von der Gemeinde oder dem ihr angegliederten Wohlfahrtsamt selber; neue private Stellen ruft man nicht mehr ins Leben, Neben der Arbeit in den einzelnen Gemeinden geht aber die zusammenfassende Organisierung der Sozialarbeit für die Judenaller deutschen Länder und des Reiches; die. ganze Entwicklung verläuft in der Weise, daß einige wenige jüdische Zentralstellen in immer stärkerem Maße den Anstrich jüdischer Zentralbehörden ’ erhalten, die dann freilich einzelne gut eingearbeitete Organisationeri in ihren bisherigen Aufgaben bestätigen oder ihnen neue zuweisen. Tatsächlich ist damit alle jüdische Hilfsarbeit in einheitlicher Planung zusammengefaßt. Es liegtaller Anlaß vor, sich über diese Entwicklung zu freuen, denn es wurde bereits darauf hingewiesen, daß nur durch sie jeder Bedürftige faßt, jede Möglichkeit ausgenutzt und vor allem die unproduktive Hilfe in eine solche für die Dauer umgewandelt wird. Sieht man aber nunmehr von der Methode der Hilfsarbe;it;!auf ihren Zweck, so man zu dem Ergebnis gelangen, daß die Umwandlung der nur vorübergehenden in eine produktive und dauernde Hilfe und daß die einheitliche Gestaltung aller Hilfsarbeit nicht nur für diejenigen, denen die Fürsorge gilt, sondern für die ganze jüdische Gemeinschaft eine Lebensnotwendigkeit darstellt. War früher der Zweck, einzelnen Hilfsbedürftigen zu helfen, so besteht Ner heute in der Selbsterhaltung der jüdischen Gesamtheit.-Schon oben wurde gesagt, daß von einer „Fürsorge“--im bisherigen Sinne des Wortes garnicht mehr gesprochen werden kann. Denn das; was mit diesem Worte ausgedrückt wird: daß eine Partei da sei, die für die andere sorgt, und daß diese andere-Partei es ist, für die gesorgt wird — dieses ganze Verhältnis eines Gebers zu einem Nehmer entspricht ja überhaupt nicht mehr dem Tatbestand, es gibt in der jüdischen Gemeinschaft keine Geber und keine Nehmer mehr, sondern es gibt nur die eine Jüdische Gemeinschaft, die einen gigantischen, weltgeschichtlichen Kampf um die Erhaltung ihrer Existenz führt. Nicht nur jius Deutschland, sondern aus allen Ländern liegen Berichte der jüdischen Gemeinden und Gemeindeverfcände vor, die ersichtlich machen, daß die Zahl derer, die die wirtschaftlichen Gemeindeinstitutionen in Anspruch nehmen müssen, einen unerhörten, nie gekannten Prozentsatz erreicht hat. Die verhältnismäßig .Wenigen, die heute die Lasten des Anfizionismus - verboten! U nsere teser werden erstaunt sein, dies gerade in unserem Blatt zu lesen, was aber doch einmal .gesagt werden ■null: es gibt keinen A n t i z i on i smns. Wie wir darauf kommen? Sehr-einfach. Tierade jetzt hat uiejenige Stimmung, die einer unserer-Grüßten den „latenten Zionismus der Nichtzionisten“ nennt, allerorten Boden gewonnen und wächst sich zu einer wirklichen Gefahr aus. Sicherung des jüdischen Bestandes und der jüdischen Zukunft in Deutschland und in aller Welt kann aber erst nach Ober-, Windung des Zionismus erlangt werden. Einsichtige, die die Größe der Gefahr erkennen, arbeiten daher heute mit verstärkter Energie der weiteren Ausbreitung des aus Panik geborenen Zionismus entgegen. Das ist richtig, heilsam, notwendig. Doch wird die Tiefe des Problems nicht überall erkannt. Wenn z. B. Freunde unserer Bewegung in einer benachbarten Gemeinde einen Diskussionsahenu. ansetzen mit dem Thema „Zionismus und An t i z io n i s mus“,’so - - ihnen hier zu bedenken gegeben, dal) es — wir sagen mit allem Emst und Nachdruck — einen Antizionismus it giht und nicht geben darf. Hat einer die Verkehrtheit und Gefahr des Zionismus erkannt, so muß er auch einen Schritt weitergehen und nach den Gründen forschen, die ihn zur Ablehnung des Zionismus führen. Diese Gründe sind sehr mannigfaltiger Art: die Erkenntnis des wahren Wesens des Judentums als einer Religion; die fernere Erkenntnis, daß eine Religion nicht zu Menschen nur eines Stammes oder eines Territoriums spricht, daß" also Zugehörigkeit zum Judentum -ns nicht hindert, Deutsche, Franzosen, Engländer zu sein, wie'auch Christen Deutsche, Franzosen, Engländer sind; das Wissen um die . Kleinheit und um die politische Situation spruch auf Gleichberechtigung und NeiiverwuRelung in! Deutschland verlieren würden —.dies alles sind Gründe, die uns den Zionismus als Gefahr erkennen lassen. Man kann sich zu allen, zu mehreren und zu nur einem dieser Oründe bekennen, aber immer ist es eine p o s i t i v e-Anschauung, der heraus der Zionismus abgelehnt wird. Und das ist ras hier gezeigt werden sollte: es gibt Antizionisten aus herlei wohlherechtigten Gründen; aber einen Antizionisgibt es nieht — was wäre das für eine kümmerliche igung, die nichts weiter wäre als „anti“, die-nur *— .,)fen wollte und nicht auch aufbauen! Solche Beweg wäre ohne jede Berechtigung und Kraft. Will jemand wirk mit Aussicht auf Erfolg daran arbeiten, daß die Juden den Weg in die Freiheit und — dies darf .in einem religiösen Blatte wohl binzugefügt werden — in dfe Heiligung finden, so muß er zu positiven Anschauungen vorstoßen, in deren Bereich als in einer höheren Einheit der Zionismus von selber sich aufiöst. Allgemein, aber mit letzter Deutlichkeit gesprochen: man kann das Verkehrte-nicht bekämpfen, nur weil es verkehrt ist; ganz allein durch die Wahrheit wird das Verkehrte aufgedeckt und -widerlegt. Macht den Geist des Judentums stark in euch und um euch; er ist allumfassend, universalistisch und supranational. Seid Ihr im Sinne dieses 'Geistes Juden, so .wird nichts auf der Welt die Macht haben, euch in dem Bewußtsein zu erschüttern, daß ihr mit eurem irdischen Sein eurer wirklichen Heimat angehört. Eure Erde heißt-Deutschland, Euer Himmel Judentum; Eure sittliche Aufgabe: daß Ihr euren Himmel auf eure Erde herabzieht. wö jüdischen Lebens auf ihren Schultern tragen, stehen vor der Alternative, entweder selbst allmählich zu .verarmen, ohne dann noch Institutionen vorzufinden,., die ihnen helfen könnten, oder-aber-mit allen Mitteln dafür zu sorgen, daß der Trägerkreis, des jüdischen Lebens' wieder größer und breiter wird, stärker an Leistungsfähigkeit wie an Zahl. Mit einem Worte gesagt: es gibt beute keinen einzigen Juden in scheinbar noch so gesicherter Position, der nicht von sich sagen müßte, daß seine Existenz aufs äußerste gefährdet > - ist; sodaß jeder, der heute Gemeinschaftshilfe leistet, zugleich Selbsthilfe leistet. „Tua res agitur“ — dies alte Wort hat heute wieder eine neue, alles überragende Bedeutung für uns alle erhalten, und nicht nur für die einzelnen Juden, sondern ebenso sehr,, wenn der Ausdruck gestattet ist, für die einzelnen jüdischen Landsmannschaften. Jahrzehnte hindurch wären die Juden Deutschlands in der Lage, den Massen ihrer pauperisierten Glaubensgenossen in Osteuropa zu helfen, und man weiß heute, daß ein Teil dieser Hilfe auf die deutschen Juden zurückfällt, da viele jüdische Gemeinden in Osteuropa und auch große Hilfsorganisationen wie vor allem der „ORT“ sich an der Hilfeleistung für die deutschen Juden beteiligen. — Da wir Palästina als Kolonisationsland stets bejaht haben und es nur als jüdischnationales

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