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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-03-09 · 20 (9.3.1934) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
20 (9.3.1934)
Date
1934-03-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seoxg Hexmann: J>a& IZodemxtciC v Georg Hermann, der den jüdischen Lesern nicht vor gestellt zu werden braucht, der Dichter des Jettchcn Gebert“, des schönsten Romans aus der Biedermeierzeit, hat einen neuen Roman geschrieben, „Dine Zeit stirbt“, der in den 'nächsten Tagen als ersies Bach der neu gegründeten jüdischen Buch-Vereinigung herauskommt. Dieses Werk bildet den Abschluß und die Krönung einer Reihe von Romanen, in denen der Dichter die jüdische Gesellschaft des bürgerlichen Zeitalters geschildert hat. Die ,Jüdisch-liberale Zeitung■' bringt, mit Erlaubnis des Verlages, nachstehend eines der ergreifendsten Kapitel des Romans, mit einigen Kürzungen, zum Vorabdruck. Wenn Hermann in seinem neuesten Werk auch keine jüdischen Probleme behandelt, so sind doch fast alle Gestalten luden, und zwar Juden von jener Art, die seit Generationen mit deutscher Kultur aujs innigste verbunden sind. Wie Onkel Jason, wie der junge Heinrich Schön, wie Dr. Herzjcld in Hermanns früheren Romanen, so trägt auch der Schriftsteller Eritz Eisncr, die männliche Hauptfigur ln „Eine Zeit stirbt“, Wesenszüge des Dichters. Eritz Eisner ist in zweiter Ehe mit einer viel jüngeren, geistig sehr regen und anregenden und ins Leben drängenden, aber leidenden Frau, Rath, verheiratet. Sie leben in der Abgeschiedenheit des Neckartals, ganz der Natur verbunden, bis es eines Tages Ruth . wieder nach Berlin treibt, nicht nur, um dadurch einem anderen Mann, der sich in ihre Ehe zu drängen droht, zu entgehen, sondern auch, um ihr Gleichgewicht in der alten Betätigung in einer Redaktion wieder zu finden. Deutschland ist vom Inflationstaumel erfaßt. In der Hölle Berlin niipmt das Ehepaar Eisner die vielfältigen , . Beziehungen zu den alten Freunden wieder auf, die die Inflation teils hochgewirbelt, teils an den Abgrund gestoßen hat. Eisner, dem die zarte Konstitution seiner Frau immer. größere Sorge bereitet, sucht mit ihr seinen Freund, den Arzt Dr. Spanier, auf, um Klarheit über Ruths Zustand zu erhalten. Doktor Spanier erwartet sie schon. Wirklich, sie kommen dieses Mal viel leichteren Herzens zu ihm als das erstemal. Der Teetisch steht schon gedeckt und für Fritz Eisner sind besondere Zigaretten und echte Zigarren da. Und ein Band der neuen großen Kunstgeschichte: Die" Frührenaissance ist ihm vorsorglich in.Griffweite vor seinen Platz gepackt worden. Denn so weiß Doktor Spanier (die erste Untersuchung war ihm ja doch ,zu oberflächlich!), der da wird nicht unruhig werden und er hat mindestens zwanzig Minuten zu tun. Er will Blut- und Urinproben nehmen und Abstriche und nochmal der Sache mit allen Methoden zu Leibe rücken, die diagnostisch überhauptangewandt werden können. Und er will es nicht nur bei sich dann machen, sondern es auch an sein Krankenhaus weiter geben und nach Dahlem und an .das Serologische Institut. Jedenfalls aber werden die Analysen, die Resultate, die sich decken, zum mindesten aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die falschen sein. Ob_die. richtigen, sei dahingestellt. ' Alle Beteiligten tun natürlich, als ob’s gar nichts ist. Ruth ist vergnügt, daß sie wieder aus dem Bett ist. Splnier spielt den alten liebenswürdigen Schwererenöter, und Fritz Eisner sagt, er würde gleich wie Odysseus mit dem Bogen unter die Freier treten. Für Tee ist es noch etwas zu früh, der käme nachher, meint Doktor Spanier! Dann führe er heraus. Jedenfalls würde er sie bei Sich zu Hause oder wo sie sonst hin wollen, gut absetzen. „Das gehört zum Kuvert.“ '■ Und dann ist er und Ruth verschwunden, und Fritz Eisner schlägt, diesesmal ist er nicht mehr so verwirrt und tief verängstigt wie vor drei Tagen, den schweren Band auf und beginnt so langsam Blatt für Blatt an sich vorbeiziehen zu lassen ... Das ist ein herrliches Buch, denkt Fritz Eisner. Daß so etwas in Deutschland doch immer wieder gemacht wird. Trotz allem. Das erfüllt einen ja doch mit Zuversicht. Ach, da sind sie ja wieder. Ruth ist sehr vergnügt, und Doktor Spanier.scheint auch sehr froh. „Na“, sagt er, „nun haben wir uns den Tee verdient.: Also das ist ja über Erwarten gut zurückgegangen. Das letztemal hab ich einen Schrecken bekommen. Mindestens auf die Hälfte ist es zurück- - gegangen. Kaum noch -anderthalb der Normalgröße, die natürlich auch individuell etwas verschieden sein kann.'Also ich hab'Ihrer Frau schon gesagt, sie soll tun, als ob sie ganz gesund ist, sich möglichst wenig drum kümmern. Vielleicht hol ich nochmal einen „Internisten hinzu, wenn die Sache ganz abgeklungen ist. Aber im Moment ist es unnötig. Ich habe schon mit ihr ausgemacht, wenn sie irgendwelche, auch nur die geringsten Beschwerden hat oder die Appetitlosigkeit wieder einsetzt, ich komme sofort nach Empfang einer Postkarte und zahle die höchsten Preise.“ Der Mann ist doch etwas krampfhaft, denkt Fritz .Eisner, aber vielleicht, ist das jetzt so seine Art. Also froh bin ich ja doch, froh bin ich, froh bin ich! Denn man hat doch wieder die letzten, zweiundsiebenzig Stunden unter einem verdammten Druck gelebt. « „Ich werde nun genau aufpassen, daß Sie auch alles nehmen. Essen Sie, greifen Sie zu, junge Frau! Genötigt wird hier nicht! Gab’s früher nicht in unserer Jugend, Meister — daran kann sich solch ein Kiekindiewelt gar nicht-mehr erinnern — Herolde aus Zinkguß mit einer Fahne, auf der. eingraviert war: Genötigt wird nicht! Also es war schön manchmal hahnebüchen geschmacklos in der guten alten Zeit, da wir noch beide jung waren. Also nun soll sich die junge Frau die Frührenaissance ansehen. Wir werden eine nette Partie Schach zusammen spielen:“ „Also schwarz oder weiß?“ „Aber das ist doch egal, Doktor! Warten Sie, Ihr König steht falsch. AVollen wir was Lustiges spielen? Ein Muzzio, ein Kieseritzki oder ein Allgay er? Spielt kein Schwein mehr, aber man kann böse bei reinschliddern, wenn der Schwarze richtig antwortet. Na, Sie werden es ja nicht so genau kennen. Ich kann’s auch nur als Weißer.“ „Ja, wenn ich Ihnen nun den F-Bauern nehme, Meister?“ „Dann werden Sie nicht mehr viele frohe. Stunden, wenigstens nicht in dieser Partie mehr haben.“ „Diese Verteidigung ist ganz nett, aber wenn ich nicht irre, gibt es da eine alte Variante.. Ich bin nämlich Theoretiker. Das liegt mir mehr meinem ganzen Wesen nach.“ „Also, sagen Sie mal ehrlich, wie sind Sie zufrieden gewesen?“ „Zufrieden?“ meint Doktor Spanier leise. „Da werde ich mal eben noch den Springer heranholen müssen“, sagt; er laut. „Furcht kenne ichnicht. Da habe ich . schon ganz andere Partien verloren. Sehr zufrieden war ich“, beginnt er wieder leise,;,also wider Erwarten gut zurückgegangen. Aber nun nehmen Sie mal da eine Zigarre, Meister:“ '' „Ihre Königin lasse ich ruhig einstehen. Die brauche ich nicht mehr. Die hole ich mir eventuell dann nachher. Schachazzio benevolentiae.“ Doktor Spanier beugt sich über das Brett und sieht zu Fritz Eisner herüber. Wo kenne ich nur. die Augen her? Richtig! Das ist ja der Blick auf der Radierung von Ephraim Bonus an der Treppe da. „Es ist über Erwarten gut zurückgegangen, nicht wahr, — aber aber —“ jetzt wird seine Stimme ganz leise, „aber Meister, können Sie mir sagen, was wir machen sollen —. das wird ja eine Weile Vorhalten — was wir machen sollen, wenn es das nächstemal nicht mehr darauf reagiert?! Ich wäre Ihnen furchtbar dankbar. Ich weiß nichts. Gar nichts. Absolut nichts. Und ich kenne auch keinen Arzt, der so etwas weiß ... Den Bauern nehme ich einfach en Maupassant, Meister“, sagt er wieder laut und fast lachend, „also den Zug können Sie zurücknehmen. Sie decken ja damit das Schach auf. Machen Sie da oben je vier dafür.“ Und dann wird er wieder ganz leise. Und sehr weich und freundlich. „Leben Sie gut mit Ihrer Frau? Schön. Dann leben Sie noch besser. Tun Sie alles, was sie will. Wenn Sie ihr eine Freude machen können, die in Ihrer Macht steht, machen Sie es. Sie soll, tun und lassen, was sie will. Aber sie soll es nicht merken. Sie ist verdammt gescheit. Und sie ist schon in den Händen von einer ganzen Anzahl von Kollegen, gewesen, nicht wahr? Ich habe direkt Mühe gehabt mit ihr, daß sie mir nichts anmerkte. Es ist doch unendlich traurig — immer gerade die schönsten und wertvollsten Menschen!“ Dann wird er wieder laut. „Also wenn Sie nicht mit dem Turm auf die H-Linie gehen, wird eben der E-Bauer doch in ein paar Zügen in die Dame einrücken.“ Und dann senkt er die Stimme wieder: „Ich fürchte, ich fürchte, mein alter Freund, das Gummischweinchen hat damals recht gehabt. Ich sehe es für aussichtslos an. Das mag roh sein, daß ich Ihnen das sage, aber ich kann Sie nicht darüber im Unklaren lassen. Glauben Sie auch nicht nachher, der alte Esel, der Spanier, hat sie verpfuscht und versteht nichts. Aber sie wird nicht kränket werden mehr, nein. Das schöne Bild, das Sie jetzt von ihr haben, wird sich nie verwischen. Aber es kanw in einem Monat ... es kann in einem halben Jahr,'* mehr gebe ich ihr nach dem Blutdruck nicht mehr, armer Kerl, ich muß Ihnen immer — Schach dem König“ — ruft er, „da dürfen Sie nicht hin, da steht mein schwarzer Läufer — immer so furchtbare Dinge sagen. Einmal schon, wie lange ist das jetzt her, über zwanzig Jahre! Seien Sie nett zu ihr. Sie soll" nett zu Ihnen sein, Meister, solange Sie sie noch haben. Sie wird sich nicht lange quälen, wenn es so weit ist. Und sie wird ganz still herüberschlummern mal und ganz lautlos sich von Ihnen wegschleichen. Sie sollen nicht traurig sein deswegen. Wie lange leben Sie schon zusammen? Bald sieben Jahre schon. Nun, Meister, die ersten drei davon waren ein Geschenk. Und die nächsten drei ein Geschenk Gottes für Sie. Wie lange sind wieder die Blutungen aus dem Mund und dem Darm und der Nase schon? Wieder in Pausen bald vier Jahre?! — Naja, ich biete Ihnen remis an“, sagt er laut, „angenommen. Verstehen Sie, alter Freund“, sagt Doktor Spanier wieder leise, „nun lassen Sie sich nichts merken. Aber auch gar nichts. Tun Sie der jungen Frau an, .was Sie können. (Und dann redet er wieder in den Raum rein.) Na, wollen wir noch eine spielen, oder wird’s. zu spät?“ Ruth hat sich indessen den Kunstgeschichtsband den neuen, genau angesehen und hatte sich dann'langsam nach dem Salon herübergeschlichen, um s'ich da in. Ruhe einmal die Franzosen zu betrachten Das letzte» von der neuen Partie, hat sie aber mobil gemacht und zurückgeholt. „Na, wer hat gewonnen?“ ruft, sie, wie sie hereintritt, „Gott, Jorry, was ist denn mit dir? Du bist ja auf einmal ganz käsig?“ „Wirklich, ich glaube, die Zigarre ist mir zu schwer gewesen. Dieser Spanier raucht immer noch solche schwarzen Giftnudeln.“,. „Ich sage immer“, sagt Doktar Spanier lachend» „Kindern soll man keine Zigarren geben. Also nehmen Sie ’ noch einen Kognak, Meister. Nein, junge Frau» für Sie ist. das nichts. Sie bekommen ein Anisettchen,. oder ein Chartreuschen, wie man früher sagte. Was haben Sie hier im Theater vor? Vielleicht kann man: mal zusammen gehen. Oder wir machen mal so’n Bummel; da zeig ich Ihnen das neue Berlin.'Mit allen Schattenseiten und Lichtseiten. Wenn es sothanehaben sollte. Wer will noch eine Boulette? Sie,. Meister? Sie, Frau? Soll ich die Kaffeemühle anheizen? Dreiviertelfünf?! Ich glaube überhaupt, sielst schon vorm Haus angeschwirrt.“ Aber dieses Mal will Ruth vorn neben dem Doktor sitzen. Das tut sie gern. Und sie will auch mal bald chauffieren lernen. Und Sie plaudert, lacht und; ist witzig. Und Fritz Eisner wirft vom Rücksitz aus hin und wieder — es soll doch nicht auffallen, daß ,er nicht mittut — ein Wort dazwischen. Und draußen huschen Bäume und Häuser und andere Wagen und Menschenschwärme vorbei. Er sieht alles und er sieht nichts. Es sind wesenlose Kulissen und Gespenster.. Er wußte es doch eigentlich seit Jahren. Er hätte auch Zeit gehabt, sich mit. dem Gedanken vertraut zu machen, daß das nur ein Wechsel auf Sicht war und daß das keine Ewigkeit sein könnte. Und nun , hatte ihn das doch ganz überrumpelt. Es war das wie ein Schlag mit einer Latte über den Kopf... Ich muß mich sehr zusämmenreißen, um die einfachsten Worte zu finden, und Ruth und Doktor Spanier lachen zusammen über mich, daß ich nicht mal eine Zigarre mehr vertrage. . „Also nächstens spielen wir wieder mal. eine Partie“, sagt Doktor Spanier. „Kommen Sie mal ran, vielleicht Sonnabend wieder. Sie muß ich ja auch nochmal sehen, junge Frau. So schnell kommen Sie doch nicht von mir los.“ Und dann steigen sie aus. „Hat er dir was über mich gesagt? Schwör mir,. Jorry.“ „Nee, er hat mir nur das gesagt, was er dir ' •gesagt hat. Du sollst dich nur etwas in acht nehmen.. Sonst 'war es ja sehr gut geworden. Besser als er gehofft hätte.“ „Aber ihr habt doch beim Schach, das heißt, er hat dir doch so leise was da erzählt. Nebenbei muß er'mal sehr schön gewesen sein. Und sehr elegant. Das ist er ja heute. noch.“ .! „Leise erzählt? Wir haben die Stellung zusammen, analysiert und dabei die Köpfe zusammengesteckt.. Aber sonst erinnere ich mich wirklich nichts Er ist nebenbei ein ganz starker Spieler. Wenn er mir nicht remis angeboten hätte, hätt ich die nebenbei bestimmt verloren, die Partie. Aber ich hab doch ein bißchen Kopfschmerzen nach der Zigarre bekommen.. Ich möchte mich ein bißchen früher hinlegen heute. Oder wollen wir noch hach dem Abendessen in ein Cafe oder vielleicht in ein Kino gehen?-Ich geh sogar auch mal ins Kino mit dir. So bin ich!“ „Na Ehrensache“, sagt Ruth, „alter Jorry. Denkst du etwa, ich will in Sack und Asche zuhause sitzen, wenn ich drei Tage Stubenarrest gehabt habe. Wenn du nicht mitkommst, dann geh ich allein, oder telefoniere meiner Freundin Edith. Dann bummeln wir beide mal ein bißchen hier. Du, paß auf, den Winter werden wir eine Menge mitmachen. Deine Bekannten und, meine von früher her. Und wir müssen dann auch ein paarmal Leute bei .uns sehen. Das kostet gar nicht so viel. Das muß man dann. Es zahlt sich ja doch zum Schluß irgendwie schon immer wieder aus. Die Menschen sollen mal hier merken, daß du noch vorhanden bist, alter Freund. Und daß ich noch da bin, sollen sie erst recht merken. Dafür will ich sorgen. Aber du siehst doch immer noch wie Braunbier mit Spucke aus. Komm, ich mach dir gleich ■'einen guten Tee, und leg dich ein bißchen dann. Ich bin wieder ganz obenauf. Er hat ja doch die Sache los, dein alter Freund da.“; Und des Abends gehen sie noch in ein neues Cafe . . . JÜDISCHE BUCH -VEREINIGUNG Jeder bewusste Jude wird Mitglied 1 1 1 4 gute Bücher im Jahr! Quartals-Bcltrag RM. 3,- Einschreibegebühr 25 Pf. BERLIN W IO, PARISER STR. 7 J B V . Herausgeber: H anns, Loew en st ei n , Berlin-Charlottenburg 4. Hauptschriftleher und verantwortlich für den gesamten redaktionellen Text: George Goetz, Berlin W 50; Leitung der Anzeigenabteilung und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Georg Michaelsohn, Berlin-Charlottenburg. DA 5000 2 34. — Druck: Sonnendruckerei GmbH (Felix Wolf). . . Berlin-Charlottenburg 4, Weimarer Straße IS.

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