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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-03-09 · 20 (9.3.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
20 (9.3.1934)
Date
1934-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 20 Pf. zu Berlin Nr. 20 gfltb^^^^ubejrtwnui^teKgiölen^^au f“z“0»Prel»: Monatlich 1.35 RM. zuzüglich Be»t»tlg»ld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnement» werden bei allen Postämtern angenom* mon. - Anzolgen nach Tarif. - Bel Nichteistr®ll<3 oder höherer Gewalt eesteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder RQacerstettung der entsprechenden BezugegebQhren. 14. Jahrgang — Herausgeber: Hanns Loewenstein Schriftleitung: George Goetz Berlin, 9. März 1934 Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint Dienetags und Freitags. - Redaktion und Geschäfts- S|B|I*: Borlln - Charlottenburg 4. Mommsen- ^nruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. I®45-- Bankverbindung:Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H, Berlin N 24. Postsdiedckonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin 22784. - Pie JOdistfHibeiale Zeitung" ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal;wöchentlich erscheint Gegen die falsche Assimilation ie große Umwälzung in den äußeren. Lebens- ’ bedingungen der deutschen Juden soll nach dem Wunsche aller Einsichtigen von einer inneren Rechenschaftsablegung, von einem inneren „Umbruch“ begleitet sein. In diesem Zusammenhang hat auch der ideologische Streit über Wert und Unwert der Assimilation neue Nahrung gefunden; insbesondere sind es nationaljüdische Blätter, die sich scharf gegen jede Assimilation wenden find siefür den „Zusammenbruch“ der deutschen Juden, ja sogar für ihren kommenden „Untergang“ verantwortlich machen. Beginnt man auch, dem Phänomen der Assimilation nicht mehr mit der einfachen verachtungsvoller. Ablehnung gegenüberzutreten, wie sie jahrzehntelang in Schrift und Rede zum Ausdruck' kam, so' war . doch in der Diskussion auch der letzten Monate nur allzu oft ein Ton des Besserwissens und der Abkanzelung. Assimilation ist, so muß man es zunächst feststeilen, ein biologischer Vorgang. Sie ist letztlich nicht vom Willen abhängig, oder jedenfalls nicht-von ihm allein, sie ist eine Äußerung des Lebens. Ein Organismus, der in eine Umwelt anderer Organismen gesetzt ist, versucht, seine Lebensbedingungen und Lebensvoraussetzungen denen der Umwelt anzugleichen, nicht etwa um so zu werden wie die anderen, sondern aus Selbsterhaltungstrieb, um sein eigenes Sein kräftiger und sicherer zu erhalten. Menschen sind als Organismen solchen Gesetzen ebenso unterworfen wie alle anderen Organismen. Menschen sind aber nicht nur mit .den aus der Biologie gewonnenen Maßstäben zu messen, sie sind nicht nur Körper^ Mechanismus, sie sind wollende Wesen, sie sind zudem Träger einer anderen als, der irdischen Welt, Mitbauende an ihr, sie sind Schöpfer 'der Welt des Sittlichen. Wo ein nur vegetativ dahinlebender Organismus sich anpaßt, um sich zu erhalten, und dazu restlos Farbe und Art der Umwelt annimmt, und das tuh darf, darf der am Sittlichen, Mitbauende nie so sich anpassen, daß er sein Bestimmendes, sein wirklich Eigenstes, seinen Charakter, sein Prägendes verlieft oder gar wissentlich preisgibt. Tut er das, dann begeht er, wenn auch nicht physisch, so doch geistig, Selbstmord. Tut er das, so hat man ein Recht, ihn zu tadeln, ihm Schimpf anzutun. Gruppen, die einander gegenüberstehen, sind selbstverständlich den gleichen Gesetzen 'der Assimilation unterworfen:-die schwächere wird gar nicht anders , können, als sich in den Formen des Denkens und Lebens, die nicht an das Kernhafte rühren, ihrer Umwelt anzugleichen, schon aus dem Grunde, damit nicht zu den durch das Wesensbestimmende gegebenen Reibungsflächen unnütz neue hinzutreten. Aber sie macht sich im schwersten schuldig, sobald sie, über die peripherische und über die nicht den Wesenskern berührenden Dinge hinaus, sich ihrer Eigenart ent- ' äußert und sich fremdem Denken anpaßt. Assimilation vollzieht sich nicht nur in-der Art, daß man sich der Umwelt anpaßt, sondern auch in der Art, daß man Formen und' Lebensgewohnheiten der Umwelt zu dem Zweck zu sich hereinnitnmt, daß man mit ihnen sein Eigenstes stärker herausbaut, kräftiger unterbaut. Tut man das, so ist Assimilation an dieser Stelle nichts Tadelnswertes, nichts, dessen man sich zu schämen hätte. Wenn in den letzten Jahrzehnten z. B. die Sitte des Schenkens in unser Chanukkahfest eingebaut worden ist, ohne Zweifel der 'Weihnachtssitte abgelauscht, so ist dagegen trotz der fremden Herkunft nicht das Geringste zu sagen, im Gegenteil, damit hat man dem Kernhaften des Chanukkahfestes zu neuer Geltung; zu einem weiteren Ausstrahlungsbereich verholfen. Wenn man den nationalen Gedanken des 19. Jahrhunderts in die Ideologie des Judentums eingebaut hat und aus ihm die Ideologie des Nationaljudentums schuf, so hat auch der Andersdenkende kein Recht, die Träger dieses' Gedankens nur dartfrn zu tadeln, weil sie sich hier an ein Gebilde der Umwelt angepaßt, assimiliert haben, denn sie haben damit den Willen zur Herausarbeitung dessen bekundet, was nach ihrer Meinung die eigene Art ist, haben mit dem Umweltlichen das „Eigene“ zu unterstreichen gesucht. Und das ist nicht nur erlaubt, sondern Notwendigkeit, Ausdruck des Lebens hier und da. ln der Assimilation der verwichenen Epoche sind bestimmt schwere und sündhafte Fehler von Vielen begangen worden. Und kein Wort ist stark genug, um die zu treffen, die ihre Anpassung so weit trieben, daß sie sich des Wesenskerns, des Bestimmenden, Jüdischen entäußerten. Hat-man-übrigens ein-Recht, das überhaupt noch Assimilation zu nennen? Von , ihr zu reden, ist bei Menschen, denkenden Organismen überhaupt nur dann gestattet, wenn Wille zur . Erhaltung vorhanden war und bewußt betätigt wurde, sonst ist nur von Selbstmord und Auflösung zu reden. Daß-man sich in Dingen, die nicht das Prägende des Judeseins berührten, anpaßte, war das überhaupt zu vermeiden? War es nicht eine Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens? Eine solche Selbstverständlichkeit, daß selbst in den Jahrhunderten der Ghettoexistenz unaufhörlich Kulturgüter von außen her in die Seele der Juden cinströmten. ■Wo ist die Schutzkraft, die der Assimilation ihre Grenze setzt, ihr Gegengewicht bietet? Wir finden sie einzig und allein in der Religion, in dem, was Wesenskerndes Judentums ist. Und zwar nicht etwa nur in der starr an der Tradition festhaltenden, alles einmal Gewordene unverbrüchlich konservierenden Form des Judentums, sondern in jeder Form, die dem Willen Ausdruck gibt, jüdische Frömmigkeitsstimmung und jüdisches Gemeinschaftsbewußtseiii darzustellen und' zu erzeugen. Man konnte bei .der Erarbeitung der äußeren Form jüdischen Lebens .streiten, ob die neue Form genügend Schutz für den Kern ist, — ein Streiten solcher Art ist niemals leeres Gezänk — aber unverbrüchlich bleibt es bestehen, daß nur die Erhaltung des religiösen Kerns und der Wille, ihn vor Stürmen und Bedrohung zu schützen, das Judentum in den auf lösenden Tendenzen der Zeit erhalten hat. Daß man in stetem Ringen um die Form den Juden der verwichenen Epoche die Feste und ihre tragenden Gedanken nahegebracht hat, daß man ihnen dazu geholfen hat, die Lehren des Judentums als ein Einzigartiges und nie zu Ersetzendes, stets neu Verpflichtendes zu erkennen, das hat in aller Assimilation im Äußeren das Judentum erhalten.' Die Aufgabe war deshalb so besonders schwer, weil in der ethisierenden Tendenz der Zeit so viele tragende Ideen des Judentums zugleich die tragenden Ideen der Zeit waren, so daß mancher glauben konnte, er habe Judentum schon 'erfüllt, wenn er diesen Ideen huldigt. Um so größer die Leistung, daß es gelungen ist, durch die Erziehung zu Form und Ausdruck und zum Gemeinschaftsbewußtsein einer Religionsgemeinde, Judentum und jüdisches Geschichtsbewußtsein zu erhalten,’ daß es gelungen ist, das Grundlegende und Unverzichtbare jener Ideen, nämlich daß sie auf Offenbarung zurückgehen und nicht nur Morallehre menschlichen Zusammenlebens sind, zu erhalten und zu vererben. So ist Religion die stärkste Gegenkraft gegen, alle Assimilation. Und wo man von den Gegenkräften 'der Assimilation redet, dürfte man nicht vergessen, von .ihr zu reden. Sie wird in kommenden Jahrzehnten erst recht ihre Aufgabe zu erfüllen haben und un- Wiedereintrltte in das Judentum in Österreich .Iler Ausgang des Bürgerkrieges hat u. a. ein Ergebnis gezeitigt, an das kaum lemand gedacht hatte: konfessionslose kehren massenhaft in ihre früheren Keligionsgenosscnschaften Her unmittelbare Ahstoll zu. dieser Massenbewegung ist nicht näher bekannt. Man erfährt blot), daß die Arbeiter und Angestellten der Bundesbahnen von ihren Vorgesetzten den Auftrag bekommen haben, bis zlt einem bestimmten Stichtag ihre Taufscheine, bzw. ihre sonstigen Zeugnisse der‘Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgenossenschaft vorzulegen. Unter den konfessionslosen - Arbeitnehmern scheint nun die Besorgnis wachgeworden zu sein, daß slejn ihrer dienst- > liehen Stellung schlechter behandelt werden kömrtoF, alt ihre übrigen Kollegen. Sie beeilen sich daher, dieses Manko wieder wett zu machat. Die massenhaften Wiedereintritte vollzieheiv sich aber nicht bloß bei den christlichen Religionagenossenschaften, sondern auch bei der jüdischen Kultusgemeinde. Diese macht sogar, wie man hört, weniger Schwierigkeit beim Wiedereintritt als die Katholische Kirche, die-über Auftrag des Kardinal-Erzbischofs Dr. Innitzrr eine dreimonatige Vorbereitungszeit verlangen soll- In einzelnen jüdischen Kreisen hegt man Allerdings die Befürchtung, daß mit dem Nachweis der Religionszuger hörigkeit die.Grundlage für eine Bevorzugung der katholischen Bediensteten gegenüber den Angehörigen aller anderen Konfessionen geschaffen werden soll. ’ entbehrlich sein. Denn' wenn wir juderr an dem Humanitätsgedanken, der Abwendung vom Machtgedanken, dem Friedensideal, der objektiven Gerechtigkeit Festhalten,. so ist ntir die Religion die Kraft, die uns hier inmitten der Umwelt uns' behauptei^fSflt.. .Das liberale Judentum, das-den-Oedanken vom. Primat der Religion mit solchem Nachdruck bfttönt;. wird nie müde werden in dem Streben* jüdische Religion zu erhalten, damit die-Assimilation sfeh nicht so vollziehe, daß Kern und Charakter schwinden.' Hier ist seine Aufgabe, hier ist seine Berechtigung, hier seine besondere Stellung. Und es wird diese seine Aufgabe nie als eine" zeitliche auffassen, das heißt als eine solche, die heute zu lösen ist, damit matt in besseren, künftigen Tagen ein Judentum nicht mehr brauche. Es hieße den Sinn des mcssiamschen Gedankens arg verkeiineii,-wollte man ihn erfassen als die Verkündung einer Zeit, in der alles Trennende so nivelliert ist, daß'alle Scheidewände unter Menschen gefallen sind. Schon' in. der ältesten Verkündung mcssianischer Zeit, da, wo von dem. künftigen Frieden der Welt die Rede ist, ist davon gesprochen worden, „daß nicht _mehr Volk gegen Volk das Schwert tragen wird“. Man könnte im Stile alter Lernweise sagen: Volk wird nicht gegen Volk kriegen, (las heißt, sie bleiben geschieden in Volk und Volk, nur von einem anderen Willen beseelt. Messianismus ist nicht Auflösung der üemeinsehaftsindividualitäten, kann nie heute schon vorweggenommen werden, Messianismus ist immer nur-Verkündigung einer anderen Zeit, _damit die zu erwartenden Richtlinien dieser Zeit heute schon für die eigene Arbeit als Vorbild gewonnen werden, so ist er nie Erfüllung in heutiger Zeit, sondern immer nür-Stachcl für heutige Arbeit, nie ein selbstgefälliges Ausrollen und Sich-in-Ruhe-Wiegen, sondern stete Bewegung, stete Hoffnung, stetes Bewußtsein des Abstandes vom Heutigen zum Künftigen. In d i e s e r Erfassung des Messianischen, aber nur in ihr, Jiegt eine der großen Gegenkräfte der Assimilation, hier verhindert Religion und religiöse Lehre, daß man irgendwo im Heutigen Erfüllung sieht, sich irgend einem Heute, und sei es noch so verlockend, anpäßt. So bleibt es denn auch hier: „Religion ist die Gegenkraft gegen jede Assimilation.“ - ‘ - /in. "Dia „JüMfcß-Ubarala «attung“ bringt in 6«* noritaganban nummoc ala arflao jübifdjaa Blatt atn Äapttat aua 6am bamnädjff azfdjainanban Roman non fiaorg-Bo«mann: „<2tno Seit JHtbt.“

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