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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-01-19 · 6 (19.1.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
6 (19.1.1934)
Date
1934-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 20 Pf. Nr. 6 gür^beutf^es^jbcntumunbrcKgjöJcn^u^ou 14. Jahrgang -sllgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnement» werden bei allen PoetOmtern angenommen. — Anzeigen nodt Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streike oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder POdeerstattung der entsprechenden Bezugs- Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Vorlag Berlin, 19. Januar 1934 Die „JOdlsdi-llberale Zeitung“ erscheint Dienstag» und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4. Mommsenstr.40. — Fernruf: J 0 Blelbtreu Sarnmel-Nr. 1545. - Bankverbindung:KreditvereinfOr Handel und Gewerbe e.Q.m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: JOdlsch-liberale Zeitung, Berlin 22764. Die .Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint. Gegen die Im Gegensatz zi Schulzeit, sich .., _r_ _ außerordentlich unbeliebt war pnd für1 ihre: Weissagungen kein gläubiges Ohr fand — im Gegensatz hierzu scheinen sich in unseren modernen Zeitläuften und nicht zum wenigsten in unseren Gegenden Unglückspropheten aller Art einer weithin sichtbaren Beliebtheit zu erfreuen. Das unterscheidet sie von ihrer antiken 'Kollegin. Aber es scheint-da noch ein anderer Unterschied zu bestehen: die Unglücksverheißungen der Kassandra gingen in Erfüllung. Man wollte ihr zwar nicht glauben und. verhöhnte sie; vielleicht aber war’s gerade der Umstand, daß man im Unterbewußtsein ihr recht gab, der sie so unbeliebt machte. Und umgekehrt: Oswald Spenglers Untergangsphilosophie wird von' vielen schon nur noch als eine bloße Geschichtskonstruktion betrachtet; sie ist geistvoll, sie ist interessant, man kann ihren Autor also als bedeutenden Schriftsteller ehren, über da man andererseits überzeugt ist, daß das Abendland nicht untergehen wird,, so braucht, man den. Verkünder des Unheils nicht zu fürchten, ln solchem anderer Unglücksprophet recht beliebt: "der* jüdische Bevölke-1 rungspolitiker Dr. Felix. A. Theilhaber, der von Zeit zu Zeit, und seit vielen Jahren schon, statistisch und wissenschaftlich Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements-Quittung für Februar. — Nur pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der JüdlsdHlDeralen Zeitung“. den: demnächstigen Untergang des deutschen Judentums beweist. Vorläufig darf man feststellen, daß zwar .Troja, wie vor. Kassandra vorhergesagt, untergegangen ist, daß aber'das Abendland und. das deutsche Judentum vorerst noch leben. Was insbesondere die Theilhaberschen Prophezeiungen anbelangt, die er gerade jetzt wieder in einem vielbeachteten Aufsatz, in der „Jüdischen Rundschau“ veröffentlicht hat und mit „Untergang des deutschen Judentums?“ überschreibt (billiger tut mari’s heute nicht), so darf gesagt werden, daß Männer des gleichen Fachgebietes, und zwar ebenfalls auf Grund statistischer Berechnungen, zuganz anderen Ergebnissen. -gelangen. Solche Berechnung hier anzustellen, ist freilich nicht der Zweck der vorliegenden .Zeilen; es sei einem Fachmann Vorbehalten, in unserem Blatte demnächst Herrn Dr. Theilhaber auf seinem eigenen Felde zu schlagen. Für heute kann lediglich ganz allgemein und ohne weiteres Eingehen nun besonders auf den Theilhaberschen Aufsatz gesagt, werden, daß bei derartigen Berechnungen und Deduktionen von zionistischer Seite meist der Wunsch der Vater des Gedankensist —: der Zionismus hat nun einmal die Schaffung einer jüdischen Nation in Palästina zum Ziele. Man würde seinen Anhängern imd seinen führenden Persönlichkeiten zweifellos unrecht tun, wollte man sie beschuldigen, daß sie die Situation der Juden in Deutschland bewußt zu schwarz malen.. Andererseits ist es aber unbestreitbar, daß, zumindest unbewußt, jeder Mensch sich diejenigen Argumente heraussucht und aus den Tatsachen diejenigen’ Schlußfolgerungen zieht, die seinem Ziele dienen. Daß dieses psychologische Gesetz auch Herrn Dr. Theilhaber die Feder führt, vermag auch derjenige zu erkennen, dem die fachwissenschaftliche Qualifikation zur Nachprüfung seiner Berechnungen abgeht. Aber es ist doch wohl deutlich: Theilhaber weist nach, 3. h. er glaubt nachzuweisen, daß die Juden in Deutschland untergehen, und für diesen Nachweis stützt er sich' auf seine Statistik. Wie lautet aber das Ergebnis, das er aus seinen Berechnungen ableitet? Er formuliert es wörtlich folgendermaßen: „Für die Jaden, die für sich and ihre Familien dem drohenden Aussterben entgehen wollen, ist der Zionismus die Lösung.“ Mit Verlaub: so weit kann doch wohl auch die höchste fachwissenschaftliche Bildung nicht reichen, daß einer aus statistischem Material über die jüdische Bevölkerung in Deutschland irgend etwas abzuleiten vermöchte, was. die Zukunftsmöglichkeiten. in Palästina betrifft! Auch derjenige, der sich auf dem Gebiete der Bevölkerungspolitik in aller Bescheidenheit einen Laien nennt, vermag nicht zu glauben, daß sich aus der jüdischen Geburtenbewegung in Deutschland auch nur das Geringste entnehmen lasse über die Aufnahmefähigkeit und wirtschaftliche Entwicklung Palästinas, über die englische Palästina-Politik 'und über die arabische Nationalbewegüng. Hingegen glauben wir während der letzten Monate über die Verhältnisse in Palästina und über die Tendenz der englischen Politik genug gehört zu haben, was jeden objektiven Betrachter zu dem Schlüsse nötigt, daß der Zionismus keine Lösung ist. Und über die Aufnahmefähigkeit aller anderen Länder haben wir ebenfalls Genügendes gehört, um es als unbestreitbar feststehende Tatsache betrachten zu., müssen, daß die weitaus meisten deutschen Juden in Deutschland werden verbleiben zu müssen. Nähme die Geburtenbewegung. tatsächlich den Verlauf, den zionistische Unglückspropheten ihr prognostizieren, so wäre der einzige Schluß,, der dann noch gezogen werden könnte, der,, daß das Judentum .überhaupt keine Zukunft halte, j/tid das ist die große-Gefahr ' .aller zionistischen Schwarzmalerei^:-: um uns Palästina als' ZüEiffiTFTeuchtend zu.-macneifJ’tSum’tfem pnsden Glaubenan' einV-Ztilcunft'Tn’Tieut?cltfandv.»gfefhertn^W4rwnun,.aber,.)vie. wir bei vorurteilsloser Beträcnuu&.mdssen,-denr-G(aabrö air eine Zukunft in Palästina, so bleibt nichts als der Völlige und, grenzenlose Pessimismus. Und Pessimismus ist gerade das, was wir am wenigsten brauchen können, weil wir mit ihm das uns von außen her auferlegte Unglück nun auch von innen her vervollständigen und unwiderruflich machen würden. Deshalb: wir wollen willig an alle Statistik glauben, soweit' sie, von' Fachkundigen geordnet, das objektiv vorliegende Zahlenmaterial der Vergangenheit und Gegenwart vor uns ausbreitet; daß aber auch die Zukunft nach dieser Statistik sich richte, dies vermögen wir nicht zu glauben. Bereits von anderer Seite ist in diesen Blättern darauf hingewiesen worden, daß die deutsche Judenheit schon des öfteren infolge gesetzlicher Bestimmungen eine abnehmende Tendenz gehabt hat, daß^aber alle diese Abwärtsbewegungen überwunden wurden. Das historische Material hierzu soll in einem besonderen. Aufsatz von berufener Seite hier noch dargestellt werden,. um solcherart Statistik und Leben, Berechnung und Wirklichkeit einander gegenüberzustellen. - Man wird dann bestätigt finden, was bisher noch die ganze -jüdische Geschichte bestätigt hat: daß aller äußere Niedergang immer nur zur Erhöhungder inneren Festigkeit und damit auch zur , Befestigung des jüdischen Lebens gedient hat. Hätte der Pessimismus recht, das Judentum wäre längst hunderttausend Tode gestorben. Mit diesem Hinweis auf die jüdische Geschichte gelangen wir zugleich auf das, was diese Geschichte und ihren'äußeren Ablauf erst ermöglicht, was ihr zugrunde liegt. Diese letzte Tiefe jüdischen Seins wird gerade von denen immer vergessen, die Sachkenner aller jüdischen Oberflächenbewegung sind. Deutlicher gesagt: dem Pessimismus der Statistik ist nicht nur der Optimismus des Lebens entgegenzusetzen, sondern vor allem diejenige Kraft, die dieses Leben erst gestaltet: die Idee. Daß das Judentum eine geistige Macht ist, das-ist es, was die Schwarzseher immer vergessen, und in ihren statistischen Zahlen können sie davon freilich nichts finden. Dennoch wird der wahre Jude gerade diesen Faktor in keiner Zukunftsrechnung missen wollen, denn die Fortexistenz des Judentums würde -ja ihren Sinn verlieren, wenn diese Idee nicht wäre. Deshalb mag bei dieser Gelegenheit noch ein anderes Argument abgetan werden, mit dem man heute ganz zu Unrecht eine frühere Generation für das Unglück dieser Tage verantwortlich zu machen sucht. Das Judentum sei keine bloße Konfession — so-hört man immer sagen. Daß aber das Judentum Konfession sei, das hat noch niemals jemand behauptet, und man kann sich des. Eindrucks nicht erwehren, daß hier mit tendenziöser Absicht das kleinere Wort zur Bezeichnung der größeren Sache gewählt wird. Denn' was ist Konfession? Man spricht von mehreren Konfessionen des Christentums, aber wir sprechen von der christlichen Religiorl. Und genau so sprechen wir von der jüdischen Religion, die den einzelnen Menschen,- aber auch die Menschheit beeinflussen, durchseelen, heiligen will. Keinem, der von der christlichen Religion spricht, wird man zu erzählen wagen, was ohnehin jeder weiß: daß das Christentum nicht darin besteht; in die Kirche zu gehen. Aber unsern Glaubensgenossen meint man immer höchste Weisheit zu verkündigen, wenn man ihnen vordoziert — und fast in jeder ■Versammlung kann man es hören — „Judentum ist mehr, als - in die Synagoge gehen.“ Wahrhaftig? Und diese Binsenwahrheit sollten die Schöpfer des religiösen Liberalismus nicht gewußt haben? Wenn es zum Beispiel in ieinem Beschluß der 1805 von K. Köhler, dem späteren Direktor des Rabbinerseminars in Cincinnati, einberufenen Versammlung des amerikanischen Reformjudentums heißt: „Wir betrachten uns nicht länger als eine Nation, sondern als eine religiöse Gemeinschaft, und darum erwarten wir weder, eine Rückkehr nach Palästina, noch . . . die Wiedereinführung irgendwelcher Nützlichkeit und Idee Noch einmal Jüdisches Zentrum“ In einem Leitartikel in Nr. I befaßt sich die.„Jüdische Rundschau“ mit meinen Ausführungen über „Palästina als das jüdische Zentrum“- f„J.-l. Z.“ Nr. .3). Meine Ausführungei: werden von der „Rundschau“ weidlich mißverstanden oder mißdeutet, wenn sie mir in" den Mund legt, ichsei gegen Palästina, weil es den Juden zu vwenig Nutzen gebracht, zu wenig „gegeben" habe. Hierzu ist — für ■Gutwillige— zu bemerken: I. Ich habe nicht gefragt, was Palästina „den Juden“ gegeben habe. Palästina hat einzelnen, hat vielen Juden etwas „gegeben“, Materielles und Ideelles, — fiir gar .zu,viele ist es leider sogar die einzige Verbindung mit dem Judentum —; meine Frage aber |autcte: „Was hat Palästina dem Judentum gegeben?“ Es ist kindlich, diese Frage mit dem Hinweis zu beantworten, was „Zion“ seit Jahrtausenden dem Judentum bedeutet. Das gerade ist’s ja, was ich bestritt, daß das heutige Palästina noch Zion ist, und gerade auf. <jie Frage, was dieses heutige Palästina dem Judentum-gegeben habe, um den Anspruch erheben zu -können, Erbe von Zion zu vermisse ichjede Antwort. 2. Die „J. R.“ macht uns den V; Utilitaristen, die da-fragen, ,.dw jtonii Sollens auf“. Nfltel!ch)ceihrsfandpunkt;Tieute sich mit allen-Fi an Deutsehland' festzuklammern' und. 3 einer noch-so großen Enttäuschung willen d Generationen zu verleugnen, den Platz auf _ Gott und jüdisches Schicksal uns seit anderthalb Jahrtausenden) gestellt hat? Ist das Utilitarismus? Oder sind nlcht das die Utilitaristen, die . beim . ersten Windstoß dahin blickenj und ziehen, wo „prosperity“ wiflkt? Und noch' mehr die; welche jene Verzweiflungsstimmung schüren und — von ihren - sicheren Heimstätten in London, Paris.'und New York.aus —j dies Emigrantenelend in „neues Judentum“ umdeufen? An alte Zionisten, die bewiesen haben, daß sie für ihre Idee ein? - treten und seit Jahren in Palästina dafür kämpfen, richtet, "sich diese Frage nicht; wir verwahren .uns aber dagegen, daß man uns, die seelisch und wirtschaftlich um unsere Heimat ringen, „Nützlichkeitserwägungen“ unterlegt im Namen derer, die uns hier int Stiche ließen und vom sicheren Port aus sich ihrer frischgebackenen Ideale erfreuen. j Heinrich. Stern. Gesetze, die den -jüdischen Staat betreffen“ — glaubt man wirklich, hier sei mit religiöser Gemeinschaft nichts weiter als Betgemeinscbaft gemeint? Man möge sich überzeugen: hundertsieben Jahre später haben die - liberalen Rabbined Deutschlands in ihren vielberedeten „Richtlinien“ den Grundsatz aufgestellt: j Die von der Vorsehung bestimmte Aufgabe Israels (von einem jüdischen „Volk“ ist hier nicht die Rede*. Verf.) ist es, seine Religion in ihrer Reinheit zu bewahren und zu verkünden, 'durch die lebendige Kraft des Beispiels und der opferwilligen Hingabe zu. bezeugen und so für die Herbeiführung des Oottesreiches auf Erden zu wirken. ( Und an einer anderen Stelle dieser Richtlinien ist ausdrücklich vom Judentum als Mensch hejts re I i g ion die Rede. Wer wagt es, .hier von einer Absicht zu sprechen, die das Judentum zu einer „Konfession" in des Worteseinschränkender Bedeutung machen wolle? Ganz im Oegenteil: hier - öffnet "sich der Pfad, auf dem der einzelne Jude und auf dem' auch die -jüdische- Gemeinschaft ht die Zukunft schreitet. Denn so viel ist gewiß: die heute so beliebten zwei Fragen,- ob Individuum oder Gemeinschaft uns höher, ob Palästina oder "ob Deutschland uns näher — sie verlieren beide ihren, Sinn oder vielmehr beantworten sich von selbst ■ bei dier Entdeckung der jüdischen Idee. Erst wenn wir, statt über. Verbleib oder Wandern,-* statt über Individuum oder Gruppe - zu diskutieren, um den Gedanken des Judentums uns scharen, erst dann sind wir unserer Zukunft gewiß. Wer solcherart dem Universalismus der jüdischen Religion dient,'der steht nicht, wie es immer dargestellt wird, in Diensten einer engen Partei, sondern im Dienste aller, denn die Entwicklung der. Idee weckt den Willen zur Werbung. — „Mein Haus soucin -. ..Bethaus genannt werden für alle Völker“,- heißt: es bei Jesaja (50,7), und von diesem Missionsgedanken kann man in Baecki „Wesen des Judentums“ (S. 77 ff,)-lesen, daß keine Religion ihn so tief erfaßt hat wie dasrjudentum, da* „erst in dem universellen Gottesreich, welches.alle Menschen., umschließt, seine geschichtliche Erfüllung erblickt und et*- ' wartet“; daß das Judentum „die erste Religion war, djejjm.' Dienste einer Idee Mission trieb“,.und daß der Gedanke der: ' Mission bedeute, „daß das . Jüdische in seinem Grunde <da»> Menschliche ist“. Judentum als Nation erfaßt: das ist Dienst an einer engen Gemeinschaft und Partei^und solch Judentum

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