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Jüdisch-liberale Zeitung · 1934-01-12 · 4 (12.1.1934) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
14 (1934)
Issue
4 (12.1.1934)
Date
1934-01-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 20 Pf. 00 f 0 Nr. 4 > 14. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,36 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnementswerden bei ollen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder hflherer Gewalt besteht kein Anspruch ayf Nachlieferung oder: Rodeerstattung der. entsprechenden Bezugsgebähten. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag SehriitleituuU: George Goctz Dle^lOdlsch-llberals Zeitung“ erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin Charlottenburg 4, Mommsenstr.40.Fernruf: J 6 Blslbtrsu Sammel-Nr. 1845. - Bankverbindung:KreditvereinfOr Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24.. Postscheckkonto: Jüdisch-liberal# Zeitung, Berlin 22784. Berlin, 12. Januar 1934 Die Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Gottlose Juden? „Gäbe es keinen Gott, man müßte ihn erfinden.“ (Voltaire.) Tage der Entscheidung stellen den Menschen immer vor Gott. Entscheidung bedeutet Leiden, und die Not allein gewährt dem Menschen den Blick auf den Grund der Welt und des Lebens. Im dumpfen Gleichmaß der Stunden wird das Dasein nüchtern und als Selbstverständlichkeit empfunden und bleibt an der Oberfläche. Der .Unglückliche fragt und klagt an und. grübelt, der. Glückliche freut sich des gegenwärtigen Tages und sorgt sich nicht um Vergangenes und Zukünftiges. Es ist ein tiefes Wort, daß Not beten lehrt. Es ist nicht ein Wort des Aberglaubens,- wenn es recht : ,verstanden wird; vielmehr sagt es, daß das Leid an - die Quelle des Lebens führt, und an dieser Quelle . - und Tiefe wird Gott immer dem inneren Sinn sichtbar. So ist es beim Menschen und bei den Völkern. Alle Begeisterung, die aus der Gefahr geboren ist und bilden seelischen Widerstand bereifet, ist gottgeboren, ^i^büef-Tst-.das"echte,-das'menscblichste"Leben7nveil''der-?*y Blick auf das Ganze gerichtet ist. Der Verstand, der y große Regulator der Seele, tritt hinter der elementaren v Schau auf die Gesamtheit des'Lebens zurück. Wo das : Große und das Ganze geschaut wird, da findet man immer Gott. Die verschlungenen Wege, die uns das „Schicksal“ führt, das Auf und Ab aes Lebens,-die Erkenntnis, daß aus dem Obel auf Umwegen ein Glück und eine Läuterung des Charakters erwächst: alles dies führt den Menschen zur Demut und Ehrfurcht vor dem Sinn des Lebens. Hieraus verstehen wir die Weisheit Und Frömmigkeit des Alters, das die Gesamtschau des Lebens vollzieht. Das Alter erlebt Gott. Und der Denker, der in die Tiefe der Welt und des Menschendaseins sich versenkt und das Universum, den wunderbaren Zusammenhang alles Kleinsten und Größten, erkennt, findet Gott. Schon die Begabung des Genies nennt die Sprache Divination, göttliche Eingebung. Gott kann nur erlebt werden.'Man kann ihn nicht beweisen wie einen mathematischen Lehrsatz. Wäre dies möglich, er könnte nicht den Grund Und Halt , des Lebens bedeuten. Wir leben in Wahrheit von unbewiesenen und unbeweisbaren Gedanken. Aber es gibt höhere Beweise als die des Verstandes. Es sind die des Herzens, des Gemütes,.der seelischen Gesamthaltung. Von diesen Beweisen leben wir alle. Darum kann jeder Gott finden, und es ist die widersinnige;.-4'Unnatur des modernen Menschen, daß er Gott nicht; gesucht und darum nicht.erlebt hat. Aber dem Erleben \ des Alltagsmerischen fehlte auch trotz der Vermehrung v des Wissens alle Tiefe. Nur das Rätselndes Todes, erschüttert ihn noch. Der Tod spricht zu manchem von Gott, wenn nicht das Leben von Gott spricht. - Freilich vielfältig sind der Menschen und der Gemeinschaften Wege zu Gott. Das Altertum nahte sich dem Göttlichen auf dem Wege über, die Natur und kam zur sichtbaren Verkörperung des Unsichtbaren; denn der Weg zu Gott über das All ist immer ein Umweg und ein Irrweg. Der Ausgangspunkt des Judentums war der Mensch, und das ist der Weg des Geistes und der Sittlichkeit. Nur. hier wird :man. Gottes gewiß und erlebt ihn mit-Selbstverständlichkeit und innerlichster Gewißheit. Das ist die Art des Gotteserlebnisses der Propheten Israels, Wo das Leben im tiefsten Grunde als sittliche Aufgabe hingestellt wird, dort ist der natürliche Zugang zu Gott gegeben. Jede ethische Pflichterfüllung erhebt den Menschen über sich hinaus. Die Sittlichkeit als der Kern und Gehalt des Lebens ist das Wesen des Judentums. Aber die Quelle der Sittlichkeit liegt nicht im Menschen, sondern in Gott. Es ist der Irrtum der modernen Lebensanschauung, den1 Menschen durch sich selbst erklären zu wollen. Nichts kann durch sich selbst, sondern alles nur aus Höherem begriffen werden. Man versteht das Anorganische nur aus dem Organischen, das Tote nur aus dem Lebenden. Man versteht den Menschen nur durch Gott.- Darum heißt das Gebot der Menschenliebe: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, ich bin der Ewige.“ So bedeutet Jude sein: das Leben zunächst und vor allem unter dem sittlich-göttlichen Blickpunkt sehen und als die höchste, einzige Aufgabe erfassen. Darum ist der jüdische Mensch nie der gottlose Mensch gewesen. Jüdische Atheisten gibt es in Wirklichkeit nicht. Spinoza hat diese Bezeichnung für sich ausdrücklich abgelehnt, und Fritz Manthner, der Historiker des Atheismus, bekennt sich in der Art Spinozas zur Mystik, indem er „das eine Wort Gott“ preisgibt und in Resignation verstummt. Das völlig verweltlichte Judentum der letzten zwei Generationen, sich gestaltend nach der analogen Verweltlichung der Umwelt, wär ein Widerspruch in sich selbst. Nie kann ein jüdischer-Mensch sich an Gott gleichsam;■ desinter- - essierep,’,AveiUaich^daraiisgaghjicheinf-unheilvoUa^ Die Beerdigung -Jakob Wassermanns Das Begräbnis Jakob Wassermanns fand auf dem Friedhof von Alt-Aussee in engstem Kreise der Familienmitglieder des verstorbenen Dichters und einiger Schriftsteller, die mit ihm befreundet waren, statt Die religiöse Zeremonie wurde vom Grazer O.berrabbiner Universitätsprofessor Herzog geleitet,, der dem Verstorbenen einen warm empfundenen Nachruf 'hielt. Die gesamte österreichische Presse, auch die nationalistischen Blätter bringen spaltenlange Würdigungen des Schaffens Jakob Wassermanns. Im österreichischen Rundfunk wurde eine Vorlesung aus seinen Werken veranstaltet. Ein Jude Vizepräsident des belgischen Krisenfonds Die belgische Regierung hat Max GoltsChalk zum Vizepräsidenten des beim Ministerium für Arbeit und Industrie eingerichteten nationalen Krisenfonds ernannt. Gottschalk, eine im öffentlichen jüdischen Leben Belgiens tätige Persönlichkeit, ist auch Präsident des belgischen Hilfskomitees für die deutschen Emigranten. Rumänicher König hilft einem jüdischen Arbeitslosen König Carol //. von Rumänien hat dem seit längerer Zeit arbeitslosen Jizchak Rosenstein in Jassy einen Betrag von mehreren 1000 Lei überwiesen. Rosenstein hatte sich vor etwa einer Woche mit einem Hilfegesuch an den König gewandt, und diesem ein künstlerisch geschnitztes Holzei, das er in seiner unfreiwilligen Mußezeit angefertigt hatte, als Geschenk zugesandt. Massenaustreibung von Juden aus Afghanistan Tausende von Juden wandern durch die Wüste Beim Joint Foreign Committee, der von der Anglo Jewish Association und 'dem Jewish Board of Deputies gemeinsam gebildeten Kommission zur Behandlung auswärtiger jüdischer Angelegenheiten, sind aus Afghanistan alarmierende Meldungen eingelaufen, denen zu entnehmen ist, daß aus' den afghanischen Grenzstädten Mazär, Ankohi, Maimana u. a. m. etwa 2000 eingeborene Juden von den afghanischen Behörden vertrieben wurden. Die Vertriebenen wandern jetzt durch die Wüste und befinden sich in einer verzweifelten Lage. Wie derii Joint Foreign Committee weiter mitgeteilt wird, ist auch die Lage von etwa 1600 in Afghanistan lebenden russischen Juden, die während der Nachkriegswirren nach Afghanistan flohen, außerordentlich kritisch; sie müssen jetzt nach Rußland zurückkehren. Aus dem von russischen Juden in Afghanistan an das Joint Foreign Committee gesandten Telegramm geht nicht klar hervor, ob eine antijüdische Maßnahme der afghanischen Regierung oder ob wirtschaftliche Schwierigkeiten die russischen Juden zur Flucht aus Afghanistan veranlassen. falsche Orientierung am Leben und an der Welt ergibt. Und eine jüdische Bewegung, die das Bekenntnis zu Gott gleichsam zur Privatsache erklärt und das Juden-- tum prinzipiell säkularisiert, ist immer auf dem Irrweg. Der unvergeßliche Moritz Lazarus .hat das Wort ge- .prägt: „Die gesamte jüdische Weltanschauung kann nicht gedacht werden ohne Gott; so wenig wie unsere physische Welt gedacht werden kann ohne Sonne.“ Darum kann "die Umkehr, die die Wende der Zeit von uns fordert, nur im erneuten Bewußtwerden des religiösen Judentums liegen. So ist es auch immer der jüdische Weg, die Geschichte der Judenheit gewesen. Wer das Leben einzig unter dem Gesichtspunkt des Sittlichen vollbringt, der.hat auch das Verständnis für-Geschichte, für das Leben der Menschheit und. seiner religiösen - Gemeinschaft. Und die Geschichte detjudenheit trägtfreilich-ein Siegel, das notwendig den Weg zu. Cjott i . bedeutet; .das Leiden. \Vie^k|,infrM<P^%jwtW]CT£ft^. Judentum begleitet. -Aber denyjüqiacfie; Mtwcn^haF^ das jüdische Leid nicht mit stumpfer Resignation ' und nicht mit passiver Unterwerfung unter diese geschichtliche Tatsache des»Judenhasses auf sidt-genommen und getragen, sondern mit innerer Aktivität gegen den Untergang sich gewehrt.- Der jüdische Genius hat zu allem Leid und zu seinem Weg als Gottesknecht das. große Ja und Dennoch gesagt^ Er hat wahrhaft durch seine sittliche' Tapferkeit“den Beweis für das Dasein Gottes geliefert. Und ah dem Rätsel der unerschütterten Existenz des Judentums kann die Welt immer erneut den Glauben an dgs Göttliche, an den Sinn des Menschheitslebens sich * erringen. Der Bestand des. Judentums bedeutet den- . Sieg des Optimismus, der das Leiden überwindet, weil er an die ewige sittliche Aufgabe des Menschen glaubt. Der Pessimismus leugnet Gott, und weil der moderne Mensch trotz seines rastlosen Fortschreitens im tiefsten Grunde unbewußt pessimistisch war, lebte_er ohne Gott. Der Pessimist ist der einzige, wahre Atheist. Das-Erbe der jüdischen Seele ist wie das Bewußtsein von der sittlichen Aufgabe des Menschenlebens die. weltoffene, notgestählte Bejahung des Daseins. Und wie der Mensch des Unglücks durch . die Hoffnung von der Zukunft lebt und die leidvolle Gegenwart durch dieses Hinausblicken über' die Stunde überwindet, -so ist der Jude der zukunfts- "" trunkene, der messianische Mensch. Er lebt in seinen Gedanken in langen Zeiträumen, er denkt in Jahrhunderten und verbindet die Zeiten, die gewesen sind, mit denen, die kommen werden. -Er gibt der Geschichteeinen ewigen Sinn als einer Offenbarung Gottes und weiß mit innerlicher Gewißheit, daß alles Leid," auch, alle jüdische Not ein glückliches Ende '. haben wird. Der sichtbare Ausdruck für diese' beiden Elemente - des jüdischen Gotteserlebnjsses ist die jüdische Familie. Ihren unendlichen Wert in ihrer spezifischen Eigenart haben nichtjüdisehe Menschen oft anerkannt und bewundert. Der Jude hat es immer empfunden, daß in ihr die Wurzeln seiner ganzen, konzentrierten, seelischen und sittlichen und religiösen Kraft liegen. In der Familie, Und in der jüdischen zumal,-gilt nur das Ethos. Kein anderer Orientierungspunkt darf sich hier einnisten. Der Zusammenhang der Menschen dieses intimsten Kreises wird nicht vom Verstand und vom Nutzen beherrscht. Das Lebenselement der Familie ist die Welt des Gemütes, der Stimmung, der Innerlichkeit. Und das ist der Boden der Frömmigkeit. Wo.keine Familie ist, da istuicht Gott in Wahrheit. Wer nicht im tiefsten hier wurzelt, hat das Leben nicht verstanden. Nur in der Familie kann man Tag um Tag das Gutsein lernen. Allein in ihr kann jüdische Religion erlebt werden. Daher kommt der

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