Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 37 (27.12.1933)
- Date
- 1933-12-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 20 Pt gfirbeittlcftes gwbewtum ttttfr tcligidit Mul bau Nr. 37 --— . r - 13. Jahrgang' Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonne- ' mente werden bei allen Postämtern angenom¬ Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verl Schrittleitung: George Goctz 1 Die, Jüdisch-liberale Zeitung" «rschelntDIens. tags und Freitags. - Redaktion und stells: Berlin-Charlottenburg 4. Mommsenstr 40. — Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankvorblndung:Kredltvereln»Or Handel und Gewerbe e.G.m.b.H.. Berjln N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 22764.. men. — Anzeigen nadi Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Ansprudi auf Nachlieferung oder Rückerstattung der. entsprechenden Bezugsaebühren. Berlin, 27. Dezember 1933 Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das e i n z i g e Blatt deutsch-jüdischer Richtung, daweimal wöchentlich erscheint Kardinal Faulhaber — Altes Testament — Allergrößtes Aufsehen hat in der allgemeinen wie in der jüdischen Öffentlichkeit die dritte Adventspredigt hervorgerufen, die der Kardinal Faulhaber in München gehalten hat. Recht und Moral im Alten Testament bildeten das Thema dieser Predigt, und es ’ ist nur allzu selbstverständlich, daß die Würdigung, die unsere Heilige Schrift durch einen so hohen Kirchenfürsten erfährt, auch in jüdischen Kreisen ein .lebhaftes Echo erweckt. Es soll auch hier auf diesen - Gesichtspunkt ausführlich eingegangen werden. Doch '.scheint es uns zuvor vonnöten, von einem noch al|- . gemeineren -Standpunkt aus unserer Freude über diese -^Rsde.'urid, £bcr das Echoj tdas.sie.gefunden, Ausdruck, ■zu geben. Es wird gemeldet, ’ daß" die "Münchener Michaeliskirche überfüllt war, ebenso auch eine Anzahl anderer Kirchen, in die die Predigt durch Lautsprecher übertragen wurde: Die allermodemste Technik, Leistung und Ausdruck des 20. Jahrhunderts, stellt sich in den Dienst der Religion, und die Menschen eben dieses Jahrhunderts strömen wieder in Massen in die Häuser der Religion. Und schließlich: das Wort der Religion spricht zu diesen Massen über. Fragen ihres Lebens, ihrer Wirklichkeit. Dreifach ist es also bezeugt, daß Religion und Leben einander wiedergefunden haben; das muß von den Anhängern aller Religionen als eine glückliche Tatsache begrüßt werden. Spricht die- Religion zum Leben, so beginnt dieses Leben wieder heilig zu werden. Wir Juden haben kein Recht, der Gesamtheit des deutschen Volkes zu sagen, wie es'sein und leben solle; aber als Glieder des deutschen Volkes glauben wir doch, es kann uns dicht verwehrt werden, unserer Freude darüber Ausdruck zu verleihen, daß religiöse Fragen wieder überall im Mittelpunkte stehen, so daß in der Tat vom Beginn einer religiösen Renaissance gesprochen werden kann. Bei der Verwandtschaft aller echten Religionen und bei der besonderen Verwandtschaft zwischen Judentum und Christentum kann es nicht äusbleiben, daß solche religiöse Wiedergeburt auch die so leidvoll gestörte Verständigung zwischen den jüdischen und christlichen Deutschen herbeiführen wird. Auch unter uns Juden hat ja unter dem Druck der Ereignisse eine Wiederbelebung jüdischer Religiosität eingesetzt; und sind unsere verantwortlichen jüdischen Stellen, die Führer der Gemeinden, der Organisationen und die Rabbiner nur darauf bedacht, daß das neu erwachte „Interesse für'das Judentum“ in die richtigen Bahnen .gelenkt werde, d. h. daß das wirkliche Judentum, das Judentum iles Geistes gesucht und gefunden wird, so wird auch unter uns anstelle des allzu oft vorhandenen Philisteriums und bürgerlicher Säturiertheit nunmehr Neuheiligung und damit Neuordnung, Neugestaltung unseres Lehens platzgreifen — es kann nicht ausbleiben, daß solcherart geläuterte Menschen verschiedener; aber doch verwandter Konfessionen einander finden und zu einträchtigem Leben miteinander gelangen. Kein Zweifel: die geistigen Erkenntnisse müssen sich praktisch guswirken. Sie gewinnen Macht über die Herzen,- über jeden einzelnen Menschen und damit auch über die Gesamtheit. Was wäre das Wort der Religion, wenn es nicht solcherart praktisch werden •wollte? Auf Heiligung des Lebens zielen daher auch diejenigen Ausführungen,, die sich scheinbar, wirklich nur scheinbar mit theoretischen Fragen befassen. Die 'vielfachen Anfeindungen, denen heute das Alte-Testament ausgesetzt ist, sind ja auch keineswegs nur theoretisch gemeint, und so ist es für die Gesamtheit des deutschen^ Volk.es wie -auch für uns jüdische Deutsche von größter Bedeutung, die Rechts- und Morallehren des Alten Testaments von einer so hohen Stelle au? in einer Weise gewürdigt zu sehen, die, bei aller Aufrechterhaltung des Unterschiedes zwischen Christentum und Judentum, doch unserer Auffassung über die sittliche Höhe des Alten Testamentes außerordentlich verwandt ist. Die soziale Gesetzgebung des Alten'Testaments — so führte Kardinal Faulhaber aus — enthalte vielfach Grund- -sätze, wie sie erst in den. modernsten Sozialgesetzen verwirklicht wurden. So sei etwa die Armerjiflege bereits durch die Biöet letiöt^nT^irschrctbe^ür,-jtäctilBaraui ileUTclUtÜft in den Weinbergen und auf den Qlbäumeri den Armen' zu' überlassen und ihnen alle drei Jahje den zehnten Teil der Ernte vor die Haustür niederzulegen. Das christliche Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ sei nicht erst von Christus aufgestellt, sondern von ihm aus . dem mosaischen Gesetzbuch übernommen worden. Das mosaische Gesetz ordne den einzelnen Menschen in das Staatsganze ein, aber es statuiere auch das Recht eines jeden auf persönliche Freiheit, auch dem Staat und den Großen des Staates gegenüber. Besonders charakteristisch sei das mosaische Arbeitsrecht: „Du sollst den verdienten Lohn nicht in der Hand behalten bis zinn anderen Morgen.“ Damit verkünde die Heilige Schrift die sittliche Würde der Arbeit bereits zu einer Zeit, in der sonst überall nur Sklavenarbeit bekannt war, und rage so über die Gesetzgebung aller anderen Völker des Altertums hinaus. In der Rechtspflege verbietet das Alte Testament bereits ausdrücklich jede Rechtsungieichheit vor Gericht, etwa zu ungunsten des Armen, nur weil er arnt sei. Gerechtigkeit erhöhe ein Volk, aber Ungerechtigkeit sei das Verderben der Völker. Niemand solle sich scheuen, die Wahrheit zu sagen; auch den Großen ihrer Zeit, den Königen und Priestern hätten die Propheten scharfe Worte mitten ins Gesicht gesagt, wenn sie die Gerechtigkeit vernachlässigt hätten: — Unter besonderen Schutz stelje das mosaische Gesetz die Fremden und Armen, Witwen und Waisen. , Vielfache Anklänge an modernes soziales Empfinden weise das mosaische Gesetz auch in seinen Bestimmungen gegen wucherische Tendenzen des Großgrundbesitzes auf. Auch die Art, in der das mosaische Gesetz gegen Zinskncdschaft und Wucherzins SteUung nnnmt. " durcaus nicht fremd an: nur vom Fremden, \ol"f Hani.-lsma.in etwa, war Zins zu nehmen Rcs>t.intt und z-war nuf, wenn das Darlehen gegeben war, um < leschaftc zu „ matltn. nicht um einen Notstand zu beheben. c I-Aus seinen Ausführungen zog der Kardinal die Schl^- folarung daß jedes soziale Unrecht nur auf dem an Älaubei basieren Mm». jede Recht» -md Oesel^ schalfsordnung könne nur dann Bestand haben X' Kardinal^ den Qnmdgeboten vom Sinai fuße. Darum “•*» in' dfeer mosaischen Gesetzgebung ^h n cht Geisfi des Volkes Israel, sondern «ne Eingebung des C>iste*>! Gottes,: die Inspiration des Heilige^ Ofhtes.^;g<*^l«:.,r kein«. Wahl '•. fentweder müsse mim.»it,4i^ In*£ij2^SuaSaMMB oder» der, .vorchristlichen Juden" sehen "lind ' Es dürfte keinen Juden geben, der beim Lesen dieser Predigt.(bei deren Wiedergabe wir dem Bericht des „Berliner Tageblattes“ gefolgt sind) nicht Genugtuung empfände. Und doch ist jinsern .Glaubensgenossen anzuraten, was schon bei ähnlicher Gelegenheit hier gesagt wurde: es darf niemand glauben, diese Predigt und alle mit ihr zusammenhängenden Fragen seien das, was man in profaner Sprechweise eine „jüdische Angelegenheit“ nennt. Als vor kurzem der evangelische Reichsbischof Ludwig Müller sich mitder Autorität seiner Persönlichkeit und seines Amtes gegen die Angriffe auf die Autorität der Bibel einsetzte, .schrieben wir, er tue dies- „als evangelischer Christ, für den das Alte.Testament ein Fundament des christlichen Glaubens ist und lediglich in Verbindung mit dem Neuen besteht“. Das trifft auch für den katholischen Kardinal zu, den sicherlich ausschließlich, christliche Gesichtspunkte dazH veranlassen, für die Autorität der Bibel .einzutreten •— „der Bibel“, d. h. für ihn der Bibel beider Testamente, und wenn in der Predigt vorwiegend nur vom Alten Testament die Rede war, so deshalb, weil dieses Gegenstand von Anfeindungen ttnd Angriffen ist. Und dennoch, so wenig es sich hier .um eine' iiiiiiiiiiiiiiMiimpiMmiuiHimmiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiimiMiiNiiiiiiiiiiiimiuimiiiipmiiiiNiMiiiiiiiiiiiiiiiu^ Die Lage der jüdischen Arbeitnehmer Die Reichsvertretung der deutschen Juden teilt mit.: Unmittelbarnach -Ausschluß der jüdischen Arbeitnehmer aus den Angestelltenverbänden haben die großen jüdischen Organisationen — Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Reichsbundjüdischer Frontsoldaten und Zionistische Vereinigung für Deutschland —■ gemeinsam mit der Wirtschaftsstelle der Berliner Jüdischen Gemeinde hei der R e i c h s v e r t r e l u i: g der deutschen Juden einen Ausschuß gebildet, um alle Möglichkeiten zur Bildung einer jüdischen Arbeitnehmerorganis.ition gemeinsam zu verfolgen. In der ersten Sitzung des um einige Einzelpersönlrelikeiten erweiterten Ausschusses wurde die Lage der jüdischen* Arbeitnehmer ausführlich erörtert. Es bestand Übereinstim-* inung darüber, daß im Augenblick die Gründung einer besonderen 'Arbeitnehmerorganisation nicht’'in Betracht gezogen werden kann, daß vielmehr die 'weitere Entwicklung der Deutschen Arbeitsfront zunächst abgewartet werden muß. Diese abwartende Haltung in der Organisationsfrage schließt aber keineswegs aus, daß alle Maßnahmen getroffen werden, die geeignet sind, die Lage der jüdischen Arbeitnehmer zu verbessern. Hierzu gehören; Kechtsberatung, Rechtsschutz und Rechtsvertretung, Sicherung der vorhandenen Arbeitsplätze, Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten für die Erwerbslosen sowie Umschulung derjenigen, die in ihren bisherigen Berufen nicht verbleiben können. Die Tätigkeit des Arbeitsnachweises fand bei der Besprechung besonderes Interesse. Es wurde beschlossen, die nächste Zusammenkunft ausschließlich der Frage der Arbeitsvermittlung niicl Arbeitsbeschaffung zu widmen. In den größeren jüdischen Gemeinden mit erheblicher Arbeitnehmer« zahl sollen ähnliche Ausschüsse unter Mitwirkung der Reichs- Vertretung gebildet werden. Zur Unterrichtung der jüdischen Arbeitnehmerschaft, insbesondere auch der Erwerbslosen, sollen zu Beginn .des nächsten Jahres Zusammenkünfte mit einem-größeren Kreis von Arbeitnehmern, stattfinden. Auch in England? Englischer Automobilcliib nimmt keine Juden mehr auf E» mehren.sich die Meldungen'von Ereignissen in England, die bedenklich stimmen müssen. Vor längerer Zeit hörte man zum ersten Mal von der Schändung eines jüdischen Friedhofs, vor kurzem von der einer Synagoge. Auf einem ganz anderen Gebiete, nämlich auf dem des gesellschaftlichen Antisemitismus, liegt 'eine TU-Mcldung aus London, die wir . dem '„Hamburger Tageblatt" vom l'J. Dezember entnehmen, und die folgenden Wortlaut hat: Einer der größten Automobilcluhs der englischen Provinz, de- „Middlesborough and Districts Club“ hat mit großer Mehrheit beschlossen, in Zukunft keine Juden mehr m den Klub aufzunehmen. Sechs jüdische Klubmitglieder werden voraussichtlich freiwillig austreten.