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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-12-19 · 35 (19.12.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
35 (19.12.1933)
Date
1933-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 20 Pf. ‘ gäc&eutf^tö^^beiüumunbveI^töfeit%i|bou Nr. 35 ___'__13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich - Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. - Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder - Rückerstattung der entsprechenden Bezugsaebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schl iitleituno: George Goetz Die „Jüdisch-liberale Zeitung” erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charloitenburg 4, Mommsanstr.40. — Fernruf: J 6 Blolbtreu Sammel-Nr. 1545. -.Bankverbindu ng; Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlln‘22764. Berlin, 19. Dezember 1933 1 1 ■ - J Pie Jüdisch-liberale Zeitung" ist das einxige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wSchentlidi erscheint „Juden am Rande“ Zu dem Buche „Wir Juden“ von Joachim Prinz Von Rabbiner Dr. S. Samuel Man hat gesagt, man müsse Dr. Prinz’ so glänzend geschriebene und aufrüttelnde Werbeschrift (Verlag Erich Reiß, Berlin) von rückwärts lesen, weil der letzte Abschnitt „Der Gang in die Wirklichkeit” ein positives Programm für unsere Situation-aufstellt, das eine Diskussionsbasis abgeben könne, der mittlere Teil „Der Blick zurück“ dagegen nur eine temperamentvolle, poetische ‘ Zusammenschall der - gesamten jüdischen Geschichte sei. Uns scheint der erste Abschnitt der bei weitem wichtigste. Zum anständigen Neuanfang muß sich-vor allem die Jugend aufgerufen fühlen; von der historischen Rhapsodie gilt: „Die Kinder, sie hören es gerne“, und auch wir- Älteren entsagen keineswegs der Dichtung. Das’ Kapitel „J u d e n a m Ran d e“ ist dagegen eine, leidenschaftliche Anklage, ein einziges J’äccuse. Gegen,diese jcfcTl-lajjjsi-rtie .eirh. al!erdRigK>anr. ,der,jm.,yjudaufidetiiÄkfüre^. kenntlich werdenden national-jüdischen Denkweise ihres Verfassers erklärt, erheben wir entschiedenen Widerspruch. Wir sind dem Worte von dem Juden am Rande früher bei Josef Kastein begegnet. Er nannte ihn „den eigentlichen Gegner; er will Judentum nur als zusätzlichen Lebensraum, kein betont jüdisch-schöpferisches Leben“.. Ebenso Prinz. Für ihn sind „wir Juden“ seit der Emanzipation und der Aufnahme in die liberalen (?) Staaten des 19. Jahrhunderts an den Rand des Lebens geschleudert worden „in Gesellschaft, Bildung, Religion“. Er verurteilt die aus unserer Unsicherheit entsprungene „Anonymität“, die er Maske, Schlupfwinkel, Seitenstraße nennt. Er ruft uns zu: „Juden an die Front!“ Er bedenkt nicht, daß Anonymität (von der auch wir kein Freund Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnements - Quittung für lanuar. — Nur.pünktliche Einlösung sichert regelmäßige Zustellung der „JOdisdiliberalen Zeifang“ sind) mangelnden Mut beweisen kann, aber nicht muß'. Auch Nichtjuden und Zionisten (z. B. Nordau) wählten aus ernsten Gründen Fremdnämen. Prinz .kennt den Zufalls-Ursprung vieler unserer Hausnamen. Aber er möchte uns nicht nur in ein heilsames -Muß-Judentum zwängen, sondern auch den dümmsten Zufall heilig sprechen. Auch amor fati macht blind. Ungerecht ' ist das Wort vom ■ Randjuden' gegenüber unserer Orthodoxie. Ganz gleich, wie. wir zu ihr stehen: den Menschen um S. R. Hirsch, Esriel Hildesheimer oder Wolf Feilchenfeld vorwerfen, daß ihr Judentum nicht im Zentrum ihres Lebens, ihres Denkens und Handelns gestanden hätte, ist verfehlt. Und wir haben heute Kreise um Jakob Rosenheim und Josef Carlebach, von denen’ das gleiche gilt. Ungerecht ist der Vorwurf aber auch gegen die zahlreichen; Gemeinden, in denen ein bewußt historisches und konservatives Judentum ununterbrochen gepflegt wurde. Wir nennen hier statt vieler nur den Namen Zacharias Frankel, weil er ein Programm bedeutet. Aber auch gegen uns Religiös- Liberale, die wir allerdings üm die Mitte des vorigen Jahrhunderts den Ton in den Gemeinden angaben, muß das Wort vom Randjuden stumpf werden, wenn wir erfahren, daß Prinz, die Notwendigkeit einer gewissen religiösen. Reform, einer- Lockerung des Ritualismus, eines Umbaus unseres Gemeindelebens zugibt. Er erkennt an, daß unser religiöser Liberalismus Tausende vor der Taufe bewahrt habe; wenngleich cs ihm nicht gelungen sei, die Synagogen zu füllen und der Mischehe oder Austritten aus dem Judentum zu steuern. Die schweren Verluste an Menschen, die, uns die beiden Taufperioden der Epoche verursacht haben, sind also zumindest wettgemacht. Prinz beklagt aber noch mehr die Passiv-Bilanz der Geister; den Verlust an „Judensubstanz“. Mit welchem Rechte? Glaubte er auch nur entfernt an eine Autarkie jüdischer Kultur inmitten einer nichtjüdischen, daun müßte er eine solche nicht nur im Heiligen Lande, sondern überall fordern. Horcht man genauer hin, so ist davon keine Rede. Ünd damit niemand darauf komme, erfahren wir von - der Weltoffenheit des Ghettos Erstaunliches. Wenn Prinz aber iiuri^jüdiaic^nesjdiichl& ,jvc.ht-a! Wdepne^. LjtSSatltfigesebichte auffaßt, muß er doch zugeben, daß die von ihm gerühmten Leistungen des mittelalterlichen Judentums (Talmud, Codices, Philosophie und Poesie) überall anders als im Ghetto' entstanden. Hier entstanden außer Buß- und Klageliedern fast nichts als Scholien über Scholien. Dagegen hat das Judentum der Emanzipationsepoche in Deutschland den herrlichen Baum der Wissenschaft des Judentums gep fiairzt, und die vielgesclunähte liberale Aera hat ihn zur Blüte gebracht. Der gelehrte Chacham der portugiesischen Gemeinde zu London, Dr. Moses Gaster, hat mir noch vor wenigen Jahren, als wir unsere Sorgen über die Zukunft der deutschen Juden austauschten, den Trost entgegenhalten: in jüdischer Wissenschaft steht ihr auf dem Kontinent noch immer in vorderster Reihe. Auch Prinz kann nicht erwarten, daß unsere Kaufleute, Arzte und Anwälte Bibelleser, Geschichtskenner und Talmudforscher seien. Aber ein so völliges Versagen unserer religiösen Jugendbildung, wie er es schlankweg behauptet. Juden als Testamentsvollstrecker zugelassen Durch Beschluß des Kammergerichts (Ib. X 013 ii vom 23. 11. 1933) wurde eine Entscheidung des Landgerichts Berlin aufgehoben, durch die die Entlassung eines Testamentsvollstreckers aus dem Amt wegen nichtarischer Abstammung verfügt worden war. Die Entscheidung war damit begründet worden, daß der Testamentsvollstrecker als ein Organ 'der Rechtspflege zu gelten habe, die in der Regel nur von Ariern auszuüben sei. Grundgesetz des neuen Staates sei die Ausschaltung aller Fremdrassigen aus Ämtern und Funktionen, deren Träger über Wohl und Wehe deutscher Menschen z befinden habe. Das Kammergericht begründete die Aul hebung dieser Entscheidung damit, daß der Testaments Vollstrecker nicht Organ der Rechtspflege sei, sondern nur i einem auftragsähnlichen Verhältnis zivilrechtlichen Charakters zurii Erben stehe. Auch lasse sich aus den Gesetzen zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und über die -Zulassung zur Rechtsanwaltschaft, die weitgehende Ausnahmen zulassen, nicht der Grundsatz des Gesetzgebers herauslesen, daß einem Arier nicht zugemutet werden könne, in seiner Angelegenheit von einem Nichtarier Entscheidungen treffen zu lassen. Die Gesetze heben vielmehr ausdrücklich hervor, daß die bei Ablauf ihrer Geltung in ihrem Amt oder Beruf verbleibenden Personen die vollen Rechte ihrer Stellung genießen .und Anspruch auf die ihnen als Beamten oder Angehörigen ihrer Standesgemeinschaft zukommenden Achtung haben- Im Einzelfall sei zu prüfen, ob die Rassenverschiedenheit zwischen Erben und Testamentsvollstrecker unter besonderen Umständen die ordnungsgemäße Abwicklung der Nachlaßgeschäfte gefährde und zu Unzuträglichkeiten führe und damit nach allgemeinen Gesichtspunkten nach $ 2227 BGB. einen wichtigen Grund zur Entlassung des Testamentsvollstreckers geben könne. Einzelaktionen gegen jüdische Geschäfte verboten Wie das in Wriezen erscheinende „Oberbarnimsche Wochenblatt“ mitteilt, hat der Treuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Brandenburg in einem Schreiben an - die Wriezener Polizeiverwaltung eindringlich darauf hingewiesen, daß Einzelaktionen gegen jüdische Geschäfte, Filialgeschäfte und dergleichen unerwünscht und unzulässig sind. „Der Betätigungsdrang allzu eifriger neuer oder jugendlicher Partei- Ein schweres Wort isf auch das vom „Verrat an der Bibel“. Es verstand sich vielmehr ganz von selbst, daß wir und die Bibel, das sogen. Alte Testament, ziisammcngehürtcu. Vom Talmud, von den Codices,- von der Autonomie der Rabbiuen suchten wir die gebotene Distanz zu gewinnen. Es gehörte ein großes Vertrauen in die Lebenskraft des Judentums dazu, die Riegel zu lockern, die das wetterfeste Gebäude des Rahbinismus zusammciihieltcii, neue Formen für den ewigen Gehalt zu finden. Die Arbeiten eines Zunz, Geiger, Frankel, Graetz, Joel und vieler anderer, die-uns die Perspektiven für das jüdische Mittelalter schufen, waren positive Leistungen einer geistigen Wiedergeburt. Aber die Bibel? Sie war uns trotz.allein in suceuin et sagiiiuem ubergegangen, und das liberalste Zeitalter des Judentums, das es je gegelien hat, zeigte die wunderliche Paradoxie, daß die Bibel, je weniger sie studiert wurde, desto unbestrittener m Ehren stand. Wir können es heute nicht mehr' bedauern, daß die Schul« Stade-Wellhausen ihre literarische Kritik so Schonung*- den geübt hat, wie es dem liberalsten jüdischen Forschtjr kaum möglich gewesen wäre. Die Besinnung ist nicht ausgeblieben. An der Wiederherstellung der biblischen Wahrheit haben außer christlichen Gelehrten auch jüdische verschiedener Richtung, ein David Hoffmauu ebenso wie Heimo Jacob, teifgcnommeii, und die .Wiedererweckung der biblischen Propheten durch christliche Gelehrte wurde nirgends freudiger begrüßt als im liberalen Judentum. Zu „Juden am Rande“ hätte die Emanzipation, die Prinz aus der „Lüge der französischen Revolution“ ableitet uiid einen „gegenseitigen Betrug“ nennt, auch dadurch gemacht, daß sie uns der liberalen Hürgerscliicht eingliederte, vielen Berufen dagegen, insbesondere der Landwirtschaft, feriihiell. Ju-it Jahren hallen wir erkannt, daß unsere soziologische Struktur eine ungesunde war. und Anstrengungen zur Besserung unternommen. In politischer trvcn Gefühl im nationalen Lager, wie die l.asker. Uambcrger. Illeichröder u. v.!a. bezeugen. Erst als die soziale Oesetzmitglieder“, heißt engsten und Andernfalls Anordnungen des Führ teil Mitarbeiter ihm i; nicht ausgeschlossen, dieser Art beschäftige eiitgegensieheir. Marktverbot für Juden unzulässig Im Amtsblatt des Bezirksamts llersbruck wird bekamitgegeben: „Es besteht Veranlassung, erneut darauf hinzuweisen, daß gemeindliche Beschlüsse, nach denen Juden allgemein zu Messen und Märkten nicht zugelassen werden, dem bisher nicht aufgehoheneu Grundsatz der Marktfreiheit (!) 0-1 KüO), nach dem der Besuch von Messen, Jahr- und Woehenmärkten, sowie der Kauf und Verkauf auf demselben einem jeden mit gleichen Befugnissen freistclit, widersprechen uiul deshalb S.-SL-1/licli unzulässig sind, hie stehen außerdem im direkten egeusatz zu den strikten Weisungen des Führers, jede “Beunruhigung. in der Wirtschaft durch irgendwelche Eingriffe zu vermeiden. Soweit derartige Beschlüsse noch bestehen, sind sie sofort aufzuheben. Ein allgemeiner Ausschluß jüdischer Geschäftsleute aus Gründen der öffentlichen Ruhe und Sicherheit läßt sich heute keinesfalls rechtfertigen. Derartige Gesichtspunkte dürfen drücklichcn -Anordnungen der Reichs- und Staatsregierung zu Weihnachisdekoration in allen Geschäften notwendig Der Pressedienst des Einzelhandels hat folgende Mitteilung veröffentlicht: „Aus Kreisen des Reichswi.rtschaftsministeriums wird darauf-hingewiesen, daß die Verhinderung der üblichen Weihnachtsdekoration nichtarischer Geschäfte deshalb als abwegig bezeichnet werden muß, weil dadurch der Absatz deutscher Erzeugnisse gestört werden könnte. Ein möglichst reibungsloser Absatz gerade vor Weihnachten ist geeignet, der Arbeitslosigkeit im Winter entgegenzuwirken. Um einen starken Einkauf der Verbraucher vor-Weihnachten zu erreichen, ist ,(jic übliche Weihnachtsdekoratioir in allen Einzelhandt-Isgcschä.ften notwendig." - -

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