Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 34 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 20 Pf. Nr. 34 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM, zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnementsverden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder hfiherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugs- - gebühren.■ ' Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schliitk-itllMO: Gt-OI'gO Ciltctz ~ Berlin, 15. Dezember 1933 " Dle„J0dlsch-llberaleZeltuna,*erschelntDlenstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.4ü. — Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammsl-Nr. 1545. - Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin 22784. Die „Jfidisdi-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Praktische Aufgaben beherrschen Jen Tag, beherrschen insbesondere'unseren Tag, unser Leben. Wie ordnen wir uns ein in die neuen Bedin- ' gungen? Wie finden wir uns ab mit den Einschränkungen, die jedem von uns auferlegt wurden? Wie helfen wir den Zahllosen, unter uns, die ihre Existenz verloren? Und vor allem: was tun wir für unsere Jugend, für unsere Kinder? Alle diese Fragen wollen beantwortet, alle Probleme gelöst,, alle Schwierigkeiten überwunden werden. Eine Unsumme von Ar-' beit muß geleistet werden. Wohl fühlen wir, daß all diesen äußeren Ereignissen und Notwendigkeiten letzte geistige Gegebenheiten zugrunde liegen; aber die wenigsten nur finden im Drange der Not oder im Wichtiger Hinweis: Zwischen dem 15. und 25. Dezem- W^t-t^Bfießräger^dte^^rnementsquittung für den Monat lanua'r in Höhe von Mk. 1,35 zuzüglich Post-Bestellgebiihr vor. Nur pünktliche Einlösung sichert den Weiterbezug der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. Drängen der Arbeit Zeit, diesen geistigen Dingen sich zuzuwenden; und gar Feste zu fejern, will niemand die Muße aufbringen. In unsern Häusern' herrscht Sorge, Festlichte scheinen da manchem wie Luxus. Und .dodi... - . Und doch geschieht in diesen Tagen etwas, was wir seit vielen Generationen nicht gehabt haben: in zahllosen Familien, die vom Judentum nichts gewußt und nichts gewollt haben, wird der Versuch gemacht, aufs Neue an jüdische Werte und jüdische Formen anzuknüpfen. Das ist nicht leicht; und so bleibt es eine der größten Aufgaben aller jüdischen Stellen, der Gemeinden, der Organisationen und der Presse, die Zurückstrebenden derart anzuleiten, daß sie den Zugang finden und juden werden, nicht weil ein äußeres Band sie zusammenschließt,' .sondern weil neues Erkennen und. neues Wollen sie erfüllt. Zu solcher Anleitung bildet ein jedes jüdische Fest bei seinem Nahen den äußeren Anlaß. Aber gerade das Chanukkahfest will in seinem Sinn und .Wert richtig erkannt werden. Denn die landläufige Deutung, die aus dem Fest der Tempelweihe ein Makkabäerfest machen will, vermag dem Herzen geistig Suchender nicht allzu viel zu geben, 'auch verkennt und verengt sie sowohl den Charakter dieses Festes als auch, ganz allgemein den Charakter des Judentums. Gewiß, die Festerzählung schildert kriegerische. Ereignisse und politische Verwicklungen. Aber man soll doch nicht vergessen, daß mit alleiniger Ausnahme des Neujahrfestes und des Versöhnungstages — der „hochheiligen ‘Feste“ also — die sämtlichen jüdischen Feiertage an Ereignisse aus der nationalen Geschichte Israels anknüpfen. Aber alle diese nationalen Geschehnisse bleiben Hintergrund: Peßach ist nicht das Fest der nationalen Befreiung aus Aegypten; sondern das Geburtsfest der jüdischen Religion, Schabuoth, das Wochenfest, ist eindeutig das . Fest der religiösen Offenbarung, und wenn diese auch dem alten Volke Israel zuteil wurde, so ist ihre Feier doch niemals in einem anderen Sinne erfolgt als mit den konzentriertesten Gedanken an die universale Bedeutung des Sinaiwortes für die ganze Menschheit. Auch Sukkoth, das Laubhüttenfest, mit seinem Hinweis auf die Gotteshut, in deren Schutz Israel durch die Wüste zog, trägt unleugbar religiösen Charakter. Vom' Purimfest und sogar vom Neunten Ab muß das'gleiche gesagt werden. Und was Chanukkah betrifft, das jetzt von unseren Gemütern Besitz ergreifen will, so werden wir ihm und dem Judentum nicht gerecht werden, wenn wir nicht auch hier die nationalen Ereignisse als bloßen Hintergrund hegreifen und sie zugleich ins Religiöse und Universale erheben. Kann es uns denn wirklich so viel bedeuten, i .uns vor Augen gehalten wird, daß auch die jüdische Geschichte von. Kriegshelden zu berichten weiß, daß die Makkabäer den Helden Griechenlands, Roms und auch den Helden alter und neuer deutscher Geschichte in nichts nachstehen und daß der große Napoleon sich einmal den Juda Makkabi zum Vorbild genommen hat? Sicherlifin gegenüber den Vonvürfen. Tu^tiaS'* ängeblictr j weder besitzen noch zu würdigen wissen, mögen die' Taten der Makkabäerschar ein gewichtiger Eihwand sein. Aber es bleibt doch dabei, daß nicht der bewaffnete Einfall der Syrer den Anlaß zu jenem Aufstand bot, sondern daß es die Aufstellung von Götzenbildern zuerst im Tempel zu Jerusalem und sodann im Gcbirgsstädtchen Mod’in war, die die Makkabäer zur Erhebung trieb. Es bleibt dabei, daß Juda lind die Seinen das Chanukkahfest nicht gefeiert und eilige* setzt haben, als der Krieg siegreich beendet, sondern als das geschändete Heiligtum neu eingeweiht worden war — der Krieg hat dann noch anderthalb Jahre gedauert, und keine Ueberlieferung.meldet von Siegesfesten'bei seinem Abschluß. Und auch-dabei bleibt es, daß der Makkabäersieg nichts wäre als ein bloßer Sieg nationalen Selbstbehauptungswillens, wie er in der Geschichte der- Völker tausendfach vorkommh hätte -nicht eine geistige. Idee zur Erhebung den Anstoß gegeben. Und allein der Sieg dieser geistigen Idee ist es, der auch uns heute das Chanukkahfest so gegenwartsnah empfinden läßt, daß auch bisher Fernstehende mit Freude und Stolz erkennen, Was es bedeutet, Jude zu sein, Glied der Kette, die von alters her über die. Gegenwart in die Zukunft reicht und mit der unsere ganze .Erdenmenschheit an den Himmel geknüpft ist. Dies ist nicht zuviel gesagt; und wenn es bisher nur wenige wissen, so soll es vielen, soll es allen gesagt werden. Schon einmal, vor grauen Jahrhunderten, war unser Fest in Vergessenheit geraten, und im Talmud Wird die Frage aufgeworfen: „Mah Chanukkah — was ist Chanukkah?“ Die Antwort kann nicht gegeben werden ohne den Hinweis, daß der Syrerangriff der jüdischen Religion gegolten hat, und dies zu einer Zeit, als die Tochterreligionen des Judentums noch nicht ins Leben getreten waren. Damit daß Juda Makkabi diesen Kampf aufnahm und ihn siegreich bestand, ist er mehr als ein'jüdischer Nationalheld, ist ein Heros der ganzen Menschheit und in die Reihe jener ganzGroßen getreten, die durch ihr individuelles Leben die Geschichte der gesamten Menschheit für alle Zeiten entscheidend beeinflußt haben. Er, ein einzelner Mann, nahm ein Schwert in die Hand und rettete mit seinem Volke auch dessen Religion vor dem Untergang. Aber auf dem Boden des durch Makkabi geretteten Judentums erwuchsen Christentum und Islam, die sich über mehr als die halbe Erde ausbreiteten. Ohne Juda Makkabi also gäbe es kein Christentum und keinen Islam, nie hätten in Rom Päpste, nie in Bagdad Khalifen gesessen, Deutschland hätte keinen Eckehard und keinen Luther hervorgebracht,' Reformation und dreißigjähriger Krieg würden nicht gewesen -sein; jedes Kind, seit Jahrhunderten, wäre anders erzogen worden, jeder Mensch 'wäre anders und der gesamte Ablauf der Geschichte wäre anders ohne Juda Makkabi. ^(Twrliält Chanukkah, eine Bedeutung,'die uns den alles überstrahlenden Wert des Judentums deutlich macht, und wenn „Makkabi“ auf Deutsch der „Hämmerer“ heißt, so werden uns hier-Erkenntnisse emgehauum-rt. die wir niemals mehr vergessen können, und mit denen erfüllt auch der geknechtetste Jude noch sich /um Königüber das ganze Leben erhebt. Was einst dem Abraham geweissagt worden, das ist durch Juda Makkabi in Erfüllung gegangen: Israel ‘ ist zum Licht der Völker,; zum „Licht der ganzen . Beamten Ist dei* Einkauf in Jüdischen # Geschäften nicht verboten folgende Auskunft erteilt“:"' ",ltKlllu,,,'U"' “hvrpostdircktion ■ Den Beamten und sonstigen Arbeitnehmern der IJeiitseheir Reichspost sowie den kuhcgcldcmpfaiigcru ist seitens der Überpostdirektion nicht verboten worden, in ‘ jüdischen Ocschäften zu kaufen.' Oie Aufhebung einer solchen Anordnung kommt daher nicht^in^Betracht. Falls die^umyahreüjjehaup-. namhaiF^m^niaciieii, damit gegen sie eingeschritten werden Klebezettel „Deutscher Arzt“ und „Deutscher Zahnarzt“ verboten Iler Sachverstäudigenheirat für Volksgesundhcit hei dt Rcichslcitnng der NSDAP, gibt bekannt, ilall die in versclüc denen1 Bezirken von örtlichen Arzte- und Zalmärztcvcrbämle verwendeten Klebezettel mit dem Aufdruck „Deutscher Ar/t und ,.Deutscher Zahnarzt“ verboten worden sind. Wenn'trat, dem örtlich diese Schilder benutzt wurden, geschehe es olm (icnchmiguug der Keichslcituug. Die Verantwortung habe'di örtliche Stelle selbst zu tragen. Der Vorsitzende des Oberrates der Israeliten Badens beim Kultusminister - Der badische Kultusminister Dr. Wacher empfing m ticgenwart des Referenten Oberregierungsrat thal den Vorsitzenden des Oherrats der Israeliten Badens, Dr. Nathan. Stein, zu einer Aussprache über die die israelitische Religion*" Gesellschaft Badens zur Zeit bewegenden Fragen auf dem Gebiet der religiösen Betätigung mul der Jugenderziehung. In der etwa cmstundigcn Anssprache wurde dem' Oberratsvorsit/.enden (iclcgcnhcit geboten, eine Reihe von Wünschen ■wd Anregungen vorzubringen, die in Eiiizelbesprecimngen mit lern Mimsterialrefereuten weiter .behandelt werden sollen. Jüdische Hausbesitzer und Arbeitsbeschaffung Im Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsi'egicrung spielt bekanntlich die Frage der Arbeitsbeschaffung durch Anregung der Hausbesitzer zu erhöhten lustandsetzungsarbeiten an ihren Grundstücken' eine entscheidende Rolle. Zu diesem .Zwecke sind eine Reihe von Hilfsmaßnahmen vorgesehen, die sowohl direkte Zuschüsse zu den entstehenden Renovierung.-“ und Dmbauköstcn als auch Erleichterungen für die'notwendige Finanzierung ermöglichen. ’ Um auch den jüdischen Hausbesitzern die Möglichkeit zu geben, ihre Grundstücke in einen guten Zustand zu versetzen und damit nicht nur sich selbst, sondern auch der Verminderung der Arbeitslosigkeit zu. dienen,'erfolgt in diesen Tagen die Gründung einer. Genossenschaft unter dein Namen „Selbsthilfe für mittelständischcn Grundbesitz“ e. G. m. b. H. Die Genossenschaft wird ihre Aufgabe in der Beratung der Hausbesitzer in den Fragen der von ihnen vorzunehincndeu Erneuerungs- und Umbauafhciten, vor allen Dingen aber auch in der Durchführung der Finauzicrungsmallnahmen erblicken. Über die Zusammensetzung des Vorstandes und des Aufsichtsrates erfolgen unmittelbar nach der am 12. Dezember d. J. 'Stattfindenden Gründungsversammlung nähere Mitteilungen. Das Büro befindet sich in Berlin C'25, Dircksenstraße 26.-27. Amerikanische Hilfsaktion für deutsche Juden Im Sinne der Beschlüsse der Londoner jüdischen Hilfskontcrenz hat der Jewish American Congress ein großzügiges Hilfsprogramm aufgcstellt, dessen Durchführung W Millionen Dollar erfordert. Diesem Plan entsprechend sollen deutsche Juden in Ländern, in denen Niederfassungsmöglichkeiten bestehen, in großem Maßstab angcsiedelt werden. Eine Kommission soll mit der Erforschung von Kolon isationsmöglichkeiten in Südafrika, insbesondere in Brasilien, betraut werden.