Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 33 (12.12.1933)
- Date
- 1933-12-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 20 Pf. gfit beutfdieg Siiientam uwb rcltgiöfcn Qlufbcm . Nr. 33 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM.zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bei Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder ROckerstattung der entsprechenden BezugsaebOhren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitlcitun<4: George Goclz Berlin, 12. Dezember 1933 Die, JQdlsch-llberaleZeltuna^erschelnt Dienstags und Freitags; - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung:KreditvereinfOr Handel und Gewerbe eiG.m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: JOdlsch-liberale Zeitung, Berlin 22784. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Rkhtung, das zweimal wfidientlldi erscheint Von Rechtsanwalt Heinrich Stern Bei der Lektüre der ,, Jüdischen - Rundschau“ ist es besonders reizvoll zu beobachten, \vie die Aufgabe gelöst wird, die sich anscheinend der Verfasser der Leitartikel nach der Richtung gestellt hat, das nichtzionistische Publikum unmerklich-zu sich herüberzuziehen. Das Blatt wird viel auch von solchen Juden gelesen, die bisher dem Judentum weltenfern standen. Diese, boten und bieten das sicherste Objekt ■für die allmähliche weltanschauliche Beeinflussung, wenn auch — schon um der alten Garde willen — hie und da ein Wort gegen die „Konjunkturzionisten“ fallen mußte. Immerhin: die ganze jüdische Presse.hat in den ersten schweren Frühlingstagen dieses Jahres ihre'oberste Aufgabe darin gesehen, in den schwer erschütterten Gemütern das jüdische Selbstbewußtsein zu stärken, und auch die „Jüdische Rundschau“ wandte Wichtiger Hinweis: Zwischen dem 15. und 25. Dezember legt der Briefträger die Abon-. nementsquittung für den Monat Januar in Höhe von Mk. 1,35 zuzüglich Post-Bestellgebühr vor. Nur pünktliche Einlösung sichert den Weiterbezug der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. sich an die damals besonders wachliegenden Instinkte der deutschen Juden, an ihr Trotz- und Abwehrgefühl. Wochenlang ist es so gegangen. Ganz allmählich aber — wie könnte es auch bei einem überzeugten zionistischen Journalisten anders sein! — ist aus der allgemeinen jüdischen Rückenstärkung eine Beeinflussung in ausgesprochen zionistischem, nationaljüdischem Sinne geworden. In der Nummer vom 1. Dezember dieses Jahres wird nun ganz unmißverständlich das Visier fallen gelassen. Der Verfasser stellt bei einem großen Teil der deutschen Juden — lies: bei den Nichtzionisten — „besonders im Kreise .jüdischer Funktionäre“ ein „eigentümliches geistiges Drücke^ bergertum“ fest und fordert ein Sehen der Judenfrage „in ihremwahren Wesen“! Drückeberger also ist, wer „das wahre Wesen“ der Judenfrage nicht sieht. Worin besteht nun dieses „wahre Wesen“? Schlüsselstellung für jeden, der. aufmerksam liest, ist der folgende Satz: ’• „Ein bloßes.Trotz- und Abwehrj u d e ri tu m, wie wir -ihm mancherorts begegnen, ist zu wenig; es bedarf einer wirklichen Erkenntnis, einer äußerlichen Bejahung des Judentums, einer Wiedereinstellung in die jüdische Kontinuität,- d. h., eines Glaubens an die jüdische Zukunft, die nur durch das nationale Zentrum in Palästina gesichert wird.“ (Sperrungen aus dem Original.) Dieser -Satz ist ebenso-bezeichnend wie der ganze Artikel, aus dem er .entnommen ist. Es gibt also nur ein „Sehen“ der Judenfrage, nämlich das durch die zionistische Brille! Hie die Horde der „Drückeberger“, die „das. wahre Wesen“ nicht sehen, dort die Erleuchteten, deren Zukunft „nur“ — man beachte dieses. „nur“ — „durch das nationale Zentrum in Palästina gesichert“ wird. So sieht einjüdischer Führer unsere Zukunft! In annähernd fünf Spalten, in denen in der ernstesten Weise die Zukunft der Juden behandelt wird, ist das Wort Religion nicht zu finden, steht von der Bindung an Gott nicht eine Silbe, nicht eine Zeile. Seit Monaten -verfolge ich die Leitartikel des Blattes mit dem ehrlichen Willen, einer immerhin nicht unbeachtlichen jüdischen Bewegung gerecht zu werden. Ich muß feststellen, daß für die „Jüdische Rundschau“ nur zweierlei Judentum existiert: Erstens der Indifferentismus in seinen verschiedenen Abschattierungen, d. h., die ungeformte Masse derjenigen einzelnen Juden, die den Begriff der jüdischen Gemeinschaft nicht kennen oder sich nicht zu ihm bekennen, und zw^e-i te-n-s -.diejenigen,-ciie--*ichzu-einer -jüdischer*- Gemeinschaft bekennen, die „nur durch das nationale Zentrum in Palästina gesichert wird“. J Daß es auch eine nicht ganz unwesentliche; Gruppe deutscher Juden gibt, die.„nach wirklicher Erkenntnis“ des Judentums streben, Juden, die zu einer „innerlichen Bejahung des Judentums“ längst gekommen sind, die keine „Wieder“-Einstellung in die jüdische Kontinuität brauchen, weil sie sich immer darin eingestellt gefühlt haben, Juden Schließlich, die voll des Glaubens an die jüdische Zukunft sind — kurz, daß es religiöse Juden gibt, darüber findet man in jenem Artikel kein Wort, findet man auch sonst; in dem Zentralorgan des Zionisten selten einmal einej Zeile. Diese religiösen Juden, die nicht erst auf dem; Umweg über den Zionismus zum Judentum gekommen sind,.sind der „Jüdischen Rundschau“ von jeher unheimlich; sie passen nicht in das ihren Lesern stets wieder eingehämmerte jüdische Weltbild. Diese reli-i giösen Juden haben eben ein Manko. Sie unter-j scheiden sich von denjenigen, die der Artikel vom; 1. Dezember an anderer Stelle als „Volljuden“ be-!' zeichnet und die ihm wohl allein volle Juden sind.j Und der Unterschied besteht darin, daß diesen reli-i giösen Juden die Zukunft nicht „nur durch das nationale Zentrum in Palästina gesichert wird“, und daß; sie dennoch an eine jüdische Zukunft glauben! Es muß hier einmal mit aller Entschiedenheit ein deutliches Wort gesagt werden: Wir religiösen Juden, verbitten uns auf das schärfste diese Taktik — die man richtiger wohl sogar als System bezeichnen muß — durch die der Masse jüdisch ahnungsloser Leser unser religiöses Judentum dauernd verschwiegen und> ’ soweit nicht verschwiegen, dauernd als „unjüdisch“ verdächtigt und herabgesetzt wird. Ich schäme mich fast, in einer jüdischen Zeitung einem Juden gegen; über mich dagegen wehren zu müssen, daß wir religiös-liberalen Juden — für die gesetzestreuen Juden darf ich nicht sprechen, aber für sie gilt natürlich vom andern Gesichtspunkt aus das gleiche — immer wieder als gemeinschaftsfremd, als Zweifelnde und Verzweifelte angesehen werden, weil wir die jüdische Zukunft nicht „nur“ durch das nationale Zentrum in Palästina gesichert glauben, sondern —: durch Gott. Die Herren müssen es schon glauben: Es gibt auch im religiösliberalen Lager Juden, denen diese Gemeinschaft des Glaubens sich gerade in den letzten Monaten in doppelter Herrlichkeit offenbart hat. Für sie zu zeugen, ist die Aufgabe dieser Zeilen. Es ist sehr schwer für einen Menschen mit innerer Schamhaftigkeit, von seinem tiefsten Erleben zu sprechen. Deswegen tritt auch der wahre Glaube, das echte religiöse Empfinden, so ungern an die Öffentlichkeit. Setzt man es aber dauernd durch Nichtbeachtung, die zur Nichtachtung wird, herab und entstellt man wissentlich das große Bild der jüdischen Gemeinschaft, so haben wir — wir Drückeberger --- die Verpflichtung, zu sprechen und hörbar zu sprechen. Die vorige Woche stand unter dem Zeichen des Thora- Abschnittes, in_ dem eins der tiefsinnigsten und großartigsten Bilder des jüdischen Menschen, vielleicht das großartigste überhaupt, zu uns spricht, der Kampf ' Jakobs mit dem. Boten des Ewigen, aus-dem er — äußerlich verletzt, innerlich aber gestärkt und erhoben— hervorgeht mit dem Ehrennamen, den mau heute in gewissen Teilen der deutschen Juden ungern hört, den wir aber impier wieder als hehrsten Rulunes- Zu Chanukkah . 'r " " - In dieser Nummer: ln der nächsten Nummer: Beiträge von Or. S. London, Berlin; Hans Bloch,. Mamburg; Elly Ludwig, Berlin. Beamtenrecht und Wirtschaftsleben Keine Ausdehnung des Arierprinzips Wie das Conti-Nachriditcnbiiro meldet, hat Ministerialrat Seel vom Reichsinnenministerium bei seiqcm in der Verwaltuiigsakadeiflic gehaltenen Vortrag über die Arierparagraphen im Beamtenrecht den Anwendungsbereich des Arierprinzips scharf umgrenzt und nachdrücklich betont, daß er nicht auf das' Wirtschaftsleben ausgedehnt werden könne. Der Ariernaragraph, erklärte Ministerialrat Seel,- bezwecke nur, dar Nichtarier von allen öffentlichen Ämtern fcrnzuhaltcn. Ihn auch da anzuwenden, wo an einer Tätigkeit ein öffentliches Interesse bestellt, sei durchaus berechtigt. Cs schieße aber über das Ziel hinaus, wenn auch in der Wirtschaft alle Nichtarier ausgeschaltet werden sollen. Darauf sei von der Regierung-schon wiederholt hingewiesen worden. Die deutsche Ariergesetzgebung werde, wenn auch nicht überall gebilligt und nachgeahmt, so doch immer mehr verstanden und gerechter beurteilt. Man werde anerkennen, daß sic aus völkischer Notwendigkeit, nicht aus Haß geboren wurde. Christliche Symbole in nichtarischen Geschäften^ Auf-Grund zahlreicher Anfragen über die Verwendung christlicher Symbole im Weihnachtsgeschäft gibt der Einzclhandeisverband in Frankfurt am Main im Einvernehmen mit dem Einzclhamlelsamt der Industrie- und Handelskammer bekannt, daß von allen Firmen -Zurückhaltung in der Verwendung brennender Weihnachlsbäume und sonstiger Weihnachtssymbole zu üben sei. Nichtarischc Firmen sollten aber die Verwendung von Weihnachtsbäumen, Kreuzen, Krippen, Sternen; Engeln und ähnlichen Symbolen, des christlichen Weihnachtsfestes gänzlich unterlassen. -Nicht zu beschränken ist der Verkauf von Waren in Weihnacbfspackungen, die die genannten Symbole nicht tragen, z. B. in der Schokoladenindustrie Niko-, lause, Weihnachtsmänner, Packungen mit Weihnachtsetiketten und so' weiter. - — Zutrittsverbote zu Ortschaften ungesetzlich Im Amtsblatt des Bezirkes Hersbruck Wird eine Verfügung des bayerischen Staatsministeriums für die Wirtschaft den-Gemeinden und Gendarmerieposten mit der Aufforderung, Zuwiderhandelnde unnachsichtlich anzuzeigen, mitgeteilt, - Sie lautet: —- Es bedeutet einen unzulässigen Eingriff in das Wirtschaftsleben, wenn bestimmten Geschäftsleuten verboten wird, Ortschaften zu betreten oder sie in der Benutzung öffentlicher Wege beschränkt werden. Als unzulässig erscheint es auch, ihnen vorzuschreiben, daß ihre Wagen nur an bestimmten Plätzen halten dürfen, an denen dann die Kunden die für sie. bestimmten Pakete abholen müssen. Unter Bezugnahme auf meine im Einvernehmen mit dem Staatsministerium des Innern ergangene Entschließung vom 15. 9. 33 Nr. VII 23228 befr. Gesetz zum Schutz des Einzelhandels ersuche -ich,, derartigen Eingriffen in die Wirtschaft, die verschiedentlich vorzuliegen scheinen, mit Nachdruck entgegenzuwirken.