Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 32 (8.12.1933)
- Date
- 1933-12-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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13. Jahrgang Nummer 32 3fliHfrtHUietflle SeUtutg Beilage 8. Dezember 1933 Ein Jude wirft die Judenfrage auf Von Hans Samter Dal! die deutschen Juden in den letzten Jahrzehnten — oft vom besten und reinsten Wollen getragen — schwere und gewichtige Fehler begangen haben, Fehler allerdings, über deren tiefste Ursache und.wesentlichsten Sinn nicht wir, sondern die Geschichte zu urteilen berechtigt sein wird — das wird schon heute freimütig auch, der zugeben, der von der besessenen Einseitigkeit eines Herrn Max Naumann ebenso weit entfernt ist wie von der Rechthaberei mancher Nichts-als-Zionisten, die heute nur den einen Ton spielen können: „Seht Ihr, wie wir Recht gehabt haben!“ Was wir aber getan haben, das sich schon aus der jetzigen Perspektive als falsch und verhängnisvoll erwies, das sind andere .Dinge als die, welche man uns heute so. vielfach zum Vorwurf macht. Darum ist es grundfalsch, wenn etwa ein so idealistischer Mann wie Dr. Naumann argumentiert: „Wäret Ihr alle mir gefolgt, es wäre anders gekommen!" Nicht die Spur anders, aber - *.. 1. 1. * ' .'■ ' ' uen anderer Lander (so et>va i hrung neue Wege sucht)' ah u..... spiel. Und darum tut es auch not, dall wir uns gegen1 die Vorwürfe verteidigen, die gegen uns erhoben werden: wir müssen uns unseren Blick rein erhalten für die Probleme, die wirklich Umkehr erfordern, um nicht wieder auf falsche Bahn ' gedrängt zu werden. Wohl müssen wir uns wandeln, aber es wäre schlimm, wenn wir zu allem das Haupt neigen müliten, was man uns heute entgegenruft; es wird einmal unser Stolz Neu-Weg < s den echten und wahren r deutschen Juden gegangen zu sein. 'r immer wieder hören, gehört, dall wir MAX GIESEN 1 ,, MOABIT W TURMSTR. 42 Eck» OldenburgsStri gf ... und Sonntag, den IO. Dezember? Im Programm: Eugen Henkln, das neue technische Wunder:' Professor Theremin Aetherwellen-Klang. Unter Mitwirkung des. Publikums. Ton) SdriHz-Upschütz. Arien und Chansons. Fritz lachmann. humoristische Vorträge. Zum Tanz: Fritz Udu und seine Jazz-Melödisten. ' , 4 Uhr: Eintr.0,50 RM. MO Uhr^EiniM,—^MCafehauspf.) Vorverkauf im Büro des £afe Leon, Kurfürstendamm 155 - (Lehniner Platz) gedankenlos und bedenkenlos gelebt hatten, vom deutsehen Volk nur das Gute nahmen, ohne über unsere innere Verknüpfung mit ihm iiachzudcnkcn, und dal! wir hofften, ’ uns dem Volk auf die Dauer als in jeder Beziehung gleichberechtigte Gruppe auf/iidrängeii. Eigentlich ist solcher Vorwurf zu dumm, als dall es lohnte, auf ihn einzngelien: wer deutsche Juden und insbesondere junge jüdische Menschen weil!, wie' ernst mul 'schwer si.. 1;. re-... wer es erfühlen kann, welche .... ,. . Scheidung zugrundeliegen, die m diesen letzten Monaten getroffen wurde, mag sie mm aiisharreu oder Weggehen heilten, der wird eine derartige Behauptung nicht mehr "wagen. Doch es" gibt noch klareren Beweis, auch für den eindeutig, dernicht die engen Beziehungen zum Judentum hat. Dafür ein Beispiel soll hier gegeben werden. Doch ist es notwendig, in ein paar Worten an dieser Stelle von einer Zeitschrift zu sprechen, die — obwohl eigentsehen Juden bekommen- Blatt, das wechselvolles Schicksal erlehte, auch heute i irgendeiner Form besteht. Aber niemals wieder wird geistige Bedeutung bekommen, die es in der Zeit ct\ 1Ü05 bis 1913 gehabt hat. Der Herausgeber I eröinuml- Aeenarias nannte den „Kuustwart“ ein Blatt für Ausdruekskultür, und tatsächlich war für alles Raum darin, was zu kulturellen Dingen Beziehung hatte. Der Einflull des Blattes war unerhört groll, eigentlich sammelte sich dort alles, was nicht in der liberalen Bürgerlichkeit der „Neuen Rundschau" zuhause war; dazu war die Zeitschrift hetont volklieh: unter den Namen der Redaktion fanden sich zu jener Zeit u. a. Wilhelm Stapel und Professor Seholtze-Nmmdmrg. beide heute führend in der nationalsozialistischen Bewegung. Dagegen lag ihr, der Gerechtigkeit und Offenheit des Herausgebers entsprechend, jeder Antisemitismus fern; dafür legten die zahlreichen jüdischen Namen, die sich im Mitarheiterverzeiclmis auffinden lassen, Zeugnis ab; u. a. gehört — dies sei kuriositätslialher erwähnt — auch Kurt Tucholsky dazu. Im ersten Märzheft des Jahres 1*112 nun brachte der „Kunstwart“ einen Aufsatz „Deutsch-jüdischer'Parnaß“, der, an der Spitze des Blattes stehend, wohl geeignet war, Aufsehen hervorzurufen. Nicht weniger war darin gesagt, als dall die deutschen Juden den geistigen Besitz des deutschen Volkes verwalteten, das ihnen die Berechtigung und die Fälligkeit dazu abspräche. Solche und ähnliche Vorwürfe sind nichts Seltenes in der Geschichte der letzten Jahrzehnte gewesen, aher dies war hier das Besondere: dal! derjenige, welcher ihn ausspracli, seihst ein Jude war, Dr. Moritz Goldstein aus Berlin. Aus innerem Ringen und furchtbarer Qual heraus (er selbst gehörte zu denen, die an dieser „geistigen. Vormund-. Schaft”, wie er es nennt, beteiligt sind, da er mallgehend an der Herausgabe einer deutschen Klassilierbibliotliek mitwirkt) schrieb er diese Anklage gegen das Judentum, ohne zu wissen, wohin er lenkte. Demi wenn er selbst ein Nationaljude war, glaubte er doch fest an die Verknüpfung des deutschen Judentums mit seinem Heimatboden, die er — auf seine Weise — mit den Worten zu erklären suchte, dall deutsche Kultur zu einem .nichtgeringen^-Teit jüdische. .Kultur-.sei. Und der Weg, den er sah: Nieht mehr als'Deutscher wirken zu wollen, aber ilartuu nielit aus "der deutschen Kultur.auszuscheideii, sondern als Jude 'für'Deutschland, zu schaffen!. Dissimilation statt Assimilation, um durch das Anderssein produktiv zu wirken! , ■ Die Redaktion druckte seine-Anklage imd: Selbstauklage ah, ohne ihre Meinung hiii/uzufugeii, kündigte auch an, dall sie damit warten wurde, bis „unsere jüdischen Mitbürger“ sich ZII den Ausführungen geäullcrt hätten. Das erste Aprilheft des Jahres brachte -die ersten Erwiderungen, zugleich mit einem redaktionellen Bemerken, dall der Aufsatz in der gesamten antisemitischen Presse lebhaft diskutiert worden, ui der liberalen dagegen totgeschwiegen wenden sei, dall ferner die Zusendungen an die Redaktion fast ausseldielllieh voll jüdischen Verlassen] stammten. - An erster Stelle stand unter ihnen lirost Lissauer, nach Ansicht des Herausgebers „einer unserer besten deutselijiidiseheu Schriftsteller“. Mail miillle wörtlich wiedergehvn, was er hier sagt, es-gehört zn dem Wunderbarsten, was über Not und Kampf des deutschen Judentums bis heute gcschriclicn'wurdc. Dies war der wesentlivhste Gedanke, dalt diel Juden sieh in einem Zwischeiiznstand . befänden, dall Jahrhunderte des Ghettos nicht in ein paar Jahrzehnten ries Zusammenlebens aiisgeloseld sein konnten und dall es ■ gröllte und wesentlichste Aufgabe jüdischer .Führung sei, die Hypertrophie gewisser jüdischer wirtschaftlicher Eigenschaften, die durch die Entwicklung grollgc/nchtet wurden, zu verhindern; ein Iimeiitw'acliscii in alle Berufe sei notwendig. Man glaubt, liier eine Stimme ans diesen letzten. Wochen und Monaten zu vernehmen, mul mau glaubt dies noch mehr am Ende seiner Ausführungen. Mag sein, dal! viele sie heut/nnr werden mit Bitterkeit oder ungläubiger Ironie hören können: vielleicht erweist die Ewigkeit doch iure tiefe Wahrheit: „Nur zweierlei ist möglich: entweder auswaiidern, oder deutsch werden. Dann aber: sich eingraben, eimvurzeln mit aller Kraft, mit allen Adern, allen Muskeln sich zum Deutschen erziehen, die Sache der Deutschen zn der eigenen mach'ii. Und in dieser seiner Pflicht aicslialten: „trotz IJolm und Spott" ' von Antisemiten und Zionisten. Durch solch Leben sich hinduichzuschlagcii, das will allerdings ein besonder Stück Robustheit.. „Wold dem, der es hat erfahren mul kann sich dennoch retten mul . wahren der Seele* Hoheit." Das war für Lissancr, der zugleich eine Erneuerung des Judentums aus dem Ethos seiner Religion erwartete mul verlangte und ein unbedingtes Eintreten für tliese gewordenen Werte, kein Äufgchen des Judentums. Andere, die nach ihm zu Worte kamen, Juden mul Antisemiten, waren nicht dieser Meinung. Und dann ergriff, im zweiten Angiistheft des Jahres, die Redaktion das Wort. Sie unterschied die »Arbeit des deutschen und des jüdischen Geistes. mul fragte, ob beide nebeneinander.oder miteinander tätig sein wollten. Auf gewissen Gebieten .wäre die Zusammenarbeit ohne Schwierigkeit möglich und notwendig, i überall da nämlich, ivo es sich um Wirkliclikeitsdingc handele, in den Berufen dcK Arztes, Cliemi-, kers, Ingenieurs. Im Bereich der geistigen Dinge aber sei' Klarheit vonnöten, was deutsch und .was jüdisch sei, nieht au den Menschen, sondern an ihren Gedanken. „In allen Völkern, bei denen die Jiideneinauzipatiou weit zuriickliegl, ist die Ähnlichkeit von Wirtlind Gastvolk gewachsen! Wie dem sei: es kann doch wohl dem Juden und dem Halhjudcii nicht vorgesehriehen werden, zu welchem Volk sein Wille gehe. Geht er zu uns, so ist's doch wohl seine Sache, zu versuchen, wie weit er’s im Sichanpasscn und Sicheinfiigcu bringt. Nur Glas, Porzellan, Kristall I IIAT7 o Da Haushalt-Artikel, L Tafel- U. Kaffeeservice in allen Preislagen u. Ausführungen Rosenthal, Hutschenreuther u. a. Spez.-Abieilungfür Cafes, Restaurants, Pensionen. 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