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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-12-08 · 32 (8.12.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
32 (8.12.1933)
Date
1933-12-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 20 Pf. ßt0 1 Ar ^vbeut^^^ub^ttumnnbv^tgfölen^^iau Nr. 32 ' 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1.35 RM.zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nlchter- scheineninfolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Radeerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schi ntleituii“: George Goctz Dle„JQdlsch.|lberaleZeltung" erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäfts stelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.40«— Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. . 1545. - Bankverbindung:KreditvereinfOr Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, j Berlin 22764. Berlin, 8. Dezember 1933 Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Oesterreicher, Deutsche, Jude» Aus Wien wird gemeldet, daß in einer öffentlichen Ansprache der Vorsitzende der Christlichsozialen Partei und ehemalige Unterrichtsminister Dr. Czermack erklärt hat, „die der Assimilation entgegengesetzte Dissimilation werde die Grundlage für die bevorstehende Lösifhg der Judeiifrage in Österreich sein. Diese Lösung werde den österreichischen Überlieferungen entsprechend nicht durch gewaltsame Mittel, sondern in zivilisierter und gemäßigter Form durchgeführt Werden. An die österreichischen Juden richtete Dr. Czermack den Appell, an einer solchen Lösung der Judenfrage mitzuwirken, damit verhütet werde, daß es zu einem wilden Ausbruch antisemitischer Leidenschaften kommt. Mit der Assimilation müsse Schluß gemacht werden. Ein Jude sei ein Jude und kein Deutscher.“ Es liegt uns fern, von hier aus Mahnungen an die Adresse der österreichischen Politiker zu richten,' obschon wir meinen, daß auch in der ehemaligen öster- . reichisch:ungarischeii Donaumonarchie die Juden in Krieg und, Frieden ihre Pflicht .getan haben. Und als das habsburgische Reich zerfiel, zeigte es sich, daß die österreichischen Juden Österreicher, die böhmi- - sehen Tschechen und die. ungarischen-Ungarn-, waren:, gerade von dem Regierungschef des letztgenannten Landes, vom ungarischen Ministerpräsidenten Gömbös ist dies in den letzten Wochen und Monaten wiederholt anerkannt worden. Immerhin, die K. u. K. Donaumonarchie war ein Nationalitätenstaat, kein Nationalstaat, und so mag es sein, daß gewisse Begriffe und Vorstellungen aus dem alten Habs.burge.rreich auch heute noch in Österreich Boden finden. Dissimilation ist das Gegenteil von Assimilation; diese bedeutet Anähnlichung, jene bedeutet Unterstreichung und Förderung der Unähnlichkeit, der Besonderheit, und es mag sein, daß auch im neuen Österreich, auf Grund der. alten Traditionen, die Meinung besteht, eine Gruppe, in diesem Falle die Juden, würden als dissimilierter Sonderkörper innerhalb des Gesamtstaates leben können wie. früher die Nationalitäten in. der Monarchie. Wir unsererseits möchten glauben, daß für das neue Österreich, das kein Nationalitätenstaat mehr ist, auch die Gegebenheiten der alten Doppelmonarchie nicht mehr bestehen,, aber unser Interesse konzentriert sich vorwiegend auf die reichsdeutschen Juden," freilich auch auf den Fortgang der Emanzipation in allen Ländern. Dieser aber wird erschwert durch die Tatsache, daß die Juden selbst vielfach geneigt sind, Theorien und Modewörter sich anzueignen, _ die ihre Stellung in der Wirklichkeit unserer modernen Staaten gefährden. Von derartigen Gedankengängen ist der der Dissimilation (an Stelle der Assimilation) einer der allergefährlichsten. Gefährlich deshalb, weil er einerseits etwas außerordentlich Bestechendes hat, anderseits nicht zum Ziele, sondern in die Sackgasse führt. Er besticht, weil er eine Mahnung am die Juden enthält, sich stolz und würdig auf sich selbst zu besinnen — womit aber stets nur die der Vergangenheit angehörende volkliche Seite des Judeseins gemeint ist, die dem wirklichen und unvergänglichen Judesein nicht nur nicht entspricht, sondern das wahre Wesen des Judentums sogar zudeckt. Und die Lehre von der Dissimilation führt in die Sackgasse, weil der solcherart auf ein jüdisches Volkstum beschränkte Jude vielleicht Achtung, kaum aber Existenz finden wird. Das geht aus der Rede des Ministers Dr. Czermack sogar deutlich hervor, denn an der Stelle, wo wir das obige Zitat abbrachen, heißt es weiter: „Der Numerus clausus, durch den der jüdische Anteil an der öffentlichen Tätigkeit und verschiedenen Berufszweigen in Übereinstimmung gebracht werden soll mit dem jüdischen Anteil an der Gesamtbevölkerung, sei durchaus kein schreckliches Verfahren. Er werde auch den Juden zugute kommen und ihnen die Entwicklung eigener Schulen ermöglichen.“ Hier sind die Gefahren deutlich ersichtlich, denn mit der Lehre von der Dissimilation würden wir nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich aus dem Volksganzen ausgeschieden werden, wären zü wirtschaftlicher Autarkie gezwungen, die aber undurchführbar ist. Die Konsequenzen liegen gerade hier in Deutschland deutlich am Tage. So hat auf einer im ehemaligen preußischen Herrenhaus zu Berlin abger haltenen Landesführertagung des Volksbundes für das' Deutschtum im Auslande der Bundesvorsitzende , Dr. Steinadler an die Reichstagsrede des deutschen Reichskanzlers vom 17. Mai erinnert,“in der jede Assimilation fremden Volkstums abgelehnt wurde. Dr. Steinacher erklärte, „diese Ablehnung drücke aus, daß. aus der Bindung im eigenen Volkstum sich die. Achtung vor dem fremden ergibt, eine Auffassung, die, auf sittlichem Boden europäisches Prinzip werden, könne.“ — Wir Juden vermögen hierzu nur zu sagen, daß uns solche Achtung nichts von der seelischen und materiellen Bitternis erspart, aus dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben Deutschlands mehr und mehr ausgeschieden zu sein, und daß wir deshalb mit allem, was wir sind und haben, um unsern Platz im deutschen Vaterlande kämpfen müssen. Andersartigkeit, auch wo sie geachtet wird, ist gleichbedeutend mit .Fremdheit;._Nume'-us_clau$us _auf..4en..BiLdungsstätten.,zieht, unfehlbar Numerus clausus auf vielen Arbeitsstätten nach sich; wir können seine Berechtigung deshalb nur in-dem Sinne anerkennen, in dem er nach den neuesten Meldungen jetzt in der Schweiz eingeführt wird: für Ausländer, nicht aber für Angehörige des eigenen Staates nach dem Gesichtspunkt einer religiösen oder rassischen Minderheit. Es darf auch nicht vergessen werden, daß die Lehre von der Dissimilation jahrhundertelang praktisch erprobt und als Irrlehre erwiesen worden ist: im frühmittelalterlichen Deutschland lebten die Juden dissimiliert, und die Judenverfolgungen jener Zeit sind unvergessen. In den Ländern des Ostens lebten sie und leben vielfach noch heute dissimiliert; die polnischen, russischen und ukrainischen Pogrome sind ebenfalls Gegenstand jeder jüdischen Geschichtsschreibung. Dr. Czermacks Wort, die Dissimilation verhüte, daß es zu einem wilden Ausbruch antisemitischer Leidenschaften komnle, mag vielleicht für den Augenblick richtig sein, nicht aber für die Dauer- Diese These ist durch eine jahrhundertlange jüdische Leidensgeschichte widerlegt, und das psychologische Gesetz, nach dem Andersartigkeit und Fremdheit zu Abneigung und Gruppenkampf führen, wird in aller Zukunft seine Fiirsterzbischof und Oberrabbiner Ein seltsames Imprimatur Große Empörung in weiten Kreisen der österreichischen Judenheit hat die Tatsache geweckt, daß die vom katholischen' Priester Gaston Ritter verfaßte und in einer Million Exemplaren gedruckten Broschüre „Das Judentum und der Schatten des Antichrist“, welche ungeheuerliche Beleidigungen und Beschuldigungen gegen Juden und Judentum enthält, das offizielle Imprimatur des Fürsterzbischofs von Graz Dr. Pawlikowsky trägt. Der Schriftsteller Chajim Bloch wandte sich an den Erzbischof mit der Frage, ob denn die katholische. Kirche offiziell die Judenhetzc billige, und erhielt darauf vom erzbischöflich^ Sekretariat die Antwort, das Imprimatur bedeute keineswegs eine Billigung des Broschüreninhalts, sondern solle lediglich ausdrücken, daß der Text keine Verstöße gegen Glaubenslehren des Katholizismus enthält. Diese Erwiderung hat in jüdischen Kreisen nicht befriedigt. Der Wiener Oberrabbiner Dr. Feuchtwang hat von der Tempelkanzel herab den gesamten Inhalt der Broschüre Ritters als Sammlung von Fälschungen verdammt, die in ihr gemachten Angaben durch einen heiligen Schwur als Lüge und Verleumdung gestempelt und dabei dem tiefsten Bedauern Ausdruck gegeben, daß ein fürsterzbischöfliches Ordinariat einer solchen Publikation das offizielle Imprimatur erteilt hat. Nichtarische Geschäfte werden geschützt In den Straßen von Fulda wurde dieser Tage durch Flugblätter die Schließung des dortigen Einheitspreisgeschäftes, gefordert. Daraufhin wurden die Fuldaer Geschäfte geschlossen, und ein großer Teil der Einzelhändler zog mit ihren Angestellten zu einer in den Bürgerverein einberufenen Protestversammlung. Den Teilnehmern wurde jedoch gleich bei Gültigkeit behalten. Das ist es, was wir Juden uiisselbst einzuprägen haben, nach diesem Grundsatz haben wir unsere Einordnung zu erstreben, und es muß unser Bemühen sein, die subjektive Wahrhaftige keit und die objektive Zweckmäßigkeit unseres Assimilationsstrebens auch der nichtjüdischen Außenwelt und ihren maßgebenden Führern vor Augen zu bringen. - 72 Freilich, es ist üblich geworden, auch unter Juden auf das Assimilantcntuin gar sehr zu schelten; aber dieser Abwertung der( Assimilation liegt eine Begriffsverwirrung zugrunde, die dringend der Klärung bedarf. Die Assimilation ist zu verwerfen, soweit sie sich auf die geistige Lehre des Judentums bezieht, und diese Assimilation: ist, wie sie zu allen Zeiten bestanden hat, auch zu allen Zeiten von den Geistesheroen des Judentums verworfen worden. Vielgötterei, Heidentum, Däinonenglauhe iin alten Israel war . nichts Anderes als Assimilation an die heidnische Umwelt; gegen sie richtete sich die Prcdigt der Propheten. Die gleiche Erscheinung einer Assimilation Mittelalter verfolgen und ebenso das mahnende Wort hiergegen vonseiten der berufenen jüdischen Führer. Materialismus, Skeptizismus und Atheismus unter den modernen Juden sind Assimilation an den Geist des letzten Jahrhunderts gewesen; man kann nicht sagen, . daß die Juden der heutigen Zeit sich in nennenswertem Maße davon befreit.hätten und daß hiertifgen ihr jüdisches Gewissen schlüge. Ganz im Gegenteilwird die eigentliche Sünde des heutigen (und nicht nur des heutigen) jüdischen Geschlechts gegen das Judentum fast noch nirgendwo empfunden, und die jüdischen Sdbstanklagen richten sich — in Verkennung des jüdischen Wesens und in Verkennung des jüdischen. Weges — gegen die atulere Assimilation, die nicht nur nicht schädlich, sondern vielmehr der Schlüssel zu unserer Freiheit ist, unerläßliche Vorbedingung zur Erfüllung der Sendung des Judentums und — dies möge niemand übersehen — unabwendbar obendrein. — Von dieser anderen Art der Assimilation hat einer der hervorragendsten Vorkämpfer des deutschen und zugleich des religiös-liberalen Judentums, der. noch immer unvergessene Justizrat Felix Kaempjer, auf der großen Posener Tagung 1912 gesagt, daß man sich stolz zu ihr bekennen müsse, und Eröffnung durch den Kreispropagandaleitcr Lohimdlcr mitgetcilt, daß die Versammlung durch den aus Anlaß, der Vorgänge nach Fulda entsandten Vertreter des Treuhänders der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Hessen als nicht zulässig, bezeichnet und verboten worden sei. Auch die in den Schaufenstern angebrachten Protest-Flugblätter müßten sofort entfernt werden. -. In einer zweiten von der Vereinigung Fuldaer Handelsgeschäfte einberufenen Versammlung, die genehmigt worden war, sah man eine ganze Anzahl von Plakaten, auf denen u. a. gefordert wurde: „Kein Jude darf; Weihnachtsartikel verkaufen!“ Der. Vorsitzende der Vereinigung, Kaufmann Max. ■ Lange, betonte einleitend, die Vereinigung distanziere sich von den bisherigen Vorgängen. Darauf nahm der Vertreter des Treuhänders der Arbeit, Assessor Dr. Röhr-Frankfurt a. M., zu einer kurzen Erklärung das Wort, in der er ausführtc, die Regierung hätte im Augenblicke der Machtübernahme Verhältnisse vorgefunden, die es unmöglich hätten erscheinen lassen, allen Volksgenossen'Arbeit und Brot zu.bringen. Im wirtschaftlichen Kampfe hätte das, was anfangs gefühlsmäßig von der politischen Richtung'gefordert wurde, unmöglich auf die Arbeitsplätze übertragen werden können.- Daher habe auch Reichswirtschaftsminister Schmidt die bekannte Verordnung^. erlassen, nach der arische und nichtarische Geschäftsunternehmen gleichzustellen sind. Augenblicklich sei es unmöglich, diejenigen, die im Einheitspreisgeschäft Beschäftigung finden', anderweitig unterzubringen. Der bevorstehende schwere Winter verlange, daß alle bestehenden Arbeitsplätze gehalten werden. Ober diese Verordnungen der Regierung könne man sich nicht einfach hinwegsetzen. Was im Dritten Reich von zuständiger Stelle verordnet werde, werde ausgeführt. Der Redner schloß: „Erhalten Sie im Interesse unserer Volksgenossen die Arbeitsplätze und suchen Sie neue dazu zu' schaffen, aber zerstören Sie nichts!“ . Darauf schloß der Vorsitzende die Versammlung, die sich zögernd auflöste.-'

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