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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-12-05 · 31 (5.12.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
31 (5.12.1933)
Date
1933-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 20 Pf. ^ü^>eutfAtö3ubetubimun^(eIial0(et^ta|bau Nr. 31 13, Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnementswerden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder ROckerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schmtli-itung: George Goctz Dle„JOdlsch-llberaleZeltung“ erscheint Dienstags und Freitags: - Redaktion und Geschäftssteiler Berlin Charlottenburg 4. Mammaen- Berlin, 5. Dezember 1933 1 str.40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung : Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G m.b.H.. Berlin N 24. Postscheckkonto: JOdlsch-liberale Zeitung. Berlin 22764: Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint, Neue Gefahren Was uns am dringendsten nottut, daran kann kein Zweifel sein, ist der .gesammelte Wille, uns . unsere -bürgerliche Gleichstellung auch in dem neuen Deutschland wiederzuerringen —: es wird Zeit, mit einem Modeschlagwort aufzuräumen, das in gefährlichster Weise diesen Willen . zu lähmen droht, nämlich die Irrlehre, durch die Emanzipation seien die Juden entjudet worden. Diese Meinung ist nicht nur in dem Buche „Wir Juden“ von Rabbiner Dr. Joachim Prinz (das auch in diesen Spalten besprochen werden soll) zum System ausgebaut worden, sondern man'hört sie allerorten, und dem Schreiber dieser Zeilen wurde von einem hohen Beamten einer vorwiegend auf liberalem Boden stehenden Großgemeinde allen Ernstes die Frage vorgelegt, wie denn bei einer neuen Emanzipation der Gefahr einer völligen Entjudung yorgebeugt werden solle. Solche Denkweise, mit der die Emanzipation förmlich als Wurzel alles Obels, Unglück und Irrweg der-Juden angesehen wird, die also den jetzigen Rückschlag der Emanzipation geradezu als Fortschritt begrüßt, muß als höchst widerwärtig und histo- .Ugd_durdiau§_r/njuaiscnzurück gewiesen vwerden. 1 ' . - ' Die solcherart die Emanzipation in Grund und. Boden verdammen, betreiben damit ein Geschäft, das zu allen Zeiten :Von geradedenkenden Menschen als besonders anstößig abgelehat worden ist: sie beschmutzen ihr eigenes Nest. Denn man soll doch nicht vergessen, daß die ganze .heutige Generation auf'den Schultern des Emanzipationszeitalters steht, und daß ohne diese Emanzipation nicht nur die Errungenschaften jener Epoche uns fehlen würden, sondern daß es ohne s.ie überhaupt eine jüdische Gemeinschaft nicht mehr gäbe. Zwei Wirkungen hat die Emanzipation hervorgebracht; die eine ist keine im eigentlichen Sinne des Wortes jüdische, aber doch von größter Wichtigkeit für die Juden. Die allergrößten Gelehrten und Wissenschafter, die die jüdische Gemeinschaft vorher gehabt hatte, blieben doch mit ihrer Wirkung auf das Judentum beschränkt, blieben mit ihrer Leistung im Ghetto. Erst durch den Eintritt der Juden in die allgemeine Kultur vermochten diese auch der Allgemeinheit etwas zu leisten. Die Fähigkeit zu solcher Leistung hatten sie vorher bereits besessen, aber erst die Emanzipation gab ihnen die Möglichkeit der Entfaltung. Das war der tiefere Grund dafür, daß die besten Köpfe und Herzen ‘in die Freiheit strebten; aber das voremanzipatorische Judentum in seinen offiziellen Vertretungen wollte ihnen diese Freiheit versagen. „Die Töchter mögen deutsche Bücher lesen, jedoch nur solche, die nach unserer Weise, auf Grund der Auslegung unserer Lehrer seligen Angedenkens, verfaßt sind, durchaus keine anderen! Haltet euren .Fuß fern vom Theater, ganz und gar, dies verbiete ich euch auf das entschiedenste! Seid gewarnt, nicht eure israelitischen Namen, Sprache und Kleidung — Gott bewahre — zu verändern!“, so wie dieses vom Preßburger Rabbiner Mose Sopher hinterlassene Testament sah das Judentum vor der Emanzipation aus, Zehntausende verließen es! Daß den Juden die Emanzipation gegeben wurde, war eine Auswirkung des damaligen allgemeinen Aufklärüngszeitalters, und Hand in Hand damit ging naturgemäß die Aufklärungsbewegung unter den Juden,selbst, an . deren Beginn Moses Mendelssohn steht. „Ihm verdanken es die Juden,“ schreibt Mirabeau ein Jahr nach . Mendelssohns Tode, „wenn sie frei sind von Vorurteilen... Unter ihnen sind geschickte Ärzte, Mathematiker, Naturwissenschaftler...“ Aber dieAufklänmgszeit rief nicht nur Leistungen von Juden, sie rief auch jüdische Leistungen und eine Vertiefung des Judentums hervor. „Ohne, diese Bewegung,“ heißt es in einer Denkschrift, die die Breslauer Gemeinde an die Frankfurter Räbbinerversammlung richtete, „wäre der bereits herrschende Indifferentismus zu unheilvoller Macht gelangt, der begonnene Abfall vom Judentum in die Reihen der Gemeinden ohne Gegenwehr eingebrochen, während jetzt die innigste Teilnahme alle durchdringt.“ Kein Zweifel: die Befreiung der jüdischen Lehre von vielfachen abergläubischen Vorstellungen und unzeitgemäßem Formelkram, vor allem aber dije Schaffung einer Wissense-haft des Judentums (die es vorher nicht gab!) hatte dieses gereinigt und vertieft und damit, mit dem“ religiösen Liberalismus also, die vorher aus ihm herausstrebenden modern gerichteten Menschen wieder um seine Fahne geschart. Das Judentum in seinem Zustande vor der Emanzipation hatte den Menschen jenes Jahrhunderts nichts zu sagen, damals drohte das Judentum zu „entjuden“, und erst nachdem es die Errungenschaften der Aufklärung in sich selbst hereingenommen hatte, vermochte es .einer jungen Generation wieder den Willen zum Judentum einzuflößen; die heute beliebte Darstellung ist also, wie kein geringerer als der bekannte Stuttgarter Rabbiner Dr. Paul Rieger einmal festgestellthat, eine „leichtfertige Geschichtsbetrachtung“, ist, es sei wiederholt, ebenso Widerwärtig wie' historisch verkehrt. > \Äber~sie ist auch ge^hrlich. Derin,~wie schön einleitend gesagt wurde, sie verbaut uns jede Möglichkeit auf Wiedererringung der Emanzipation. In der letzten Erklärung des Berliner Gemeindevorstandes, die wir an einer anderen Stelle dieses Blattes abdrucken, ist von einer Zukunft die Rede, in der die deutschen Juden „in loyaler Einfügung in die be-. stehende Staats- und Wirtschaftsordnung gleichberechtigt als freie Menschen, ihr Leben führen können?. Ein zionistisches Blatt bemerkt hierzu, die „Gleichberechtigung als freier Mensch“ könne es unter der Herrschaft des Rassegedankens nicht geben, sondern nur „Gleichberechtigung als stolzer Jude“. Das sind hohe Worte, aber was ist ihr Inhalt? Auch Dr. Bruno Weil erklärte neulich in einer Versammlung_des Central-Vereins, wolle der neue Staat uns Juden zu einer Rassegemeinschaft stempeln, so dürfe doch die andere Rasse nicht als mindere Rasse angesehen und wir dürften wegen unserer angeblichen rassischen Andersartigkeit nicht diffamiert werden. Das alles' Lst richtig, führt aber zu nichts. Denn auch wenn „anders“ nicht gleichgesetzt wird mit „minder“, so bedeutet es doch unter allen Umständen „fremd“. Und ‘Fremde blieben wir, wenn wir den Rassegedanken anerkennen, wenn wir uns zu einem ■ jüdischen- Volk bekennen wollten, statt zürn deutschen; wenn wir meinten, um bessere Juden zu sein, müßtenwir die Wirkungen, die die Emanzipation an uns selbst vollzogen hat, rückgängig machen. Wer in solchem Sinne „jüdischer“ werden will, der schließt damit sich selbst aus der deutschen Volksgemeinschaft aus, und würden solche Ansichten Allgemeingut der heutigen Judenschaft, so würden wir in der Tat von uns aus diejenigen Anschauungen bestätigt haben, die der heutigen so schwer an unserer Existenz, mehr noch aber an unserer Ehre uns treffenden Gesetzgebung zugrundeliegen. * Selbstverständlich können wir die Entscheidungen über alle diese Fragen uns nicht von außen auTzwingen lassen, sondern müssen selbst wissen, wie wir beschaffen sein müssen, um wirklich vollwertige’ Juden zu sein. Und hier muß freilich gesagt werden: die Meinung, emanzipiertes Judentum sei entjudetes Judentum, ist so klein, so eng, verrät eine so niedrige Auffassung vom Judentum, daß man verzweifeln könnte, hört man diese Meinung von Führern des Judentums selbst vertreten. Das einzige, was das Judentum groß, bedeutend, wirksam und bleibend in der menschlichen Kultur gemacht hat, ist sein ewiger Wert als geistige Lehre, als Religion. „Das prophetische Judentum ist das Ziel, dem wir zusteuern alle Zeit“, hat einst Moritz Lazarus am' Schluß der ersten israelitischen Synode, die in Leipzig ' vom 29. Juni bis zum 4. Juli 1869 tagte, ausgerufen'. Zweieinhalb Menschenalter später erklärt Dr. Chajibt Weizmann, der große Zionistenführer, auf einer Londoner Massenversammlung: „Das wichtigste für die Juden ist: die eigene Flagge, der eigene P aß-und eine eigene Vertretung im V öl ke r b und.“ ' Und das unter dem Jubel begeisterter jüdischer Massen! Man stelle sich eine ähnliche Äußerung auf einer katholischen oder evangelischen Volksversammlung vor, und man weiß, wTe niedrig, das Judentum von manchen unter uns bewertet wird! Und wenn Weizmann weiter meinte, man werde die Juden nicht danach beurteilen, „ob es mehr oder weniger jüdische Lords in England, mehr oder weniger jüdische Professoren in Deutschland gibt, sondern danach, wieviel Juden in Palästina auf eigenem Boden sitzen und wieviel jüdische Professoren an der hebräischen Universität Jerusalem lehren“, so sieht man, wie stark Die antisemitische Welle ln Rumttnlain - •. dmjüdlschen - Vierttlv' vöirS^JirtiyirUt^cr—»u.r »chwer«(» Ausschreitungen der Eisemen Garde gekommen. Etwa 2000 Studenten zogen in 'das jüdische Viertel, drangen in jüdische Gcschäftläden und Häuser ein und milthandelten jüdischc Passanten. 200 jüdische Häuser wurden geplündert. Die Vertreter der Behörden, die sich' den Studenten entgeg.'nstcllien, wurden tätlich bedroht, wobei das Auto des Staatsanwalts Pogona .zertrümmert und der Staatsanwalt selbst verletzt wurde. Es entwickelte sich im jüdischen Viertel eine, regelrechte Straßcnschlacht bei der drei Mitglieder der Eisernen Garde erschossen und zahlreiche verletzt wurden. - .Auch ein Jude wurde im Verlauf der Unruhen getötet. Die Zahl der jüdischen Verletzten ist bisher noch nicht bekannt. Den Demonstranten vvar es auch gelungen, in das Haus des Staatssekretärs int Innenministerium. Diamandi einzudringen. Die Einrichtung wurde vollkommen zertrümmert. ^Diatnandi hatte kurz vorher schärfste Mallnahmen gegen die Rechtsradikalen angekündigt. — Aus einem inzwischen veröffentlichten Polizeibericht geht hervor, daß Militär und Polizei von der Schußwaffe erst Gebrauch machten, als sie aus der Mitte der Demonstranten mit Steinen und Ziegeln beworfen und be« schossen worden wären: Es wurde ermittelt, daß kommunistische Elemeute;_sich der Eiseruen_Garde angescßlosseu batten. Die Ruhe in Jassy ist wieder vollkommen nergcstellt. Ministerpräsident Duca hat öffentlich erklärt, bei den bevorstehenden Wahlen werde volle Wählfreiheit gewährleistet sein, jedoch nur für diejenigen Parteien, deren Anhänger sich an die Gesetze halten und deren Bestrebungen nicht im Widerspruch zur Verfassung stehen. In Ungairn —. An der Budapester Universität ist es neuerlich zu schweren Ausschreitungen antisemitischer Hörer gekommen. Da in Budapest und Dcbrcczin jüdische Studenten noch immer am Betreten der/Hörsäle verhindert werden, hat das Unterrichtsministerium die Schließung der beiden Hochschulen bis /uni 2. Dezember ' verfügt. Pressevertretern wurde erklärt,—-die Hochschulen würden, falls am 2. Dezember die Ruhe nicht gewährleistet sein sollte, für die Dauer des ganzen Wintersemesters geschlossen bleiben. In Polen ln Lemberg veranstalteten nationaldemokratische Hncltschiiler antisemitische Straßenkundgebungen. Auf der Polytcchnik wurden die jüdischen Hörer verprügelt und aus den Vorlesungssäleu vertrieben. Auf der Universität kam es zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen jüdischen und nationaldemokratischen Hochschülern. Es wurden jüdische Passanten überfallen- und mißhandelt, in mehreren jüdischen Oeschäftsläden Wurden die Scheiben eingedrückt. [Sie Polizei verhaftete vier Demonstranten.- Auf Cuba Auf Grund der falschen Beschuldigung, die Juden hätten Bomben für die Gegner des Regimes Grau San Martin angefertigt und von den Dächern auf cubanischc Militärpatrouillen gefeuert, hat in Havanna schärfster antisemitischer Terror eingesetzt. Tag-und Nacht führen Militärpatrouillen - Haussuchungen nach angeblich versteckten Waffen im jüdischen Viertel durch; dessen Bevölkerung von unbeschreiblicher Panik ergriffen ist. Es haben sich zahlreiche Fälle von Plünderungen jüdischer Geschäfte und Wohnungen ereignet, sogar auf offener Straße wurden einzelne Juden ausgeraubt. — Die Einwohner von Buenavista, einer Vorstadt von Havanna, sammeln Unterschriften für eine Petition, in der die Ausweisung aller in der Vorstadt wohnenden jüdischen Kaufleute verlangt wird. Es heißt, daß die Regierung jetzt eine neue Fremdengesetzgebung vorbereitet, durch die die Lage der jüdischen Einwohner äußerst erschwert werden soll.

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