Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 29 (28.11.1933)
- Date
- 1933-11-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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13. Jahrgang Nummer 29 3ftöifdj'(Uietale äeUuttg Beilage 28. November 1933 Religion des Lebens D ie vergangenen Jahrzehnte voranschreitender Emanzipation haben mit dem wachsenden wirtschaftlichen , f und sozialen Aufstieg einen .immer grölier werdenden Verlust jüdischer Werte gebracht; wir...bekamen ein zwar freies und gutsituiertes, aber dafür entjudetes- Judentum.“ So und ähnlich kann man heute überall hören- und lesen. Nun ist es zweifellos sehr zu begrüllen, dall der Drang nach vertiefter Beschäftigung mit den Werten des Judentums heute wieder wach wird; aber gänzlich verkehrt ist es, die Väter und die Träger der Emanzipation für diese „Entjudung' des Judentums“ verantwortlich machen zu wollen. Als am 2. April 1V31 die deutsche Judenheit den 125. Geburtstag. Gabriel Kh'ßi’rs beging, habe ich in einem Aufsatz (abgedruckt in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ Nummer 1-1 vom 8. April 1931) nachgewiesen, wie sehr dieser Heros, den der Darmstädter Philosoph Julius Goldstein mit Hecht den „ersten, politischen Führer des deutschen Judentums“ genannt hat, auch ein religiöser Vorkämpfer des Judentums gewesen ist, wie sehr er bemüht war, den Geist, der allein uns berechtigen" konnte, als moderne Menschen innerhalb der nichtjüdischen Allgemeinheit zu leben, zunächst einmal iii unseren eigenen Reihen lebendig zu machen und das jüdische Leben solchem Geistegemalt zu gestalten. Ganz im Gegensatz zu der heute vielfach herrschenden Meinung muH gesagt werden, dall das politische Emanzipationsstreben und der religiöse Liberalismus zusammengehören. Die Führer der Emanzipationsbewegung haben das immer erkannt. Wenn die Massen ihnen, nicht gefolgt sind, so liegt kein Anlaß vor, die Emanzipationsbewegung selbst dafür verantwortlich zu machen. Und ganz verkehrt ist es, den heutigen Rückschlag nun noch gar zu begrüßen, „weil er uns unsere jüdischen Werte wieder-' gibt“. Diese jüdischen Werte hätten wir immer haben können, sie sind immer gepredigt worden, und diejenigen Glaubensgenossen, die da meinen, es hätte, um die jüdischen Werte ins Bewußtsein zu heben und ins Leben zu tragen, erst des heutigen Rückschlages bedurft, die klagen damit nur sich selber au und zeigen, daß sie nicht die Kraft besessen haben, in guten Tagen sich, die geistigen und seelischen Schätze anzueignen,'die sie nun in schlimmen Zeiten vermissen, weil diese Schätze es sind, -die ihnen Halt verleihen würden. - Vielleicht aber ist es lehrreich, einmal den Dingen nachzugehen, wieso es denn gekommen ist, daß mit dem bürgerlichen Aufstieg ein wachsender geistiger Verfall eintrat. Viel- ♦ Haßaxett und Hino ♦ ppiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii BfyüPtne u. (fototti | Uf 15, Joachimsinaier sirafle 131 I Wegen ausverkaufter Vorstellungen | jj von nun an jeden | | Donnerstag, Sonnabend u. Sonntag | ( das große Kabarottprogramm j | Es spielt die Kapelle Jack Polischuk I | Unser Wochenprogramm: J 1 Montag und Mittwoch abend: Tanz, Dienstag § . und Freitag abend: Unterhaltungsmusik, Mittg 1 woch: Bridgenachmittag, Donnerstag: Nachmittag 1 der Hausfrau, Sonnabend und Sonntag'nachm, l : - 5 Uhr Tee und Tanz - M uiimiimiiiiiiiiiuiiiiiiiiimiiiiiiiiiuiMiiiiimmiimiiiiiiiuiiiiiimiNitiimiimiijmniijiuiiiiiuiiiiiiimiuiiuiuiiiii g 1 Vorverkauf für die Kabarettabende täglich; 1 11 bis 1 Uhr an der Kasse Joachimsthaler Sir. 13 § ■!lllllllll!llllllllll!l!lllllll!llll!ll!l!llll!l!ll!llll!lllllin MBABBC Direktion: FIitow-Eiow ElOW konferiert das 4. Programm Es ist noch besssr Bilder, Sketsche, Parodien. Abends 70 -Pf., kleine Preise Täglich nachm. Hausfranen- Vorstellnng, Eintritt frei Kanne Kaffee mit Kuchen Mit. 1.— Stapler'1 Kürschnerei Charlottenbura Kaisor Frledricnstr. tO Telefon C 4 Wilhelm 6816 SimtUtOrscftflerarbeiten werden tauber und zu den billigsten Preisen ^usgefDhrt^Abholun^iBbareehM^ . Schreibmaschinen* Gelegenheitskaufe nur bei Otto Broich. C2, An derSpandauer Brücke9 am Hacke$cbenMarktu.BahnhofB6rse D1 Norden2601 10,—M.Ratsn Alle münze Inh. E. Schensch * ' . Kransenstr.42/43, am DMoffpL Das Haus fürgepfl. Speisen u.Getränke ■Oil Garderobe, Pelze kauft , Prlsdmann Krummestr. 92. Tel. C 4 Wilh. 8211 Cigarrenhaus BARTMANN Bertfti W15. Kwntanentr. 2 J 2 Oliva 1013 1 G. Pflüg, Pampmmtf» N 31 AnUamerstr.44 D4Humt*. 6667 Mitgl. d. jüd. Gern. Installationen jegL Art Maß- und orthopädische Schuhe n. Budapester Art Spcz-MalUchabniaciicr, 61n.*Qurlbg. LeibniMtr^eajEia^JomniKOSt^ leicht zeigt sich dann, daß keineswegs nur die, jüdischen Massen mit ihrer geistigen Trägheit daran schult! gewesen sind, sondern daß ihnen das Judentum in einer Form präsentiert wurde, die den jüdischen Massen mit ihrer geistigen Regsamkeil nicht genügen konnte. So zeigt es siclr iiämiicli in der Tat. Die Gemeinden wurden zum größten Teil noch ' orthodox verwaltet; da sie aber keine Machtmittel besaßen, ihre Mitglieder zu orthodoxer Lebensführung und zur Teilnahme am Gemeiudelebeir zu zwingen, so blieben die modern gerichteten Juden jener Zeit dem jüdischen Leben mehr und mehr fern. Es ist billig, heute, da es um Brot und Existenz vieler Tausende lind einer ganzen Jugendgencration gellt, über die Dinge zu spötteln, die damals Gegenstand jüdischer Problematik waren, z. B. die Einführung der Orgel in den Synagogen, durch die die Juden jener Tage in zwei feindliche Heerlager gespalten wurden. Gewiß, wir haben heute andere Sorgen, aber man glaube nicht, es ließe sich aus jenem Streit um die Orgel nicht auch für heute in unserer heutigen Situation etwas lernen. Demi um was ging es eigentlich damals? Um die Orgel? Keine Spur! Es ging darum, oh das allgemeine Kulturempfinden jener Tage — in das ein-, zulreten doch gerade der Emanzipationsanspruch der damaligen Juden war — unter den Juden und ihren Einrichtungen selbst Eingang finden sollte. Und das war allerdings eine Lebensfrage für den Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft und ist es ganz ebenso noch heute; denn ausschließlich eine Religion, die dem lebendigen Menschen etwas bietet, hat Aussicht, eine aktivistische und opferbereite Bekennerschar lim sich zu sammeln. Wie steht es mm damit? Gewiß, die Orgel ist fast allerorten eingeführt, und alle die, die heute gleichermaßen um ihre Existenz wie um Aneignung jüdischer Werte ringen, werden das für eine Selbstverständlichkeit halten, um die es sich nicht verlohnt, viel Worte zu .machen. 'Aber gewisse Kreise, die für das Judentum repräsentativ sein wollen, die noch heute behaupten, allein das wahre Judentum zu vertreten, haben nicht aufgehört, die Orgelfrage als ein jüdisches Kernproblem liin/ustellen-wissen sie eigentlich, dall sie damit die jüdischen Menschen vom Judentum" abschrecken, anstatt sie zu werben? Aber noch mehr: es handelt sich nicht um die „theoretische Klärung eines Problems“, sondern man ist entschlossen, dem Buchstaben des vermeintlichen Gesetzes sogar auch menschliches Glück zu opfern. Und dies ist es, was kein verantwortungsbewußter Jude schweigend hingehen lassen kann. Das Judentum nennt sich eine „Religion des Lebens“, so nennen cs alle religiösen Richtungen innerhalb des Judentums. Aber es gibt leider eine Richtung, bei der Wort und Wirklichkeit nur hi geringem Einklang miteinander stehen. Wie oft ist z. B. dem Buchstaben des längst veralteten jüdischen Eherechts zuliebe das Glück lebendiger Menschen zerbrochen worden. Über diesen verhängnisvollen Tatbestand gibt es nicht nur eine infolge ihrer Wahrheitstreue weltberühmt gewordene Novelle von '/Langwill, sondern es ist in früherer lind in jüngster Zeit viel Material darüber gesammelt worden. Den letzten größeren Anlaß bildete die sogenannte Agunoth- Frage. Mehrere tausend jüdische Frauen in Polen haben durch den Weltkrieg das Schicksal erlitten, daß ihre Ehemänner verschollen sind. Todesbeweise sind nicht vorhanden, Scheideliriefe naturgemäß auch nicht, und so konnten die Frauen, die viele Jahre hindurch von ihren zweifellos im Kriege uingekommenen Männern nichts gehört hatten, die-nach allen Gesetzen der Vernunft als Witwen anzusehen waren und sich selber so anSehen, nach dem jüdischen Religionsgcsetz keine neuer. Ehen eingehen. Alle Bemühungen, für diese sogenannten Agunoth („verlassene Ehefrauen“) Dispense'zu erreichen, sind gescheitert. Die „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands“ war bemüht, das tragische Schicksal dieser Agunoth zum Ausgangspunkt einer Reform des jüdischen Eherechts zu machen; aber die Orthodoxie blieb unerbittlich. Nach ihrem Willen ist nun einmal das Gesetz nicht für die Menschen da, sondern die Menschen für den Buchstaben des Gesetzes, auch; wenn sie darüber zerbrechen. Das hat jüngst eine an sich harmlose Erörterung über die Orgelfrago wieder bewiesen, die näher zu kennzeichnen „um des Judentums willen“ leider notwendig ist. , In unserer Zeitung war darauf hingewiesen worden, wie seihst sulche Synagogen, die die liberale Einrichtung der Orgel f dSb» . Radiohaus Friedenau FlOgil - . llnlira kauft bar v.Prhrat TELE fv TeJefoa: H 3 RMbqmi 364 Radioapparate, Anoden. Akkus. äf SchaMplaUen.Sprethmaschinen, ■ Photo,Reparaturwerkstatt “ Bla.-ftiedeuia. (aisenllee 75 icicion G1 Stephan 6861 1 FUN KEN l!i!!!!l!!l!!!!!!!iJ!!!l!!l!!! k Diiiertationen _ ■ 6euMfts- OnKluKlm M öbel transporte nach allen Pützen der Welt. Mobeiaufbewahrung übernehmen Herrmann & Kaiser Elisabethufer 11 — Telefon« F 1 1270 Iß tutir latratirnna. Billig« rntn /ORMagrxktrtl Fell* Wolf Welmarerstr. 18 Gegründet 1875 Gegründet 1875 Berlin-Wilmersdorf, BerllnerStraße 14S Tel. 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Munitionsanstall) Telefon D 9 Relnlckeailorf 19» besitzen, meist doch noch so orthodox vcrwaltct-wcrdcn, daß man das Orgclspicl christlichen Organisten übertrug. All die Betrachtungen, die über die innere Umvuhrhaftigkcit solchen Verhaltens angestellt wurden, brauchen heute nicht noch einmal wiederholt zu werden. Doch sei die Tcudeii/ jciies Aufsatzes unseren Lesern in Erinnerung gerufen. Ls winde dort berichtet, daß heute die christlichen Kirehengeiueindeii ihren Organisten das Spielen in den jüdischen Synagogen meist nicht mehr ertauben, so daß dadurch endlich, endlich diejenigen jüdischer Künstler, die die Orgel spielen mul für die 'Orgel komponieren die Möglichkeit liabcii, ihr Schaffen in den Dienst der jüdischen Gemeinden zu sk-JJen, wodurch diesen Künstlern und ebenso den Gemeinden .wechselseitig genutzt ist. „Die jüdischen Orgelkünstler werden leben“, hieß es dort, „werden -- für sich um! für uns - schaffen können, die jüdischen Gemeinden aber werden zum jüdischen Prediger, zum jüdischen Vorheler, zu den jüdischen Chorsängern mul ihren Dirigenten hinzu ihren jüdischen Organisten haben" Man sollte meinen, ju dieser Zeit erhöhter .jüdischer Knusileruot, in diesen Tagen, da durch Gründung von. jüdischen Kulturbünden und ähnlichen Gcscllschuflcu Anstrengungen aller Art. gemacht werden, unseren erwerbslos gewordenen jüdischen Ktiiisstlcru eine neue Schaffenstiiiil Lehensgriuidlage zu bereiten, müßte jedermann solche Tendenz hcgriißcn. Nicht so unsere jüdische Orthodoxie. Der „Israelit"; das Zentralorgan für das orthodoxe Judentum, bringt in seiiier Nr.-37 einen Auszug aus dem in unserem Blatt erschienenen Aufsatz, um eine Bemerkung daran ztt knüpfen, die in'ihrer l.chcusfeiudlichkeit nicht mehr ühertroffeu werden kann, „Auch wir begrüßen,“ schreibt das orthodoxe Blatt, „diese amtlicherseits vorgenoimnene Trennung von Kirche und Synagoge. : Freilich mi hi im Interesse tler jiiiliselicn Organisten, die jetzt an Stelle ihrer christlichen Kollegen die Orgelam Sahhath spielen sollen, sondern in der llt>l/ming, daß nach diesem Tingerzeig der Vorsehung, im Zusammenhang mit atlem Anderen, was über die deutsche . Jaden heit iiereingehroehrn ist, die' Orgel im jüdischen (iotieshause überhaupt verstummt.“ (Hervorhebungen von uns. — „J.-l. /..") Diese Worte wird mau sieh merken müssen. Die jüdischen Organisten, lebendige Menschen also, sind ganz glcicltzgiiltig; und über den engen Kreis dieser wenigen Künstler hinaus ist das .furchtbare Unglück und „alles Andere,'was über die deutsche’ Judenheit hereingebroclien ist", ein Fingerzeig der Vorsehung lediglich dafür, daß die Orgel im jüdischen Gotteshause verstumme!! Sind das Perspektiven, würdig einer Gemeinschaft, die ihre Lehre als die Religion des Lehens preist? Wir denken anders. Und wir meinen, daß gerade diese Zeit, da wir den Kampf um die äußere Emanzipation von vorn beginnen müssen, es uns zur Aufgabe macht, auch den Kampf um die innere Emanzipation, tim die geistige Freiheit, bis zum Ende durchrufiilircn. Solange der Mensch dem Buchstaben zum Opfer gebracht wird, anstatt daß aus uraltem, ewigem. Geiste neue Buchstaben für den Menschen geschrieben werden, solange nicht unsere jüdische 'Religion in tlen Dienst des Lehens gestellt wird, so lange wird auch uns der Anteil am Lehen verwehrt bleiben. Am jüdisch geistigen wie am materiellen Leben. Denn ein Judentum des - Buchstabens vermag seinen Menschen nichts zu gehen und vermag von der Allgemeinheit nichts zu fordern. Erst wenn wir wirklich und völlig das Judentum als Religion des Lehens erkennen, werden wir tatkräftige, gcisthcfliigcltc Menschen um uns haben, die aus dem Geiste sulchen Judentums uns das Leben gestalten und neu gewinnen, '• Die alten Probleme sind nicht veraltet;-Ihre von-einer früheren Generation nicht zu Ende geführte Klärung und die Durchsetzung der so gewonnenen Erkenntnisse in »Tie Praxis des jüdischen- Gemeinschaftslebens ist nötig, damit wir den Weg in die Zukunft finden. ..- —iz. Die Einmütigkeit der deutschjüdischen Jugend Am 12. November fand in Nürnberg die.Abscliiedsfeier für den Führer des Landesverbandes Bayern der Deutsch- Jfidisclien Jugend, Robert Neusiädter, statt. Unter Anwesenheit der Vorstände von Gemeinde, CV, RjF und (Jen Rabbinern konnte die Sitzung eröffnet werden. In feierlicher Weise wurde der 'Gefallenen des Weltkrieges, aller Kämpfer für Deutschtum und Judentum, die nicht mehr hei uns weilen, iushcsoitdcrc Ludwig Tielz gedacht. Es waren ergreifende und erlichende Momente, wie die über 15(1 Jüngeren das-Lied vom guten Kameraden anstimmtcu und alle Anwcscmlctnsich zur Brillen - Kneifer ■ „ . Optiker n.nefi Nodit. Berlin. KoBuaadaatautrasi« 51 Mitglied des Vereins settnlümllger Handwerker jüdischen Glaubens U. V. Reditsbeistand Max Htlhnel Berlin-Steglitz, Leydenallee 75 (Nätio iu>r.>. Toi.: o s steirtiü inan üU-minunt Rccht*vartretung und Beratung ln allan Angefoifouli« Sprechstunden: 3—7 Uhr uachmiltug»: aal Wünsch Konferenzen . auch außerhalb des Hause*. ](e(oronzon e o r h a ud o n. Zuverlässiger Fachmann btraitl in Gleichschaltungsffragan und Ist ln der Lage, solche durchzufflhren. Zuschriften urtt. D 657 an die Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin- Charlottenbnrg 4. 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