Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 29 (28.11.1933)
- Date
- 1933-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 20 Nr. 29 gflrj>cutijt)C5j$ubentum uttb religiösen «Hufbau Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM.zuzdglldi Bestellgeld. Einzelnummer 0,S0 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden BezugsaebOhren. 13. Jahrgang Hernusgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Sclii iitk'itun”: (iioi”0 (loci/ Berlin, 28. November 19321 Dle.JQdlsch-llberaleZeltung“ erscheint Dienstags und freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 5 Bleibtreu Sammel-NK 1645. - Bankverbindung:KreditvereinfOr Handel und Gewerbe e.G.m.b.H.. Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin 22704. Die „JBdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Führung statt Debatte Lie Formen, in denen das öffentliche Leben sich abspielt und sich selber regelt, haben sich in Deutschland,, und keineswegs nur in Deutschland, grundlegend gewandelt. Anstelle des Parlamentarismus mit seinen Debatten und Abstimmungen ist das Führerprinzip getreten, und selbst da, wo das parlamentarische System aufrechterhalten blieb, sowohl in gewissen außerdeutschen Ländern, als auch innerhalb Deutschlands in den Kommunen und anderen öffentlichen Verwaltungskörperschaften,- macht sich doch eine deutliche Wandlung der Form bemerkbar. Während nun diese Entwicklung auch auf das jüdische Leben übergreift — wodurch sich wieder einmal zeigt, daß die vielgeschmähte Assimilation allgemeingültiges und deshalb undurchbrechbares Naturgesetz ist — gelten wir Juden der nichtjüdischen Umwelt vielfach als die Urheber des Parlamentarismus. Das kann nicht wunder nehmen; denn einmal sind wir es ja nun in jahrtausendelanger Leidensgeschichte gewohnt, daß alles, was böse ist oder dafür gehalten wird, uns in die Schuhe geschoben wird, sodann aber sind Judentum und Parlamentarismus geschichtlich in deeXataufdas .^ngste.m.iteinander,yerknflp{t, nutjjaß das wirkliche Verhältnis genau umgekehrt ist, als von den Gegnern des Judentums angenommen wird. Nicht die Juden haben den Parlamentarismus erfunden, sondern die gleiche Bewegung, die dem Volke die Freiheit von dem fürstlichen Absolutismus des Mittelalters brachte, hat auch die Juden aus ihrer Sonderstellung befreit. Die französische Revolution ist es gewesen, die die Emanzipation der Juden feierlich verkündet hat. Das Befreiungsdekret trägt das-Datum des 27. September 1791, nämlich der vorletzten Sitzung der konstituierenden Nationalversammlung. Damals wurden den Juden die Rechte „aktiver Bürger“' zuerkannt, und, wie bei allem, was sie tat, glaubte die französische Revolution auch in diesem Falle, Gesetze für die ganze Menschheit zu machen. In diesem einen Falle war dieser Glaube kein leerer Wahn. Das' Dekret der französischen Nationalversammlung ist über die ganze Erde gegangen; das Echo aus dem- Beratungssäale der-Manege hat sich in alle zivilisierten Länder fortgepflanzt. Überall, wo das Volk durch die Schaffung einer Verfassung, an Regierung und Gesetzgebung mehr oder minder stark beteiligt wurde, wurden auch die Juden bald früher, bald später als Staatsbürger und Volksgenossen erkannt und anerkannt, so daß sie die Möglichkeit erhielten, wie jeder andere Staatsbürger auch, nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten am öffentlichen Leben teilzuneh'men. Keineswegs sind also die Juden die Urheber des Parlamentarismus, wohl aber kann man sagen, daß der Parlamentarismus ihnen die Freiheit und die Möglichkeit der Entfaltung gegeben hat. Heute beobachten wir nun eine Abkehr vom Parlamentarismus, und es ist auch nicht daran zu zweifeln, daß.diese Bewegung,• mag sie nun'den wahren Zusammenhang zwischen Parlamentarismus und Judentum erkennen oder in dem gekennzeichneten Vorurteil befangen sein, vielfach einen antisemitischen Einsfchlag. zeigt. Es kommt hinzu, daß das den Parlamentarismus ablösende Führerprinzip nicht selten einen militärischen Anstrich aufweist, und es ist ja kein Zweifel, daß die Juden, die im Kriege ihrer vaterländischen Pflicht mit nicht geringerem Schneid, Mut und Opferbereitschaft nachkommen als' die Nichtjuden, in Friedenszeiten den militärischen Formen wenig geneigt sind. Das gereicht ihnen durchaus nicht zur Unehre, denn es beweist, daß die Juden, von denen erwiesen ist und oben schon gesagt wurde, daß .sie im Kriege ihren Mann stehen, in ihrem zivilen Leben wenigstens im Unterbewußtsein von dem bibjj^hen Friedensideal bestimmt werden. Trotz alledem aber wäre es ein Irrtum, Judentum und Führerprinzip für unvereinbar zu halten. Immer wieder muß gesagt werden, daß das Judentum, wie jede echte Religion, an keine bestimmte Staatsform und an keine bestimmte politische Auffassung gebunden ist, sondern daß es — auch Hierin gleich jeder wahren Religion — jedem Lande! und jeder Zeit, in welchen Formen immer das öffentliche Leben sich abspielen "mag, die Gesinnungsgrundlage und das ideale, göttliche Ziel geben "will. Wird irgendwo im menschlichen Zusammenleben, sei es her einem Übertritt von Grenze zu Grenze oder bei einem solchen von Generation zu Generation, der Parlamentarismus vom-Führerprinzip abgelöst, so muß! das Judentum hier wie dort, später wie früher schöpferische Beziehung zum Leben und seinen Formen gewinnen. Das schlagendste Beispiel dafür, daß [dies möglich ist, wurde in diesen Blättern bereits mehrfach angeführt: es ist das Verhältnis der italienischen Juden zum faschistischen Italien. Die Religion will j ajle Systeme menschlichen Zusammenlebens mit ihrer Ethik durchseelen, und die Bekenner einer Religion wollen (und müssen) frei sein können in jedem' Lande,! wie immer esauch verwaltet werde. } Die Krankheit eines Landes oder einer Zeit kann kraft des vorhin erwähnten Assimilationsgesetzes |auch an-den Juden nicht vorübergehen, und wenn das parla- •■-m e-.itarische-System-rrr-diesen—Tagen-tmd-irr unserem*« Lande sich abgenutzt zeigt, so ist es nur selbsfver-' stündlich, daß dieser Zustand auch auf 'diejenigen Körperschaften übergegriffen hat, in denen die Juden ihr eigenes Gemeinschaftsleben finden und regeln. Ein Beispiel zu bringen sei verstattet: Will einrDezernent des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden im Interesse der Gesamtheit irgendeine Sache durchführen, so muß er sie nicht weniger, als siebenmal vertreten: im Dezernentenkollegium,) im Engeren Rat, in seiner eigenen Ratsfraktion und im Großen Rat, in seiiur Verbandstagsfraktion, im Haushaltsausschuß des "erbandstages und jm Verbandstage selber! Das bedeutet siebenmal die gleichen Reden halten und siebenmal die gleichen Debatten führen.' Hinzu treten zu solchem nutzlosen Zeit-[und Energieaufwand die allgemeinen Schwierigkeiten jedes parlamentarischen Systems: der Fraktionszwang,) die moralische Unmöglichkeit, eine wirklich erhebliche Minderheit durch Plenarbeschlüsse zu majorisieren, und all die anderen Erscheinungen, die uns aus |dem deutschen und jüngst auch (bei dem Sturz der 1 Regierung Daladier) aus dem französischen Parlamentsleben bekannt sind. Es ist kein Wunder, daß unmerklich aber unaufhaltsam auch das jüdische Gemeinschaftsleben die überspitzten alten Formen beiseite geschoben und sich an das neue. Führerprinzip assiinilierjcshat. Vielleicht lag es in der Natur der Sache, daß der .Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hier vorangegangen ist, doch ist sehr schnell die deutschjüdische Jugend gefolgt; auch die neue Reichsvertretung der deutschen Juden baut sich bekanntlich auf dem Führerprinzip auf und ebenso die jüngste Neugründüng, die Erneuerungsbewegnng: jüdischer Deutscher. Aber auch ' die anderen großen Organisationen, vor allem der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und die Vereinigung für das religiös-liberale Judentum haben seit langem ility satzungsmäßigeu Mitgliederversammlungen und sogar ihre Hauptvorstände kaum mehr einberufen, ln manchen Gemeinden ist an.die Steile der Repräsentantenversarnmiung und des Vorstandes, die nur selten noch einberufen werden, das neu eingesetzte Direktorium getreten. Überall ist eine allmähliche Umformung eingetreten. Das bedeutet nicht, daß die zur Führung eingesetzten Persönlichkeiten oder .Körperschaften wahllos schalten könnten; ganz wie im allgemeinen Leben Wertteil sie getragen vom Vertrauen der Gesamtheit, durch das allein ihre Stellung Grund und Festigkeit erhält. Es - ist durchaus -nicht 'so, daß Einer befiehlt und die Andern gehorchen. Vielmehr ist das Verhältnis der*_ jfa tUll-dipi Mfijgr tatüilw was er will; darüber hinaus weiß er, was er zu tun hat, und er muß es verstehen, Initiative und Aktivität, jedes einzelnen der seiner Führung unterstellten Gemeinschaft anzuregen. Es ist selbstverständlich, daß ein derartiges Führersystem in einer religiösen Gemeinschaft andere Formen und Nuancen aufweisen wird als im politischen Leben; selbst in denjenigen Gruppen, deren Tätigkeit insofern eine politische genannt werden muß, als sie die staatsbürgerliche Stellung der Glieder der Religionsgemeinschaft regeln will. Sehr-ähnlich liegen die Dinge ja in den ^crwaltungskörperschaften der christlichen Kirchen, und bei uns Juden ist es nicht anders. Vereinfachung tut uns not, Einfachheit ist der wesenhaft gegebene Ausdruck religiösen Gemeinschaftslebens. Schlichtheit ist hier nicht Armseligkeit noch Unvermögen, sondern Zeichen dafür, daß die Stärke auf Innerlichkeit beruht und Neugestaltung, Gesundung herbeiführen wird. Dem objektiven Beobachter jüdischen Lebens' in Deutschland kann es nicht verhohlen bleiben, daß wir unvermerkt, aber merkbar in einem solchen Prozeß der .Gesundung uns befinden. 99 Heiliges Sturmeswehn1 "Von Rabbiner Dp* Benno Gottsdialk 4< Ist es schon immer für di? Jugend mit ihrem Suchen jund ihrem Fragen, mit ihrem Zauber und ihrem Scheusein, mit ihrem Anschmiegen und ihrer Zurückhaltung, mit ihrer Leidenschaft und ihrer Unschlüssigkeit ein furchtbarer Augenblick, wenn die Seele erstirbt, das Antlitz sich entfärbt, die Lippen nür noch kraftlos murmeln: sie haben mir die ganze schöne Welt zerstört; der Augenblick der Enttäuschung also kommt, der Enttäuschung: über sich, über andere, über das Leben; der Augenblick, in dem der Weltschmerz über sie hereinbricht: ist das schon immer furchtbar und tragisch, um wieviel mehr in diesem Jahr. Ist doch alles jetzt ins Massenhafte gesteigert; nicht ein Einzelner, nein Hunderte, Tausende vereinen sich zu dem Massenschrei: sie haben uns die ganze schöne Welt zerstört; trotzig der eine, verbittert der andere, ohnmächtig der Dritte, aber alle, alle in gleicher Qual. Die Stimme der Religion, was hat sie nicht gepredigt; die Stimme der Phantasie, was hat sie nicht für Bilder vorgegaukelt; die Stimme der Seele was nicht für Entschlüsse gezeitigt, und nun — sie haben uns die ganze schöne Welt zerstört. Und dieser Jugend gilt es standzuhalten, ihr kraftvoll entschlossen helfen zu wollen, sie nicht mit leeren Phrasen zu trösten, nicht bloß an die unverbrauchte Kraft zu erinnern, die gerade in Jugend so wundervoll schlummert, nicht an tausend Vorbilder; es gilt, zu zeigen, daß jetzt etwas ganz anderes vorgeht, als es bei schneller Betrachtung scheint. Gegen jede Menschenvernunft, gegen jede göttliche -Güte, sagen die jungen Menschen, ist doch alles jetzt Da aber klingt aus uralter Zeit ein Psalmwort herauf: „Fremdling und Beisaß bin ich bei Dir, wie alle meine Väter“ — und das Liedlein hebt an, das wir allevom Friedhof her kennen: „Es ist bestimmt in Gottes Kat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden“; hebt an, um sofort aus einem Sterbelied ein Lebenslied zu werden. Ja, jene Zerstörung der Welt jetzt ist gar nicht -etwas, was die Jugend allein angeht, ist nichts, was sich zuni ersten Male ereignet hätte, ist nichts, was sich nicht wiederholen wird. „Wie alle meine Väter“ — hat der Psalmist denn nicht-recht? Vorüber, vorüber, ist es nicht ewige Melodie? Vorüber an Lebensaltern, an Plänen, an Freunden und selbst an Kindern? Ja, jeder Tag der Entwicklung der Kinder, er ist ein Vorüber, vorüber an ihnen.' Mit jedem Tag mehr werden wir Zuschauer für ihr Glück, müssen uns mit den 'Kesten begnügen, die sie uns übrig lassen, übrig von ihrer Zeit, von ihren Freuden, von ihren Neigungen, von ihrer Liebe. Immer mehr, immer mehr müssen wir uns auf die tiefe Liebe zurückziehen, die wir im Innern für sie fühlen. Fremdling und Beisaß sind wjr für sie. Und warum verzweifeln wir trotzdem nicht? Weil wir von. Tag zu Tag mehr die tiefe Wahrheit des" Wortes begreifen: „Es ist bestimmt in Gottes Rat, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden“; so begreifen, wie etwa einst Nietzsche, _als die Freundschaft mit Wagner ein- Ende nahm: „Daß wir uns fremd werden mußten, ist das Gesetz über uns.“. Und er prägte das Wort von der „Sternenfreundschaft“. Ja, dieses Vorüber, es ist kein Grund zu lähmender - Klage, ist nicht die Feststellung einer Tatsache, geht nicht bloß ~den Tod an, und nicht bloß (He Jugend und Gegenwart, nein das ganze Leben wird von ihm erfaßt, soll von ihm erfaßt werden, es .soll seinen Sinn von da aus bekommen.- jawohl, seinen Sinn. Eine wunderbare Verwandlung geht mit uns vor,