Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 26 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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^Zfvei im andern Stand Roman von Stefan Reginald Marknes . (Copyright by Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag.) 13. Fortsetzung. Es war wieder modern, nach Deutschland zu reisen, ln der schönen Sommerszeit und zumal am Anfang des Herbstes in das große Land im Herzen Europas zu fahren, um deutsche Art und Sitte, um das Land mit der großen Vergangenheit- und Gegenwart kennen zu lernen. Da kamen sie aus allen Kontinenten in großen Scharen, zu schauen, zu bewundern Godwins Vater fand nichts dabei, als sein Sohn einen solchen Trip erster Klasse machte, und ließ es ihm an den nötigen bargeldlosen Schecks nicht fehlen. Daher also finden wir den gekränkten Liebhaber in Berlin.' Er wußte zwar selbst nicht wie eine solche Reise und eine Berührung mit Micaela sein Liebesleideu heilen sollte. Denken war überhaupt nicht seine Stärke. Godwin hatte nur das unbestimmte Gefühl, daß eine Aussprache mit Victors junger Frau dringend vonnöten sei, und dazu kam es nun im Cohhschen Salon. Tante Susi saß treu wachsam dabei und kam sich in der Rolle einer Anstandsdame außerordentlich wichtig vor. Von der Unterhaltung beider verstand sie natürlich kein Wort und konnte deshalb Micas Erregung nicht begreifen. Godwin berichtete Mica ohne lange Einleitung folgendes: '„Du weißt, daß Victor wieder bei uns ist. Ich weiß nicht, ob und wie oft er Dir schreibt. Ich muß Dir sagen, daß er sich wenig mit seinen Patenten, aber intensiv mit Ruth beschäftigt, und die will ich mir von ihm mellt wegnehinen lassen! Ich will Deinen Mann auch garnicht schlecht machen, Mica, und es ist durchaus möglich, daß Ruth ihm den Kopf verdreht hat. Vielleicht hat er auch mit seinen Patenten großen Aerger; das kann alles sein! Aber selbst wenn die ausschließliche Schuld bei Ruth läge, das sage ich Dir: Ich lasse von Ruth nicht. Solange ich denken kann, liebe ich sie'und werde sic keinem anderen opfern. Du mußt mir dabei helfen; deshalb hin ich hifcr!“ Die Wirkung dieses Berichtes war in mancher Beziehung erstaunlich. Zunächst wurde klar, daß neben der Abstammung . auch die menschliche Erziehung und Umwelt unsere Seelen entscheidend formt. Mit einem südländischen Temperamentsausbruch, der nach dem Urteil schärfster Kritiker Mica ohneweiteres in die Reihe der größten Tragödinnen versetzte, sprang sie schreiend-auf und brüllte Godwin an: „Gemeine freche Lüge, niederträchtiger Bandit! Nicht eine Silbe von allem ist wahr. Oder die Egoisten haben Dich gedungen, meine Liebe zu ihm zu vernichten!“ ' Tante Susi war ziemlich fassungslos: . Sie kramte in ihrer Tasche nach einem Riechfläschchen und murmelte unablässig: „Wo bleibt das Ueberfallkommando: Ich werde, ohn- Wenn man dies prognostiziert, wird mau es in der Regel nicht. ... Godwin erhob sich. „Ich;werde jetzt gehen! Sei nicht böse, Mica, wenn meine erste Mitteilung Dich so-betrübt und erregt, leh bin selbst sehr hart getroffen. Darf ich wiederkommen?“ „ja, geh und komm wieder,“ verabschiedete ihn Mica fast tonlos. Ihre Augen gingen ins Leere; irgend etwasin ihrer Seele war zerbrochen. XL Mica entsagt. .Weil'sie doch große Aufgaben zu erfüllen hat, und ein Kinderbett gebraucht wird. Die gute Tanfc Susi hatte schließlich ein Recht, wissen zu wollen, was sich in ihrem Salon begeben hatte. Mica schwankte in begreiflicher Scham, ob sie die Wahrheit gestehei: sollte, hielt es aber fürs beste, im summarischen Verfahren, gleichzeitig dem eintretenden Onkel, alles zu eröffnen. „Meine lieben Verwandten D die ich fast Eltern nennen könnte,“ fing sie — mit einer im Satzbau in den Stil der heimatlichen Sprache aiiklmgeiiden Wendung an — „mich hat ein schweres Schicksal getroffen. Herr Godwin, ein junger Landsmann, hat mir erzählt, daß mein Victor mich verlassen hat. Ich will es garnicht wissen, und es bedeutet keinen Unterschied, ob Rutil Laporta. meine Jugendfreundin, ihn dazu brachte, oder es sein eigner Wille war. Es ist für mich verloren; ich kehre nie zu ihm zurück, um' Mein Leben hat keinen Inhalt mehr.“ „Um Gotteswillen, um Gotteswill« Cohnsche Ehepaar in dumpfer Beschwörmi Susi fuhr fort: „Das kann ja.nicht sein, das ist nicht wahr! Er ist doch ein so hübscher und gewandter, ein so feiner Mensch.“ ..Onkel Fritz, legte sich ins Mittel: „Sieh mal, Mica, Du mußt das aus meinem Munde nicht mißverstehen! Aber wenn ich Dir sage, daß mir diese Dinge, welche Dein,leider geschwätziger Freund hier berichtet hat, in einem viel milderem Licht erscheinen...“ Mica ließ ihn nicht aüsrcdeu: „Ich gebe kein Pardon und ich lasse mich nicht überzeugen. Alle Männer durften das tun, Victor durfte es nicht!“ „rch war doch im Krieg,“ sprach Onkel Fritz unentwegt weiter, denn das war sein Lieblingsthema, „und es waren doch Millionen Soldaten von der Heimat, von der Familie, von ihren Frauen getrennt. Damals hat unsere Heeresverwaltung in der Erkenntnis der Unmöglichkeit dieses Zustandes selbst Maßnahmen ergreifen müssen, die ich in Gegenwart von Damen natürlich nicht erörtern will, um die durch Kampt und Strapazen entnervten Menschen zu beruhigen. Wir . alle und auch die vielen Geistlichen, die beim Heere waren, haben darin nicliFs Ungewöhnliches, sondern etwas Notwendiges gesehen. Kannst Du Dir nicht vorstellen, daß Victor gerade durch die schmerzliche Trennung von Dir und im Ringen um seine Erfinderrechte so geworden ist, bestimmt aber Deiner Seele und Deinem Herzen die höchste Treue, Achtung,' Liebe bewahrt, wenn er auch — ich will es grad aussprechen — leiblich entgleist?“ Mica hörte ihm garnicht zu, desto intensiver seine Gattin. Sie antwortete spitz: „Es wird ja immer interessanter in der Rankestraße. it fürchterlic! gsformel, und Tante Umzöge - Spedition - Paketfahrtdienst- Massiver Lagerspeicher. Beratung kostenlos s. Simonowitz, scuonM Eiseoactigrstr. 56 ■.. " iß B 6 «232 Man muß anscheinend mit seinem Mann vor der goldenen Hochzeit stehen, ehe man ihn auskennt.“ „Ganz so weit sind wir noch nicht, meine liebe Frau, und die Dinge verstehst Du nicht und brauchst sie — Gott sei Dank — nicht zu verstehen.“ „Ich gebe Mica recht,“ ereiferte sich Tante^ Susi, aber auch ihr wurde nicht Rede noch Antwort zuteil. Nach einer Woche kam ein dicker Brief von Victor, als unsere drei Herrschaften beim Frühstück saßen. Da erst Strafporto zu bezahlen war, schien die Angelegenheit höchst erbaulich zu werden, und Cohns rückten ihre uns schon bekannten Augengläser zurecht. Mica sah ihre Adresse, den Absender und zerriß das Schreiben, ohne .es geöffnet zu haben, in viele kleine Stücke. ' . „Es ist aus, es ist vorbei, er Rann noch so viel schreiben! Ich lese nicht, ich antworte nicht, ich will nichts hören* ich will nichts wissen! Ich Avill schlafen — ich will nicht mehr leben!“ Mica verließ das Zimmer und warf sich auf ihr Bett. „Da hast Du es mm“, meinte Frau’Cohn und bewegte wehmütig ihr Haupt, „Kummer und Aufregungen auf unsere alten Tage! Haben wir das nötig gehabt? Ich habe Angst, ich kann mich nicht aus der Wohnung trauen; in jedem Augenblick kann eine Katastrophe eintreten.“ — ' Es kam ein zweiter Brief Victors, der das Schicksal des ersten teilte. Es kam ein Schreiben von ihm an Onkel Fritz mit sehr vernünftigem Inhalt. Dieser Brief wurde sehr eingehend studiert und ebenso beantwortet: Victor möge nicht nach Berlin kommen und Geduld haben. Wenn sich die Aufregung der ersten Wochen gelegthabe, hoffe man, daß Mica einlenken würde.... Mica lenkte nicht ein. So innig sie Victor liebte und so sehr sie sich mit ihm in ihrem Alleinsein und in ihrer Phantasie beschäftigte, ihr Wille stand fest und blieb fest, ihm nie wieder zu gehören. Auf "Ihren Spaziergängen, denen Godwin stets in gemessener Entfernung folgte, kamen die schwärzesten Gedanken über sie. So geht es Mica auch am heutigen trüben Novembernachmittag, der sie durch die Budapesterstraße zum Kanal und an dessen -Ufern in den Tiergarten führt. „Ein Sprung macht mich frei!“, murmelte sie, „aber dieses Wasser ist so dunkel, so dumpfig ist hier alles.“ Unruhig, mit raschen Schritten lauft sie vorwärts; Godwin, der Kriminalist, dein sie verboten hatte, an ihrer Seite zu marschieren, immer hinterher. Ein entgegenkommender Spaziergänger grüßt schon aus der Entfernung besonders höflich-, Mica sieht ihn kaum und erwidert knapp. Der schlanke Herr lüftet artig seinen Hut: „Gnädige Frau scheinen mich nicht zu kennen, obwohl ich die Ehre hatte, von Ihrer Hand im Hause Ihres Herrn Onkels ent zi ■erden.“ .. , . Mica zerstreut, „das kann sein und kann nicht sein. Sie sehen mich hier, Herr Minister, odei wie Ihr Titel ist, wohl recht ungezogen, aber meine Verzweiflung entschuldigt alles.“ „Ihr Herr Onkel hat mir freilich angedeutet.- Nun, eine kleine Eheirrmig! Solche Dinge kommen vor. Seien Sie doch nachgiebig, gnädige Frau, das nimmt ja sonst ein sehr „Das soll es auch, das wird es auch, und wenn Sie nicht vorheigekoinmen wären, läge ich schon in diesem Tümpel. Doch dieses Berliner Wasser! Ich weiß nicht, wie man auf deutsch sagt — dieses Wasser ist trop sale.“ „Das heißt schmutzig oder berlinisch dreckig,“ meinte der Ministerialrat gemütlich. „Ja dreckisch, das ist rischtig —“ (um die Transcription 'von Micas Aussprache zu liefern —) „Das ist gichtig — das ist auch mein ganzes Leben! Ach, wenn es doch hier ein weites und schönes Meer gäbe, wo man sich ertränken könnte.“ „Sie sin obwohl jetzt „Ich werde Ihnen sagen“,- antwortete Mica und verschränkte die Arme, „das ist ja alles Unsinn, ein Mensch wie ich springt nicht ins Wasser und vergiftet.sich nicht und macht keinen Schluß. Ich erwarte ein Kijid, und das hindert mich zpr Genüge!“ . (Fortsetzung in übernächster Nummer.) Wfaät» Sie schon, daß der lettische Studentenrat die Einführung eines Numerusclausus verlangt hat, und daß diese Forderung sich nach einer Meldung der Kreuzzeitung sowohl gegen deutschewie gegen jüdische Studenten richtet? daß der offizielle Repräsentant des jüdischen Kultus im rumänischen Senat, Oberrabbiner Dr. 1. Niemerower, die Initiative zur Bildung einer einheitlichen jüdischen Abwehr-, front gegen den Antisemitismus ergriffen hat? daß die diesjährige Tagung der ständigen Mandatskommission 'des Völkerbundes in Genf geschlossen wurde, ohne die das Palästina-Mandat betreffenden Fragen behandelt zu haben, so daß alle jüdischen und arabischen Eingaben bis zur nächsten, im Juni 1934 stattfindenden Tagung der Mandatskommission zurückgestellt worden sind? daß bei der New Yorker Bürgermeisterwahl der Kandidat der Unabhängigen Demokraten, La Guardia, gegenüber dem des Antisemitismus beschuldigten MacKee -siegreich gedali zum Vorsitzenden des Stadtrates von New York der Präsident des American Jewish Corigress, Bernhard S. Deutsch, gewählt worden ist, der auf der gleichen Liste wie La Guardia kandidiert hafte? daß der neuen französischen Regierung Sarrautder jüdische Deputierte Jacques Stern als Minister der Handelsmarine angehört? daß die letzten Palästina-Unruhen Gegenstand einer lebhaften Erörterung im englischen Unterhaus gewesen sind, und daß strenge Maßnahmen gegen „illegale Touristen-Einwanderung-nach Palästina“ beschlossen worden sind? daß das Warschauer Gericht einen Studenten, der vor einiger Zeit an antisemitischen Straßenunruhen teilgenommen und : 'Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte, zertrümmert; hatte, zu acht Monaten Gefängnis verurteilt hat? 2)ec JScießastm dec Nach Göttingen. Verehrter Herr! Freuen Sie sich doch auch, daß Sie wieder einen Rabbiner haben. Warum Dr. F. entlassen wurde, der doch „mehr als seine Pflicht“ tat, wissen nicht. Angeblich soll das hannoversche Judengesetz daran - :n Paragraphen, aus dem .. . , : Ihre ionistischen Bekannten zu glauben scheinen, sind wjr nun wirklich noch nicht geworden. Daß der Zionismus „vornehmlich an die Mitwirkung unserer Seelsorger appellieren“ werde* daß „die-,Rabbiner . .'.'sich zuerst für die Sache begeistern und von der Kanzel herab die anderen begeistern“ werden; ferner auch das andere in Nr. 21 der „J.-l. Z.“ gebrachte Zitat: „Es brauchen keine besonderen Versammlungen mit Geschwätz einberufen zu werden. Im Gottesdienst wird das eingeschaltet“ — das alles können Sie, wie von uns'angegeben, in Theodor Herzt: „Der J u d e n s t a a t“ finden. Uns liegt die Zweite 'Auflage, Leipzig und Wien 1896, erschienen in M. Breilensteins Verlagsbuchhandlung, Wien IX, Währingersträfie 5, vor; darin steht es auf Seite 57 in dem Abschnitt „Ortsgruppen“, in einem eigenen „Unsere Seelsorger“ überschriebenen Kapitel! Die betreffenden Stellen finden sich unverändert auch in der jetzt herausgekommenen Neuausgabe. Der-Grundgedanke Herzls bei diesen Ausführungen war, daß jeder Gemeinderabbiner-automatisch das Zentrum bilden solle, um das herum die zionistischen Ortsgruppen sich gruppieren würden. — Die Zionisten Ihres Ortes, die' das' alles nicht wissen und gar die Richtigkeit der von uns gebrachten Zitate bestreiten, scheinen sich in ihrer eigenen Parteiliteratur schlecht auszukennen. — Schönsten Dank übrjgens für die freundlichen, autinunternden Worte. Jüdische Chor-Vereinigung d)er ftreditverein §ür ffcindei u. (jetcerße «. m. 6. H. (foettin 7124f ötanienßuxqex Sttaße $ erlaubt sich, auf folgende empfehlenswerte Firmen aus dem Kreise seiner Genossen und Kunden hinzuweisen: * Farben. Tapeten, Lacke 1. Bergoffen . Linoleum Neaan.fährnn, und alle Reparaturen Gebr. Flatauer, Inh. Max Berger NW 21, Wllsnacker Str. 24 BiicherfBvis.Fraustaedter Wiurstr.2S,TiL FfHaumii «ist M. 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