Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 26 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 20 Pf. gilt beittfcftes Subentum uttb religiöfen Hlufbau Nr. 26 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1.35 RM.zuzdglldi I Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonne- I ments werden bei allen Postämtern angenom- I men. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichter- I scheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt | besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder I Rückerstattung der entsprechenden Bezugs- I •gebühren. | Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitlcitunn; George Goctz Berlin, 17. November 1933 Dle..Jadlsch-llberaleZeUung,, erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin-Charlottenburg 4, Mommtenstr.40. — Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung : Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24. Postsdieckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung.' Berlin 22784. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Wo steht die Führung der Gemeinde? In der Berliner Synagoge Kaiserstralie fand ein Geineindeabend statt. Fast 150U Personen waren erschienen, um den Ansprachen der Herren Wilhelm Marcus und Ur. Walter Breslauer zuzuhören. Die außerordentlich beifällige Aufnahme, die die von den Rednern vorgetragenen Gedanken fanden, läßt darauf schließen, daß auch in dieser Gegend Berlins die Führung der Gemeinde und ihre Politik volles Verständnis Als erster Redner nahm das liberale Mitglied der Repräsentantehversammlung Wilhelm Marcus das Wort und zeichnete zunächst die allgemeinen Linien der Gemeindcführung. Es gelte, sich auf völlig veränderte Bedingungen einzustellen und -unter Berücksichtigung aller gesetzlichen Bestimmungen neue Daseinsformen für die deutschen Juden zu schaffen. Die Führung der Gemeinde geht von der unbestreitbaren Tatsache aus, daß die übergroße Mehrheit der deutschen Juden in Deutschland verbleiben werde, daß sie hier ihre Heimat sehen, an der sie ihr tiefsles Gefühl bindet. Auswanderungsei nur in denjenigen Fällen anzuraten, in denen aus individuellen Gründen eine wirtschaftliche Existenz in Deutschland nicht zu bieten sei. Die Gemeindeverwaltung sei sich klar darüber, ' daß sie vermehrte Aufgaben zu erfüllen habe, aber .sie wolle zu ihnen in positiver Weise Stellung nehmen'.- Herr Maivus - erinnerte -im 'Verlaufe—seitier» ~£j:ei führungen daran, daß gerade er als Exponent des jüdischtu Handwerkerstandes schon, seit Jahren auf die ungesunde B|- rufsschichtung der deutschen Juden hingewiesen habe. Es komme -jetzt darauf an, mit aller Energie eine gesunde Verteilung auf die verschiedenen Berufe herbeizuführen. Mit Entschiedenheit wandte sich der Redner gegen einzelne Versuche,' die Kanzel zu jüdisch-politischen Ausführungen zu benutzen. Die Synagogen und ihre Kanzeln Wichtiger Hinweis: Zwischen dem 15. und 25. November legt der Briefträger die Abonnementsquittung für den Monat Dezember in Höhe von Mk. 1,35 zuzüglich Post-Bestellgebühr vor. Nur pünktliche Einlösung sichert den Weiterbezug der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. seien für alle da, und die Gemeinde werde nicht zulassen, daß die Kanzel dazu benutzt werde, jüdisch-parteipolitische Auffassungen zu propagieren. . Zum Schluß wies Herr Marcus mit warmen Worten auf den unmittelbar bevorstehenden 12. November hin; er gab der "Verbundenheit der deutschen Juden mit dem deutschen Volke Ausdruck undforderte die Versammelten auf, für Deutschlands Ehre und Gleichberechtigung ihr bewußtes Ja abzugeben. Verwaltungsdirektor Dr. Breslauer gab ein Bild von der sozialen Arbeit der Gemeinde. Das Wohlfahrtsamt sei durch eine Reorganisation für seine neuen Aufgaben umgeformt worden. Die Arbeit der Wirtschaftsstelle werde in ihren vielfachen Zweigen beherrscht von dem Gedanken der produktiven Fürsorge. Zu beklagen sei es, daß vielfach die Menschen zu spät in die Beratungsstellen kommen. Nicht dringend genug könne daran erinnert werden, daß Hilfe nachdrücklicher gewährt werden kann, wenn sie rechtzeitig in Anspruch genommen wird. Auf dem Gebiete des Schulwesens, entfalte die Gemeinde eine "rege Tätigkeit. Alle Arbeit gehe zwar unter Schwierigkeiten und materiellen Hindernissen vor sich, doch seien alle Beteiligten getragen von dem Gedanken, Hilfe zu leisten und am Aufbau mitzuwirken. Lebhafter Beifall der Zuhörer belohnte die beiden Referate. Oberkantor Neumann vom Friedenstempel und Alexander Weinbaum umrahmten den Abend mit hervorragenden musikalischen Darbietungen.- Gemeindeverwaltung und.Gemeindemitglieder sind durch diesen Abend einander wieder nahegekommen. Vor dem Neuaufbau: Selbstbesinnung! Eines Morgens — es ging gegen Kriegsende — waclitt Wiener Bürger auf: ihre Betten standen zwar unverä wie am Abend vorher, in Wien, aber nicht mehr i Donaumonarchie: die war über Nacht auseinandergebri Solche Fälle, daß scheinbar Festgegründetes, Uncrselüil völlig kampflos den hereinstiirmenden neuen Mächten macht, ... . . .. rrlebt. Auch in Deutschland hat m vundert, daß der Beseitigung der i III'der Spitze und ui den tinze iltcn Formen schienen verstummt, al Hinderten im Volke ti gelöscht.. Doch diejt Beliaiiptimgswillen so i Jah alle Kräfte ei Iten Tradition das- Fehlen i sämtlichen großen Par ernsthafte Gegenwehr v Ereignisse eingeprägt h Linksparteien denken wird dabei keineswegs nur an die dem ebenso sehr am die stabilste "e Gruppen rechts v _ _ ___„_ Js'Uüte gegebenTTälC^sTCir „gewundert1", halten, weil sie erleben mußten, daß diejenigen, 11 zum Ahtreten gezwungen wurden, den Glauben .an : Jen. Aber was mm gesagt werden iiiuß, das ist ein uriges Kapitel für uns Juden, und es wäre zu wiinsi 1 wir alle aus unserer bisherigen Lethargie cnVachen. Denn die Weise, in der bisher die deutschen Juden “. KJ33 reagier n als seelische Lethargie . Das ■ nicht gesagt um anzuklagen, sondern um zu bessern. Und es soll nur gleich hinzugefügt werden, daß das bisherige Versituatiou überblickt, durchaus verständlich erscheint — stündlich, aber nicht entschuldbar. 1 ' Denn was war geschehen? Eines Morgens wachten die deutschen Juden auf: ihre Betten standen zwar unverändert, wie am Abend zuvor, in den Häusern der Stadt, sie selber aber waren wieder im Ghetto, ihre Emanzipation rückgängig gemacht, ihr Anteil am allgemeinen deutschen Leben ausgelöscht: Und wie reagierten sie auf dieses ungeheuerliche Erleben? - Die Antwort, die auf Grund der Tatsachen hierauf Journalist!' der Bürgerin rußt ist. Uiizuliiiiglichkc Schriften de .die Bibel eißig Ja! kleinert werden. In Berlin mul anschließend, in allen anderen Gemeinden entstanden die jüdischen Wirtschaftsstellen. die-- -jfiOKntirWbldthhrtB.itnrerVtrrvifrfäcbterinfif'l'tlihfillltth.MHf großen Organisationen richteten Beratungsstellen ein, alle Krillte wurden aiifgcrtifcii und eingesetzt, um Existenzen zu- Gut in höchste- Opfer hereil schuft eingesetzt hallen. Das alles chaftlic n Einzelnen zu helfen, ieslnib' cKimdk S dtmg sein mußte. Denk Worten einst Gabriel Nachfolger die Emanzi| Österreich für — Rumänien gegen Antisemitismus? Vor einem Kurswechsel in beiden Ländern — aber in entgegengesetzter Richtung ,1. 'Österreich. Es sind deutliche Anzeichen vorhanden, daß die Regierung Dollfuß einen antisemitischen Kurs vorbereitet. Mehrere gegen die Juden, insbesondere gegen einzelne Schichten der Ostjuden, sich richtende Notverordnungen sind in Ausarbeitung. Das Bundeskanzleramt hat die österreichischen Gesandten im Auslande beauftragt, bei den Regierungen und der öffentlichen Meinung des Auslands das Terrain zu sondieren und festzustellen, ob gesetzliche Maßnahmen gegen das jüdische Element ohne Protest hingenommen werden würden. Von den Antworten, die auf diese Fragen eingehen werden, wird es abhängen, in welchem Umfange und in weleher Reihenfolge solche Notverordnungen in Kraft treten werden. In informierten jüdischen Kreisen weiß man, daß u. a. eine Revision der während der letzten Jahre erfolgten Einbürrungen von Ostjuden vorbereitet wird. In den jüdischen Kreisen ist man von dieser Wendung der Dinge sehr peinlich berührt. Die vorbereitenden Maßnahmen der Regierung werden begleitet von einem neuen antisemitischen Feldzug der christlich-sozialen Regierungspresse, die den Antisemitismus und die Forderung nach Numerus clausus und anderen gesetzlichen Maßnahmen gegen die Juden als berechtigt hinstellt. Die christlich-soziale Presse, die sich während der Kampagne für die Staatsanleihe, zu -der die Juden ungefähr die Hälfte beigetragen haben, eine gewisse Zurückhaltung auferlegt hatte, zieht scharf gegen die Juden los und fordert, wie insbesondere das „Neuigkeits-Weltblatt“, eine „unverfälschte Regelung der Judenfrage“. Auch die „Reichspost“ und das Heimwehrorgan „Morgenblatt“ haben einen Frontwechsel in antisemitischem Sinne vorgenommen- II. Rumänien. in politisch informierten Kreisen gilt es als sicher, daß nach der Demission des Ministeriums Vaida Voevod der ehemalige Ministerpräsident .und Führer der liberalen Partei I. G. Duca.vom König mit der Bildung einer neuen Regierung betraut werden wird. Der Obergang der Staatsmacht au die Liberalen hedentet-eine diirchgreitende-Anderung des gesamten politischen Systems in Rumänien, diesieh auch in der Behandlung der Judenfrage entscheidend geltend machen wird. Duca und die übrigen liberalen Führer werden keinesfalls gegenüber den antisemitischen Gruppen . im Lande jene Politik der Duldung und des Kompromisses anwenden, mit der Ministerpräsident Vaida Voevod nicht nur in den letzten Monaten, sondern auch schon als Innenminister vor einigen Jahren die Leidenschaften dämpfen und ein übermäßiges Anwachsen der antisemitischen Bewegung verhindern zu können glaubte. Schon seit längerer Zeit hat die Liberale'Partei mit einer energischen Gegenpropaganda gegen den Antisemitismus eingesetzt. Vor kurzem wurde.iin Zentralklub der Partei eine' öffentliche Diskussion über Antisemitismus veranstaltet, an der sich eine Reihe führender Männer der Partei beteiligten. Alle Redner verurteilten in schärfsten Worten die gegenwärtig in Rumänien getriebene antisemitische Hetze. Das offizielle fibe-- rale Parteiorgan „Viitorul“ veröffentlicht einen Artikel, in. dem der bisherigen Regierung der Vorwurf gemacht wird, sie habe die antisemitische Bewegung gefördert. „Die Dtildung- und die Unterstützung“, heißt es m dem Artikel, „die die Regierung den- Extremisten gewährt, geht so weit, daß ein ehemaliger Minister Zehntausende von Uniformen für die antisemitischen Sturmabteilungen bestellt hat. Gleichzeitig werden im Zentrum der Hauptstadt nächtliche Umzüge militärischen Charakters veranstaltet und die Polizei hat Befehl erhalten, nicht einzuschreiten. In der Provinz werden ununterbrochen solche Gruppen gebildet und die Behörden treffen keinerlei Maßnahmen dagegen. In einigen Gegenden haben "die lokalen Behörden ein Rundschreiben erhalten,. in dem sie angewiesen werden, der antisemitischen Bewegung Hindernisse in den Weg zu legen. Der Staat moB 1 alle notwendigen Maßnahmen gegen den Antisemit»-