Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 24 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wfo&en Sie &cßonf fvei im andern ätand Roman von Stefan Reginald Marknes- (Copyright by Hanns Loewenstcin und Willi Tisch Verlag.) 12. Fortsetzung. — Die neu hinzu* tretenden Abonnenten wird der bereits erschienene Teil des Romans auf Bestellung kostenlos nachgeliefcrt.) ,^Bleiben Sie beruhigt hier, meine Herrschaften, ich stelle mich unter den Schutz der Attentäterin, die mich nach Maimigelockt hat. Ich erkläre michbereit, Ihnen meine Erfindung, zu der ja eine Apparatur nötig ist, recht bald vorzufühlen. Uebrigens bin ich nach eingehenden Ueberlegungen zu der Erkenntnis gekommen, dal?- die Bekanntgabe meines Systems für die Welt. kein Glück wäre._ Das sage ich Ihnen schon vorher. Ich kann mich nur dazu verpflichten, Ihnen meine Patente in die Hand zu geben, wenn Sie,alles für lange Jahre verbergen wollen. Und damit Sie von der Notwendigkeit meines Vorschlages überzeugt sind, der Ihren Interessen sehr weit entgegenkommt, warne ich selbst vor der Bekanntgabe in einem auch mir etwas erweitertem Kreise. Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn Ihre geheimsten Gedanken 'oder gar peinliche “Ausschnitte aus Ihrer Vergangenheit bildlich an die Leinwand geworfen und mit Ihrer, und den Stimmen anderer Beteiligten verbunden, fixiert werden können und als Anklage gegen Sic zeugen? Was würden Sie dazu Sagen, Herr Geheimer Conseilrat Awigdor, wenn hier bekannt würde,“ — er sprach nicht weiter, sondern lieh Awigdor daran denken, — dal! jemand vor fünf Jahren in dein Prozeß gegen Abarbancll und Genossen 50 OCH) Doublonen Bestechungsgelder genommen hatte und obendrein, um der höheren Gerechtigkeit willen, auch die Anerbietungen der Gegenseite nicht ausschlug. Der- Monokehnaim erstarrte bei dieser Meditation, inan möchte sagen — er geriet in einen höheren Gefrier/ustand; das ganze Corpus vereiste mit. alUnd was würden Sie sagen, Herr Geheimrat Amigo,“ — Victor betonte die Anrede feierlich ironisch — „wenn man von Ihrem besten Kameraden ein Diplom mit der Frage tinfordern wollte, ob er zur Führung eines Titels berecli- . tigt sei?“ Amigo hatte ein — Na erlauben Sie mal — bereit, aber das Wort erstarb ihm auf den Lippen. Mit diesem unheimlichen Seelendurchieuchter schien es doch nützlicher, friedlich auseiuanderzukommen. * Victor war noch nicht fertig: „Ich revanchiere mich zur Probe durch eigene Indiskretionen, meine Herrschaften, nicht gegen Frau Aimve Laporta, aber damit Ruths Vater sich keinen Traumseligkeiteii hingibt, sei Ihnen zum Schluß verraten^ daß Micaela verheiratet ist.“ Diese Offenbarung schlug wie eine Bombe ein. „Mit wem? mit wem?“, schrien die Männer durcheinander. -- Tante Aimee und Ruth warfen sich einen Blick zu, 'woraus man zu entnehmen beliebe, daß in solchen Dingen die weibliche Intelligenz^überlegen ist. „Ich hab* es gewußt,“ knirschte Taute Aimee. „Etwa mit Dir?“ fragte Ruth Victor, und man merkte, daß ihr diese Möglichkeit keineswegs gleichgültig war. Victor nickte nur. „Ich hali* es gewußt,“ murmelte 'Ruth. Sie warf sich auf den Sessel am Fenster und schluchzte laut. Jetzt war es wirklich recht, die Sitzung zu beenden. Die Versammlung hatte sich erhoben; die Aufsichtsräte umstanden -teilnehmend das weinende Mädchen und machten ihre Bemerkungen: „Die eine hat das Glück, die andere hat das Geld!** — „Es gibtnoch mehr Männer im Laude!“ — „Es wird sich . schon etwas finden. Horen Sie mal, Laporta, ich habe da , für Sie einen netteu jungen Manu zum Einheiraten.“ Diese goldenen Weisheiten unterstützten sie mit intensivem Wackeln, das aber weniger rhythmisch war. Inzwischen-bemühte sich Victor ritterlich um die aus alle« Himmeln gefallene Ruth und sprach leise auf sie ein: „Komm mit, ich werde Dir alles erzählen. Das wird Dich beruhigen.“ Vater Laporta wollte sich anschließen; die Aufsichtsratskollegen hielten ihn zurück. „Lassen Sic schon die beiden allein fahren, man sieht doch, daß sie sich noch was zu sagen haben.“ Ohne Gruß und Abschied verließen die jungen Herrschaften, — übrigens Arm in Arm — das Zimmer. Victor hatte Ruth tatsächlich alles erzählt; nur über die Mondexpedition schwieg er. Zwar hatte Vater Michael weder ihm noch seiner Tochter verboten, darüber zu reden, aber ein unerklärliches Etwas hinderte ihn, sein Abenteuer irdischen Menschen anzuvertrauen. Mica erging es in Deutschland nicht anders, und so sehr sie sich mit ihren Verwandten angefreundet hatte, Cohns blieben im Unklaren darüber, wo Schwager Michael eigentlich lebte. Der juristische Onkel schloß daraus, daß doch irgend etwas vorgekommen sein müßte, das noch nicht verjährt sei, und tippte auf Peru oder Neu-Seeland. Tante Susi konnte ihr Verlangen nach dem Aufenthalt des Schwagers schon weniger bezähmen. Wenn beide Damen beim Spaziergang oder zum Einkauf unterwegs waren, hörte Mica in regelmäßigen Abständen: „Ich weiß ja, mein Kind, daß Du darüber nicht reden darfst, aber mir könntest Du doch sagen, wie der Ort heißt lind ob es dort drübeii schön ist. Ich nehme an, daß die Lebensmittel wesentlich billiger sind — Schuhe sollen überhaupt gamichls kosten —, man spart auch die teure Heizung. Wenn Du nicht darfst, sag mir lieber nichts, Micachen, aber Du wirst es mir schon erzählen. Schließlich muß jede Frau ihrem Mann folgen; wenigstens bilden sich die Männer das ein, und man soll sie dabei belassen. Glaub nur, Du sparst Dir viel Aerger damit! Hör nur immer auf mich, dann wird es Dir schon gut geben, Dein Onkel ist zwar eine besondere Ausnahme. Er hat nicht nur das gute Herz, sondern auch den besten Charakter. Wenn er trotzdem so komisch ist, wie müssen erst die anderen .Männer sein?“ Mica schwieg meistens zu solcher Unterhaltung, denn sie war mit ihren Gedanken beschäftigt. Das hinderte sie aber nicht, auch heute wahrzunehmen, daß ein junger Mann, der ton hoher Hand zur Bewachung des Rankehauses verfügt zu sein schien, mit altpreußischer Pünktlichkeit zur Stelle war und ihren Pfaden folgte. „Ich muß nur einen Augenblick in das Kaufhaus^blcin hier Micachen, ich komme sofort wieder.“ Damit ließ Tante Susi Mica stehen, und nun begab sich am Strumpfschaufenster das Unausbleibliche. Schon stand der junge Herr neben Mica, lüftete artig seinen Hut und sagte in edler castilianischer Mundart seiner Heimat: „Da ich ein Landsmann bin und Sie ohnedies kenne, Micaela, dürfen Sie mich nicht zurückweisen. Ich kann mich legitimieren,, wenn Ihr Gedächtnis zu kurz ist, — ich bin Godwin, und mein Vater gehört auch zum Aufsichtsrat. Fragen Sie mich mein, warum ich hier bin. Ich muß Sie allein sprechen, und zwar recht bald!“ - Mica erschrak und doch sagte ihr eine innere Stimme, daß sic nicht Nein sagen dürfe. Sie überlegte blitzschnell und heschied Godwin mit den Worten: „Ich erkenne Sie v jeder! Ich erkenne Dich wieder! Wir haben ia immer zueinander „Du“ gesagt. Ruf mich morgen au und besuch uns. Ich will inzwischen meine Verwandten vorbereiten.“ „Hasta -la vista!“ Mit diesem gleichzeitig gesprochenen Wiedersehnsgruß trennte man sich: daß. in Haifa zwei jüdische Polizisten, die am Rosch-Haschanah-Abend zum Dienst nicht erschienen waren, obwohl ihnen der erbetene Urlaub zum Svnagogen-Besuch ver~ weigert worden war, vom Dienst suspendiert und vor ein Disziplinargericht gestellt worden sind? daß entgegen früheren Meldungen trotz der Gleichschaltung des „Deutschen Esperanto-Blindes“ jüdische Mitglieder im Bunde verbleiben können und auch neu in ihn aufgenommen werden? , daß in dem anläßlich des Handwerkertages veranstalteten offiziellen Handwerkerumzuges in Mannheim eine Tafel * mit der Aufschrift: „Des Juden Tod ist unser Brot“ mitgetragen wurde? daß der Funkwart der NSDAP-Ortsgruppe Halberstadt mit . vier uniformierten S.A.-Leuten bei einem jüdischen Radien- Händler drei" Volksempfänger beschlagnahmte, da die kuudfunkkammer den Verkauf von Volksempfängern durch jüdische Geschäfte untersagt hatte? daß die Preußische Staatsregierung den früheren Direktor des Orientalischen Seminars, Universitätsprofessor Eugen Mittwoch, den einzigen Gelehrten, der das Aethiopische (die Sprache des Kaiserreiches Abessinien und der dort lebenden Falaschas) beherrscht, in sein Amt zurückberufen hat? daß sechzehn russische Juden, darunter vier Rabbiner, die vor neun Monaten versuchten, über die sowjetrussische Grenze illegal nach Palästina zu emigrieren und dabei aufgegriffen wurden, nunmehr von den sowjetrussischen Gerichten zu je drei Jahren Gefängnis und Deportierung in ferne Gtgenden verurteilt wurden? daß der bekannte Leningrader Rabbiner Simon Lazarew, der jahrelang wegen „religiöser Propaganda“ gefangen gehalten worden ist, nach einer beim Warschauer Rabbinat eingelaufenen Mitteilung im Gefängnis von Leningrad gestorben ist? . Hasta la vislsi! So hatten sich auch Ruth und Victor in ihrer Stadt von einander getreunt und Wort gehalten. Sie sahen sich häufig, sie sahen sich täglich, sie waren immer bei einander, ln Liebtsangelegenheiten haben auch die höchsten Moralisten noch nicht das. letzte Wort gesprochen. In der Mehrzahl der Fälle verläuft zwar die Entwicklung nicht gradlinig, aber es ist immer nur ein unmeßbares Zeitatom, da» von der Zwanglosigkeit zur Herzensbindung führt. — Rutil war ein edles und reines Geschöpf. Nachdem ihr Victor alles Mitteilbare berichtet hatte, war es ursprünglich bestimmt ihre Absicht, ihn zu behüten und zu beschirmen und als Freundin Micas sich selbstlos um ihn zu muhen. Und doch karii es so, wie das Schicksal es gewollt haben wird. Sie kamen sich immer näher, die Höflichkeiten wurden Zärtlichkeiten.- Plötzlich war die Liebe da, und als Ruth, ihm schon längst -innerlich* hingegeben, in einer Mutsekunde an Victor appellierte: — Wo ist mein Anteil an'Deiner Seligkeit?, — konnte und wollte er ihre Güte, ihre anbetende Hingabe nicht zurückweisen. Victors Beziehungen zu Rutil hätten die Moral ihrer eigenen Gesellscliaftsschicht kaum erschüttert, denn man lebt uni die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Meinung,, daß die Freiheit der Jugend der Entwicklung des Charakters am dienlichsten-ist. Aber , der junge Godwin, der sich mit der Rolle des verschmähten Verehrers nicht abfinden konnte* tat in seiner Liebe einen zwar verständlichen, jedoch sich unheilvoll auswirkenden Schritt. Ruth Laporta hatte jihn immer.hur als eine Art Ehrenkavaüer angesehen und nichts, dagegen gehabt, wenn er sie auf Fahrten begleitete, ihren Automantel trug, Blumen brachte oder die üblichen Witze erzählte. Der. große Junge war ihr auch nicht unsympathisch; aber von dem Augenblick an, wo ihr Herz für Victor schlug, empfand sie seine gutmütigen Höflichkeiten als gänzlich überflüssig und ließ ihn das fühlen. Godwin seinerseits wolltenicht verzichten. Er hatte .sich schon als halbes Kind in den Kopf gesetzt, Ruth zu heiraten und beschloß den Kampf gegen alle Mächte, die ihm sein Glück mindern oder vernichten wollten.- - - . ■ (Fortsetzung in übernächster Nummer.) BERLIN tmpfeMmswecte fätzuqsquell&m BERLIN Vereinigte Werkstätten für Dekorations-, Polster-, Maleru. Tischler-Arr eiten Heu-Anfertigung, Reparaturen Berlin W15 Xantenerstr« 22 Asphaltierungen, (Bürgersteige) Hjpofhckengelder Finanzierung von Hausreparaturen Robert Wolters KurißThtendamm 163 Telefon: J 7 Hochmeister 0565 Tempo—Tempo Modeine Sdiuh-Reparatur Babelsberger Str. 6 B Autoreparaturen Fortiu. TraMor(B Spei.-worknan MORITZ GAIBERG Stfind. 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Verantwortlich für den Textteil: George Goetz, Berlin W 50; für den Inseratenteil: Willi Tisch, Berlin NW 21. Druck: Sonnendruckerei G. m.b. H. (Felix Wolf), Berlin-Charlotlenburg 4, Weimarer Straße 18. 271